Mein Doppelleben

beauty

 

Ich habe eine Schwäche für Kosmetik-Verkäuferinnen. Kosmetik-Verkäuferinnen wirken auf mich hypnotisch. Sobald ich einer gegenüber stehe, regrediere ich, werde gefügig wie ein dressierter  Dackel, lasse mich einbalsamieren und einlullen und wechsle in den Jargon des Repair-Serums, der fühlbaren Straffung, der verbesserten Ebenmässigkeit und sichtbaren Leuchtkraft. Meistens verlasse ich den Laden eingedeckt mit Makeup, 3-Phasen-Pflege-Systemen, Werbegeschenken und einer neuen Kundenkarte (ich habe sonst NIE Kundenkarten). Dabei wollte ich doch nur diesen einen Lippenstift, den ich immer habe.

Mit Kosmetik-Verkäuferinnen führe ich ein etwas teures Doppelleben. Sie sind für mich wie Botschafterinnen aus einer anderen Welt, einer Welt, in der ich normalerweise so fremd bin wie ein Hausbesetzer in der Polizeischule. Gleichwohl bin ich manchmal auf eine perverse Art angezogen von dieser Welt der manikürten Nägel, der exakt gezupften Augenbrauen, klinischen Hygiene und verkäuferischen Professionalität. Eine Welt, in der es für jedes Problem eine Lösung zu geben scheint und sich alles – wenn Frau wollte – mit 3- oder 7-Phasen-Systemen beheben liesse.

Kosmetik-Shops repräsentieren für mich genau das, was in meinem Leben fehlt: immer gleiche und sorgfältig ausgewählte Abläufe, solide Automatismen, mit denen man identifiziert ist und die sich bewährt haben – 3-Phasen-Systeme eben. Ich selbst bin alles andere als ein 3-Phasen-System, ich bin oft fahrig, zufällig, nicht selten unkonzentriert und disziplinlos und zu allem Übel auch noch feministisch, politisch, lesend, oft zweifelnd. All das macht das Leben nicht leicht und führt zu einem, sagen wir, eher unregelmässigen Lebensstil.

Der Musiker Peter Licht hat die Unregelmässigkeit seines Lebens, sein Hadern mit ihr aber gleichzeitig auch die Notwendigkeit dieses Haderns folgendermassen beschrieben: „Ich bin im Tiefflug unterwegs. Manchmal arbeite ich monatelang sehr viel, dann wieder wochenlang gar nichts. Dann klingelt morgens der Wecker, und da ist: nichts. Wenn man stabil ist, kann sich das super anfühlen, aber wehe, man hat keine Disziplin, dann kommt man schnell unter die Räder. Aber für das, was ich mache, ist diese Schutzlosigkeit wohl unerlässlich. Weil ich das kapitalistische System nur runter-deklinieren kann, wenn ich selbst von ihm in Mitleidenschaft gezogen werde. Ich muss mich auf diesem Kampfplatz befinden, um meine Texte und Lieder schreiben zu können. Man singt nicht vom Ende des Kapitalismus, wenn man Beamter ist.“

…Auch nicht, wenn man manikürt ist oder Dinge wie Kundenkarten griffbereit hat.

Wenn ich gut drauf bin, sehe ich das auch so und finde Gefallen an meinem Leben. Aber manchmal überkommt mich eine so grosse Sehnsucht nach einem 3-Phasen-System, dass ich dafür viel Geld ausgebe – als ob man das, wonach ich mich sehne, tatsächlich kaufen könnte. Kann man nicht. Aber bei meinen Freundinnen in der Kosmetikabteilung bekomme ich für kurze Zeit das Gefühl, ich sei eine von ihnen, eine von diesen ‚Frauenzeitschriften-Frauen‘ mit „Ritualen der Entspannung“ (wie die Bodylotion verspricht), die die „kleinen Dinge geniessen“ (wie es auf der Serum-Packung steht), die Bodysprays haben, einen für morgens mit belebender Wirkung und einen für abends, bevor man sich ins Bett kuschelt (!).

Unter der Fuchtel von Kosmetikerinnen überkommt mich die Illusion, diesem unerreichbaren Zustand etwas näher zu sein: den richtigen Jasmintee zur richtigen Tageszeit zu trinken, das Fitbit-Band gut am Handgelenk befestigt zu haben, „meinen Frisör“ und „mein Lieblingsrestaurant“ zu  haben, „richtige Entscheidungen“ zu treffen und überhaupt alles im Leben sorgfältig ausgewählt zu haben.

Ich weiss, dass ich mit meiner Neigung und meinem Doppelleben nicht alleine bin, eine meiner feministischen Freundinnen erzählte, bei ihr seien es Putzmittel. Sie kann an keinem gut sortierten Putzmittel-Regal vorbei, ohne danach die neusten Kalk-Killer im Sack zu haben. Obwohl sie sogar ein ökologischer Mensch ist, versagt hier jede Vernunft. Sie steht auch Stunden lang bei diesen Kirmes-Verkäufern, die ins Mikrophon plärren und Fensterputzmittel vorführen. Eine andere Freundin liest intensiv die Gala und tonnenweise diese Erotik-Romane. Wieder eine andere hat es mit deutschen Drogeriemärkten.

Hobbypsychologisch gesehen sind das natürlich Kompensationshandlungen. Das Gefühl, das mich überkommt, wenn ich abends einbalsamiert im Bett liege, ist zwar ganz schön – aber leider bin ich eben doch immer noch ich.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s