Arena vorbei. Wir hatten Fun – und mehr

herdUnter dem Hashtag #srfarena haben seit Donnerstag viele Menschen in der Schweiz gegen die steinzeitlich konzipierte TV-Sendung „Arena“ zum Thema „Frauen am Herd?“ protestiert.

Facebook und die Schweizer Twitterlandschaft wurden während zwei Tagen mit ironischen Herdbildern, Anfragen zu Rezepten, glücklichen Hausfrauen oder solidarischen Männern am oder im Herd geflutet. Eine kleine Statistik zeigt, dass „der nationale Tag des Herdes“ – wie er von manchen ausgerufen wurde – in den sozialen Medien sogar noch vor dem EM-Start lag.

Yes we had Fun! (Siehe „Galerie der Herdologie“)

Nun höre und lese ich von verschiedener Seite, dass diese „Aufmerksamkeit“ doch gerade das erklärte Ziel des Schweizer Fernsehen sei, schliesslich gehe es diesem um Traffic, um Klicks, SRF würde nun weiterhin oder jetzt erst recht solche dümmlichen Sendungen produzieren. Bei „Watson“ zum Beispiel heisst es, die Kritik sei „beste Werbung für Projer“ (das ist der Moderator).

Ich finde den Einwand berechtigt und auch richtig. Mit dem Dilemma, dass Kritik gerade jene ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, die man kritisiert, haben wir immer wieder zu tun. Gleichzeitig denke ich, dass der Effekt der gestrigen Hashtag-Aktion nicht einseitig an dieser Frage gemessen werden kann: Genauso und sogar gleichzeitig kann eine solche Aktion eben auch ‚richtige‘, wichtige Wirkungsweisen haben.

Ja, vielleicht wurde SRF bestärkt, weiterhin polemischen Blödsinn zu machen. Daneben gab es aber auch den Effekt, dass viele Menschen in der Schweiz wieder zu feministischen Anliegen öffentlich Stellung bezogen, dass wir erfahren haben, dass das geht. Es wurden Menschen zum nachdenken und diskutieren angeregt. Wer weiss, was für Bündnisse sich dabei ergeben haben, welche Prozesse des Umdenkens, überhaupt des Denkens und weiteren Diskutierens, welche nachfolgenden Aktionen und Forderungen daraus entstehen.

Zudem ist SRF kein einheitlicher Koloss, es sind Menschen, die dort arbeiten, Individuen. Einzelne werden dort vielleicht aufgrund der Kritik etwas ausrichten, die Kritik hineintragen, sie ernst nehmen. Ich kenne eine ganze Reihe Leute, die bei SRF oder überhaupt in den Medien arbeiten, die ganz sicher nicht einfach nur Traffic wollen, denen es um Inhalte geht. Zu unterstellen, solche Kritik stosse auf einen gigantischen Kommerz-Riesen, der nur gemäss einer rein ökonomischen Logik agiere und alles sofort kommerziell vereinnahme, finde ich nicht nur einseitig, sondern für die Individuen, die diese Kritik formulieren oder teilen auch ziemlich entmündigend.

Und after all: Auch wenn wir „nur“ Profilbildli geändert und Rezepte getwittert haben, also Symbolpolitik betrieben haben: Symbolpolitik braucht es – genauso wie strukturelle Veränderungen!  Ohne jahrelange Symbolpolitik, das heisst ohne die Kritik an Werten, Idealen, Ideologien, medialen und kulturellen Darstellungen und Repräsentationen usw. wäre strukturelle Veränderung wohl kaum möglich. Die Änderung eines Gesetzes zum Beispiel passiert nicht von heute auf morgen, sondern bedarf oft wiederholter, jahrzehntelanger Arbeit an der Alltagskultur (zu der zum Beispiel Medienprodukte gehören). In den Köpfen der Menschen muss sich etwas verändern, damit konkrete politisch Schritte möglich sind.

Ich halte deshalb die Unterscheidung zwischen „das hier ist echte und konkrete Politik“ versus „das hier ist nur Symbolpolitik“ für problematisch. Diese Unterscheidung führt zu unnötigen Spaltungen zwischen unterschiedlichen Akteur_innen. Es braucht Politik auf ganz verschiedenen Ebenen. Es gibt nicht das eine richtig Handeln oder den einen richtigen Ort des Kampfes.

Das Problem mit der zu vielen Aufmerksamkeit für „Arena“ ist real. Aber ich möchte aus diesem Grund nicht darauf verzichten, weiterhin Kritik an medialen Fehltritten zu formulieren. Dabei ist Kritik an Medien-Erzeugnissen nur ein kleiner Teil, natürlich geht es um tiefliegende Probleme, müssen die Diskussionen weiter  gehen, natürlich ist nicht die „Arena“ selbst das Haupt-Problem, Medien sind Symptom (aber auch Verstärker) gesellschaftlicher Ordnungen.

Es gibt keinen richtigen Prostest im falschen System. Alle Handlungen können immer auch „falsche“ Effekte haben, sich in ihr Gegenteil verwandeln. Ich persönliche halte aber weniger die Frage „wie reagieren die Gegner?“ für entscheidend, wichtiger erscheinen mir Fragen nach ‚innen‘, zum Beispiel: Was, wenn weisse bzw. westliche Frauen* ihre Definitionen von „Feminismus“ machtvoll durchsetzen und andere Frauen* zum Schweigen bringen? Über solche „Falschigkeiten“ oder Effekte muss kontinuierlich reflektiert und gestritten werden  – dafür gilt es, Energie aufzuwenden. Denn auch feministische Argumentationen und Politiken sind nicht frei von Machtverhältnissen.

Meine Handlungsweisen daran zu bemessen, welche Effekte sie eventuell beim „Gegner“ haben, möchte ich lieber nicht. Natürlich kann man darüber diskutieren und nachdenken. Aber ich möchte diese Frage sicher nicht als präventiven Massstab meiner Freiheit verinnerlichen.

 

 

 

 

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