Oh wie schön ist Panama

 

Von Mikael Krogerus und Franziska Schutzbach

Schon ein ziemliches Ding, diese Panama-Papers. Die Erregung, mit der viele über eine „Sternstunde des Journalismus“ jubeln, stimmt aber nachdenklich. Denn worin besteht eigentlich die journalistische Leistung? Eine anonyme Email empfangen und anschliessend eine gewaltige Datenmengen mit einem internationalen Team von Spitzenjournalisten aufarbeiten und obendrauf noch ein Buchprojekt lancieren ist beeindruckend und wichtig und war sicher aufwändig. Aber: ist Informationen von Whistelblowern aufarbeiten wirklich das, was wir unter journalistischer Sternstunde verstehen?

Die Recherchen waren natürlich relevant und richtig. Aber was genau wurde hier aufgedeckt, was nicht schon bekannt war? Was verrät dieser Scoop, was wir nicht schon wussten? Dass die Eliten sich bereichern, ist bekannt. Dass viele, die können, Steuern hinterziehen, auch. Dass Kapitalismus scheisse ist, erwähnte schon Marx. Auch über (post)koloniale Ausbeutungsverhältnisse wissen wir im Prinzip Bescheid. Hat sich also auf konkrete Weise noch einmal bestätigt, was wir ohnehin wissen?

Man möge das nicht falch verstehen: Es ist wichtig, dass diese konkreten Fälle bekannt und wenn möglich geahndet werden. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob das die Sternstunde des Journalismus ist, oder vielleicht doch nicht einfach Journalismus. Anzuprangern was die Mächtigen machen, ist wichtige Arbeit. Aber verführt auch zu reduzierten Perspektiven.

Die diebische Freude, mit der jetzt notiert wird, dass auch VIPs wie Messi, Poroschenko oder indirekt Putin dabei sind, entfesselt eine (medientypischen) Erregungslogik, die manchmal mehr verdeckt als zum Vorschein bringt. Das Enthüllen der Machenschaften der Eliten wird zum Ersatz für eine tiefere, vielleicht kompliziertere Auseinandersetzung mit den Verhältnissen, in denen wir leben und an denen wir alle beteiligt sind. Oder um es mit einem Facebook-Kommentar von Kaspar Surber zu sagen: „Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Gestus der brisanten Enthüllung und dem Nicht-Wahrhaben-Wollen, dass man tief drin steckt in den kapitalistischen Verhältnissen. Im Moment der Aufdeckung wird die eigene Involviertheit verdeckt“.

„Panama“ funktioniert wie der Occupy-Slogan „We are the 99 Percent“. Gegen die Steuersünder können wir alle uns zusammenrotten und uns in dem Gefühl suhlen, auf der richtigen Seite zu stehen und ohnmächtig zu sein angesichts der wirklich Mächtigen. Mit Panama kann nun wirklich jeder und jede das Gefühl entwickeln, zu den 99 Prozent zu gehören  – und nicht zu den Profiteuren und Privilegierten.

Unsere moraline Empörung über die gierige Finanzwelt ist eine legitime, aber auch eine denkbar einfache Position. Sie verstösst gegen nichts. Dieses Bescheidwissen über die Finanzmachenschaften von Eliten, dieses Meinungen-haben darüber, wie sie zu kontrollieren wären, das ist der kritische Staatsbürger, wie er uns im Sachkundeunterricht beigebracht wurde. Das ist die Dominanz des Positivismus über jegliches kritische, reflexive Denken, darin verbirgt sich ein Anspruch an Wahrheit, der immer schon weiss, wer die Übeltäter sind, und was zu tun ist.

Hinter der Begeisterung über Panama steht mithin auch die Erleichterung, dass es – jenseits unserer eigenen Komfortzone – Dinge gibt, die falsch laufen, dass man diese aber bennen und dann beheben kann. Oh, wie schön ist es mit Panama endlich sagen zu können: Das Problem sind die Gier, der Betrug und die Korruptheit der 1 Prozent. Und letztlich müssen wir bloss Grenzen fürs Geld und Gesetze für die Reichen installieren –  schon geht’s uns besser. Panama kann im ungünstigsten Fall den Effekt eines Krisenverschiebers haben. Moralische Entrüstung hebt politische Kategorien auf.

Um es nochmals klar zu stellen: dies ist keine Kritik an der Arbeit der Panama-Papers-Journalisten. Es ist wichtig, dass diese Fälle aufgedeckt werden. Es braucht aber auch ein Nachdenken über Medien- und Aufregerlogik. Vielleicht sollten wir uns  von dieser alles dominierenden und stark individualisierenden Breaking-News-Mechanik verabschieden. Das Breaking von heute ist das Vergessen von morgen. Vielleicht sollten wir uns fragen, durch welche Logiken Themen zu News werden.

Das hiesse zum Beispiel fragen, warum das „An-den-Pranger-Stellen“ konsumiert wird wie Popcorn im Kino, während die schwerer zu erzählenden Geschichten harzig laufen. Geschichten darüber, in welcher Weise wir Mittelständlerinnen und Faserpelz-Sportler selber Profiteure sind, inwiefern in uns selbst Doppelmoralisten, Weggucker, Rassistinnen, Antisemiten, Sexisten oder Homphobe zu finden sind.

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2 Gedanken zu “Oh wie schön ist Panama

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