Die Verzweiflung der Linken und die Poesie

angelus-novus

Es sind schwere Zeiten. Ich verliere gerade die – zugegeben naive – Vorstellung, wir lebten im Prinzip ein Leben nach den Gräueln, nach den wirklich schlimmen Dingen und Epochen: in einer Art Post-Schlimm-Ära. Mir ist klar, dass es ein solches Lebensgefühl für viele Menschen in vielen Weltregionen nie gab. Durch einige Privilegien bekam ich aber den Eindruck (vermittelt), die entscheidenden emanzipatorischen Schritte (Demokratie, Rechtsstaat, Gleichheit, Menschenrechte) seien irgendwie vollzogen, nun ginge es um das Fein-Tuning: Darum, die Rechte verschiedener Minderheiten weiter zu verbessern, alles noch besser machen.

Nicht, dass ich tatsächlich dachte, alles werde immer besser oder sei gar gut. Nein. Selbst in der scheinbar unbedarften Schweiz war und ist man mit Gewalt, mit anti-emanzipatorischen Kräften konfrontiert. Ich wusste vom fortbestehenden Rassismus, von Herrschaftsverhältnissen aller Art. All das war immer da, sichtbar, spürbar. Auch wusste ich von deren Totalität (Adorno), dem Umstand also, dass Rassismus und/oder Sexismus mit dem Ganzen, mit dem System zu tun haben. Dennoch blieb es oft abstrakt. Ich glaubte (unbewusst), es müsste sich bei den noch fortbestehenden Gräueln um so etwas wie deren letztes Ächzen handeln.

Ich will nicht jammern, aber diese Vorstellung ist in den jüngsten Dekaden tiefgreifend erschüttert worden. Denn seit einiger Zeit, spätestens aber seit den sexuellen Übergriffen in Köln formiert sich scheinbar unaufhaltsam eine neue rechte Hegemonie. Wir Linken (sofern diese Kategorie noch greift) stehen seither unter Schockstarre. Es herrscht eine Art Katastrophenstimmung. Viele bekunden Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, immer wieder Sprachlosigkeit.

Waren wir gerade noch damit beschäftigt, mehr Frauen ins Parlament zu bekommen, urbane Gärten und Quartiertreffs zu gestalten, Flüchtlingseinsätze zu absolvieren, mehr Lohn für Care-Arbeit zu fordern, Abtreibungsrechte zu verbessern, für Transgender-Rechte einzutreten oder postkoloniale Hierarchien an Universitäten zu kritisieren, so sehen wir uns plötzlich in der absurden Situation, jetzt hauptberuflich den bürgerlichen Staat zu verteidigen. Dabei wollten wir doch diese Gärten bauen! Jenseits von Staat.

Es ist ein Trauerspiel. Eine Bekannte schrieb auf facebook: „Bisher hatte ich von Hegemonie nur eine abstrakte Vorstellung. Jetzt schauen wir zu, wie sich die Hegemonie neu formiert.“ Was ist eigentlich los? Wir sind offenbar erschrocken darüber, dass der Faschismus im 21. Jahrhundert ‚noch‘ möglich ist. Der jüdisch-deutsche Philosoph Walter Benjamin hat dieses Erschrecken schon vor 80 Jahren untersucht: Dass der Faschismus im 20. Jahrhundert Realität geworden ist, erschrecke uns, weil dies der „progressiven Doktrin“ widerspreche, das heisst der Tendenz, uns Geschichte als Fortschrittsprozess vorzustellen.

Offenbar bin auch ich in die Falle des messianischen Fortschrittsglaubens getappt. Offenbar hegte ich (unbewusst) die Vorstellung, die Freiheit des Menschen sei ein fortschreitender Verbesserungsprozess (Hegel). Aus diesem Fortschrittspathos aber fällt – folgt man Benjamin – die Wahrnehmung der Katastrophe quasi aus dem Blick, es entsteht jenes blinde Vertrauen in die eigene messianische Kraft, das laut Benjamin jeder Generation innewohnt: Eine messianische Vorstellung der Zukunft, an deren Ende die Erlösung der Menschheit steht.

Mit einer solchen Erwartung aber entsteht, so Benjamin weiter, zwangsläufig das narzisstische Gefühl, permanent betrogen zu werden. Denn wenn die Zukunft Erlösung bedeutet, kann das Jetzt nur ungenügend sein. Wenn die Norm der Geschichte das Paradies ist, muss die Gegenwart ein Betrug an diesem Ideal sein. In seinem Text „linke Melancholie“ rechnete Benjamin denn auch mit den beleidigten Linken seiner Zeit ab, mit den „Betroffenheitsschwätzern“, den so genannten Zeitpropheten, Warnern und Mahnern. Sie seien eitle Moralisten, ihre Schwermut entspringe der Routine einer „saturierten Stupidität“, die weder Neues zulasse noch das Denken wirklich in Anspruch nehme.

Benjamin war der Überzeugung, man müsse den Wind der Weltgeschichte endlich ohne Erlösungspathos in die Segel lassen. Er plädierte dafür, die Kraft der historischen Augenblicke, der „kleinen Sprünge“, des Ausnahmezustands zu nutzen. Er drehte die vorherrschende Vorstellung quasi um und erklärte die Katastrophe zur Norm der Geschichte und zum subversiven Potential für radikale Veränderungen. Die Sprengkraft der Augenblicke könnte sich allerdings nur entfalten, wenn die Menschen diese auch individuell erfahren. Benjamin erklärte es zur Aufgabe der Kunst, die Erlebnisfähigkeit der Individuen zu steigern. Nur die Kunst könne das Erleben intensivieren, und damit die Radikalisierung differenter, heterogener und destruktiver Positionen, kurz: die Veränderung in die Welt bringen.

In diesem Sinne mit Güzin Kar: Sucht die Poesie, denn sie zeigt eine andere Wahrheit! Und dann….dann packen wir’s an.

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