#WeAreHere

da_vinci

Jetzt. Ab sofort für eine Woche: #WeAreHere

Politik, Literaturbetriebe, Wissenschaft, Musikszene, Zeitungen, TV … sind auf Männer* und ihre Handlungen fixiert. Beiträge von Frauen* werden oft totgeschwiegen. Männer* beziehen sich selten auf Frauen*, verweisen nicht auf deren Beiträge.

Deshalb:

Eine Woche lang reagiere ich ausschliesslich auf Beiträge, Aussagen, Kommentare, Tweets, FB-Einträge, Interviews usw. von Frauen*.

#WeAreHere wurde initiiert von der Drehbuchautorin und Regisseurin Güzin Kar. „Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen!“ Das heisst: nur Artikel posten, in denen es massgeblich um Frauen* geht oder die von Frauen* geschrieben wurden, ausdrücklich auch mit einem Fokus auf Beiträge von Schwarzen Frauen*, migrantisierten und/oder nicht-hetero Frauen* und andren minorisierten Frauen*. Zudem: Güzin Kar lädt dazu ein, ihr von den eigenen Erfahrungen mit der Aktion zu berichten: info@guzin.ch

(Sollte Euer Nicht-Eingehen auf männliche* Voten euch privat oder beruflich in Schwierigkeiten bringen, brecht die Regel einfach kurz. Niemand soll sich selber schaden. Es gibt keine starren Regeln).

PS: solidarische Männer* können sich gern beteiligen! Zu überlegen wäre, ob sie den Hashtag umwandeln in #TheyAreHere oder #SheIsHere. Seid kreativ!)

 

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Beim nächsten Mal trinken wir Menstruationsblut

Juso1Viel ist bereits über die BH-Verbrennungs-Aktion der JUSO-Frauen* geschrieben und gesagt worden. Warum es also nochmal aufgreifen? Wie so oft lässt sich vieles erst im Nachhinein begreifen.

Als ich das Bild der fünf Aktivist_innen zum ersten Mal sah, glaubte ich nicht an seine Wirkung. Der Anblick halbnackter Frauen* – who cares? Wen provoziert das heute noch? Weit gefehlt. Innert kürzester Zeit krochen die Hater und Nörgler aus ihren Löchern, spuckten Gift und Galle, drohten gar mit Vergewaltigung. Und nicht zuletzt gab es zahlreiche rassistische und trans*feindliche Angriffe.

Im Nachhinein erscheint es wie eine perfekt durchdachte Aktion, denn einige Monate zuvor war – von anderen Aktivistinnen – der Verein Netzcourage gegründet worden, ein Verein, der Hatespeech im Internet strafrechtlich ahndet. Netzgourage machte sich denn auch sofort daran, die Hater anzuzeigen. Und am nächsten Tag war „Women’s March“ in Zürich. Viele Aktivist_innen begegneten sich hier erstmals life. Die Ereignisse im Netz verschalteten sich mit diesem herzerwärmenden und empowernden Gefühl, dass sich in der Schweiz feministisch endlich wieder etwas tut.

Vom Marsch aus beobachteten wir die Hass-Eskapaden im Netz. Und wir kamen aus dem Staunen nicht heraus: Wie Lemminge stürzte man sich auf die Provokateur_innen, und machte Sexismus auf eine Weise sichtbar, wie wir Feministinnen es in der Regel nicht vermögen, egal wie lange wir uns den Mund fusselig reden.

Schlagartig wurde die Kraft dieser Performance-Aktion klar: Frau* muss, um auf den fortbestehenden Sexismus hinzuweisen, einfach ihre alltäglichen Körper ablichten lassen. Und zack führt sich der Sexismus in seiner direktesten Weise gleich selbst vor. Denn sämtliche Reaktionen machten unmissverständlich deutlich: Der weibliche* Körper darf nur dann gezeigt werden, wenn er das Script der Vermarktung und den männlichen Blick bedient. Wenn er nicht gefällig ist und sogar politisch etwas will, dann ist fertig. Ende.

Die Hater zeigten unbeabsichtigt, wie nötig Feminismus ist: So lange sich eine Öffentlichkeit durch nicht-Norm-konforme Körper derart provoziert fühlt, dass sie mit Vergewaltigungs-Drohungen und Rassismus reagiert, kann es gar nicht genug Frauen* geben, die mit ihren nicht perfekten Körpern in den Hochglanz-versauten öffentlichen Raum treten.

Nach den Hatern kamen – auch das so sicher wie der Sonnenuntergang – die Mansplainer, die erläuterten, das wäre keine richtige feministische Politik, nicht der richtige Weg, um auf feministische Anliegen aufmerksam zu machen. Die Frauen* hätten sich diskreditiert, frau könne doch nicht Gleichstellung einfordern, indem sie sich nackt auszieht. Überhaupt wäre es viel wichtiger, real-politische Ziele wie Lohngleichheit umzusetzen. Diese würden mit solchen Aktionen nicht erreicht, sondern man vergraule wichtige politische Akteur_innen.

Man weiss nicht, wo man ansetzen soll bei so viel (schweizerischem?) Unverständnis für Ironie, für performatives Spiel und Aktionskunst. Schliesslich sind solche Aktionen ein uraltes und vielfältig benutztes Mittel, um gesellschaftliche Normen herauszufordern und zu unterwandern: Indem Frauen* ihre Körper zum Einsatz bringen und bewusst mit Klischees spielen, verschieben sie die Klischees nicht nur, sondern führen auch das Normkorsett vor. Im Sinne von: Ihr wollt uns nackt? Gut, dann bittesehr. Aber so, WIE WIR ES WOLLEN. UND NICHT, WIE IHR EUCH DAS VORSTELLT! Die Botschaft: Wir zeigen Euch das ganze Spektrum von Weiblichkeiten. Wir sind Schwarz, Trans, dick, dünn. Und politisch. Deal with it.

Es ist im Prinzip das Schlingensief-Konzept – (wenn es Männer machen, dann ist es offensichtlich cool): Schlingensief fragte: Ihr wollte keine Ausländer? Also baue ich einen Container mitten in der Stadt, sperre dort Asylbewerber_innen ein, über deren Ausschaffung ihr abstimmen könnt. Und führe Euch Euren eigenen Rassismus vor. Ähnliche Vorgehensweisen kennen wir von Pussy Riot, von den Femen oder den Hexen-Aktionen der 1970er Jahre (Walpurgisnacht), bei denen Frauen sich als monströse Hexen mit geheimen Kräften inszenierten. Und wir kennen es von Schwarzen Feministinnen, die, wie Porha O., das Klischee der „Angry Black Woman“ auf die Spitze treiben.

Deutlich wurde in den Kritiken an der JUSO-Aktion auch, was für einen engen Begriff des Politischen viele haben. Für manche gibt es offenbar gerade mal eine oder maximal zwei Formen politischen Handelns. Das Aufrütteln der symbolischen Ordnung zählt in diesem Verständnis nicht dazu. Vergessen wird, dass das permanente Aufzeigen von Sexismus eines der Kerngeschäfte feministischen Handelns ist. Ob wir wollen oder nicht. Denn die üblichen Bildungsinstitutionen machen das nicht, feministisches Wissen gehört bis heute nicht zum Bildungs-Kanon und wird immer wieder ausgelöscht. So dass jede Generation Frauen* wieder von vorne beginnt.

Konkrete Ziele können aber überhaupt erst umgesetzt werden, wenn ein gesellschaftspolitisches Klima herrscht, in dem Frauen*anliegen diskutiert werden, sichtbar und hörbar sind. Und genau das leistet eine solche Aktion. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch der Vernetzungs-Effekt: Ach, da gibt’s Frauen*, die etwas formulieren, das mir schon lange auf dem Herze liegt…Frauen* müssen füreinander erst wieder sichtbar werden (das heisst weder, dass alle sich ausziehen, noch dass alle der gleichen Meinung sein müssen. Wie gesagt, das Spektrum politischen Handelns ist gross). Solche Aktionen schaffen einen Resonanzverstärkungs-Raum, wie es auch der SchweizerAufschrei oder der Women’s March waren. Es wird für viele sichtbar, dass sie nicht alleine sind, dass ihr diffuses Gefühl, etwas stimme nicht, zutrifft. Das Politische beginnt eben nicht erst dort, wo bereits ein Gesetz verabschiedet wird, eine konkrete Forderung in Erfüllung geht.

Die grösste Bankrotterklärung kam übrigens nicht von Frauenhassern, sondern von Leuten, die sich selber hinter die „eigentlich doch wichtigen Ziele“ der Gleichberechtigung stellten, aber Dinge schrieben wie die „Blick“-Journalistin Cinzia Venafro: Frauen sollten doch besser ihre Weiblichkeit feiern, anstatt mit „gekrümmten Rücken“ posieren. Sie sollten, wenn, dann wie die Femen aussehen, also einen makellosen, barbusigen Körper präsentieren. Denn das sei das wahre weibliche Kapital.

Wie bitte?!

Es ist erschreckend, wie viele ernsthaft der Meinung sind, Frauen* dürften sich nur dann zeigen, wenn sie der Norm-Schönheit entsprechen. „Ich finde ja Feminismus gut, aber bitte nur mit Top-Körpern“. Als gäbe es nur eine Form von Weiblichkeit, nämlich die, die irgendwie den männlichen Vorstellungen entspricht, nicht wahr?!

Dass feministische Anliegen nur dann gehört werden, wenn sie möglichst so formuliert sind, dass niemand sich provoziert oder auf den Schlips getreten fühlt, ist historisch widerlegt. Das Ziel von emanzipatorischen Bewegungen ist auch heute nicht, von Leuten, die mehr Macht und Privilegien haben als man selbst, akzeptiert oder geliebt zu werden. Denn dann ändert sich nie etwas.

In diesem Sinne: Die BH-Verbrennung war erst der Anfang. Beim nächsten Mal trinken wir Menstruationsblut.