Scheu-Klappen ablegen, liebe NZZ-Herren!

Offenbar entdeckt man in der Schweiz gerade das Political-Correctness-Bashing. Oder greift es wieder auf, es kommt und geht in Wellen. In den letzten Tagen sind in der NZZ gleich zwei Texte erschienen (von René Scheu und Jan Flückiger), die die Empfindlichkeiten von Minderheiten kritisieren oder sich darüber lustig machen. Zusammenfassung: Flückiger mokiert sich in einer Glosse über das Sternchen bei den SP-Frauen* und deren Kritik am Burkaverbot. Ganz nebenbei vermittelt Flückiger dabei – ob aus Unwissenheit oder böser Absicht – die falsche Vorstellung, Transfrauen seien Männer, die Frauen spielen wollen. Scheu wiederum schreibt einen komplizierten Aufsatz mit falschen Herleitungen zum „Opferautoritarismus“. Kernthese: Die Anliegen von Minderheiten sind reine Selbst-Viktimisierungen, echte Kerle wie Clint Eastwood wissen es besser, und wenn der Staat Minderheiten hilft, dann sei das ein Triumph des „egozentrischen Selbsts mit Staatsreflex über den Individualisten“. Also der übliche abgehangene Anti-Etatismus helvetischer Prägung.

Freilich erreichen die Schweizer Schreiberlinge nicht die Eloquenz eines Harald Martensteins oder anderer deutscher Exponenten des PC-Bashings, die in den letzten Jahren den Anti-Genderismus- oder den ‚N-Wort-sagen-dürfen-Diskurs‘ erfolgreich bedient haben, und von denen die Schweizer jetzt mit vier Jahren Verspätung abschreiben. Gleichwohl ist das, was sie mit ihren Texten anrichten, fatal. Und deshalb schreibe ich nun, zugegeben etwas ermattet, eine Antwort (das haben in den vergangenen Jahren viele schon brillant gemacht; Robin Detje, Margarete Stokowski, Paula Villa und Sabine Hark, in der Schweiz Güzin Kar, Simone Meier und andere. Ich denke aber, man muss es immer wieder tun).

Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, Leute wie Scheu oder Flückiger hätten ein Ohr für Einwände. Sie stecken zu tief im Schlamassel, ihre Verachtung ist zu weit fortgeschritten. Vielmehr schreibe ich für die ’noch Erreichbaren‘, die noch Unentschiedenen, für diejenigen also, denen zwar etwas mulmig ist angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen laut und hörbar für ihre Belange einstehen (sei es für Transgender-Toiletten oder dafür, bestimmte verletzende Wörter nicht mehr zu benutzen). Die darauf aber nicht mit Beissreflex reagieren, sondern einigermassen gelassen zu akzeptieren bereit sind, dass die Gesellschaft sich verändert.

Es ist, wie Robin Detje schreibt: „Ein kleines weisses heterosexuelles männliches Journalistendorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten“. Und es wird auch nicht aufhören, man kann nur abwarten und hoffen, dass sie bald abtreten. Und man kann versuchen, ihre Wirkmacht und den Schaden zu begrenzen, den sie vorher noch anzurichten in der Lage sind. Zum Beispiel, indem man zu vermitteln versucht, dass ein Sternchen bei den SP-Frauen* keine „PC-Diktatur“ ist, sondern einfach eine Form von Sichtbarmachung von unterschiedlichen Menschen. Das Sternchen steht für Pluralismus, nicht für Vorschriften, es steht für ein politisches Paradigma, das sich bemüht, möglichst inklusiv zu sein.

Scheu und Flückiger geht es in ihren Attacken nicht um die ernsthafte Frage, ob ein Sternchen wirklich sinnvoll ist (das lässt sich durchaus diskutieren). Vielmehr wehren sie sich gegen die Einsicht (man kann es auch Anstand nennen), dass Themen, die für einen selbst irrelevant scheinen (N-Wort, Trans-Klos oder Sternchen) für andere durchaus bedeutsam sein können. Scheu und Flückiger wollen sich nicht in andere hineinversetzen, ihre eigene Erfahrung ist ihnen genug, um zu wissen, welche politischen Anliegen richtig oder falsch sind, was ‚echte‘ Diskriminierung ist und was nicht. Darüber wollen sie weiterhin entscheiden. Scheus These, es handle sich bei den Kämpfen verschiedener Gruppen um blosse Empfindlichkeiten und Opfer-Autoritarismus, zeigt eine tiefe Sorge, diese Definitionshoheit zu verlieren.

Es zeigt aber noch etwas anderes: Wären Männer wie Scheu und Flückiger in ihrer eigenen Sexualität oder Männlichkeit tatsächlich cool, würde eine kleine Sprachänderung oder Ähnliches sie wohl kaum kratzen. Um es mit Elias Canetti zu sagen: Was so sehr betont werden muss, liegt wohl in den letzten Zügen. Wäre man sich seiner eigenen heterosexuellen, binären, männlichen Identität sicher, müsste man keine seitenlange Abwehr gegen alternative Vorschläge oder Pluralisierung verfassen. Man könnte mit Vorschlägen, die Binaritäten herausfordern und erweitern, gelassen umgehen (denn man wüsste auch, dass eine Erweiterung ja nicht heisst, dass Menschen nicht mehr eindeutig weiblich oder männlich sein dürfen).

Oder wie es die Geschlechterforscherin Raewyn Connell fragt: Wäre man sich der Natürlichkeit einer binären und heterosexuellen Geschlechterordnung wirklich gewiss, bräuchte es auch keine gesetzlichen oder diskursiven Sanktionen oder Diskreditierungen anderer Lebensweisen. Denn was „natürlich“ ist, müsste sich ja eigentlich ganz von selbst halten, nicht wahr? Anders gesagt: Die Abwehr von Gleichstellung oder Veränderung macht nur Sinn, wenn man der Meinung ist, es müsste eine natürliche oder bestehende Ordnung verteidigt werden, die nicht natürlich bzw. sicher genug ist, um ohne Verteidigung auszukommen.

Die aggressiven Attacken in der NZZ machen letztlich vor allem deutlich, dass Leute wie Scheu und Flückiger spüren, dass sie mit ihren Vorstellungen zunehmend auf dünnem Eis sitzen, dass ihre Zeit abgelaufen ist, weil das, was sie für selbstverständlich hielten oder halten, inklusive ihre Privilegien, nicht ganz so selbstverständlich mehr ist. Scheus Text ist in dieser Hinsicht exemplarisch: Indem er die Anliegen verschiedener Minderheiten als Opferdiskurs diskreditiert, versucht er, diese klein zu machen, um ihnen die Bedrohung zu nehmen. Es ist ein alter Trick, politische Anliegen als Ausdruck der persönlichen Empfindlichkeit zu desavouieren, und sie dadurch auszuschalten, ihnen die Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Ein weiterer Trick der Verkleinerung: man reduziert sie auf den Status reiner „Symbolpolitik“, im Stile Flückigers, der sinngemäss nahelegt, angesichts dessen, dass Frauen im Schleier unterdrückt werden, sei die Sternchen-Politik lächerlich. Dadurch wird der eine politische Kampf gegen den anderen ausgespielt und so getan, als wären strukturelle bzw. soziale Diskriminierung, physische Gewalt und symbolische Diskriminierung (zum Beispiel durch Sprache oder sexistische bzw. rassistische Werbung usw.) getrennte Sphären, die nichts miteinander zu tun haben. Die Trennung dieser Sphären ist aber eine Fehlanalyse gesellschaftlicher Macht-Verhältnisse, mit dem Effekt, dass bestimmte Anliegen als hysterisch, moralistisch, eben als reine „Selbst-Viktimisierung“ delegitimiert werden können.

Dabei behauptet wohl kaum eine Feministin oder Transperson, ihr Engagement für neue Sprachideen oder Transgender-Toiletten sei das Wichtigste oder alles Entscheidende oder gar die ‚ganze Politik‘. Selbstverständlich gibt es ‚wichtigere‘ oder sagen wir ‚gravierendere‘ Probleme, gleichwohl sind es aber eben kleine Teil-Aspekte, die zusammengenommen wichtig sind, wenn es darum gehen soll, eine Gesellschaft zu ermöglichen, in der sehr unterschiedliche Menschen sich wohlfühlen können.

Entscheidend für eine solche offene Gesellschaft ist längerfristig übrigens nicht das Sternchen, sondern die Frage, ob Angehörige der Mehrheitsgesellschaft sich ab und zu auch zurückhalten können in ihren Urteilen. Denn anderen zuzuhören und etwas von ihnen zu lernen ist nicht Zensur. Weiter wäre es gut, wenn akzeptiert würde, dass Forderungen von Minderheiten zuweilen nicht bequem sind, sondern manchmal auch aggressiv oder ‚kleinlich‘, unnachgiebig, vehement oder leidenschaftlich hervorgebracht werden. Wie bitte sollen sie sonst hörbar für ihre Anliegen streiten? Mit Nettigkeiten? Dass Minderheiten laut sein müssen, kann man ihnen nicht ernsthaft vorwerfen. So paradox es kling, aber Minderheitenpolitiken können es nun mal nicht denen Recht machen wollen, die mehr Macht haben.

Vehement ist aber nicht automatisch das gleiche wie „autoritär“. Das zu unterscheiden wäre Herrn Scheu durchaus zuzumuten. Stattdessen bedient er sich eines vollkommen verwischten Autoritäts-Begriffs, sein Kumpel Markus Somm oder andere verwenden in ähnlichen Texten sogar Begriffe wie „Diktatur“. Aber autoritär oder diktatorisch, das sind genau genommen Leute, die Menschenrechte aushebeln oder Verfassungen ausser Kraft setzen oder Grundrechte missachten oder Menschen ins Gefängnis stecken.

Aber ein Sternchen? Niemand der durch Scheu diskreditierten Minoritäten will die Verfassung ausser Kraft setzen, Menschen einsperren oder hinrichten. Die systematische Desavouierung solcher Prozesse als „autoritär“ verkennt, dass es sich schlicht um Demokratie-Prozesse handelt. Ein Sternchen schreibt niemandem etwas vor, niemand muss sein Geschlecht angleichen, oder die Sexualität wechseln, anders sein, als sie_er ist. Ein Sternchen ist der (diskutierbare!) Versuch, einen Beitrag zu leisten zu einem nicht abgeschlossenen demokratischen Prozess der Inklusion. Einen solchen Prozess lehnen die NZZ-Herren ganz offensichtlich ab. Sie wollen nicht diskutieren, sondern zündeln.

Um nochmal Detje zu zitieren: „Wenn man öffentlich zündelt, legt auch irgendwann jemand Feuer. Und ja, man hat sehr wohl eine Vorbildrolle in hohen journalistischen Positionen. Man hat eine Verantwortung, der man gerecht werden kann oder nicht. Man hat die Wahl, Ressentiments zu bedienen oder nicht“. Leute wie Scheu torpedieren nicht nur die aufklärerische Aufgabe der Medien, sondern auch eine offene Gesellschaft.

***

Nachtrag: Jan Flückiger hat auf diesen Blogeintrag mit einer Replik reagiert, auf die wiederum Esther Brunner und ich geantwortet haben, die Diskussion kann hier nachgelesen werden.

 

 

 

 

 

 

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14 Gedanken zu “Scheu-Klappen ablegen, liebe NZZ-Herren!

  1. Mutig und klar formuliert liebe Franziska.
    Den Satz von Elias Canetti trifft wohl den Kern: Was so sehr betont werden muss, liegt wohl in den letzten Züben. Danke Dir für Deine journalistische Arbeit. Bin 43 geboren und weiss vom Unheil des Schweigen Wegschauen und vorallem von dem Leid, wenn Männer glauben, Arroganz sei ein Gütezeichen.

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  2. Wunderschön analysiert, danke!

    Merke: Wenn man am Stammtisch (auf welcher kulturellen Ebene auch immer sich dieser befindet) wie gewohnt rassistisch, sexistisch, trans- und homofeindlich daherplappert und es widerspricht plötzlich jemand – dann ist das Diktatur. Der Täter-Opfer-Umkehr-Mythos von den bedrohlichen Minderheiten, der heute bei allen Rechtspopulist_innen von AfD bis Donald Trump boomt, ist nicht vollkommen neu, aber er scheint sich heute doch einer Beliebtheit anzunähern, die er in Deutschland seit ca. 80 Jahren nicht mehr hatte.

    Meine Reaktion ist meist auch nur Sarkasmus, aber ich weiß nicht, ob wir das Ganze nicht doch ernster nehmen sollten. Ich finde vor allem die Tatsache recht beunruhigend, dass einflussreiche Teile des Journalismus diesem unheilvollen Trend nicht durch Aufklärung begegnen, sondern ihn selbst eifrig befeuern (vermutlich auch deshalb, weil aufgescheuchte Emotionen mehr Profit bringen als nüchterne Analysen).

    Wenn Politik UND Presse zündeln – wer steuert dann ernsthaft dagegen?

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  3. Liebe Frau Schutzbach

    Ihr Beitrag ist derart reich an Unterstellungen, Mutmassungen und Fehlinterpretationen meines Artikels, dass ich gar nicht weiss, wo ich anfangen soll. Entgegen ihrer Vermutung habe ich nämlich durchaus ein Ohr für Einwände. Wenn sie denn begründet sind.

    Ich kenne sie nicht und masse mir deshalb auch nicht an, ein Urteil über sie zu fällen. Ganz anders als sie, die mich nicht kennen und noch nie mit mir gesprochen haben und trotzdem zu wissen glauben, wie ich denke. Hätten sie mit mir gesprochen oder würden sie mich kennen, dann wüssten sie, dass ich weder ein Problem mit Trans-Menschen habe, noch das mich die Veränderung der Gesellschaft irgendwie verunsichert. Ich nehme das ehrlich gesagt ganz gelassen. Jede* und jeder* soll seine Sexualität und sein Geschlechterempfinden so ausleben, wie er* oder sie*will.

    Auch ein angeblich ewig gestriger Heteromann der NZZ (woher wollen Sie eigentlich wissen, dass ich hetero bin?) weiss, dass Geschlechter(rollen) nicht binär sind und will sich auch selber nicht auf sein biologisches Geschlecht reduzieren lassen. Nur war das gar nicht das Thema meiner Glosse(!).

    Ich erkläre Ihnen gerne den Gedankengang, der mich bewogen hat, diesen kleinen satirischen Text zu schreiben. Er hat nämlich alles andere als mit einer Geringschätzung von Trans-Menschen oder deren Anliegen zu tun. Ganz im Gegenteil.

    Also: Ich stosse in einer Mitteilung der SP Frauen* auf die Wortkonstruktion „Burka tragende Frauen*“. Das meint ja, dem Stern sei Dank, automatisch „Burka tragende Trans-Frauen“ mit. Nun denken sie einen Moment lang ganz vorurteilslos und entspannt über dieses Bild nach. Mich hat es amüsiert. Sie nicht?

    Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Wer den sicher nicht immer einfachen Weg auf sich nimmt, die Fesseln seines biologischen Geschlechts aufzusprengen – und dadurch wohl so manchen Kampf auszutragen hat – wird sich ganz bestimmt von niemandem zwingen lassen, sich zu verschleiern und somit neue Fesseln anzulegen. Und schon gar nicht wird sich jemand, der sich gegen das „cis-sexistische hetero-normative Patriarchat“ zur Wehr setzt, mit dem Symbol der Frauenunterdrückung schlechthin schmücken.

    Deshalb und nur deshalb habe ich diese Kolumne geschrieben.
    Wo sie allerdings in meinem Text eine Geringschätzung gegenüber Trans-Menschen herauslesen, bleibt ihr Geheimnis. Ich würde „vermitteln, … , Transfrauen seien Männer, die Frauen spielen wollen“. Bitte sehr? Wo lesen Sie das?
    Sie werfen mir in der Folge auch Verachtung, mangelnde Gelassenheit und Unverständnis für die Anliegen von Trans-Menschen vor. Ich weiss beim besten Willen nicht, woraus sie das ableiten wollen und wo in meinem Text sie darauf Hinweise finden. Das ist alles reine Interpretation, Mutmassung und Unterstellung.

    Ich gebe zu, ich bin kein Fan von politisch korrekter Sprache. Oder davon, dass darin mittels Sonderzeichen auf jede Minder- oder Mehrheit Rücksicht genommen wird. Sprache wird dadurch schlicht nicht mehr lesbar. Die meisten Worte sind unpräzise. Doch wenn wir jedem unscharfen Wort noch ein Sternchen anfügen würden, wäre die Sprache schlicht nicht mehr lesbar. Vom Sprechen sprechen wir schon gar nicht. Ich bezweifle auch, dass ein * im Parteinamen der SP Frauen den Trans-Menschen auf irgendeine Weise hilft. Zumal damit – wie ich in meiner Kolumne schreibe – das biologische Geschlecht, das ursprünglich Diskriminierende, noch stärker betont wird.

    Aber man kann, wie sie selber sagen, über Sinn und Unsinn solcher sprachlicher Verrenkungen streiten. Auch ein bornierter, „andersintelligenter“ (wie eine Kommentatorin ihres Blogs schreibt) NZZ-Redaktor weiss, dass Sprache unser Denken prägt, und umgekehrt. Genauso wie Vorurteile gegenüber männlichen, weissen, mutmasslich heterosexuellen Journalisten die Interpretation ihrer Texte offenbar massgeblich beeinträchtigen kann.

    Meine Glosse war also, wenn überhaupt, eine Kritik an der übertriebenen Political Correctness und den Stilblüten, welche dies treiben kann. In diesem Punkt gebe ich ihnen sogar Recht. Und ihre übertriebene Reaktion – und diejenige vieler anderer – zeigt mir, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe. Nur weil ich in meinem Text offenbar nicht die politisch korrekte Transgender-Proseminar-Sprache getroffen habe, wird daraus eine Geringschätzung gegenüber Trans-Menschen abgeleitet, die jeglicher Grundlage entbehrt.

    Ich frage Sie deshalb: Wer sollte hier etwas gelassener bleiben?

    Herzlich
    Jan Flückiger

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    1. Lieber Herr Flückiger,

      Natürlich sind meine Ausführungen Interpretationen, natürlich lese ich Dinge zwischen Ihren Zeilen. Ein Text besteht ja nicht nur aus der schwarz-auf-weiss Oberfläche, nicht nur aus dem tatsächlich Gesagten. Sie nennen es „Unterstellungen“, ich nenne es Interpretation. Und ja, ich bekenne es freimütig: Ich interpretiere Ihren Text mit bestimmten theoretischen bzw. politischen Paradigmen. Mein Blick ist nicht neutral, das beanspruche ich auch nicht, im Unterschied zu vielen NZZ-Schreibern, die ihre Sicht für universell, „vorurteilslos“ (wie Sie selber schreiben) und nicht für partikular halten. Ich interpretiere Ihren Text aus einer feministischen, Minderheiten-solidarischen, parteiischen Position heraus.

      Aus einer solchen Perspektive heraus – und das ist nun mein Wissensstand als selbst nicht betroffene cis-Frau und auch nicht der Wahrheit letzter Schluss – ist zum Beispiel Ihr Satz: „Es gibt leider keine offizielle Statistik dazu, wie viele Männer, die lieber Frau wären oder schon zu einer geworden sind (…)“ ein Problem, weil er vermittelt, dass Transfrauen eigentlich Männer sind, die zu Frauen werden, bzw. lieber Frauen wären. Aber es sind eben keine Ex-Männer, sondern in ihrer Geschlechtsidentität schon immer oder seit langem Frauen. Nur eben im gegengeschlechtlichen Körper, bzw. in einem Körper, der falsch zugewiesen wurde. Transfrauen als ehemalige Männer zu beschreiben, ist also falsch. (Auch wenn das nicht alle Transfrauen gleichermassen stört oder beleidigt. Menschen sind ja unterschiedlich.) Aber Sie treiben Ihren Schabernack mit einem Vokabular, das bestimmte Prämissen mit sich führt, die verletzend sein können und oft genug sind: Die Vorstellung, Transfrauen seien Ex-Männer. Es sind Frauen, bzw. Transfrauen, denen aufgrund ihres Körpers eine falsche Identität zugewiesen wurde. Und die dann ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale eben ihrer Identität angleichen (nicht alle tun das, weil manche eben durchaus im männlichen Körper Frau sein wollen).

      Womit wir beim Begriff „Geschlechtsumwandlung“ sind, den Sie in der Glosse verwenden. Aus dem oben gesagten wird klar, dass das kein adäquater Begriff sein kann, weil es nicht um eine „Umwandlung“ geht, (es sind ja schon Frauen! Und ja tatsächlich, es gibt Frauen mit Penissen und Männer mit Gebärmüttern), sondern vielmehr handelt es sich um eine Angleichung. Der Körper wird mit Hormonen oder Operationen der weiblichen Identität angeglichen. Die Vorstellung, Transfrauen seien umgewandelte Exmänner, macht vielen Transfrauen zu schaffen, weil ihnen damit abgesprochen wird, dass sie sich als Frau wahrnehmen, ja eine Frau sind, auch im ‚männlichen’ Körper, also schon Frauen sind, und nicht erst werden müssen.

      Die von Ihnen vermittelte Vorstellung, das seien mal Männer gewesen ist unsensibel hinsichtlich dem Umstand, dass Transfrauen gerade aufgrund solcher Annahmen oft mit Ironie oder mit Misstrauen begegnet wird, da viele Menschen denken, Transfrauen würden ihnen nur ein „Theater vorspielen“, also eben „nur Frauen nachspielen“, sie täuschen oder Ähnliches. Also nochmal: Es handelt sich nicht um Männer, die Frauen werden, sondern es sind Frauen, die in einem ‚falschen‘ Körper geboren wurden, bzw. denen eine falsche Geschlechtsidentität zugewiesen wurde.

      Sie fragen, ob ich Transfrauen in Burkas nicht auch eine amüsante Vorstellung fände. Nein, muss ich sagen, ich finde das nicht lustig. Zunächst mal wissen Sie wahrscheinlich nicht, dass die weltweit meisten Geschlechtsangleichungen im Iran stattfinden, hier gibt es eine interessante Doku, natürlich sind das nochmal andere Hintergründe als bei Transitionen in westlichen Ländern). Aber: Die von Ihnen nahe gelegte Unmöglichkeit (Transfrau mit Burka), ist also nicht so unwahrscheinlich. Und weiter: Transsexualität schliesst doch Religiosität nicht aus, oder umgekehrt – wie kommen Sie darauf? Gerade wenn klar ist, dass es sich nicht um eine Frage der freien Entscheidung oder Wahl handelt („ich möchte eine Frau werden“), sondern um ein erlebtes Faktum („ich bin eine Frau“).

      Und so komme ich zum Schluss: Sie machen billigen Humor auf dem Buckel von Minorisierten (Frauen, Transpersonen, Muslime) und unterschlagen in Ihrer Antwort an mich, dass gerade solcher Humor einen extrem partikularen Standpunkt voraussetzt: einen, der durch das Privileg gekennzeichnet ist, sich nie mit Trans oder Burkas oder Diskriminierung von Frauen wirklich beschäftigt haben zu müssen. Das Privileg, sich nicht befassen zu müssen mit der ganzen intersektionalen Komplexität, in der sich queer_feministische Politik befindet angesichts pluraler Geschlechterverhältnisse und einer ‚multikulturellen’ Gesellschaft und einer globalisierten Welt, angesichts des Rechtsrutsches im gesamten europäischen Raum, angesichts der Vereinnahmung feministischer Positionen von Rechts, angesichts religiöser fundamentalistischer Kräfte jeglicher Couleur. Stattdessen erlaubt es Ihnen Ihre Position, lustige Glossen zu schreiben über Sternchen-Sprache, über SP-Frauen* oder „Trans-Konvertiten“.

      Ich finde ja Trans-Konvertiten auch ein lustiges Wort. Es ist aber halt nicht ganz unerheblich, von wem es kommt. Die Frage, wer sich über wen lustig machen kann, wer eine Seite in der NZZ füllen darf usw. – all das geschieht ja vor dem Hintergrund von ungleich verteilter (Diskurs)Macht. Es ist kein Zufall und nicht allein ein Resultat Ihrer persönlichen Leistungen, dass Sie in der NZZ Glossen schreiben dürfen – angeblich vorurteilslos, wie Sie schreiben, und an Ihrer Stelle nicht etwa ein Schwarzer, oder eine Trans*person oder eine Frau sitzt, die sich ein wenig über Cis-Jungs mokieren. Sie sind – unter anderem – in dieser Position, weil (weisse) Männer in dieser Gesellschaft strukturelle und systematische Vorteile haben. Und vor diesem Hintergrund ungleicher Machtverteilung ist die Entscheidung, über wen man Glossen schreibt, keine Unschuldige – es sei denn, man ist komplett naiv.

      Sie haben also diesen NZZ-Platz, Sie haben dieses Privileg, diese Diskursmacht in der Gesellschaft. Und so nutzen Sie diese?! Selbst wenn Sie das Bild einer Burka-Transfrau ‚vorurteilslos’ erheitert, Sie könnten sich genau so gut dagegen entscheiden, das in der Öffentlichkeit satirisch zu verhandeln. Denn Hand aufs Herz: Sie wissen doch, was eine solche Glosse bedient: Ressentiments, Vorurteile eben. Sie wissen ganz genau, dass Ihre Glosse (und das meine ich mit zündeln) weder Musliminnen noch Transpersonen oder feministische Anliegen Ernst nimmt geschweige denn empowert, sondern ganz im Gegenteil noch mehr Ressentiments, noch mehr Abneigung und Geringschätzung provoziert.

      Das nehmen Sie (und die NZZ als Medien-Organ) bewusst in Kauf mit dieser Art von Satire. Dass die Leute sich nach ihrer Glosse Schenkel klopfend bestätigt fühlen können: Ach diese Trans-blablabla und PC-Feministinnen.

      Falls Ihnen dieser Effekt einer (verstärkenden) Geringschätzung wirklich nicht klar sein sollte, wie sie behaupten, dann….na dann weiss ich auch nicht weiter.

      Und noch etwas: Nein, ich werde nicht im Geringsten gelassen bleiben. Ich werde auch weiterhin vollkommen ungelassen sein, solange solche Glossen gedruckt werden.

      Beste Grüsse
      FS

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    2. Lieber Herr Flückinger,
      Sie schreiben:
      Auch ein bornierter, „andersintelligenter“ (wie eine Kommentatorin ihres Blogs schreibt) NZZ-Redaktor weiss, dass Sprache unser Denken prägt, und umgekehrt.

      Meine Annahme einer „Andersintelligenz“ war eine zu Ihren Gunsten, nach unserem launigen Austausch auf Twitter, in dessen Rahmen Sie u.a. verlauten ließen, Transmenschen seien so frei, ihr Geschlecht zu wählen.

      Die meisten Griffe ins Klo erklären sich nach meiner Erfahrung nicht durch willentliche Bösartigkeit, sondern durch unbedachte Dummheit. Würde ich Sie für absichtlich bösartig halten, würde ich mich mit Ihnen und Ihrem Text gar nicht erst auseinander setzen.

      Political Correctness“ ließe sich mit Respekt und mit Achtsamkeit übersetzen. Es leuchtet mir nicht ein, was daran u.a. Sie „übertrieben“ finden.

      Sie schreiben:
      Ich gebe zu, ich bin kein Fan von politisch korrekter Sprache. Oder davon, dass darin mittels Sonderzeichen auf jede Minder- oder Mehrheit Rücksicht genommen wird. Sprache wird dadurch schlicht nicht mehr lesbar. … Ich bezweifle auch, dass ein * im Parteinamen der SP Frauen den Trans-Menschen auf irgendeine Weise hilft. Zumal damit – wie ich in meiner Kolumne schreibe – das biologische Geschlecht, das ursprünglich Diskriminierende, noch stärker betont wird.

      Mehrheiten (und Männer) benötigen keine Sonderzeichen, weil unsere Sprache auf sie ausgerichtet ist.
      Nicht das biologische Geschlecht ist diskriminierend, sondern die damit verbundenen Geschlechterrollen, deutlicher wird das im Englischen mit der Unterteilung von ‚Geschlecht‘ in Sex (biologisches Geschlecht) und Gender (Rolle). Unter diesen Rollen leiden Männer wie Frauen – daß sich allenfalls homosexuelle Männer für die Genderforschung interessieren, zeigt die Mühen der Ebene beim Privilegienverzicht der heterosexuell-männlichen Mehrheit. Für Transfrauen wiederum spielt die Diskriminierung der Frauen eine mutmaßlich untergeordnete Rolle, nachdem es wesentlich mehr Mann-zu-Frau-Transmenschen gibt als umgekehrt.

      Niemand zwingt Sie, Ihre Sprache zu gendern oder sie mit Sternchen, Unterstrichen oder was auch immer zu versehen (ich z.B. verwende nichts davon, s.u.*), aber Sie werden schon damit leben müssen, daß Ihr rechtsaußen anschlußfähiger Schenkelklopfhumor auf Widerspruch stößt. Statt eine weitere Sie-haben-meinen-Text-nicht-gelesen-und-falls-doch-nicht-verstanden-Erklärung abzugeben, wie wäre es, Sie setzten sich mit den Einwänden noch auseinander?

      Beispiel: 1minütiger Recherche war zu entnehmen (ich bin Deutsche und mit den SP-Frauen unvertraut): Die SP-Frauen kämpfen schon seit über 100 Jahren für eine geschlechtergerechte und diskriminierungsfreie Welt.

      Sie hingegen beschränken Ihren belustigten Blick auf die Schweiz, bzw. den deutschsprachigen Raum, parallel zu den idiotischen „Burka“-Verbotsdiskussionen allerorten. Zur Welt gehören aber auch die Transfrauen in Iran, das Land mit den zweitmeisten Geschlechtsumwandlungen weltweit. Alle Frauen in Iran werden qua Gesetz unter den Schleier gezwungen. Was finden Sie eigentlich so belustigend daran, daß die SP-Frauen diese Frauen mitdenken? Was (Vermutung->) provoziert Sie an besagtem Mitdenken so, daß es Sie zum Schreiben einer mäßig komischen Glosse in einer renommierten überregionalen Zeitung veranlaßt?

      Gibt es für Sie wirklich keine dringlicheren Probleme im Zusammenhang mit der soundsovielten „Burka“-Diskussion? Mir fiele dazu weit eher der in Kauf genommene Umstand ein, daß bei den Verbotsdiskussionen alle europäischen Muslimas mitverhandelt und -verhaftet werden (ob Kopftuch oder nicht, Muslimas haben sich ständig zur Burka zu positionieren) und sich beleidigende und gewalttätige Übergriffe auch auf Kopftuchträgerinnen häufen?

      Stört es Sie gar nicht, daß zwar „Burka“-Verbote diskutiert und in Gesetzesform gegossen werden, aber in der Schweiz und Deutschland Burkaträgerinnen gar nicht und Niqabträgerinnen selten vorkommen? Wie kann man in Zeiten des zunehmend gläsernen Bürgers, der flächendeckenden Kameraüberwachung und systematisch ausgeschnüffelter Daten ernstlich für die Ausweitung des (deutschen) Vermummungsverbotes von Demonstrationen auf den gesamten öffentlichen Raum sein? Wegen in Deutschland vom Verfassungsschutz ermittelten rund 500 Niqab-tragenden Frauen? Wo bitte bleibt denn dabei die politische Gelassenheit? Vom Verfassungsbruch gar nicht erst zu reden?

      *weil ich Ihren Punkt der Unlesbarkeit von Texten tw. teile und eben nicht weiß, ob Sprache unser Denken prägt, sondern vielmehr glaube, daß sich Denken in Sprache manifestiert.

      Und daran glaube ich auch: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Weder bei Journalisten noch bei Politikern noch bei Frauen aller Art. Ich halte es aber für unnötig, den Martenstein-in-Ausbildung zu geben und sich – auf Kosten von Transmenschen – über den Respekt, den andere für andere aufbringen, lustig zu machen.

      In diesem Sinne, freundliche Grüße
      dvw

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      1. @dvw

        Sie schrieben:
        „Die meisten Griffe ins Klo erklären sich nach meiner Erfahrung nicht durch willentliche Bösartigkeit, sondern durch unbedachte Dummheit. Würde ich Sie für absichtlich bösartig halten, würde ich mich mit Ihnen und Ihrem Text gar nicht erst auseinander setzen.“
        „Political Correctness“ ließe sich mit Respekt und mit Achtsamkeit übersetzen. Es leuchtet mir nicht ein, was daran u.a. Sie „übertrieben“ finden.“

        Sind Sie der Meinung, dass die Unterstellung von „Dummheit“ und eine Aussage wie „Griffe ins Klo“ politisch korrekt sind und wenn ja, weshalb? Und würden Sie also sagen, dass dies eine respektvolle und achtsame Sprache ist? Und gibt es Ihrer Meinung keine guten Gründe, die political correctness ablehnen?

        Sie schreiben:
        „Mehrheiten (und Männer) benötigen keine Sonderzeichen, weil unsere Sprache auf sie ausgerichtet ist.“

        Nun gibt es offenbar zahlreiche Frauen, die fühlen sich nicht diskriminiert mit einer Sprache ohne Sonderzeichen, weil sie sich eben trotzdem „eingeschlossen“ fühlen. Offenbar hat der Standpunkt/Standort nicht a priori und zwangsläufig den Effekt, dass man sich ausgeschossen fühlt und das heisst auch, dass eine Sprache nicht per se Diskriminierung auslöst, sondern es ist immer noch der Mensch dazwischengeschaltet, also wie er etwas interpretiert.

        Sie schreiben:
        “Unter diesen Rollen leiden Männer wie Frauen – daß sich allenfalls homosexuelle Männer für die Genderforschung interessieren, zeigt die Mühen der Ebene beim Privilegienverzicht der heterosexuell-männlichen Mehrheit.“

        Es gibt Männer und Frauen, die unter einer binären „Geschlechterordnung“ leiden, aber es gibt auch Männer und Frauen, die dies toll finden und absolut nicht darunter leiden; Sie betonten jedoch „nur“ das Leid, das Andere wird schlichtweg negiert. Woher wissen sie, dass sich „allenfalls homosexuelle Männer“ für die Genderforschung interessieren? Gibt es hierzu belastbare empirische Studien? Ich selbst kenne persönlich viele Männer, die u.a. heterosexuell sind und sich für die Genderforschung interessieren und insbesondere auch für eine Männer- und Geschlechterforschung. Könnte dies nicht einfach ein „Vorurteil“ von Ihnen sein bzw. ideologisch bedingt sein, damit Ihre Privilegien- und Standpunkttheorie doch wieder einmal zur Anwendung kommen kann?

        Sie schreiben:
        „Niemand zwingt Sie, Ihre Sprache zu gendern oder sie mit Sternchen, Unterstrichen oder was auch immer zu versehen (ich z.B. verwende nichts davon, s.u.*), aber Sie werden schon damit leben müssen, daß Ihr rechtsaußen anschlußfähiger Schenkelklopfhumor auf Widerspruch stößt.“

        Es sind, soweit ich richtig informiert sind, bereits Fälle an deutschen Unis bekannt geworden, wo den Studierenden mit Notenabzug „gedroht“ wurde, wenn sie bei schriftlichen Prüfungen nicht die gegenderte Sprache verwenden, ohne irgendwelche gesetzliche Grundlage, die einen solchen Notenabzug rechtfertigen bzw. legitimieren würde; das könnte man auch als Willkür bezeichnen, falls man möchte.

        Wann ist eigentlich ein Humor nach rechtsaussen anschlussfähig? Sind die Mohammend-Karikaturen von Charlie Hebdo z.B. nach rechtsaussen anschlussfähig? Und ist das Ihrer Meinung nach ein Schenkelklopferhumor? Über was darf man Ihrer Meinung nach keine Satire schreiben?

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      2. @Chomskyy, Sie fragen:

        Wann ist eigentlich ein Humor nach rechtsaussen anschlussfähig? Sind die Mohammend-Karikaturen von Charlie Hebdo z.B. nach rechtsaussen anschlussfähig? Und ist das Ihrer Meinung nach ein Schenkelklopferhumor? Über was darf man Ihrer Meinung nach keine Satire schreiben?

        Sofern man tatsächlich Satiren schreiben kann, darf man aus meiner Sicht über alles Satiren schreiben, Tucholsky hatte schon ganz recht:

        Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: “Nein!” Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.

        Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.

        Wir sollten nicht so kleinlich sein. Wir alle – Volksschullehrer und Kaufleute und Professoren und Redakteure und Musiker und Ärzte und Beamte und Frauen und Volksbeauftragte – wir alle haben Fehler und komische Seiten und kleine und große Schwächen. Und wir müssen nun nicht immer gleich aufbegehren (›Schlächtermeister, wahret eure heiligsten Güter!‹), wenn einer wirklich einmal einen guten Witz über uns reißt. Boshaft kann er sein, aber ehrlich soll er sein.

        Der deutsche Satiriker tanzt zwischen Berufsständen, Klassen, Konfessionen und Lokaleinrichtungen einen ständigen Eiertanz. Das ist gewiß recht graziös, aber auf die Dauer etwas ermüdend. Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen reinen Teint.

        Was darf die Satire?

        Alles.

        Spötteln und sich lustig machen ist aber noch lange kein „wirklich einmal ein guter Witz“ und nicht jede zur Glosse erhobene Überheblichkeit eine Satire.

        (Der Rest Ihres Kommentars bewegt sich a.m.S. zwischen Allgemeinplätzchen, Anekdotischem und Unterstellung, weswegen mir auch die Lust fehlt, Ihre anderen Fragen zu beantworten)

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  4. Lieber Jan

    So geht es nicht! Ich habe deine Glosse in der NZZ (ziemlich gelassen) gleichzeitig schmunzelnd und etwas bedrückt gelesen. Ich bin Transfrau und wir kennen uns vom Studium her.

    Du hast eine Pointe: Es ist in unserem Kulturkreis wirklich höchst unwahrscheinlich, dass eine Transfrau Burka tragen will. Die Formulierung der SP Frauen* schliesst diese Möglichkeit zumindest nicht aus. Diesen Umstand gibst du als übertriebene sprachliche Rücksichtnahme der Lächerlichkeit preis. Wie gesagt, ich habe selber auch geschmunzelt, trotzdem ist es nur halb lustig.

    Was mich bedrückt hat: Deine Glosse und deine Replik im Blog von Frau Schutzbach sind typische Beispiele für Mansplaining und Cisplaining. Du gibst dir sicherlich Mühe, ein guter Frauen- und Transenversteher zu sein, wie sich das für einen gut gebildeten, kritischen weissen Mann, der sich seiner Privilegien bewusst ist, gehört. Demzufolge kannst du auch ganz gut beurteilen, welche Kleidervorschriften für muslimische Frauen und welche sprachlichen Formulierungen für transgeschlechtliche und nonbinäre Menschen angemessen sind. Du kannst das auch ganz gut der Öffentlichkeit via die einzige noch verbliebene seriöse Tageszeitung der Schweiz erklären. Und wenn du die scheinbaren Absurditäten der möglicherweise fragwürdigen Rücksichtnahme auf verschwindend kleine Minderheiten kombinierst, kannst du dir sicher sein, die Lacher auf deiner Seite zu haben.

    Dieser Haltung, die ich zu meinem Bedauern in deinen Texten wiedererkenne, liegt ein grobes Missverständnis zu Grunde: Weder Musliminnen, noch Trans*menschen oder andere minderprivilegierte Menschen sind Opfer – und schon gar nicht wollen wir bemitleidet und als Opfer behandelt werden. Es ist aber leider so, dass viele von uns durch ganz konkrete Ausschlüsse, Diskriminierungen und Gewalt zu Opfern gemacht werden. Wir dürfen erwarten, dass die Privilegierten (zu denen ich mich auch zähle) nicht wegschauen und bereit sind, für alle Menschen Rahmenbedingungen zu gewährleisten, so dass auch die Verletzlichsten sich effektiv wehren und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Das ist in meinen Augen die liberale Antwort auf die unvermeidlichen Interessenkonflikte in einer stark heterogenen pluralistischen Gesellschaft.

    Erst deine Replik auf Frau Schutzbachs Kritik hat mich dazu bewogen, mich in die Debatte einzumischen. Du bezeichnest die Burka als Fesseln und Symbol der Frauenunterdrückung. Weiter behauptest du, dass der Wildcard-Stern Trans*menschen gar nichts bringe und das biologische Geschlecht sogar noch stärker betonen würde. – Kommen diese Gewissheiten aus vertieften Gesprächen mit Musliminnen und Trans*menschen? – Wohl eher nicht, denn dann hättest du viele unterschiedliche Antworten erhalten, die deine scheinbar klare Sicht getrübt und gleichzeitig dein Verständnis geschärft hätten. Falls du zuhören magst, erkläre ich dir auch gerne bei einem Mittagessen inwiefern deine Texte trotz gegenteiliger Beteuerung eben doch etwas Geringschätzung gegenüber Transgender-Anliegen zum Ausdruck bringen.

    Herzlich

    Esther Brunner (@ ebr76)

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  5. Spannend finde ich die Bemerkung „Die Abwehr von Gleichstellung oder Veränderung macht nur Sinn, wenn man der Meinung ist, es müsste eine natürliche oder bestehende Ordnung verteidigt werden, die nicht natürlich bzw. sicher genug ist, um ohne Verteidigung auszukommen.“

    Mich hat das erinnert an die Lektüre des lesenswerten Büchleins „Geschichte des Rassismus“ von Christian Geulen (vgl. https://www.perlentaucher.de/buch/christian-geulen/geschichte-des-rassismus.html). Geulen führt m.E. treffend aus aus, dass Ausgrenzung basierend auf einem „Rassismus ohne Rassen“ (vgl. Balibar, der von Scheu zu Unrecht lächerlich gemacht wird) nach dem Muster funktioniert, dass die behauptete natürliche Überlegenheit eben immer erst gegen die tatsächlich befürchtete Bedrohung erkämpft werden muss. Im Kampf der Kulturen kehrt der Mythos vom Rassenkampf wieder, eine „Konfliktlogik, nach der allein das Austragen und Bestehen des Kampfes (…) noch wissen lässt, wer man ist und was man verteidigt.“ (Geulen, S. 115).

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