Wer will Chefin sein?

Die Italienische Philosophin Luisa Muraro schreibt in dem Sammelband des Diotima-Kollektivs „Jenseits der Gleichheit“, dass die gesellschaftliche Unsichtbarkeit der Frauen* nicht nur eine Folge von Ausschlüssen oder Unterdrückung sei, sondern sich darin womöglich auch deren Wille und Entscheidung spiegle, sich nicht in den so genannten Zentren der Macht aufzuhalten. Anders gesagt: Frauen* sind seltener in den Zentren der Macht anzutreffen, weil sie erstens etwas anderes tun, und zweitens vielleicht dort nicht sein wollen.

Eine solche Perspektive ist natürlich gewagt angesichts der verbreiteten (oft männlichen) Narration, Frauen* wollten nun mal keine Führungspositionen, oder man habe eben keine Frau* gefunden, die in der Talkshow mitreden wolle. Ergo seien sie selbst Schuld an ihrer fortbestehenden Marginalisierung. Dass eine solche Narration letztlich den Status Quo der fortbestehenden Unter-Repräsentanz von Frauen* in Kauf nimmt und das Thema auf diese Weise für sich abhakt, ist offensichtlich: Es kann weiterhin so getan werden, als ob die vorherrschenden Verhältnisse nicht nur unveränderbar, sondern auch richtig wären.

Den Italienerinnen und anderen Denkerinnen geht es aber um etwas anderes: Wenn Frauen* (oder andere minorisierte Menschen) in den Zentren der Macht nicht nur nicht sein können, sondern dort auch nicht sein wollen, ist es vielleicht dort schlicht nicht attraktiv, nicht sinnvoll, nicht konstruktiv. Die angeblichen Zentren der Macht sind offenbar Orte, an denen Frauen* nicht das Gefühl und das Bedürfnis haben, etwas ausrichten oder beitragen zu wollen.

Wer es wirklich ernst meint mit der Inklusion – weil eine Diskussionsrunde, eine Redaktion, eine Universität oder ein Parlament ohne Frauen* weder sachgerecht noch vollständig sein kann – müsste also darin investieren, die Bedingungen und den Rahmen auf eine Weise anzupassen, dass auch Frauen* (oder andere minorisierte Menschen) etwas beitragen können und wollen.

Anders gesagt müssen sich die Orte der Macht den Bedürfnissen und Potentialen von Frauen* anpassen, anstatt dauernd einzufordern, Frauen* sollten mehr Durchsetzungs-Skills o.ä. erwerben.

(Danke an Antje Schrupp, und Dorothee Markert, durch deren Arbeit (zum Bsp. Übersetzungen und diverse Blogs) ich die Differenz-Philosophie immer wieder neu entdecke)

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Ein Gedanke zu “Wer will Chefin sein?

  1. Sehr spannend – danke für diesen Artikel!
    Genau so denke ich auch und habe erst letzte Woche dazu aus ganz anderer Perspektive gebloggt: http://konflikte-entfalten.de/frauen-koennen-und-wollen-nicht-fuehren-jedenfalls-nicht-so-unternehmenskultur/
    Wie schön, meine Einschätzung aus der Sicht des Affidamento bestätigt zu wissen:)
    Die Frage ist, wie eine Unternehmenskultur (der Hauptbezugspunkt in meinem Beitrag) sein müsste, damit Frauen gerne führen, und wie wir dorthin gelangen können. Gibt es dazu evtl. Aussagen der Italienerinnen?
    Herzliche Grüße!

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