Es gibt keine Tabus mehr (seit Eva den Apfel aß)

TabooIch weiß nicht mehr, wie oft ich in den letzten Tagen, Monaten und Jahren die Wörter „Tabu“, „Tabuisierung“ oder „Tabubruch“ gehört oder gelesen habe. Alle möglichen Leute sprechen ritualmäßig von Tabubrüchen, manchmal auch von „Denkverbote überwinden“, oder das „Schweigen brechen.“ Besonders nach den Ereignissen der Silvesternacht am Kölner Bahnhof waren Tabubrüche wieder in aller Munde. Allerdings wurde nicht – wie man jetzt erwarten könnte – endlich öffentlich über sexualisierte Gewalt gesprochen. Vielmehr bestand der angebliche Tabubruch darin, laut auszusprechen, dass eine bestimmte Kultur, die der Muslime, zu sexualisierter Gewalt neige.

Traten die 68er noch gegen ihre Nazi-Eltern an, um den autoritären Charakter oder die unterdrückte Sexualität ans Licht zu bringen, ist der Tabubruch seit kurzem nicht mehr nur ein linkes Genre. Der Tabubruch wurde von Konservativen mehr oder weniger annektiert: Aussagen, die früher noch mit Stammtisch, Schrebergarten und Sauerkraut assoziiert waren, gelten jetzt als die neuen enttabuisierenden Befreiungsschläge, die uns von „der politischen Korrektheit“ (Harald Martenstein) erlösen und mutig formulieren, was sonst niemand sagt.

Dass Tabus schlecht sind, ist scheinbar Konsens in der christlich-abendländischen Gesellschaft. Eine Vorstellung, die auf Sigmund Freud zurückgeht. Der Psychoanalytiker war der Ansicht, unser Leben basiere auf krankmachenden unterdrückten Tabus, diese müssten deshalb überwunden werden. Ob Aktionskünstler_in, Theaterregisseur_in, Unternehmensberater_in oder Pegida-Anhänger_in – sie alle eint die Überzeugung: Tabus zu brechen ist supersuperwichtig.

Aber was ist überhaupt ein Tabubruch? Und warum gelten Tabubrüche als durchweg positiv? Wie der deutsche Philosoph Alexander Grau schreibt, kann der Tabubruch in seiner ursprünglichen Bedeutung eigentlich nichts Positives sein. Der Tabubegriff wurde 1784 aus dem Polynesischen nach Europa importiert. In den traditionellen Tabukulturen meint das Tabu etwas Unaussprechliches oder Unberührbares, auf jeden Fall etwas, das keine positive Bedeutung haben kann. Der Tabubruch ist folglich etwas ganz und gar Verwerfliches, etwas, das so abscheulich ist, dass es zuvor nicht einmal gedacht wurde. Ein Tabubruch in diesem Sinne ist eine Art Sakrileg, ein Vergehen gegen etwas Heiliges – und das schließt jedes positive Verständnis aus.

Was bei uns als Tabu gilt, bezeichnet also genau genommen etwas anderes: Gemeint sind nicht Tabus im eigentlichen Sinne, sondern Regeln, Normen oder Werte. Die bei uns praktizierten Tabubrüche sind oft einfache Regelverletzungen, die zu Tabus stilisiert werden. Schon Wilhelm Wundt, der Begründer der wissenschaftlichen Psychologie (1926) befand: Es gibt bei uns keine Tabus, nur Sitten und Gebräuche, auf die wir den importierten Ausdruck „Tabu“ anwenden. Und Emil Durkheim argumentierte, es gebe in Europa keine Tabus, vielmehr würden diese zu Regeln transformiert. Kurz: Es gibt zwar Verbote, Normen und Regeln, aber keine Tabus.

Darauf verweist auch die Geschichte des Wortes: Als James Cook den Begriff nach Europa importierte, verbreitete er sich überraschend schnell. Gemäß Grau weist die rasche Verbreitung des Begriffs darauf hin, dass es im europäischen Kulturkreis keine Tabus gab – und also auch keinen Namen dafür. „Hätte man Tabus gekannt, hätte sich der Begriff nicht so schnell verbreitet, weil der Sachverhalt, der durch ihn bezeichnet wird, schon durch angestammte englische, französische oder deutsche Begriffe besetzt gewesen wäre“, schreibt Grau.

Interessant ist Max Webers (1922) religionstheoretische Argumentation, warum es in der christlich-abendländischen Gesellschaft keine Tabus gibt: Eva – die nackte Frau im Paradies – ist die einzige, die jemals wirklich ein Tabu gebrochen hat. Sie nahm den Apfel und machte uns damit zu Sünder_innen. Seitdem sind und bleiben wir alle Sünder_innen. Etwas wirklich Schlimmes oder Verwerfliches können wir im Prinzip auf Erden nicht mehr tun: simul iustus et peccator (alle Menschen sind von ihren Sünden frei und bleiben doch zugleich Sünder). Verstösse gegen den Willen Gottes sind im Monotheismus kein Tabu, sondern eine Sünde, die zwar das Gewissen belasten, aber im Leben auf Erden keine direkten Folgen haben. Erst am Jüngsten Tag wird gesühnt. Anders gesagt: Wenn wir sowieso Sünder_innen sind, gibt es auch kein Tabu mehr, das gebrochen werden könnte.

Was momentan massenmedial praktiziert wird, sind also keine Tabubrüche. Was ist es dann? Kristina Schröder, die ehemalige deutsche Familienministerin (CDU), twitterte anlässlich der Geschehnisse in Köln an Silvester: „gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen“ in der „muslimischen Kultur“ seien „tabuisiert“ worden. Das klingt nach: Endlich sagt’s mal eine. Und die eine, das bin ich, Frau Schröder. Aber besteht überhaupt eine gesellschaftliche Übereinkunft über muslimische Männlichkeitsnormen – sofern es die gibt – zu schweigen? Wie die Spiegel-Journalistin Barbara Hans feststellt, folgt die Inszenierung des Schweigens einem narzisstischen Muster: Schröder inszeniert sich als Heldin, die den Mund aufmacht. Alles schweigt, eine spricht. Wer dazu aufruft, nicht nur einfach über dieses oder jenes nachzudenken, sondern Tabus zu brechen, ist ein_e echte_e Querdenker_in.

Es geht also um die Sprecherin und deren Überlegenheit. Frau Schröder grenzt sich ab vom vermeintlich zensierten Mainstream und von den Medien, die vorgeben, was der Mainstream zu denken hat. Genau besehen konnte die Unterstellung eines Tabus es überhaupt erst ermöglichen, einen pauschalisierenden Vergewaltiger-Verdacht zu formulieren. Denn was angeblich nicht gedacht oder gesagt werden darf, muss irgendwie stimmen. Oder anders gesagt: Das Tabu wird überhaupt nur konstruiert, um es zu brechen.

Zudem sind Tabubrüche, die in der breiten Öffentlichkeit möglich sind, auch keine Tabubrüche. Wer sich – wie Schröder, Köppel oder Sarrazin – mit angeblichen Tabubrüchen breites Gehör verschafft, bricht kein Tabu. Wären sie tatsächlich die Regelverstösse, die sie zu sein vorgeben, könnte man mit ihnen kaum Karriere machen. Tabus, die seit Jahren täglich gebrochen werden, sind keine und waren vermutlich nie welche. Vielmehr schreiben sie sich ein in eine bereits allgemein anerkannte Sagbarkeit. Oder wie Heribert Prantl, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, es in der Talksendung „Hart aber fair“ formulierte: “Kein seriöses Medium verschweigt, was in Köln passiert ist. Die Verschleierungsthese ist Rechtspopulismus, eine wahnhafte Konstruktion. Die Öffentlichkeit verschweigt und beschönigt Integrationsprobleme, Übergriffe migrantischer Jungmänner und Frauenunterdrückung in islamischen Gesellschaften? Wo leben die Leute, die so was herbeifantasieren? Offensichtlich nicht in dem Land, in dem von Sarrazins “Deutschland schafft sich ab“, Buschkowskys “Neukölln ist überall“ noch jedes Buch, das prominent gegen zu viel Toleranz und Multikulti wettert, zum Millionenseller und Gegenstand monatelanger Debatten auf allen Kanälen geworden ist“.

Der erfolgreiche so genannte Tabubruch baut also auf den Konsens, er erfolgt nicht aus dem Off. Anders gesagt: Die Unterstellung eines Tabus ist oft nichts anderes als eine Verschleierung, dass es sich um gängige Klischees handelt. Hier ist auch die Rolle der Medien entscheidend: Um als tabubrechende_r Querdenker_in wahrgenommen zu werden, muss man sich im Rahmen eines öffentlichen Konsens bewegen, gleichzeitig muss man sich als Aussenseiter_in inszenieren und dadurch das Selbstbild der Massenmedien bedienen, sie seien investigativ. Glaubt man den Medien, leben wir in einer Welt des andauernden Tabubruchs. Mit dem Versprechen, es liesse sich etwas beschreiben, das wirklich verwerflich ist, halten Medien eine permanente Erregungskurve aufrecht. Diese Medienlogik mobilisiert zahlreiche Trittbrettfahrer_innen, oftmals auch ehemalige Linke. Vor allem Leute, die ihre größte Genugtuung aus dem prinzipiellen Dagegenhalten ziehen, weil das ihr Ich aufwertet. Viele von ihnen sprechen schon verzückt vom ‚neuen Punk’ – und reden sich ein, sie sprängen immer auf den Zug, auf dem grad niemand sonst fährt (aber da ist doch schon Frau Schröder! – möchte man ihnen zurufen).

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