Der rechtsnationale Ekel vor der „Gleichmacherei“

Die Schweizer Plattform „Geschichte der Gegenwart“ hat  gestern einen Artikel von mir über den Zusammenhang von Antifeminismus und Rechtsnationalismus veröffentlicht.

Ich beschäftige mich in dem Text mit der Frage, auf welche Weise Gender- und Feminismus-Bashing ein zentraler Aspekt rechtsnationalistischer Weltanschauungen sind.

Hier gehts zum Text

 

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Ich schulde niemandem Schönheit

GASTBEITRAG

Von Maaike Kellenberger

Das Ärgste an Kommentaren wie «natürlich ist sie Feministin / links, wenn sie *so* aussieht» ist nicht, dass sie einer ganzen politischen Kraft, einer Einstellung, einer Meinung, einem täglichen (!) Kampf unterstellen, diese würden nur auf (m)einer Hässlichkeit basieren – und nicht etwa auf den Jahren, in denen ich mich gebildet habe, gewachsen bin, problematisch war, korrigiert wurde, reagieren musste.

Das wirklich Stinkende an solchen Äusserungen ist, dass sie – während sie oberflächlich «bloss» beleidigend und sexistisch, also provokativ (try again) sein wollen – eine Vorstellung festigen, die tief in uns sitzt. Eine Vorstellung, die auch in mir sitzt, und zwar so tief, dass ich mir täglich vor Augen halten muss, wieder und wieder gegen sie anzukämpfen und zu ent-lernen, was ich einst lernte, und was mir immer wieder gelehrt wird: dass der grösste Frevel, den eine Frau begehen kann, ist, hässlich zu sein.

Jemand will mich beleidigen, weil er meine Gesinnung nicht teilt – ich bin hässlich. Jemand will mich verletzen, weil ich seinen Abstimmungswunsch nicht teile – ich bin hässlich. Jemand ist frustriert, weil er mein Bett nicht teilt – (jetzt) bin ich hässlich. Oder fett. Oder habe zu kleine Brüste. Zu grosse Nippel. Zu viele Haare. Zu kurze Haare.

Sag, ich sei nicht informiert. Sag, ich sei ignorant. Sag, ich mache meine Arbeit nicht gut. Sag, ich sei böse. Sag, ich sei desinteressiert. Sag, ich sei inkompetent. Sag, ich sei destruktiv. Sag, ich sei kleinlich. Sag, ich sei grob. Sag, ich sei unbedacht. Hör auf, hässlich als weibliches Pendant zu all den miesen Dingen zu betrachten, die ein Mensch, ein Mann, sein darf – und die auch ich hin und wieder bin .

Manchmal bin ich versucht, meine Schönheit, die da mal ist, und mal auch nicht – ich bin versucht, sie hervorzuholen, sie zu kämmen, sie zu hegen, sie zu streicheln, sie dann zu fotografieren und damit allen eins auszuwischen, die doch so überzeugt riefen, aus ‚weiblich und links‘ liesse sich ‚hässlich‘ ableiten. Und dann bricht mein Herz ein wenig, zum Glück immer nur stückweise, denn dann erinnere ich mich und wiederhole so oft wie nötig:

Ich schulde der Welt meine Schönheit nicht. Es ist nicht Teil meiner Aufgabe, schön zu sein. Ich habe nie versprochen, schön zu sein.

WIR SCHULDEN EUCH UNSERE SCHÖNHEIT NICHT.

Zerstören wir die Idee, dass Hässlichkeit etwas Schlechtes ist – das Schlechteste gar, was von einer Frau zu erwarten ist; das Wildeste, was sie sich trauen kann. Lasst uns nicht zeigen, dass Feministinnen schön sind.

Lasst uns stattdessen hinarbeiten auf den Tag, an dem sie sich wünschten, wir wären bloss hässlich.


 

Maaike

Maaike Kellenberger studiert Allgemeine Sprachwissenschaft und Germanistik an der Universität Zürich. Sie ist Netzaktivistin (@linguipster) und findet, dass es besser ist, Sexisten auf ihre Plätze zu verweisen, als die Wut in sich hineinzufressen. Sie hält Sprache für sehr mächtig und kämpft für einen intersektionalen Feminismus.