Worte statt Taten?

Jetzt werden Sie doch mal konkret! Überlegungen zum (feministischen) Aktivismus

 

Ich muss mich immer wieder mit dem Vorwurf auseinandersetzen, ich würde mich nicht konkret genug engagieren, oder: meine feministische Kritik und Analyse würden doch an den realen Verhältnissen nichts ändern. Oder ich werde gefragt, wie das, was ich da sage, überhaupt in der Praxis umgesetzt werden könnte. Welche konkreten Lösungen es für ein Problem gibt, auf das ich verweise. Das sind ja alte Fragen, ich bin nicht die Erste, die sich hier immer wieder gewissermassen in die Ecke gedrängt fühlt.

Ich habe ein recht breiteres Politikverständnis. Für mich passiert das ‚Politische‘ nicht erst im Moment eines parlamentarischen Beschlusses, einer Gesetzesrevision, der Eröffnung eines Frauenhauses, der Einführung von Quoten, oder einer konkreten Umverteilung von Ressourcen. Ich denke, dass all diese wichtigen, so genannt konkreten Dinge überhaupt erst geschehen, wenn eine Gesellschaft, wenn Menschen dafür auch in ihrem Denken bereit sind. Und dafür braucht es viel Vor-Arbeit am Symbolischen, an der kulturellen Ordnung. Dafür braucht es Verschiebungen in der Wahrnehmung, im Bewusstsein der Menschen. Ohne diese Verschiebungen oder Bewusstseinsveränderungen passiert in der Praxis letztlich wenig, oder es passiert nicht grundlegend genug.

Diskursive Interventionen und Auseinandersetzung – und damit verbunden Veränderungen im Denken – sind meines Erachtens entscheidend für die Herstellung von Gerechtigkeit, für gesellschaftspolitische Veränderungen. Oder anders gesagt: Veränderungen im Denken SIND bereits Teil der so genannten konkreten Veränderung. Ich wende mich entschieden dagegen, das Denken, Kritisieren oder Analysieren und das Konkrete überhaupt zu trennen. ‚Theorie‘ und ‚Praxis‘ können nicht getrennt werden. Solche Trennungen werden oft konstruiert, um das Denken, das Utopische, das Kritische abzuwürgen. Um dem ‚Konkreten‘, dem Praktischen einen Vorrang zu attestiern. Tatsächlich gibt es aber kaum Praxis ohne Theorie. Die Praxis ist immer auch Theorie bzw. Wissens geleitet oder entsteht in einem engen Wechselverhältnis mit Wissen. Genauso, wie auch aus dem Handeln wiederum neue Erkenntnisse und Gedanken enstehen. Die Ebenen sind nicht trennbar.

Ich halte diese Abwertung des Diskurses, die Ablehnung der ‚Arbeit am Bewusstsein‘, wie sie mir in der Schweiz besonders stark scheint, für kontraproduktiv. Es wird schnell gesagt: Das ist dieses elitäre Elfenbeinturmgetue. Dabei wird eben vergessen, dass (emanzipatorische) Praxis ganz entscheidend mit dem Erkennen und Benennen von Herrschaftsverhältnissen einhergeht. Vergessen geht auch, dass das Formulieren von Kritik ganz und gar nicht nur ein akademisches Projekt ist, sondern im Gegenteil, oft ‚von unten‘ kommt. Es sind ja nicht selten marginalisierte Menschen, die ihre Erfahrungen Jahrzehnte lang artikulieren, die ein kritisches Wissen aufbauen und ins Bewusstsein der Gesellschaft bringen, ein Wissen, auf das sich konkrete Gesetze oder Handlungsweisen eben dann beziehen, das diese überhaupt möglich macht.

Ich finde es teilweise wirklich beschämend, wie sehr die „Taten“ den „Worten“ hierarchisch gegenüber gestellt werden. Womöglich zeigt sich darin auch eine ‚patriarchale‘ Logik? In einer Rezension des Films „Suffragette“, der den Kampf der Suffragetten in England um das Frauen-Wahlrecht zeigt, kritisiert Antje Schrupp die Glorifizierung der revolutionären Tat: Der Film richte seinen Fokus gänzlich auf den Slogan „Taten statt Worte“. Schrupp argumentiert, dass damit nahe gelegt werde, das Stimmrecht sei durch Militanz und (tödliche) Selbstaufopferung einzelner Kämpderinnen möglich geworden. Andere Länder, in denen die Stimmrechtsbewegung nicht militant war, haben das Stimmrecht aber zur selben Zeit auch bekommen wie England, teilweise sogar früher. Schrupp fragt: Waren die ‚Taten‘ dieser Frauen (Selbstmord, Verlieren des Sohnes, gesundheitliche Schäden usw.) tatsächlich sinnvoll und notwendig für den Erfolg des Anliegens? Oder wurde hier ein (männlicher) Heldenmythos auf die Frauenbewegung übertragen?

Kurzum: Bevor das Stimmrecht erfolgreich war, gab es viele Jahre der argumentativen Auseinandersetzungen, in denen Frauen deutlich machten, dass sie keine minderwertigen Menschen sind. Dass sie ebenfalls politische Bürgerinnen sein können und wollen. Die Idealisierung der „Tat“ folgt einer Logik, die nicht berücksichtigt, wie viel vor einer ‚Revolution‘ oder einer Veränderung bereits mit Worten gekämpft wurde, wie sehr sich das Bewusstsein verändern musste, damit am Ende das Stimmrecht möglich wurde.

Ich kann mir emanzipatorische Veränderungen jedenfalls ohne die Veränderung von Bewusstsein kaum vorstellen. Eine Gesellschaft, die ein Gesetz oder ein Recht zu verabschieden bereit ist, hat bereits einen Bewusstseinsprozess durchlaufen, in dem über viele Jahre mit Worten gekämpft wurde.

 

5 Gedanken zu “Worte statt Taten?

  1. Sie sprechen aus, was in meinen politischen (autonomen) Zusammenhängen längst klar ist. Die Theorie ist stets radikal, die Praxis reformistisch bis aktionistisch hilflos. Jutta Ditfurth drückte es einmal sehr drastisch so aus: „Die einen Kämpfen mit Pflastersteinen, die anderen mit der Schreibmaschine“! (älteres Zitat).

    In der Bloggerszene kommen manche immer wieder mal an einen Punkt, an dem sie sich fragen, was das denn alles noch bewirkt. Sich mit Trollen und Rechten herumschlagen, an die Überzeugungskraft des besseren Arguments glauben. Andere wollen ihr „Publikum“ auf paternalistische Art „dort abholen, wo sie gerade stehen“ (z. B. AfD-Wählende).

    Wie Sie sich evtl. noch erinnern, ist mein persönliches Problem, gegen den Antifeminismus linker Blogger wie gegen Windmühlen anzudiskutieren. Ich kann es aber nicht lassen, weil es mich immer wieder provoziert und ich politisch über die Triple-Opression-Theorie sozialisiert wurde.

    Neu ist für mich Ihr Argument mit der hierarchischen Zuordnung. Ähnlich erlebe ich das auch bei der Klassifizierung von Problemen. Da wird immer auf das „Große Ganze“ verwiesen, gemeint ist der Kapitalismus, um damit von anderen Formen der Unterdrückung (z. B. Sexismus) abzulenken. Veganismus ist auch ein derartiger Triggerbegriff, der spontan jede Menge zynischer Gegner auf den Plan ruft.

    Gruss aus Kleinbloggersdorf
    g-k-

    Gefällt 1 Person

  2. danke für Ihren Kommentar! Ja, ich habe gewiss nichts „Neues“ aufgeschrieben hier. Aber selbst wenn diese Themen in bestimmten Bubbles längst bekannt und diskutiert sind: wie Sie selber schreiben, trifft man überall auf Leute, die die einzig richtige Vorstellung vom „Politischen“, die einzig richtige Analyse vom „Grossen und Ganzen“ für sich beanspruchen. Gegen diesen Dogmatismus müssen wir nicht nur bei der AfD, sondern auch in ‚eigenen‘ Kreisen immer wieder ankämpfen. Und nicht zuletzt auch reflektieren, wo wir zuweilen selbst dazu neigen.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s