Die Versuchung, rechts zu werden

Geschichte eines Deutschen von Sebastian Haffner
Geschichte eines Deutschen von Sebastian Haffner

Es ist manchmal gut, alte Bücher hervor zu nehmen. Zum Beispiel Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“, die von der Erinnerung des jungen Haffners an die Jahre 1914-1933, an die Zeit vor der Machtergreifung der Nazis, handelt. Haffner schrieb seine Erinnerungen 1939 im Exil nieder. Ich bekam das Buch vor einigen Monaten von einer Freundin geschenkt, seither hat es mich nicht mehr losgelassen. Die Prophetie dieses Schlüsselwerks zur nazistischen Heimsuchung Deutschlands bekommt gerade wieder unheimliche Bedeutung.

Haffner war bei der Machtergreifung der Nazis 26 Jahre alt und studierte Jura. 1938 emigrierte er nach England. Dort schrieb er auf, was er in den Jahren vor und während der Machtergreifung erlebt und beobachtet hatte. Es sind die  Berichte eines Augenzeugen, ohne historisch-wissenschaftlichen Anspruch, aber von einer Beobachtungsschärfe, dass manche Historiker später bezweifelten, die Notizen seien tatsächlich in dieser Zeit, und nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden (die Zweifel erwiesen sich als falsch).

Entgegen der Meinung, eine scharfe Sicht bedürfe einer großen zeitlichen Distanz, beweist Haffner, dass man auch mitten im Getümmel blinde Flecken erkennen, sich frei machen kann von vorherrschenden Denkweisen. Schon 1939 fragte er: Wie konnte es so weit kommen? Warum hat sich kaum jemand gegen das Einsickern der Nazis und der Nazi-Ideologie gewehrt?

Die Notizen wurden erst 2000, nach seinem Tod, veröffentlicht und sind breit rezipiert worden. Haffners Zugang besticht durch die Verknüpfung von politischer Analyse und privatem Leben, unglaublich lebensnah berichtet er, wie der Nazismus in den Geist der Menschen, in die Beziehungen, in die Abläufe und Familien sickerte. Er schildert den Alltag als junger Erwachsener, schreibt über seine erste Liebe im Tennisclub und über studentische Faschingsbälle, die von SS-Leuten durchsucht werden, später dann über jüdische Freund_innen, die das Land verlassen, über die Beziehung zu seinem Vater, Brüche mit Freunden, politische Diskussionen mit Bekannten, von denen nicht wenige zu den Nazis überliefen.

Auch seine eigene Entwicklung und Haltung nimmt er fein und manchmal ironisch unter die Lupe, über seine zunehmende Angst nach dem Reichstagsbrand zum Beispiel schreibt er: „Ich rief eine Jiu-Jitsu-Schule an und fragte nach Prospekten und Bedingungen. Ich hatte das Gefühl, dass eine Zeit kam, wo man Jiu-Jitsu würde können müssen (bald darauf merkte ich freilich, dass die Zeit, wo Jiu-Jitsu noch half, schon vorüber war, und dass man sich vielmehr eine Art geistiges Jiu-Jitsu aneignen musste).“ Diese Leichtigkeit im Schrecklichen neiden dem toten Autor einige, er ist damit zeitlebens der offiziellen Geschichtswissenschaft in die Quere gekommen. Und sie rächte sich dafür: Als Haffner in den späten achtziger Jahren die Ehrendoktorwürde erhalten sollte, verweigerten sich die Gelehrten der Freien Universität zu Berlin.

Im Buch geht es vor allem um die (noch) nicht-nazistischen, bürgerlich-städtischen, liberal gesinnten Deutschen: Was taten sie, wie fühlten und reagierten sie, als der Einfluss der Nazis zunahm? Besonders anschaulich ist Haffners Skizzierung der verschiedenen „Versuchungen“, denen viele Menschen aus seinem Umfeld erlagen. Er beobachtet derer drei:

  1. Rückzug ins Private
  2. Verbitterung
  3. Überlaufen

Den Rückzug ins Private beschreibt er als die größte Gefahr – und zählt sich selbst zu dieser Gattung der „Wegseher“. Noch 1933 versuchen offenbar viele der nicht-nazistischen Deutschen, die Machtübernahme der Nazis zu ignorieren: „Es ist unangenehm genug, wenn die Luft über einem Land giftig und qualmig wird. Aber diese Luft kann man bis zu einem gewissen Grad aussperren, man kann seine Fenster dicht zumachen, und sich in die vier Wände eines ausgesparten Privatlebens zurückziehen. Man kann sich abkapseln, sich Blumen ins Zimmer stellen, und sich auf der Straße Ohren und Nase zuhalten. Die Versuchung, so zu verfahren, ist groß. Auch bei mir.“

Noch sieht man Freunde, noch wird diskutiert, noch werden Familiengeburtstage gefeiert wie immer. Aber gerade dieses mechanisch weiterlaufende Leben verhindert – so Haffner – dass irgendwo eine kraftvolle Reaktion gegen das Ungeheuerliche stattfindet. Auch Haffner will lange nicht wahrhaben, dass die Nazi-Primitivlinge wirklich an die Macht kamen, denn „dass sie Feinde waren – Feinde für mich und für alles, was mir teuer war – darüber täuschte ich mich keinen Augenblick. Aber ich neigte damals noch dazu, sie nicht ernst zu nehmen – eine verbreitete Haltung, die ihnen viel geholfen hat und heute noch hilft.“ Dabei befeuert das Nicht-Ernstnehmen auch den Irrglauben, die Nazis durch Einbindung zähmen zu können.

Sich nicht von den Nazis stören lassen

Haffner und seinesgleichen klammern sich lange an das normale unpolitische Weiterleben, denn es gibt scheinbar keine Stelle, von wo aus er gegen die Nazis kämpfen kann, und „so wollte ich mich wenigstens nicht von ihnen stören lassen.“ Schon das ungestörte Weiterfunktionieren der Justiz, überhaupt alles einigermaßen ungestörte Leben empfindet er wie einen Triumph. Bald wird jedoch offensichtlich, dass das Privatleben längst nicht mehr unberührt ist. Immer spürbarer wird eine „neue zitterige Spannung, eine neue Unversöhnlichkeit und hitzige Hassbereitschaft, die in die politische Privatdiskussion drang – in Form eines stets-und-ständig-an-Politik-denken-müssen.“

Der Versuch, die Nazis zu ignorieren, ist auch der Versuch, sich nicht durch Hass und Leiden seelisch korrumpieren zu lassen, man will schließlich gutartig, anständig und nett bleiben – auch wenn das bei vielen irgendwann zum Realitätsverlust führt. Selbstkritisch beschreibt Haffner seine vornehme Weigerung, sich auf Hass und Hetze einzulassen „Ich habe immer zu wissen geglaubt, dass man schon durch ein zu tiefes sich einlassen in Polemik, Streiten mit Unbelehrbaren, Hass auf das Hässliche etwas in sich selber zerstört. Meine Geste der Ablehnung ist Abwendung, nicht Angriff.“ Haffner ist zu diesem Zeitpunkt noch der Meinung, dass man dem Gegner zu viel Ehre erweist, wenn man ihn des Hasses würdigt. Als die stärkste persönliche Beleidigung empfindet er denn auch die Tatsache, dass die Nazis ihn „täglich durch ihre Unübersehbarkeit zwangen, Hass und Ekel zu empfinden“.

Er sehnt sich nach der Möglichkeit einer „souveränen, ungestörten Verachtung“, möchte – mit Stendhal gesprochen – den Sturz in den Dreck vermeiden, sich also nicht nur von Mittäterschaft frei halten, sondern auch vom Dreck des Hasses. Hier wird Haffners privilegierte Position deutlich, denn nur ein Nicht-Jude, ein Nicht-Verfolgter kann ein solch vornehmes Ignorieren, ein solches sich „unversehrt halten“ auch nur ansatzweise in Erwägung ziehen.

Bald schon scheitert allerdings auch Haffner, denn mit dem Rückzug in den Elfenbeinturm funktioniert es nicht, „und ich danke Gott dafür, dass mir der Versuch rasch und gründlich misslang.“ Er kann nicht mehr leugnen, dass der Triumph des Feindlichen das Leben von allen Seiten überflutet, und dass man mitunter seinen Seelenfrieden nur retten kann, indem man ihn opfert (Haffner überwirft sich mit Freunden und Bekannten, verliert seinen Job und muss Deutschland bald verlassen).

Andere jedoch flüchten in die Illusion. Am liebsten in die Illusion der Überlegenheit. Sie versuchen täglich, sich und anderen zu beweisen, dass dies alles unmöglich so weitergehen könne, sie posieren in einer Haltung des „amüsierten Besserwissens, sie ersparten sich die Wahrnehmung des Teuflischen“, wie Haffner schreibt, und kompensieren ihr ohnmächtiges Ausgeliefertsein mit überlegenen Prognosen, die das unvermeidliche Ende des Nazi-Regimes voraussagen.

Das Schlimmste kommt für diese Illusionisten, als die Erfolge der Nazis, die sie immer für unmöglich gehalten hatten, eintreffen. Zu der Einsicht, dass gerade diese Erfolge das Fürchterliche sind, haben sie jedoch keine Kraft mehr. Vielmehr interpretieren sie die Erfolge nun als Beweis, dass die Nazis wohl doch recht haben. Man hört zunehmend Sätze wie: „Aber die Nazis haben doch wirklich geschafft, was keiner geschafft hat!“ Die Illusionisten werden zu Überläufern.

Bürgerliche Untergangsgeilheit

Als eine typisch bürgerliche Versuchung stuft Haffner die Verbitterung und die Selbstaufgabe ein. „Wie völlig hilflos wir geistig waren, mit all unserer bürgerlichen Bildung, vor diesem Vorgang, der in allem, was wir gelernt hatten, einfach nicht vorkam!“ Aufzugeben, sich geschlagen zu geben erscheint deshalb als eine verlockende Option, die sich bei vielen in Form eines schrankenlosen Pessimismus zeigt. Man begegnet sich und der Welt mit einer „erschlafften Gleichgültigkeit“, einer masochistischen Breitwilligkeit, sich dem Teufel einfach zu überlassen. Haffner nennt es einen „trotzigen Selbstmord“, der sehr heroisch aussieht – denn „man weist jeden Trost von sich“. Gleichzeitig übersehen diese Leute, dass gerade in dieser Haltung der giftigste, gefährlichste und lasterhafteste Trost liegt.

Das Bürgertum strotzt vor dieser perversen „Wollust der Selbstaufgabe“, einer „wagnerianischen Todes- und Untergangsgeilheit“, denn sie ist eine Tröstung für Geschlagene, die nicht die Kraft aufbringen, ihre Niederlage als Niederlage zu ertragen. Diese Leute gehen herum und „greueln“, wie Haffner weiter schreibt. „Das Entsetzliche ist die unentbehrliche Grundlage ihres Geistes geworden; das einzige, düstere Vergnügen, das ihnen geblieben ist, ist die schwelgerische Ausmalung der Furchtbarkeiten. Vielen von ihnen würde etwas fehlen, wenn sie dies nicht mehr hätten, und bei manchen hat sich die pessimistische Verzweiflung geradezu in eine Art Behaglichkeit umgesetzt.“ Ein schmaler Seitenweg führt auch von dieser melancholischen Behaglichkeit zum Nazitum: Wenn doch schon alles egal, alles verloren, alles des Teufels ist, warum dann nicht selber sich zu den Teufeln schlagen?

Am 5. März 1933 sind die Nazis noch in der Minderheit, einige Wochen später schon haben sie die Mehrheit, auf einmal treten Hunderttausende der Partei bei, die bis dahin gegen sie gestanden hatten. Sie kommen von den Sozialdemokrat_innen und Kommunist_innen, es sind die so genannten „Märzgefallenen“, zum ersten mal auch Arbeiter_innen. Die Gründe für dieses Überlaufen sind vielfältig, Haffner beschreibt vor allem die Angst, die Angst bei den Verlierern zu sein. Man versucht, mit zu prügeln, um nicht zu den Geprügelten zu gehören. Das Ergebnis ist ein kollektiver Nervenzusammenbruch, ein umfassendes Nachgeben und Kapitulieren mit dem Ergebnis eines geeinten, zu allem bereiten Volk.

Wer Haffner heute liest, hat unweigerlich den aktuellen Rechtsrutsch in Europa vor Augen. Natürlich haben wir nicht die Situation von 1933. Aber nicht in dem Sinne, dass doch eigentlich bis jetzt die demokratischen, verfassungsrechtlichen Grundstrukturen und Institutionen funktionieren, oder dass eine Militarisierung der Gesellschaft durch Fahnenmärsche und Masseninszenierungen heute kaum noch denkbar wäre. Sondern mehr in dem Sinne: die Situation ist deshalb nicht vergleichbar, weil wir heute ganz genau wissen – noch viel genauer als damals Sebastian Haffnerwohin die Ausbreitung reaktionärer und rassistischer Weltanschauungen und Bewegungen führen können. There will be really no excuse.

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2 Gedanken zu “Die Versuchung, rechts zu werden

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