Würde ich mich nochmal fürs Muttersein entscheiden?

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Cindy Sherman, „untitled 216“

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem erstgeborenen Kind nach der Geburt draußen stand. Ich hatte das Baby in eine Decke gewickelt und wollte mir den Himmel anschauen. Man sah tausende Sterne. Ich war sofort verliebt in dieses Kind, es fühlte sich alles selbstverständlich an.

Was mich zutiefst erschütterte war die Feststellung, dass mein Baby sterben würde, wenn ich es irgendwo liegen ließe. Fast schockartig wurde mir klar, dass es ohne mich – oder eine andere erwachsene Person – nicht überleben könnte. Es ist eigentlich keine besondere Erkenntnis, kein Baby überlebt allein. Aber die Tatsache, dass ab jetzt buchstäblich ein Leben in meiner Hand lag, erschütterte und beängstigte mich auch. In den folgenden Monaten hatte ich Alpträume, in denen ich mein Kind irgendwo vergaß, schlimme Fehler machte und es dadurch in Gefahr brachte.

Seither sind viele Jahre vergangen, es kam ein zweites Kind. Ich wurde routinierter, die Alpträume seltener. Auch wenn es nicht immer um Leben und Tod ging, so blieb die kindliche Abhängigkeit. Sie hat mein Leben verändert wie sonst kaum etwas. Ein Großteil meines Mutterseins handelte davon, in Situationen zu sein, die ich nicht unbedingt frei gewählt hatte, in denen ich mich vielmehr plötzlich wieder fand – weil es notwendig war. Das Kind musste in den unmöglichsten Momenten gewickelt und gefüttert werden, es musste festgehalten werden, während es den steilen Turm erklomm, ich musste nach Mitternacht in überfüllten Notaufnahmen sitzen oder das tobende Kind im Kinderwagen festbinden usw.

Natürlich ist das Leben auch in anderen Bereichen voller Zwänge, wir müssen vieles. Aber die unmittelbare elterliche Notwendigkeit, Dinge tun zu müssen, weil sonst ein anderer Mensch stirbt oder etwas grundlegend nicht mehr funktioniert, ist in seiner radikalen Pausenlosigkeit sehr spezifisch. Auch deshalb,  weil es in der Beziehung mit kleinen Kindern wenig Übereinkünfte gibt. Man kann mit einem Baby nicht einvernehmlich absprechen, auf welche Weise das gemeinsame Leben, Bedürfnisse nach Rückzug, Eigenständigkeit und Gemeinsamkeit gestaltet werden. Man kann sich in der Regel nicht entziehen, nicht kurz aus dem Bezug aussteigen, sich ausklinken, Dinge aufschieben.

Nicht selten fühlte es sich so an, als sei ich in einem viel zu schwierigen Job, den ich aber nicht wechseln, nicht künden konnte. Mir ist bewusst, dass dies aus der Perspektive von Menschen, die Kinder wollen, aber – aus welchen Gründen auch immer – keine haben können, als ein privilegiertes ‚Luxus-Problem‘ erscheinen mag. Umgekehrt erscheint denjenigen, die Kinder haben, ein kinderloses Leben oft als Luxus.

Vor kurzem las ich in einem Forum den Kommentar einer Mutter, der einiges von meinen eigenen Erfahrungen wiedergab: „Ich empfinde mein Mutter-Sein oft als eine Situation, in die ich geworfen bin, ob ich will oder nicht. Vieles ist nicht selbst bestimmt. Das fängt schon mit dem Gebären an: Eine Art unbestimmte Kraft macht, dass wir gebären. Ob wir wollen oder nicht. Es ist zwar kein vollkommen passiver Akt, aber dennoch gewaltig, ja beinahe gewalttätig. Frauen können eine Geburt als ähnlich verletzend und traumatisch empfinden wie nicht-konsensuellen Sex“.

Der Vergleich mit einer Vergewaltigung ist natürlich schwierig. Aber es leuchtete mir ein, dass der Prozess des Kinderkriegens und Kinderhabens von Frauen als gewaltvoll, als ent-subjektivierend und in vielen Momenten als nicht-konsensuell erfahren werden kann. Nicht selten geht es bei einer Geburt um Leben und Tod, viele berichten von einem Gefühl des Ausgeliefertseins, andere erzählen, ihr Körper sei ihnen im Zuge von Schwangerschaft, Geburt und stillen „abhanden gekommen“, und es sei schwer für sie, ihn „wieder zurück zu bekommen“, ja überhaupt sich selbst wieder zurück zu bekommen. Ähnlich beschreibt es auch die Frau in besagtem Internetforum: „Mutterschaft ist für mich etwas schmerzhaft Ambivalentes. Meine Kinder haben meinen Körper, meine Sexualität, meine Beziehung, meine Karriere mehr beeinflusst und oft genug schwer beschädigt, als jede andere Entscheidung in meinem Leben.“

Als besonders schwierig empfindet sie dabei den Umstand, dass es kaum Räume gebe, in denen sie offen darüber sprechen könne, als wie belastend sie ihre Mutterschaft häufig empfindet.[1] Und damit meine sie nicht das „normale Durchschnittsjammern von Eltern, die alles furchtbar anstrengend finden.“ Denn dass es anstrengend ist, dürfe man heute zum Glück sagen. Vielmehr gehe es ihr um die „tiefe existenzielle Situation, in der ich durch die Kinder mein Leben bedroht sehe“. Eine Diskussionsschlaufe weiter schreibt sie: „Ich beneide die, die keine Kinder haben und nie welche wollten. Weil ich gerne mein Leben als Kinderlose wieder hätte. Und nein, es ist keine Möglichkeit, meine Mutterschaft wieder rückabzuwickeln. Aus der Sicht der Kinder nicht, aus meiner nicht. Denn natürlich gibt es auch gute Momente – in welchem Leben gibt es die nicht.“

Man kann das Muttersein nicht rückgängig machen. Und will es auch nicht. Dennoch stelle ich mir manchmal die Frage: Würde ich mich vor dem Hintergrund meiner heutigen Erfahrung, meines Wissens und der Art, wie ich heute bin nochmal für die Mutterschaft entscheiden? Ich bin nicht sicher.

Vor kurzem erschien die Studie „Regretting Motherhood“ der israelischen Soziologin Orna Donath. Sie gab zu reden, weil erstmals Frauen öffentlich sagten, sie würden es bereuen, Mutter geworden zu sein. Mich hat die Ehrlichkeit dieser Mütter berührt. Die Art und Weise, wie sie erzählten war voller Brüche und Widersprüchlichkeiten, und voller Lieber für ihre Kinder. Aber trotz der Liebe kamen sie alle zu dem Schluss: Ich bereue es, Mutter geworden zu sein. Ich will eigentlich nicht Mutter sein. Dennoch liebe ich meine Kinder und kann mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen.

Interessant fand ich, dass die Dimensionen der Mutterschaft und der Mutterliebe offenbar als etwas Getrenntes wahrgenommen werden können. Sie fallen nicht zwangsläufig zusammen. Folglich muss die Ablehnung der Mutterrolle auch nicht die Ablehnung der Kinder bedeuten.

Ich selbst bereue es nicht, Mutter zu sein. Aber wenn ich darüber nachdenke, kann ich mir eine Biographie ohne Kinder sehr gut vorstellen. Nicht ohne meine Kinder, aber ohne Kinder. Ich kann mir ein erfülltes Leben als Nicht-Mutter vorstellen. Ich hätte da einige, durchaus viele Ideen, wie ein solches Leben aussehen könnte. Mich als kinderlos zu imaginieren passt – auch im Alter. Es fühlt sich angenehm und richtig an. Ich sehe mich viele Dinge tun, Interessen verfolgen, arbeiten. Es kann auch durchaus Care-Arbeit sein, für andere sorgen, aber ich müsste dabei nicht unbedingt selbst Mutter oder Großmutter sein.

Nun entsteht das Hadern mit dem Muttersein natürlich nicht nur durch das Gefühl einer schicksalhaften Unentrinnbarkeit, sondern ist auch stark beeinflusst durch all die Zuschreibungen und Normen rund um Mutterschaft und Mütterlichkeit. Diese sind „viel verletzender und belastender als alles, was ich bisher erfahren habe“ – schreibt die Frau in dem Forum weiter. Anders gesagt: Wir sind nicht im luftleeren Raum Mütter, sondern in einer komplexen gesellschaftlichen Situation. Mich zum Beispiel macht es wahnsinnig, dass wir so unglaublich nah dran sein müssen an unseren Kindern, es gibt dafür den Begriff der „Helikopter-Eltern“: Unter aktuellen Eltern ist ein ständiges Kreisen über einem ständig drohenden Kinder-Worse-Case weit verbreitet. Selbst wenn man sich dagegen wehrt und es schafft, einigermaßen locker zu bleiben, ist ja doch der vorherrschende Habitus: Eltern hocken – zumindest in bestimmten Milieus – auf ihren Kindern wie Riesen-Tintenfische, mit hundert Armen und Ängsten. Die Sorge, etwas falsch zu machen, die Kinder nicht in die ‚richtige‘ Spur zu kriegen, nicht die optimalen Lebensumstände bieten zu können, raubt einem fast den Atem. Die Vorstellung, dass alles, wirklich alles von uns Eltern abhinge, hat eine solche Dimension erreicht, dass jegliches Mini-Scheitern der Kinder sofort die eigene Identität infrage stellt.

Der Punkt ist, dass diese Hyper-Verantwortlichkeit in Konflikt steht zu jenem bis heute gültigen Menschenideal: dem autonomen Subjekt. Selbstbestimmtheit und Individualismus sind die Prämissen unserer Zeit und heute auch bei Frauen verbreitet. Gleichzeitig schaffen es gerade die Frauen qua kulturellen Zuschreibungen und fortbestehender ungleicher Arbeitsteilung selten, dieses Phantasma zu erreichen. Manche können den Konflikt einigermaßen lösen, weil sie trotz oder gerade wegen des vorherrschenden Individualismus Befriedigung daraus ziehen, gebraucht zu werden (sei es, weil sie sich mit dieser Art ‚Mutterrolle‘ identifizieren, sei es aus anderen Gründen).

Aber was, wenn das nicht funktioniert? Wenn dieser Konflikt nicht lösbar ist? Mich persönlich machen das Gebraucht-Werden, die Unausweichlichkeit der Eltern-Funktion nervös, sie bedroht oft genug meine schiere Existenz. Auch gibt mir das Bemühen um das „Richtige“ (die passende Musikförderung, die wirksamsten homöopathischen Kügelchen, die richtige Erziehungsmethode, die beste Kita) wenig Befriedigung, ich kann mit dieser Art Tätigkeiten einfach nicht viel anfangen. All dies ist übrigens – wie bei den Müttern in besagter Studie – unabhängig von der Liebe, die ich für meine Kinder empfinde. So mag ich es zum Beispiel, mit meinen Kindern ‚Hang Man‘ zu spielen, ausgiebig herum zu blödeln oder vorzulesen. Auch mag ich Endlos-Reisen im Auto. Jenseits von Alltag – nur wir, unser Gezanke oder unser Frieden, die Hitze und die Autobahnrastätten.

Ich bin dankbar, dass ich mich in den vergangenen Jahren auch gesellschaftstheoretisch mit Mutterschaft beschäftigen konnte.[2] Dadurch kam etwas Licht in den Wust der Gefühle, ich konnte eine Sprache entwickeln für das, was ich erlebe. Was mich besonders anregte, waren differenzfeministische Ansätze (z.B. Adriana Cavarero, Luce Irigaray, Antje Schrupp, Ina Praetorius und andere): Sie beschreiben – hier nun sehr vereinfacht – das Prinzip ‚Mutterschaft‘ als eine fundamentale Bedingung menschlicher Existenz.[3] Im Mütterlichen komme exemplarisch zum Ausdruck, was Menschsein ausmache: Zum einen die zwingende Notwendigkeit, für andere oder auch für ‚die Welt’ zu sorgen, und zum anderen die eigene Abhängigkeit, Fürsorge zu bekommen. Kein Mensch überlebt ohne Fürsorge.

Die Notwendigkeit, umsorgt zu werden und andere zu umsorgen steht allerdings in Widerspruch zu jenem abendländischen, männlich konnotierten Ideal-Subjekt, das autonom und souverän durch die Welt läuft – jenseits von Scheiße, Futter, gebären und sterben. Um das Ideal zu verwirklichen, muss das autonome Subjekt die Kränkung der eigenen Abhängigkeit, die tiefe Verwobenheiten der menschlichen Existenz abwehren. Diese Abwehr ist im Verlauf der Geschichte immer wieder gelungen, weil Fürsorge Frauen zugeschrieben wurde bzw. jener Gruppe Menschen, die als Frauen definiert wurden. Kurz: Das ‚Weibliche’ und die dem Weiblichen zugewiesene Mütterlichkeit wurden abgewertet und unterdrückt, damit die menschliche Fürsorge-Abhängigkeit ausgeblendet werden konnte.

Kein Mensch überlebt ohne Fürsorge. Wir sind nicht autonom. Wir können überhaupt nur frei sein, wenn für uns in vielerlei Hinsicht gesorgt ist und wir ‚in Bezug‘ zu anderen stehen. Antje Schrupp und Ina Praetorius nennen das „Freiheit in Bezogenheit“ und meinen damit, dass Bezogenheit eine fundamentale Voraussetzung der Freiheit ist. Oder anders gesagt: Wir können nur frei sein, wenn wir gleichzeitig unsere Grund-Vulnerabilität (Judith Butler) (an)erkennen. Das alles ist aber nicht nur eine Frage der individuellen Einstellung, sondern es braucht einen gesellschaftlichen sowie auch ökonomischen Wandel, bei dem ‚Sorge tragen‘ und eigene Abhängigkeiten endlich die Bedeutung bekommen, die ihnen gebührt. Zum einen, damit Menschen (z.B. Frauen, Migrant_innen) für Sorgearbeit nicht mehr ausgebeutet werden können, und zum anderen, weil es auch ökologisch dringend notwendig ist, dass unser Verhältnis zur Erde sich wandelt.

Ich weiß nicht, ob ich in einer solchen besseren Welt mit der Mutterrolle weniger hadern würde. Es zu hoffen, macht das Muttersein für mich aber auf jeden Fall etwas leichter.

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[1] Solches oder Ähnliches empfinden heute zweifellos auch viele Väter bzw. Eltern aller Geschlechter und Formen.

[2] Zum Beispiel das versöhnliche Buch „Of Women Born“ von Adrienne Rich, oder die erbarmungslos Mutter-kritischen französischen Philosophinnen Simone de Beauvoir und Elisabeth Badinter, die amerikanische Theoretikerin Shulamit Firestone, die am liebsten alles der Technologie überlassen will, verschiedene Marxistinnen wie Silvia Federici oder Roswitha Scholz, Audre Lorde und ihre Beschäftigung als Schwarze lesbische Mutter, die Psychoanalytikerin Luce Irigaray und ihre Versuche, das Mutter-Tochter-Verhältnis anders zu denken. Differenzfeministische Ansätze von Adriana Cavarero, Antje Schrupp oder Mariam Irene Tazi-Preve oder Ina Praetorius. Ebenfalls interessant die Auseinandersetzung mit dem bewussten Nicht-Muttersein in Sarah Diehls Buch „Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich“. Wichtig waren für mich aber auch queerfeministische kritische Auseinandersetzung mit dem Privileg, überhaupt Mutter sein zu können, von der Gesellschaft für diese Rolle überhaupt für ‚gut’ befunden zu werden, dafür vorgesehen zu sein. Mutterschaft ist vielen auch immer wieder systematisch abgesprochen worden. Zum Beispiel aus rassistischen, homosexuellenfeindlichen, klassistischen oder behindertenfeindlichen Motiven und Herrschaftsstrukturen. Es werden nicht alle für die so genannte Reproduktion der Gattung gleichermaßen für gut befunden.

[3] Mit dem Mütterlichen ist hier nicht eine biologistisch essentialistische Kategorie gemeint, sondern ein universelles Prinzip der Fürsorge, das weder nur in der Sorge um (eigene) Kinder zum Ausdruck kommen noch von Natur aus Frauen anhaftet oder überhaupt mit Weiblichkeit konnotiert sein muss. Mit dem Festhalten am Begriff des Mütterlichen soll aber deutlich werden, dass – im Sinne eines gesellschafts-historischen Konstruktionsprozesses – das Prinzip der Fürsorge Frauen zugeschrieben wurde bzw. jener Gruppe Menschen, die als ‚Frauen’ definiert wurden und werden.

 

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23 Gedanken zu “Würde ich mich nochmal fürs Muttersein entscheiden?

  1. Hat dies auf DIY fanzine collective. rebloggt und kommentierte:
    „Eine Diskussionsschlaufe weiter schreibt sie: „Ich beneide die, die keine Kinder haben und nie welche wollten. Weil ich gerne mein Leben als Kinderlose wieder hätte. Und nein, es ist keine Möglichkeit, meine Mutterschaft wieder rückabzuwickeln. Aus der Sicht der Kinder nicht, aus meiner nicht. Denn natürlich gibt es auch gute Momente – in welchem Leben gibt es die nicht.”

    Man kann das Muttersein nicht rückgängig machen. Und will es auch nicht. Dennoch stelle ich mir manchmal die Frage: Würde ich mich vor dem Hintergrund meiner heutigen Erfahrung, meines Wissens und der Art, wie ich heute bin nochmal für die Mutterschaft entscheiden? Ich bin nicht sicher.“

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  2. Genau solche Schilderungen von der Geburt als Vergewaltigung führen dazu, dass werdende Mütter immer unsicherer werden. Eine differenzierte Herangehensweise an das Thema wäre wünschenswert – aber Schreckensszenarien mal eben so nebenbei einzustreuen, ist kontraproduktiv und nicht im Sinne der Frauen. Gerade zum Thema Geburt gibt es sehr viel gute Literatur!

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    1. Ja, das ist sicher eine heikle Sache. Ich finde aber eigentlich mehr den Vergleich mit sexueller Gewalt ein Problem. Ich war unsicher, ob ich die Frau, die ich hier zitiere, tatsächlich so zitieren sollte. Aber mehr aus dem Grund, dass ich mich fragte, ob hier nciht Vergewaltigung verharmlost wird. Ich habe es dann so gelassen, weil ich das „Erleben“ dieser Frau auch nicht absprechen will. Wenn sie es so empfindet, dan ist das eben so. Und dass viele Frauen Geburt als ganz schrecklich erleben, ist aus verschiedenen Gründen eben auch so. Und ich finde, darüber darf auch geschrieben werden.

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    2. …Katrin: Vielleicht magst du einige der Bücher über Geburt hier empfehlen? Das würde mich (und sicher auch andere) sehr interessieren und wäre sicher ein guter Gegen-Pol gegen die Schreckensszenarien bzw. würde diesen Aspekt differenzieren! Danke!

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    3. Nun ja, vor der ersten geburt ist dieser text in teilen verstörend..aber ich weiß, was gemeint ist. Allerdings projeziere ich das alles nicht aufs muttersein an sich, sondern aufs gesellschaftliche gefüge. Wenn ich mich gebunden und eingeengt fühle, dann liegt es daran, dass ich mir keinen freiraum verschaffe.
      Als wir noch in matriarchaten lebten gab es diese form von stress nicht, denn du warst nicht allein um und mit diesem hilflosen wesen in einem existenzkampf, alle waren zusammen verantwortlich und entlasteten sich, frei?-ja!!!
      Und was die geburten angeht, es gibt viel, was frau vor einer schwangerschaft wissen sollte und auch alle anderen menschen, das ist aufgabe der schule, biologieunterricht, der sollte da mehr ins detai gehen(stichwort wochenfluss, gebärarten, geburtsvorgang an sich, hauptsache gesund-was ist wenn nicht, eingriffe während der geburt und ihre möglichen folgen, etc.). Ich denke vergewaltigung meint, dass da ein prozess in gang gezetzt ist, der deinen willen ignoriert und dir ja gewalt antut, wenn du nicht mit der geburt mit arbeitest, schmerzen ja sowieso. Ja, gerade bei einer ungeplanten schwangerschaft, oder einer gewaltsamen zeugung, wie auf großteilen der welt ja nach wie vor üblich, entzieht sich hier das geschehen jeglicher selbstbestimmung der gebärenden. Als ich angst hatte habe ich in der ersten schwangerschaft entschieden, dass ich eine sectio möchte. Ich wollte nicht ausgeliefert sein..wer einen kaiserschnitt hatte muss nun lachen..bei der zweiten entschied ich mich für eine natürliche geburt, ich musste mich danach ja um zwei kinder kümmern..ohne schmerzmittel war diese geburt eine der selbstbestimmtesten erfahrungen meines lebens. Ich wusste was passiert, ich spürte wie und alles andere blendete ich aus. Das hätte ich auch alleine zu hause geschafft, ohne eine andere person! Es ist so individuell, ich finde es wirklich schön, wenn ich mich um drei uhr nachts aus dem bett schwinge und mit meinem kind aufs klo gehe, wenn ich total fertig einschlafe, schlafe ich am besten. Aber das liegt daran, dass ich mir die unfreiheit wegkonstruire. Ich bin nicht überbelastet und nehme mir freiheiten, gehe aus oder integriege die kinder..
      Lovis

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  3. Sehr geehrte Frau Schutzerbach
    Als Mutter von vier Kindern finde ich mich in vielen Ihrer Gedankengänge wieder, bzw. kann sie gut nachvollziehen. Dennoch habe ich bei fortschreitendem Lesen immer deutlicher gespürt, dass es einen grundlegenden Unterschied in der Wahrnehmung gibt. Davon möchte ich erzählen.
    Dazu möchte ich kurz anfügen, dass auch ich mich seit vielen Jahren u.a. mit den von Ihnen angeführten, anregenden historischen und aktuellen gesellschaftstheoretischen und unterschiedlichsten feministischen Ansätzen auseinandersetze.
    Fast möchte ich sagen, dass mich ganz jenseits von Studium und Beruf besonders meine eigene Mutterschaft dahin geführt hat, mich intensiv mit diesen Dingen auseinanderzusetzen.
    Der entscheidende Unterschied offenbart sich schon in den ersten Sätzen, in denen sie ihre Erschütterung nach der Geburt Ihres ersten Kindes schildern, nämlich die ungeheuerliche Last, die es bedeutet, für ein anderes Wesen derart existentiell verantwortlich zu sein. In der Folge lässt sich nachvollziehen wie jene so erschütternde Erfahrung menschlicher Bedürftigkeit und “Vulnerabilität“ Ihre Lebenshaltung und die Schwerpunkte der Auseinandersetzung mit dem Thema “Mutter“ oder “Mütterlichkeit“ beeinflusst hat.
    Genau wie Sie konfrontierte mich die Geburt meines ersten Kindes mit diesen so existentiellen Fragen. Weit mehr noch – einem Hilfeschrei an das Universum gleich – formulierte sich in mir aber eine Frage ganz besonders:
    Wo um alles in der Welt ist die Mutter. Wo um alles in der Welt sind die Mütter.
    Fast schockartig wurde ich mir der Mutterlosigkeit unserer Gesellschaften und damit verbunden auch der eigenen, damit verbundenen traumatischen Erfahrungen, meiner eigenen Unsicherheiten und meiner abgrundtiefen Verlassenheit bewusst, bzw. begann diese systematisch zu ergründen und zu hinterfragen.
    Zu dieser Erkundung gehörte für mich ebenso die übergreifende Erkenntnis:
    “Im Mütterlichen komme exemplarisch zum Ausdruck, was Menschsein ausmache: Zum einen die zwingende Notwendigkeit, für andere oder auch für ‚die Welt’ zu sorgen, und zum anderen die eigene Abhängigkeit, Fürsorge zu bekommen. Kein Mensch überlebt ohne Fürsorge.“
    Anders als Sie sehe ich diese Mütterlichkeit aber nicht allein in einer eher diffus wirkenden Fürsorglichkeit verwurzelt, die überdies “ Frauen zugeschrieben wurde bzw. jener Gruppe Menschen, die als Frauen definiert wurden.“ Oder “die dem Weiblichen zugewiesene Mütterlichkeit wurden abgewertet und unterdrückt, damit die menschliche Fürsorge-Abhängigkeit ausgeblendet werden konnte.“
    Sie vollführen hier einen Saltomortale, durch welchen leider immer wieder verhindert wird, dass der Mütterlichkeit tatsächlich auf die Spur zu kommen ist. Ich habe den Eindruck, sie seien bemüht, Mütterlichkeit als eine mit Minderwertigkeit behaftete Zuschreibung abzuschütteln, um sie sogleich als gleichsam neutralisierte Notwendigkeit für alle Mitglieder einer Gemeinschaft, sogenannte “Care-Arbeit“ wieder zu installieren.
    Was Sie jedoch eigentlich abwehren ist die als zugewiesen empfundene Rolle und diese ist ja wirklich ein Produkt jahrtausendealter Unterdrückung. Gilt es sich aber nicht ebenso dringend zu fragen, was Mütterlichkeit eigentlich wirklich bedeutet, ohne jene so tiefsitzende Angst vor Zuschreibung.
    Mütterlichkeit ist ein Lebensprinzip, das unseren Gesellschaften fremder nicht sein könnte. Mütterlichkeit oder Fürsorglichkeit als Zuschreibung zu betrachten, bedeutet wesentliche Erkenntnisse und bedeutende Forschungsergebnisse über die Entstehung unserer männerdominierten Kulturen auszusparen. Es negiert eine Vergangenheit, in der das mütterliche Lebensprinzip, als ein Fürsorgeprinzip des Arterhalts, uns überhaupt erst zum Menschen gemacht hat. Hier war Mütterlichkeit keine Zuschreibung sondern gelebtes Selbstverständnis von Männern, Frauen und selbstverständlich auch Menschen jedweder sexueller Orientierung. Ohne das es einer vermeintlich gendergerechteren Verallgemeinerung in einem Aufgabenkatalog oder eines geschlechterneutralen Begriffs wie “Care“ bedurft hätte. Wenn Mütterlichkeit einzig eine Zuschreibung wäre, hätten wir als Menschen niemals eine Vorstellung davon entwickeln können und sie hätte auch niemals unterdrückt oder abgewertet werden können. Abgewertet kann nur etwas werden, das einmal Wert besessen hat. Die Frage muss doch vielmehr lauten was genau diesen Wert ausmacht, also schlicht, warum wir überhaupt dafür einen Begriff haben.
    Es ist als würde man sagen: Ja, unbedingt, wir wollen Mütterlichkeit. Aber bitte ohne dieses lästige “Mutter“ vorne dran. 😉 Aber Mütterlichkeit gibt es nicht ohne die Mutter, oder ohne eine Vorstellung davon, was Muttersein bedeutet. Natürlich bemühen wir uns heute darum, dass Vorstellungen von Fürsorglichkeit Allgemeingut werden. Aber allein die Tatsache, dass wir das können, setzt die menschliche Ur-Erfahrung der Mutter voraus. Nicht nur im ganz persönlichen, sondern im übergreifenden – sozusagen evolutionären – Sinne. Und dieser Urerfahrung der Menschheit gilt es sich ohne Ressentiments wieder zu nähern.
    In Wahrheit aber herrscht unglaubliche Angst davor jenen Wert wieder ins Recht zu setzen. Als würde sich damit jede Mutter ein Privileg zuschanzen und eine Art Bevorzugung oder Höherwertigkeit attestieren. Wer jedoch immer glaubt, Gerechtigkeit und Mütterlichkeit schließen sich aus, der wird eines mit Sicherheit finden: – lichkeit
    Das mütterliche Prinzip aber wird man auf diesem Wege nicht entdecken können.
    Um das noch etwas zu verdeutlichen, möchte ich das Beispiel der so unterschiedlichen Geburtserfahrung aufgreifen, das Sie in Ihrem Text anführen. Es verdeutlicht so sehr, worum es mir geht. Solange ich als Frau das Gebären als eine Art Gewalterfahrung wahrnehme, in die ich geworfen werde, als einen passiven Akt, als Fremdbestimmtheit, als von außen auferlegte Anweisung – es ließe sich auch sagen als Zuschreibung – laufe ich notwendigerweise Gefahr ihn als traumatisch zu erleben.
    Dabei lässt sich während einer Geburt eine einzigartige Erfahrung machen, die genau mit jener scheinbaren Fremdbestimmtheit sozusagen in Eins fällt. Es ist die Erfahrung des Loslassens, des “sich Ergebens“ in einen Vorgang, der jenseits des eigenen Willens liegt. Gelingt es, sich diesem Prozess wirklich anzuvertrauen, also Vertrauen in etwas zu haben, was ja durchaus angsteinflößend und sogar schmerzvoll ist, geschieht eine Art Metamorphose, die nicht nur den Prozess selbst erleichtert, sondern die eine grundsätzliche Erfahrung mit sich bringt. Loslassen und Vertrauen, münden in jenen allesergreifenden Eindruck, mit dem Leben zu schwingen. Dafür ist es notwendig, die eigene Kontrolle aufzugeben und doch gerade dadurch – scheinbar widersprüchlich – überhaupt erst in die eigene Kraft zu kommen. In diesen Momenten entscheidet sich, ob die Erfahrung gewaltig oder gewaltvoll erlebt wird.
    Die Tatsache Mutter zu werden, konfrontiert uns also einerseits mit der Tatsache einer überpersönlichen Kraft, die uns dorthin bringt. Ganz und gar jenseits irgendeiner je gemachten gesellschaftlich, oder geschlechterkampfbedingten Zuschreibung. Es bedeutet anzuerkennen, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben und darüberhinaus sterblich sind. Zugleich bedeutet es den Reichtum einer ganz besonderen Erfahrung. Nämlich gerade weil Vertrauen in etwas scheinbar außerhalb von uns gelegenes möglich war, gelingt es tiefes Vertrauen in das Leben zu fassen. Denn dieses lebendige Sein sind wir selbst. Eben damit aber verbunden, ist nicht nur die Liebe zum Kind, sondern vorallem auch die zu uns selbst. Denn es hat sich etwas von unserem Selbst offenbart, das jenseits von Kontrolle und Machtausübung steht.
    Auf dieser existentiellen Erfahrung fußt das mütterliche Prinzip, seit Menschen Worte haben, um es auszudrücken, seit Menschen einander anvertraut sind, seit Frauen sich in dieser Erfahrung verbunden fühlen. In dieser einzigartigen Verbindung von Mutter und Kind wurzelt das Prinzip der Fürsorglichkeit, das einmal für viele Jahrzehntausende das menschliche Miteinander und die Vorstellungen über die Welt geprägt hat.
    Es bedeutet ganz selbstverständlich, aus sich heraus und doch ganz fern von Privileg und Herrschaft, einen völlig anderen Umgang im Zwischenmenschlichen wie auch mit jeder Kreatur.
    Das ist es, wovon ich sprechen wollte.

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    1. Liebe Anne Busch,

      die „Last“ (Ihr Begriff) hat meine Auseinandersetzung mit dem Muttersein beeinflusst, ja. (gleichzeitig gibt es die guten, unbelasteten Momente, wie ich ebenfalls schreibe). Und gerade diese „Last“ der Materialität und Vulnerabilität (man könnte auch von einer ‚Macht’ sprechen, wie Butler in ‚Bodies that matter’) empfinde ich vermutlich deshalb als, weil die aktuelle Gesellschaft nicht Vulnerabilität, Abhängigkeit, Sorge oder Materialität ins Zentrum des Lebens stellt, sondern Autonomie.

      Ich leide also an den Erwartungen/Zuschreibungen der ‚Mutterschaft’ innerhalb einer so genannten patriarchalen Logik. Bin also gewissermaßen verheddert zwischen dem, was ich empfinde, nämlich die Dringlichkeit und Notwendigkeit der Fürsorge und dem, was die Welt in ihrer aktuellen hegemonialen Struktur nahelegt: dies als Ballast zu empfinden, abzuwerten, möglichst frei zu sein von solcher Verantwortung. Ich bin hier ganz ein Kind meiner Zeit und geprägt von der gesellschaftlichen Tendenz, Fürsorge abzuwerten. Ich habe diese Abwertung „im Blut“, ich habe sie mit auf den Weg bekommen. Darüber wollte ich schreiben.

      Es ging mir nicht darum, dabei festschreiben zu wollen, was genau denn dann ‚das Mütterliche’ in seinem Wert jenseits dieser Zuschreibungen oder Abwertungen sein könnte. Sie kritisieren nun, dass ich damit das Problem reproduziere und keine Sprache entwickle für das Mütterliche jenseits der patriarchalen Zuschreibung oder Normen. Das stimmt. Es war auch erst einmal nicht mein Anliegen. Und Sie haben Recht, dass die Kritik an kulturellen Zuschreibungen und Normen immer die Gefahr birgt, die Zuschreibung zu wiederholen, zu verstetigen. Ein Dilemma, das wir schwer umgehen können.

      Mein Empfinden ist, dass es schwierig ist, eine Vorstellung von Mütterlichkeit jenseits (männlicher)gesellschaftlicher Vorstellung und Projektionen zu artikulieren.
      Luce Irigaray und andere versuchen, diese Situation aufzubrechen, zum Beispiel mit der ‚écriture feminine’. So etwas habe ich in meinem Text nicht gemacht. Das stimmt.

      Gleichzeitig wäre ich aber auch nicht sicher, dass eine eigene Sprache für das Mütterliche so ausfallen würde, wie Ihnen das offenbar vorschwebt: durchweg positiv und auf eine Art Ur-Aspekt verweisend. Ich habe damit Mühe. Es ist mir zu monolithisch und wiederholt ebenfalls etwas, wovon wir uns seit langer Zeit zu befreien versuchen: Die Dinge zu definieren, Kategorien zu bilden: DAS Mütterliche, das in der Vergangenheit SO oder SO war, jetzt verschüttet wäre, auf das WIR uns besinnen sollten (ich paraphrasiere das nun etwas überspitzt). Und weiter: Dieses vollkommene Ideal der guten, hingebungsvollen, sich hingebenden Mütterlichkeit, das sie beschreiben, „ein gutes mütterliches Lebensprinzip“ usw.: Ist die „gute Mutter“ nicht gerade so sehr eine Ikone der patriarchalen Logik?

      Helène Cixous hat versucht, durch Re-Interpretationen klassischer Kulturtexte (zum Bsp. „Rotkäppchen“) diese Ambivalenzen nicht aufzulösen, sondern sie gerade zum Sprechen zu bringen, indem sie zwischen einer neuen, eigenwilligen Lesart von Mütterlichkeit und dem Verhaftet-Sein in patriarchalen Logiken oszilliert. Ich bewundere diese Versuche. Denn sie schwanken immer zwischen Ambivalenzen, und haben nicht den Anspruch, wiederum ein neues Mutterideal zu setzen. Sie machen etwas eigenes, aber beschreiben auch das Leiden unter den Herrschaftsstrukturen.
      In Cixous Interpretation wird Rotkäppchen von der Mutter losgeschickt, um sich im Wald selbst zu suchen. Cixous bricht mit dem Stereotyp eines kontrollierenden Mutter-Tochter-Verhältnisses: Im Wald ist alles möglich. Die Mutter gesteht der Tochter die Erkundung ihrer (ungewissen) Weiblichkeit zu. Die Großmutter allerdings verkörpert in Form des Wolfes das väterliche Gesetz, das am Ende die eigene Identität verbietet. Die Frau (Rotkäppchen) ist also auf der Suche, und doch festgeschrieben durch die vorherrschende Logik. Rotkäppchens Mütter (Mutter und Großmutter) vereinen alle Widersprüchlichkeiten, in denen sich Frauen in der patriarchalen Ordnung befinden: Sie schicken die Tochter aus, ihr Selbst zu suchen, und verbieten es gleichzeitig. Sie sind also weder gute noch böse Mütter, was ein wichtiger Punkt ist, um nicht neue Mutter-Ideale aufzubauen.

      Es kann also nicht darum gehen, eine neue Norm der „guten Mutter“ zu installieren, Mutterideale hält Cixous für eine patriarchale Idee, die es zu vermeiden gilt, um Frauen nicht erneut festzulegen.

      Das Fürsorgeprinzip, Art-Erhalt (wie sie schreiben), ja, diese Materialitäten der Existenz gibt es, aber die Verschaltung mit Weiblichkeit ist ein Minenfeld, es hat viel Leid gebracht und wir können das nicht einfach nur affirmieren? Die Gefahr ist doch gross, dann wieder in neue normative oder essentialistische Vorstellungen zu geraten, einfach neue Zuschreibungen zu kreieren?

      Die „Ur-Erfahrung“ (Ihr Begriff), das „Loslasssen“, die Nicht-Kontrolle“, sich der „Kraft überlassen“ usw.) kann nicht wieder definiert werden, sie ist eben etwas ‚Ungewisses’. Ihre Ausführungen scheinen mir hier voller Wertungen bzw. auch Idealisierungen.

      Würde es nicht darum gehen, diese Ur-Erfahrungen auch gerade zu dezentrieren, weil es eben auch „die Frau“ oder „die Mutter“ nicht geben kann, sondern sowohl Frau als auch Mutter immer schon „vieles“ ist, und immer als Prozess, als ‚Werden’ und nicht als weitere Kategorie gedacht werden kann?

      Dann wäre auch die Frage: Erleben wir die „unpersönliche Kraft“ der Materialität (zum Beispiel beim Gebären) wirklich jenseits von Zuschreibung? Sind wir in der Materialität nicht auch kulturell? Besteht nicht ein Wechselverhältnis? Ich meine nicht, dass sich Fürsorglichkeit, Gebären usw. einfach gemäß den Regeln von Zuschreibungen materialisiert, das nicht. Die Praxis geht der Norm auch voraus, aber nicht nur. Sie steht mit ihr in Wechselverhältnis. Auch die kulturelle Norm wiederum hat nicht einfache einen transzendentalen Status, sondern ist produktiv, sie muss sich erst herstellen im Wechselverhältnis mit der Praxis, der Materialität.

      Ich gebe Ihnen Recht, es reicht nicht, von der Geschichte der Zuschreibungen oder Ideologien als Wandel der Normen zu sprechen. Geschichte ist „Naturgeschichte“ (Tove Soiland). Dies aber doch nicht in dem Sinn, dass in dieser Natur sich ein göttlicher oder biologischer Plan offenbart, sondern im Sinne des Historischen Materialismus, der versucht, das Historische, bzw. das Kulturelle und das Materielle zusammenzudenken.

      Ich hatte in meinem Text nicht im Sinn, die Frage zu diskutieren, inwiefern Mütterlichkeit ein „Eigenleben“ jenseits von Zuschreibungen hat. Aber ich wollte damit auch nicht nahe legen, die Zuschreibungen würden sich allen einfach überstülpen. Ich halte Zuschreibungen nicht für transzendental, nicht für etwas, das den Lebensweisen der Menschen äusserlich und disziplinierend einfach auferlegt wird.

      Die Normen/Zuschreibungen stellen sich in einer konstitutiven Verwobenheit mit den Praxen her. Normen sind auch Resultat von Praktiken und des Handelns. Normen sind also schon Ausdruck von Praxen. Das aber heißt, zu Ende gedacht, auch, dass auch das Hadern mit Elternschaft, die „Gewalterfahrung“, die Ambivalenz usw. nicht nur einfach schlechte oder blöde/falsche patriarchale Ideologien sind, denen manche Frauen erliegen, wenn sie mit ihrem Muttersein hadern, sondern tatsächlich auch mit jener unbestimmten (!!!) „ur-eigenen“ Praxis von Frauen/Gebären zu tun haben kann, und, Zuschreibung hin oder her, diese Dinge als unglaublich anstrengend und schmerzhaft erlebt werden können. Mutterssein/Gebären (das sind zwei verschiedene Dinge) bleiben vielleicht für manche auch in der besten aller Welten ambivalent – und sind keine so einfache und klare Sache – die nur vom Patriarchat korrumpiert ist (wie manche Kommentatorinnen hier ebenfalls nahelegen).

      Zur Unterscheidung von Schwangerschaft, Gebären und Mutterschaft noch dies: Ich denke, das Gebären eines Kindes allein legt nicht die Art der Beziehung fest, das ist für mich schon eine kulturelle Sache. Der Umstand, dass Frauen gebären, sagt nicht per se etwas über deren Mutter-sein aus. Allerdings ist der Umstand, dass sie gebären, immer wieder genau in dieser Weise aufgeladen worden: dann müssen sie auch Mütter sein. Für mich vermischen Sie hier etwas: dass der biologische Umstand des Gebärens auch die soziale Mutterschaft definiert. Aber gibt es eine solche Beziehung zwischen Mutter und Kind „per se“? Diese Dinge sind doch ist eine Frage der Aushandlung: Ist eine Frau, die ein Kind gebiert, auch zwingend die Mutter? Die Natur legt das nicht nahe. Das Kind muss umsorgt werden, aber nicht zwingend von der biologischen Mutter. Da könnte es auch andere Modelle geben, und gibt es schon.

      Ich habe den Eindruck, dass Sie hier nicht frei sind von „bürgerlichen“ Modellen. Ich möchte hier gerne auf die Blogeinträge von Antje Schrupp zum „schwanger werden“ http://antjeschrupp.com/2013/02/18/letz-talk-about-schwangerwerdenkonnen/
      verweisen, ich teile Schrupps Einschätzung in dieser Sache. Und in diesem Sinne bleibe ich auch dabei, die Begriffe Care und Fürsorge als eine breitere Dimension, und nicht nur an das ‚Weibliche’ gekoppelt, zu nutzen und auszuweiten, da es tatsächlich darum geht, dass hier gesellschaftlich etwas ausgehandelt werden muss, und diese Sache nicht einfach feststeht als weibliche Aufgabe/Dimension (was auch immer in möglichen matriarchalen Gesellschaften, über die ich wenig weiß, einmal war: heute ist heute. Finde ich).

      Zum Schluss noch dies: ich bin mit ihnen einverstanden, dass Fürsorge/Care in einer „besseren“ oder anderen Welt nicht so sehr als Hadern empfunden werden müsste, dies bringe ich ja in meinem letzten Satz zum Ausdruck. WIE eine solche Welt allerdings beschaffen sein müsste, wäre nochmals ein anderer Text und es erklärt sich meiner Meinung nach einfach nicht aus der Vergangenheit oder aus der Natur. Auch nicht aus dem Umstand des Arterhalts.

      Mit bestem Gruss
      FS

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  4. Bitte um Entschuldigung, da ich Sie in meinem Kommentar mit falschem Namen angesprochen habe. Vielleicht läßt sich das noch nachträglich korrigieren?
    Danke und viele Grüße!

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  5. Liebe Frau Schutzbach,

    das grundsätzliche Problem von Mutterschaft und Geburt ist die patriarchale Fremdbestimmung und Total-Instrumentalisierung von Mutterschaft zwecks Etablierung und Realisierung der väterlichen Genealogie (Erbfolge). Selbstbestimmte Mutterschaft führt zu einer tiefen, genuinen und sinnvollen Erkenntnis über das irdische Leben und da stimme ich Anne Busch zu.

    Da diese ursprüngliche Mutterschafts-Erfahrung weitestgehend überlagert wird durch patriarchal-dominante Fremdbestimmung in allen Gestaltungsbereichen (u. a. Medizin, Wissenschaft, Religion, Pädagogik etc…), wird die selbst- und mitbestimmte Mutterschaft diskriminiert. Der weibliche, innerkörperliche und vitale Schöpfungsprozess wird unterschlagen und durch die patriarchale außerkörperliche „Schöpfung aus Zerstörung“ ersetzt. Denn die außerkörperliche „Schöpfung“ geht immer mit dem Gebrauch, Verbrauch, Missbrauch und der Zerstörung von Natur-Ressourcen einher.

    Das mütterliche Glück der tiefen Seins-Verbundenheit, was sich im innerkörperlichen Schöpfungsprozess während der Schwangerschaft, im Gebärvorgang, im Gebären von Leben und im Erhalten des Lebens manifestiert, findet in der männlichen (patriarchalen) dogmatischen Welt keine Entsprechung.
    Mutter-Sein ist eine Grundvoraussetzung für die Mensch-Werdung und des Mensch-Seins. Mutter-Sein ist keine Rolle, die frau, mal eben, übernehmen und ablegen kann. Mutterschaft ist ein Entwicklungsprozess (eine Metamorphose) vom individuellen Sein zum sozialen Sein.
    „Mit der Mutter beginnt die Mensch-Werdung, endet sie ohne sie?“ (frei nach Cl. v, Werlhof).

    Wenn wir erst mal die tiefe Bedeutung und Sinnhaftigkeit von Mutterschaft erfahren haben, kann uns die patriarchale Emanzipation, die eine Überlegenheit über die Natur vorgibt, nicht mehr täuschen. Es geht nicht um die Beherrschung der Natur und um Entfremdung von der Natur, sondern ums sinnvolle Verstehen und Erhalten der Natur.

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  6. Das Wesen der Mütterlichkeit ist Bedingungslosigkeit. Wenn die patriarchale Gesellschaft uns Mütterlichkeit vorgaukelt, z.B. mit sozialen Leistungen oder dem Konzept der Mutterolle (Gendersprech), gleichgesetzt mit Mutterschaft, die angeblich jeder und jede für Dein Kind ausfüllen kann, dann ist das genau die Mogelpackung, die uns seit 8000 Jahren angedreht wird. Ich nenne dieses Phänomen „Der Gott im 9. Monat“. http://www.amazon.de/dp/3738639012
    Denn was in den Heiligen Schriften längst umgesetzt ist, soll im realen Leben irgendwann Realität werden. Patrilinearität ist das, womit es durchgesetzt werden soll. Patrilinearität, das bedeutet: die Frau nimmt den Namen ihres Ehemannes an, und schenkt ihm Kinder, die seinen Namen tragen (obwohl uns das Familienrecht schon seit 1991 etwas anderes erlaubt) und sie bekommt die Kinder nur von ihm ganz exklusiv. Dazu lassen wir noch mehr zu: dass unsere female choice unterdrückt wird. https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2015/10/30/female-choice-unser-menschenrecht/ Im Patriarchat gehören die Kinder dem Vater, nicht nur im Orient, auch bei uns. Spätestens, wenn das Kind in die Schule kommt, mit der Schulpflicht müssen wir das Kind dem Staat ausliefern. Dann reden uns alle rein, wir verlieren beinahe jeden Einfluss und müssen hilflos zusehen, wie die Schule unsere Kinder kaputt macht. Wir liefern den Zielen der Patriarchen unsere Kinder aus. Ob Mann, Kita oder Schule ist dabei völlig egal. Wir träumen von der großen Karriere, aber die machen wir nur, wenn wir da mitspielen. Und wir träumen vom Traumprinzen, der uns in sein Reich führt. Sein Reich wird niemals das unsere sein.
    Wir Mütter sollten endlich erkennen, dass es das Patriarchat darauf abgesehen hat, uns das Wertvollste zu nehmen, was wir haben, unsere Fähigkeit Mutter zu werden. Daher wird uns das Muttersein, unsere bedingungslose Liebe, so madig gemacht, so schwer wie nur irgend möglich, damit wir es freiwillig herausrücken.

    Danke auch an Anne Busch und Gisela Weber!

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    1. hallo, danke für ihren kommentar, bitte schauen sie doch in meine antwort auf anne busch, da entwickle ich ein paar gedanken, die auch im hinblick mit ihre ansätze passen. herzlich fs

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  7. Liebe Franziska Schutzbach,
    herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort auf meinen Kommentar.
    Hach, es gäbe so viel dazu zu sagen, dass es mir nun doch unmöglich erscheint, dies in Kürze und mal eben auf die Schnelle zu schaffen.
    Vielleicht als erste Notizen vorab.
    Wieder kann ich Ihnen ganz und gar folgen in all Ihren Gedankengängen. Dabei teile ich vollkommen Ihre Bedenken gegenüber möglichen Idealisierungen, Ihre Analysen gegebener Prägungen, kultureller Befangenheiten, bzw. Ihr Bemühen, das Wechselspiel von Kultur und Natur zu hinterfragen. Ebenso finde ich mich wieder in Ihren Schilderungen eigener/weiblicher/mütterlicher Unsicherheiten oder Ambivalenzen usw.
    Es hat mir Freude bereitet, Ihren wohldurchdachten und sehr um Differenzierung in jeder Hinsicht bemühten Ausführungen zu folgen. (Im Übrigen kenne und schätze auch ich u.a. die Texte von Antje Schrupp, Ina Praetorius etc., und bin auch ich vertraut mit den Inhalten und Anliegen der Care-Bewegung und unterstütze dieses Engagement grundsätzlich sehr… ;).
    Zugleich entfaltete sich während des Lesens immer deutlicher in mir ein riesengroßes Fragezeichen in Form eines zunächst eher unbestimmbaren Gefühls. Dieses immer deutlicher werdende “Ja-Aber“ stellte sich immer mehr ein, fast möchte ich sagen, gerade WEIL ich Ihren Ausführungen und Argumentationsketten so uneingeschränkt folgen und sich darin meine eigenen, über Jahre gemachten Erfahrungen und kritischen Selbstbefragungen spiegeln konnten.
    Erst zum Ende offenbarte sich, worin der grundlegende Unterschied unserer Herangehensweise besteht. Damit wird auch Ihre Skepsis erst klarer verständlich, bzw. Ihre Befürchtungen im Hinblick auf erneut einschränkende und verklärende Festschreibungen oder Instrumentalisierungen rund um den Begriff der “guten Mutter“.
    In einem allerletzten unscheinbaren Nebensatz, den Sie einfügen, verbirgt sich, zugleich meine ganz und gar im positiven Sinne gemeinte Kritik. Sie schreiben:
    „…(was auch immer in möglichen matriarchalen Gesellschaften, über die ich wenig weiß, einmal war: heute ist heute. Finde ich)“
    Dazu möchte ich zunächst nichts weiter sagen, als dass ich hier eine völlig andere Haltung habe.
    Gar nicht nur deshalb, weil ich es für unmöglich halte, dass wir heute einen Bezug zum Mütterlichen finden könnten, ohne von diesen Dingen wirklich tiefgründig und sehr umfassend zu wissen. Denn ich bin davon überzeugt, dass immer erst das Wissen es uns wirklich erlaubt, einen eigenen persönlichen Bezug, eine eigene fundierte Haltung zu entwickeln. Darin gerade sehe ich die Aufgabe von Wissenschaft, von Aufklärung.
    Insbesondere als Frauen und Mütter können wir unmöglich zu einem authentischen Selbstverständnis und Selbstbewusstsein im Sinne einer wirklich gelebten individuellen Freiheit in Verbundenheit finden, ohne Kenntnisse um diese Zusammenhänge. Es wird uns immer etwas Essentielles verborgen bleiben, wenn wir uns der eigenen Geschichte verweigern oder ihr nicht wirklich auf den Grund gehen können oder wollen.
    Sondern vielmehr vorallem aus einer grundsätzlich anderen Wahrnehmung von Entwicklungsgeschichte überhaupt.
    Denn ganz im Gegensatz zu Ihnen empfinde ich die Geschichte – und damit natürlich unsere Vergangenheit – keineswegs als abgeschlossen, als gewesen, oder sogar als unwichtig für heutige Erfahrungen oder Erkenntnisse, als verstaubt. Ganz im Gegensatz empfinde ich das als Ausdruck eines geradezu exemplarischen Irrtums, sozusagen einer systemimmanenten Verwirrung, zu glauben, dass wie auch immer die Geschichte oder das Leben in der Vergangenheit gewesen sein mag, es sei passe.
    Vielmehr halte ich gerade unsere weibliche Geschichte für den letzten blinden Fleck, der den Weg zur Selbsterkenntnis – nicht nur von Frauen – versperrt.
    Wenn wir als Menschen unser Verhalten, unser Denken und Epfinden in der Tiefe wirklich verstehen wollen, wenn wir – damit eng verbunden -auch dem Umbruchsgeschehen im “Patriarchat der Verfallszeit“ nicht nur hinterherstolpern, sondern dieses wirklich aktiv gestalten und begreifen wollen, können wir nicht umhin, uns eben in ganzer Tiefe mit den Zusammenhängen menschlicher Entwicklung auseinanderzusetzen.
    Ihre Auseinandersetzung mit Texten und Gedanken unterschiedlichster Denkerinnen verweist einerseis ja darauf, dass auch Sie auf Geschichte zurückgreifen, und sei es auf Produkte der Geistesgeschichte. Sie formulieren also im Hinblick auf das Lernen aus der Geschichte ein klares Jein. Damit unterliegen Sie aber ungewollt einer Selbstbeschränkung, die deshalb notgedrungen bisweilen den Eindruck eines „l’art pour l’art“ erweckt.
    Vorerst abschließend – und meine Haltung einmal in aller Kürze zusammenfassend – möchte ich ein in dieser Hinsicht sehr treffendes Zitat aus einer Abhandlung über den Philosophen Ludwig Klages (1872-1956) anfügen:
    „Geschichte ist für den Erscheinungswissenschaftler nicht einfach Vergangenheit, sondern zugleich ein Schatz menschlicher Möglichkeiten. Damit hat ihre Erschließung nicht mehr nur die Bedeutung eines Verstehens aus kontingenten Bedingungen heraus, sondern es handelt sich um ein Aufschließen, Anknüpfen und eine Wiederverflüssigung des Erstarrten. Diese Haltung ist grundsätzlich entgegengesetzt der heute üblichen Historisierung der Geschichte, die der Vorstellung frönt, es gehe bei Geschichte primär um die Befreiung der Gegenwart von der Last der Vergangenheit. Die Wirkungen einer standpunktblinden Historisierung, die die Vergangenheit an der Gegenwart misst und deren letzter Maßstab immer der sogenannte gesunde Menschenverstand ist, ohne zu berücksichtigen, dass dieser auch historisch vereinseitigt und daher defizitär ist, hat Nietzsche in klassischer Form beschrieben…
    Geschichtliche Forschung ist ihrem Wesen nach nicht Kritik der Vergangenheit aufgrund von unhinterfragten Maßstäben der Gegenwart, sondern umgekehrt:
    Sie ist Kritik der Gegenwart und `Entgegenwärtigung`…
    Vergeschichtlichung als Wiederverflüssigung ist der schärfste nur denkbare Gegensatz zur `Historisierung` als Abheften von Erklärtem. Hinter aller ablegenden Historisierung steckt das Konzept einer heimlichen Fortschrittsgeschichte. Hinter Vergeschichtlichung steht dagegen das Lernenwollen. Sie ist Wandlung des Vorgegebenen in ein Aufgegebenes, und die gesamte Geschichte ist uns aufgegeben, solange sie nicht vollendet ist.“
    (Reinhard Falter: “Ludwig Klages – Lebensphilosophie als Zivilisationskritik“ / München 2003)

    Vielleicht können wir unseren spannenden Austausch ja jenseits der Kommentarfunktion fortsetzen… Das würde mich freuen.

    Herzlich!
    Anne Busch

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  8. Hallo
    ich selber bin mit 17 Mutter geworden, heute ist meine Tochter ein Teenager und ich weiß für mich: Ich liebe sie aber ich will das alles nicht nochmal !“Deswegen bleibe ich seitdem kinderlos und genieße jetzt in einem Alter in dem alle anderen Kinder bekommen meine Freiheit

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  9. Liebe Franziska
    Deinen Bericht über Regretting Motherhood finde ich mutig, stimmig und spannend. Ich habe beim Lesen gemerkt, dass ich mir selbst noch nie die Frage gestellt habe, ob ich es bereue, Vater geworden zu sein. Vielleicht hat es damit zu tun, dass mir das Vaterwerden Möglichkeiten geboten hat, aus gewissen Männlichkeitsmustern auszubrechen, die mich vorher gefangenhielten. Aus dem etwas abstrakten Feminismus, den ich mir als Student angeeignet hatte, wurde bei ein stärker praktisch orientiertes Verhältnis zur Welt und zum Alltagsleben, das sich vielleicht als post-feministisch bezeichnen lässt. Die Kinder haben mich unglaublich viel entdecken und reflektieren lassen. Sie sind manchmal unerträglich, aber die wirklichen Herausforderungen liegen im Umgang mit mir selbst, sowie im neuen Gestalten von Partnerschaft und Freundschaftsbeziehungen. Ich bereue das eine oder andere in meinem Leben, aber nicht Vater geworden zu sein.

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    1. Danke! Ja, ich denke, dass Vaterschaft auch nochmal gesellschaftlich anders funktioniert- wie du sagst: Das Herauskommen aus bestimmten Männlichkeiten. Also Befreiung. Während Mutterschaft ja erstmal so nicht wirklich ‚besetz‘ werden kann. Oder eben erst, wenn es eine Art Neu-Bestimmung von Mutterschaft gibt- jenseits der patriarchalen Vorstellungen.
      Ich selber bereue es überigens auch nicht, Mutter zu sein, wie ich in meinem Text schreibe. Aber grudlegende Ambivalenzen gibt es eben, und über die wollte ich schreiben.

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  10. Ich bereue es ebenfalls, Kinder bekommen zu haben. Es ist mordsanstrengend mit Ihnen, man muss autoritär sein wie ein General obwohl mir das nicht liegt und man hat soviel Stress wegen der Kinder. Dinge um die man sich kümmern muss, die man nicht hätte wenn man keine Kinder hätte. Die schöne Zeit die ich mit den Kindern verbringe entschädigen mich keinesfalls für die ekligen Tage und Situationen die ich wegen der Kinder „erleiden“ muss. Muttersein fühlt sich für mich wie ein Gefängnis an aus dem ich nicht ausbrechen kann; ein ungeliebter Job den ich nicht kündigen kann und endlose lange, kräfteraubende Jahre vor mir wie ein Steineklopfer im Steinbruch der noch weiss, dass er einen riesigen Felsen von Hand zu zerkleinern hat. Aus Sicht der Gesellschaft ist man als Mutter immer an allem schuld: schuld dass das Kind geboren wurde, schuld dass es sich nicht optimal entwickelt, schuld wenn es unglücklich wird, schuld wenn es scheitert etc. etc. man hat eigentlich nur allein durch den Akt der Geburt eine riesige Menge an Schuld auf sich geladen. Das Erbe der Mütter wiegt schwer, sehr schwer, zu schwer. Etwas worauf im Nachhinein doch liebend gerne verzichtet hätte.
    Für einen selbst bleibt nicht genug Zeit, Kraft, Kreativität, Ideen, Geld, Frieden, Ruhe, Abgeschiedenheit übrig. Man kommt als Mutter immer IMMER zu kurz! Aber man ist ja selbst schuld, denn man hat sich das Kind ja gewünscht. Jetzt ist man folglich diesem Kind alles schuldig; selbst das eigene Leben und Glück. Ich freue mich, wenn meine irgendwann Kinder selbständig sind und dann hoffentlich früh ausziehen werden (ich tue mein Möglichstes dafür). Ich freue mich auf meine Freiheit die ich dann wieder geniessen kann.

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