Bedrohung von Männlichkeit?

Ich bin zwar keine Psychoanalytikerin, aber es drängt sich mir seit einigen Tagen die Frage auf: Warum sind es eigentlich vor allem (deutsche) Männer, die in Kommentaren, Artikeln und Statements Gift und Galle spucken gegen den „muslimischen Sexmob“? Warum sind es vor allem sie, die eine unbedingt kulturalistisch-ethnische Identifizierung der Täter auf fast obsessive Weise fordern? Die die Frage nach der Herkunft der Täter als so wichtig erachten? Warum Männer, die es – als Opfer – nicht mal direkt betrifft?

Ich vermute, Frauen ist die Ethno-Frage insgesamt egaler, weil sexualisierte Gewalt immer gleich schlimm ist, unabhängig, von wem sie ausgeübt wird. Dass (viele) männliche Kommentatoren hingegen von der Ethnie der Täter geradezu besessen scheinen, hat vielleicht damit zu tun, dass es ihnen nicht primär um die Frauen, um deren sexuelle Freiheit geht, sondern weil eigene Kastrationsängste im Spiel sind: Könnte es sein, dass sich hinter dem Phantasma des nicht-weißen, bedrohlichen muslimischen Hyper-Mannes die Sorge um den eigenen Männlichkeitsverlust verbirgt?

Ein Argument, das diese These stützt, ist: das Männliche ist in der androzentrischen Grund-Logik gerade nicht durch das Weibliche, nicht durch Frauen konstituiert oder definiert. Sondern durch Männer. Folglich ist Männlichkeit auch nicht durch Frauen (oder „Kampf-Feministinnen“, wie gerne behauptet wird) bedroht, sondern durch andere Männer. Die große Sorge von Männern ist hüben wie drüben, von anderen Männern überboten, übertroffen, besiegt, das heißt letztlich, entmannt zu werden (es gibt dafür in der Soziologie den Fachbegriff „Homosozialität“, er meint die Ausrichtung der Männer an anderen Männern).

Die Phantasie, eine Art muslimischer Hyper-Mann trage hier ‚bei uns‘ seinen Riesenphallus durch die Gegend, zeigt also auch, dass es zentral um Männlichkeitskonkurrenz geht. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass das unersättliche Kreisen um die ‚muslimiche Sexualität‘ auch eine  Sehnsucht der ‚hiesigen‘ Männer nach dem Riesenphallus verrät. Nach dem Motto: Die unerreichten Über-Ich-Ideale projiziert man auf andere. Die Phantasie einer sexuellen männnlichen Überlegenheit gehört nämlich auch bei ‚uns‘ – trotz Gleichstellungsparagraphen – noch immer zum heimlichen und oft genug auch offensichtlichen, tiefliegenden Repertoire von Männlichkeitsidealen. Der hypersexuelle Muslim ist also gleichzeitig Sehnsucht und Feind. Er wird begehrt und muss gleichzeitig weg, vernichtet werden, weil er das eigene Mannsein bedroht. Und nicht zuletzt die weiße Suprematie.

Nein, es geht in der ganzen Debatte oft nicht um die sexuelle Freiheit der Frauen. Das zeigt sich auch in den ebenfalls überwiegend männlichen Kritiken an #ausnahmslos. Das laute Gezeter gegen „Radikalfeministinnen“, „Genderistinnen“, „politische Korrektheit“ – oder die hämischen Vorwürfe, #ausnahmslos sei selbst rassistisch…Warum diese Garstigkeit?

Ohne behaupten zu wollen, #ausnahmslos stehe über jeglicher Kritik, spielt sicher eine Rolle, dass mit der Initiative ein Haufen lauter, starker, unbequemer und unabhängig denkender Frauen* das Wort ergreifen (gemeinsam mit einigen Männern auch), und handlungsstark, trotz vieler Unterschiede und Differenzen, etwas wollen. Genau das passt aber auch nach wie vor nicht in das so genannte christlich-europäische Frauen- und Weltbild.

  • Dieser Blogeintrag hieß ursprünglich: „Der muslimische Riesenphallus: Sehnsucht und Feind“. Ich habe aufgrund von einigen geschätzten Kritiken den Titel geändert und auch sonst im Text einige Dinge geändert, vor allem entpolemisiert. Danke an alle, die ihre Kommentare und Überlegungen mit mir geteilt haben!
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Ein Gedanke zu “Bedrohung von Männlichkeit?

  1. heyhey!
    hmmmm. die ganze debatte zu köln habe ich reichlich wenig verfolgt. klar sind die vorfälle eine steilforlage für alle hetzer. die vorfälle an sich sind aber schon krass und irgendwie nervt mich der pro/kontra empörungs-diskurs, denn empörung ist in diesem fall doch völlig legitim. man stelle sich vor der täterkreis käme aus dem rechten hooligan lager.. würde man dann eine mediale empörungswelle als fragwürdig empfinden? oder die kulturalistisch-ethnische Identifizierung?
    und dann finde ich die muslimische (wie auch die christlich-fundamentalistische) sexualmoral halt schon super beschissen. und sicherlich echt kein guter nährboden für ein freies, respektvolles miteinander der geschlechter.
    zu guter letzt noch ein auch durchaus polemischer text.. der von mir aus gesehen aber bedenkenswerte aspekte hat…
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gastbeitrag-von-samuel-schirmbeck-zum-muslimischen-frauenbild-14007010.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

    ganz herzlich
    chri

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