Das Glas ist halb voll

Meine Lieblingsthese in Bezug auf den Rechtsrutsch ist, an guten Tagen, dass er unter anderem eine Reaktion auf progressive Entwicklungen ist: WEIL Minderheiten und Frauen* lauter geworden sind, sich zeigen, mitreden, Dinge fordern, gibt es so heftige Reaktionen. Der Ruf nach Re-Traditionalisierung, der zunehmende Antifeminismus, Anti-Gender und die aufkeimenden rassistischen und ausländerfeindlichen Ressentiments und Attacken, das Abwatschen einer angeblichen Political Correctness, die Forderung nach starken nationalen Grenzen oder Grenzen im Kopf sind ein Zeichen dafür, dass alte Gewissheiten tatsächlich ins Wanken geraten sind. Das weisse Hetero-Patriarchat liegt in den letzten Zügen, auch die letzten Hinterwäldler realisiert gerade, dass Einwanderungsgesellschaft und ‚Multikulti’ ausgemachte Tatsachen sind.

Wie sich zeigt, ist das nicht ungefährlich, denn es wird aggressiv dagegen gehalten. Das Pendel schlägt derzeit, machen wir uns nichts vor, hart zurück. Wie das alles ausgeht ist, angesichts des beängstigenden Erfolges autokratischer Politikstile (Trump, Putin, AfD, SVP usw.), überhaupt nicht ausgemacht. Die neuste alte Strategie ist, Minorisierte gegeneinander auszuspielen: Politisch korrekte Feministinnen, die „Homolobby“, Migrant*innen usw. seien Schuld am Rechtsrutsch, an den Wutbürgern (die Wahrheit ist: die Rechten sind Schuld am Rechtsrutsch – sowie ihre pseudo-liberalen Gehilfen und zündelnden Feuilletonist*innen). Behauptet wird, elitäre Queers oder People of Color hätten die Arbeiter*innen vergessen. Als ob Arbeiter*innen nicht auch Frauen*, queer oder of color wären. Man spielt eine angeblich „harte Realität“ gegen scheinbare „Luxusprobleme“ von Frauen* oder LGBTI+ gegeneinander aus. Der weisse Arbeiter habe eben echte Probleme, im Gegensatz zu den doofen Frauen*.

Natürlich gibt es in emanzipatorischen Bewegungen oder Gesellschaftskritiken auch Dogmatismus, oder sagen wir Übereifer – wo gibt es das nicht. Der Verweis auf vereinzelte, möglicherweise überzogene Anliegen – meistens werden diese Anliegen allerdings auch falsch dargestellt – wird derzeit genüsslich als Pappkamerad aufgebaut, als Sündenbock, um die Vision einer tatsächlich pluralen und gerechten Gesellschaft insgesamt zu diskreditieren.

Das ist Boshaftigkeit, und weil es Boshaftigkeit und nicht Diskussionsbereitschaft ist, können wir sagen, was wir wollen: Es wird von vielen ohnehin (absichtlich) missverstanden. Wie Laurie Penny schreibt: Egal, was ich sage, es wird als übertrieben und hysterisch gebrandmarkt. Völlig logische und vernünftige Argumente für soziale Veränderung werden zur Zielscheibe von Beschimpfungen. Da können wir auch gleich sagen, was wir wirklich denken, ohne beständig darauf zu achten, ob das die Befindlichkeit aller auch wirklich berücksichtigt – und uns dabei selbst kleinzumachen, unsere Sehnsucht dem anzupassen, was gerade noch als passend durchgeht.

Machen wir also weiter, weiter, weiter. Nutzen wir jede Bühne (naja nicht ganz, aber fast!), jedes Mikrophon, jede Kolumne, jedes Podium, jede Demonstration, jeden Hashtag, Parlamente oder Parteien. Lasst uns keine Angst davor haben, etwas falsch zu machen, weil wir das sowieso machen (gegen Boshaftigkeit kommt man wie gesagt nicht an). Es geht nicht darum, diejenigen zu überzeugen, die bereits reaktionär denken, bereits von Ressentiments getrieben sind. Vielmehr geht es darum, für diejenigen sichtbar und hörbar zu sein, die noch offen, noch unentschlossen sind, die sich gerade erst politisieren, aufwachen. Diejenigen, die unser Unbehagen an der Welt teilen, aber noch keine Worte dafür haben. Und am meisten geht es darum, auch hier nochmal mit Penny gesprochen: füreinander laut zu sein, „die Geplagten zu stärken“, und ja, natürlich: die Reaktionären zu plagen, und ihnen Redezeit wegzunehmen.

Denn das ist es, wovor ihnen graut. Es ist unsere Lautstärke und unsere Angstlosigkeit, die sie fürchten. Und sie haben Recht. Die Welt verändert sich grundlegend, wenn all diese „anderen“ plötzlich mitreden, wenn wir nicht mehr die Ausnahmen, die Freaks an den Rändern der Gesellschaft sind, sondern zur ‚Normalität’ werden, dazu gehören. Also lasst es uns doch gleich laut aussprechen: Es geht um mehr als um die Verteidigung von Grundrechten und von Verfassungsaufträgen, es geht um mehr als ‚gleich’ sein zu dürfen wie die bisherige ‚Norm’, es geht um mehr als darum, auch ein wenig mitmachen zu dürfen. Es geht um die Veränderung der Mehrheitsgesellschaft, der Norm selbst. Kurzum: Es geht um eine grundlegende Umverteilung von Einfluss und Ressourcen.

Sagen wir es doch laut: Wenn zum Beispiel queere Lebensweisen dereinst wirklich als gleichwertig gelten, werden womöglich viele ‚Schrankschwule’ plötzlich ihre queere Seite entdecken. Wenn Queerness eine gleichwertige Lebensweise ist, wird die Gesellschaft natürlich – oh schreck! – homosexualisiert. Sagen wir es laut: Es werden dann viel mehr Menschen den Mut haben und frei sein, verschiedene sexuelle Seiten an sich zu entdecken und auszuprobieren. Und das ist doch, was wir wollen. Auch die so genannte „Feminsierung der Männer“ ist genau, was wir wollen. Wir haben ein riesengrosses Problem mit toxischen Männlichkeits-Idealen, mit männlicher Gewalt. Es kann gar nicht genug ‚Feminisierung‘ geben, will heissen: Es kann gar nicht genug Veränderung in Richtung Empathie, Vulnerabilität, Fürsorge usw. geben. Wir können uns gar nicht weit genug entfernen von tradierten Männlichkeits- Phantasmen wie dem rücksichtslosen Streben nach Überlegenheit und Macht, die im schlimmsten Fall in schrecklicher Gewalt münden.

Das Geschrei von rechts – und oft genug auch aus der liberalen Mitte – gegen Political Correctness und vieles andere ist auch eine Reaktion auf unsere Lautstärke und auf die real vorhandene Möglichkeit, dass die Welt dereinst nicht mehr vor allem reich, weiss und männlich regiert ist. Unsere vielen lauten Stimmen und unsere vielen verschiedenen Gesichter sind der Alptraum der Herrschenden. Also zeigen wir uns! Mit dem Risiko, angegriffen zu werden. Aber wir haben mittlerweile Unterstützungsnetzwerke, um dies aufzufangen, um gegen den Hass vorzugehen (zum Beispiel Netzcourage).

Und diejenigen, die keine Kraft haben, die Self-Care brauchen, sich selbst schützen müssen oder wollen vor Anfeindungen: Auch das ist legitim, Selbstschutz ist wichtig. Viele kämpfen ja schon lange – nicht erst seit dem so genannten Rechtsrutsch. Sich zurück lehnen, ausruhen ist wichtig. Und deshalb ist es umso entscheidender, dass Allies (Verbündete) den Mund aufmachen, dass sie sich ins Zeug legen, wie Amina richtig schreibt. Meistens sind wir ja beides, betroffen von Marginalisierung und privilegiert zugleich. Als weisse Frau bin ich von Sexismus betroffen, aber nicht von Rassismus. Ich kann mich – als Verbündete – gegen Rassismus aussprechen, ohne dafür rassistische Anfeindungen zu riskieren.

Lasst uns also nicht nur von den eigenen Belangen, Problemen und Sorgen ausgehen, sondern immer auch Verbündete sein und unsere Kanäle und unseren Einfluss nutzen, um auf Frauen*, Queers, Menschen of color, Menschen mit Behinderung, Trans*menschen, Migrant*innen und deren Projekte, Anliegen und Kritiken zu verweisen. Seien wir Multiplikator*innen. Multiplikator*innen des Minorisierten. Damit all das lauter und sichtbarer wird als die SVP, AfD oder die NZZ.

Alle sind nun gefragt, die herrschenden Bezugssysteme zu verschieben und andere sichtbar zu machen. Es braucht natürlich Analysen der AfD oder SVP, deren Dekonstruktion oder gar juristisches Vorgehen. Aber nicht Bühnen. Wir sollten nicht nochmal oder nur minim die Glarners oder die Blochers oder die Weidels skandalisieren, wir sollten solchen Leuten möglichst wenig Sichtbarkeit geben. Sondern eben anderen.

Wir haben nichts anderes als diese „verrottete Gegenwart“, auf die wir unsere Sehnsucht und unsere Energie verwenden können. Also let’s go. Nehmen wir sie uns.

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Ein Gedanke zu “Das Glas ist halb voll

  1. Mir gefällt dein Artikel sehr gut und ich finde, du hast völlig recht mit dem was du schreibst.
    Eine schöne und positive Bestärkung, für schlechte Tage.
    Vielen Dank!
    Und ja: Zeigen wir uns!

    Gefällt 1 Person

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