Rechtspopulismus und Rechtsextremismus lassen sich mit Argumenten nicht entkräften

Seit Jahren wird versucht, Rechtspopulisten argumentativ zu entlarven, sie wurden in Zeitungen interviewt, auf Bühnen gehoben und in Talk Shows eingeladen. Aber es ist offensichtlich: sie wurden argumentativ nicht entkräftet, sondern je mehr AfD und Konsorten zu sehen waren, desto mehr wurden sie gewählt.

Rechtspopulist_innen gewinnen ihre Sympathien nicht, weil niemand bessere Argumente formuliert hätte; Die besseren Argumente sind überall gegenwärtig, Rechtspopulisten wurden und werden permanent widerlegt. Trotzdem wurden und werden sie gewählt. Das legt den Schluss nahe: sie gewinnen Sympathien, weil sie irrationale und menschenfeindliche Positionen vertreten, und weil sie projektive Ängste schüren. Sie sind erfolgreich, weil sie Gefühle, nicht Argumente anbieten. Gefühle, die symbolische Selbst-Aufwertung durch rassistische Diskriminierung und die Ablehnung anderer beinhalten. Gefühle, die an die in der Gesellschaft weit verbreitete affektive „Ablehnungskultur“ (vgl. Bojadžijev/Opratko 2017) andocken und es ermöglichen, sich gegen alles zu richten, was als fremd und bedrohlich konstruiert wird.

Rechtspopulist_innen agieren nicht auf der Ebene von Argumenten, es geht ihnen nicht um den Austausch von Argumenten und Fakten, nicht um das Erreichen eines vernünftigen Konsens oder um Verständigung, sondern es geht ihnen um Diskurszerstörung, um maximale Provokation und das Schüren von Hass. Es geht ihnen nicht um Meinungsvielfalt, wie sie behaupten, sondern gerade um deren Einschränkung. Es geht ihnen darum, autoritäre Wahrheiten und Politiken durchzusetzen und den demokratischen Diskurs zu zerstören (über verbales Posing siehe auch Andreas Kemper).

Gegen die „Politik der Gefühle“ haben Argumente – das zeigt die sozialpsychologische Forschung – einen schweren Stand bis keine Chance. Menschen, die eine Affinität für Ressentiments haben (und das ist, siehe zum Beispiel die Studie von Wilhelm Heitmeyer, eine recht grosse Zahl), werden nach einer Talkrunde mit rechtspopulistischer Beteiligung auch angesichts der besten Gegenargumente keine relevanten Verschiebungen weg von ihren Positionen machen, sondern sich dadurch, dass ihre Vorurteile in der Öffentlichkeit ausgesprochen werden, bestätigt fühlen (sie dazu auch Floris Biskamp).

Rechtspopulist_innen können sich darauf verlassen, dass zahlreiche sich selbst überschätzende Argumentationslogiker daran festhalten, sie argumentativ entkräften zu können.

Weiter argumentiert Biskamp, dass «die öffentliche Argumentation gegen rechts sich zwar mitunter argumentationslogisch als valide erweisen kann, aber ein empirisches Publikum deswegen noch lange nicht effektiv überzeugen muss».

Kurzum: Rechtspopulist_innen können sich darauf verlassen, dass die dialogisch orientierte Gesellschaft und zahlreiche sich selbst überschätzende Argumentationslogiker daran festhalten, sie argumentativ entkräften zu können. Rechtspopulist_innen instrumentalisieren die dialogisch orientierte Gesellschaft, die weiterhin daran glaubt, dass das Verbreiten von rationalen Argumenten dem Verbreiten von Ressentiments überlegen sei.

Selbstverständlich ist es wichtig, Rechtspopulismus zu untersuchen und zu dekonstruieren, sich mit rechtsextremen und rechtspopulistischen Positionen und Strategien zu befassen, die Zunahme solcher Weltanschauungen zu kommentieren und zu analysieren. Dazu braucht es aber keine Gespräche mit rechten Strategen auf einer Bühne, keine Home Stories oder öffentlichen Interviews.

Rechtspopulisten und Rechtsextreme produzieren genug Material, das man analysieren kann. Es ist klar, was sie wollen. Wir haben keinerlei Erkenntnisgewinn, wenn wir die Produzentinnen solcher Ideologien auf eine Bühne holen und dort mit ihnen argumentieren. Wir werden nicht mehr erfahren, als wenn wir Expertinnen, Wissenschaftler, Betroffene von rechter Politik usw. zu Wort kommen lassen (siehe dazu Natascha Strobl und Marina Weisband „Mit Rechten Reden?“).

Nicht zuletzt werden rechte und rechtsextreme Ideologien und Weltanschauungen jetzt schon breit rezipiert, sie sind nicht, wie gern behauptet, an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit kommt in breiten Teilen der Gesellschaft vor (siehe Heitmeyer).

Das Problem ist nicht, dass rechte Positionen zu wenig gehört werden. Es ist vielmehr ein affirmierender Diskurs, der Rechtspopulismus und Rechtsextremismus wieder gross und gesellschaftsfähig gemacht hat.

Das Problem ist also nicht, dass solche Positionen zu wenig gehört werden, zu wenig präsent oder gar stigmatisiert wären und sich Menschen deshalb radikalisieren. Es wurde und wird ihnen permanent zugehört, sie werden dauernd beachtet. Es ist nicht ihre Zurückweisung, sondern vielmehr ein Willkommensdiskurs, der Rechtsextremismus wieder gesellschaftsfähig gemacht hat.

Rechtspopulisten geht es darum, die Mitte der Gesellschaft zu radikalisieren. Das Sagbare und Denkbare nach rechts zu verschieben (siehe dazu mein Buch zur „Rhetorik der Rechten„). Um das zu erreichen, brauchen sie die massenmediale Öffentlichkeit. Massenmedien sind ihr allerwichtigstes Mittel, um ihre Botschaften zu verbreiten, Stimmen zu erhalten und ihre Positionen als legitime und „normale“ bürgerliche Meinung zu inszenieren.

Weiter nutzen sie mediale Bühnen, um sich als Opfer eben dieser Medien zu inszenieren. Je öfter bürgerliche Medien ihnen die Möglichkeit für dies Opfer-Inszenierung geben, desto mehr kommen sie unter Druck, diesen Vorwurf durch weitere „Einladungen“ zu entkräften.
Auch wenn Rechtspopulist_innen ständig auf den Medien als „Lügenpresse“ herumhacken – Fakt ist, dass sie ohne Massenmedien kaum Erfolg haben können. Deshalb ist es entscheidend, ihnen diese Bühnen zu nehmen und ihnen nur so viel Redezeit zu geben, wie demokratisch unbedingt nötig ist.
Wir sollten bei der Frage „mit Rechten reden“ klar unterscheiden zwischen privaten oder öffentlichen Situationen.
Und ja, man muss auf Rechte und Rechtsextreme zugehen, aber nicht auf Podien und Bühnen. Wir sollten bei der Frage „mit Rechten reden“ klar unterscheiden zwischen privaten oder öffentlichen Situationen (Natascha Strobl): Mit dem Onkel, der nach rechts driftet oder der Nachbarin müssen wir natürlich reden, wir müssen an die Menschen glauben, daran, dass sie ihre Meinung auch wieder ändern können (eine tolle Gesprächshilfe gegen rechts findet sich hier). Auch in der Sozial- oder Jugendarbeit müssen wir immer mit allen reden, an alle glauben, sie zurück zu holen versuchen.
Ob wir mit rechtspopulistischen Strategen auf einer Bühne reden, sollten wir uns aber gut überlegen.

2 Gedanken zu “Rechtspopulismus und Rechtsextremismus lassen sich mit Argumenten nicht entkräften

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