„Ich kann euch alle haben.“ Maskulinitätsideologien und Rechtsnationalismus

Frauenverachtung ist ein zentraler Antrieb rechtsnationaler Strömungen. Ich habe gemeinsam mit Michelle Lanwehr eine Analyse zur Radikalisierung junger Männer geschrieben:

Pick-Up-Artists und antifeministischer Männerrechtsaktivismus sind eine bislang zu wenig beachtete Triebkraft neu-rechter Bewegungen. Lag der Fokus von Analysen zur neuen Rechten bisher vor allem auf Rassismus und Migrationsfeindlichkeit, wird jetzt zunehmend deutlich, dass Antifeminismus, Frauenverachtung und maskulistische Ideologien ebenfalls zentral, ja häufig der Ausgang für rechtsnationale Radikalisierung sind.
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Das Glas ist halb voll

Meine Lieblingsthese in Bezug auf den Rechtsrutsch ist, an guten Tagen, dass er unter anderem eine Reaktion auf progressive Entwicklungen ist: WEIL Minderheiten und Frauen* lauter geworden sind, sich zeigen, mitreden, Dinge fordern, gibt es so heftige Reaktionen. Der Ruf nach Re-Traditionalisierung, der zunehmende Antifeminismus, Anti-Gender und die aufkeimenden rassistischen und ausländerfeindlichen Ressentiments und Attacken, das Abwatschen einer angeblichen Political Correctness, die Forderung nach starken nationalen Grenzen oder Grenzen im Kopf sind ein Zeichen dafür, dass alte Gewissheiten tatsächlich ins Wanken geraten sind. Das weisse Hetero-Patriarchat liegt in den letzten Zügen, auch die letzten Hinterwäldler realisiert gerade, dass Einwanderungsgesellschaft und ‚Multikulti’ ausgemachte Tatsachen sind.

Wie sich zeigt, ist das nicht ungefährlich, denn es wird aggressiv dagegen gehalten. Das Pendel schlägt derzeit, machen wir uns nichts vor, hart zurück. Wie das alles ausgeht ist, angesichts des beängstigenden Erfolges autokratischer Politikstile (Trump, Putin, AfD, SVP usw.), überhaupt nicht ausgemacht. Die neuste alte Strategie ist, Minorisierte gegeneinander auszuspielen: Politisch korrekte Feministinnen, die „Homolobby“, Migrant*innen usw. seien Schuld am Rechtsrutsch, an den Wutbürgern (die Wahrheit ist: die Rechten sind Schuld am Rechtsrutsch – sowie ihre pseudo-liberalen Gehilfen und zündelnden Feuilletonist*innen). Behauptet wird, elitäre Queers oder People of Color hätten die Arbeiter*innen vergessen. Als ob Arbeiter*innen nicht auch Frauen*, queer oder of color wären. Man spielt eine angeblich „harte Realität“ gegen scheinbare „Luxusprobleme“ von Frauen* oder LGBTI+ gegeneinander aus. Der weisse Arbeiter habe eben echte Probleme, im Gegensatz zu den doofen Frauen*.

Natürlich gibt es in emanzipatorischen Bewegungen oder Gesellschaftskritiken auch Dogmatismus, oder sagen wir Übereifer – wo gibt es das nicht. Der Verweis auf vereinzelte, möglicherweise überzogene Anliegen – meistens werden diese Anliegen allerdings auch falsch dargestellt – wird derzeit genüsslich als Pappkamerad aufgebaut, als Sündenbock, um die Vision einer tatsächlich pluralen und gerechten Gesellschaft insgesamt zu diskreditieren.

Das ist Boshaftigkeit, und weil es Boshaftigkeit und nicht Diskussionsbereitschaft ist, können wir sagen, was wir wollen: Es wird von vielen ohnehin (absichtlich) missverstanden. Wie Laurie Penny schreibt: Egal, was ich sage, es wird als übertrieben und hysterisch gebrandmarkt. Völlig logische und vernünftige Argumente für soziale Veränderung werden zur Zielscheibe von Beschimpfungen. Da können wir auch gleich sagen, was wir wirklich denken, ohne beständig darauf zu achten, ob das die Befindlichkeit aller auch wirklich berücksichtigt – und uns dabei selbst kleinzumachen, unsere Sehnsucht dem anzupassen, was gerade noch als passend durchgeht.

Machen wir also weiter, weiter, weiter. Nutzen wir jede Bühne (naja nicht ganz, aber fast!), jedes Mikrophon, jede Kolumne, jedes Podium, jede Demonstration, jeden Hashtag, Parlamente oder Parteien. Lasst uns keine Angst davor haben, etwas falsch zu machen, weil wir das sowieso machen (gegen Boshaftigkeit kommt man wie gesagt nicht an). Es geht nicht darum, diejenigen zu überzeugen, die bereits reaktionär denken, bereits von Ressentiments getrieben sind. Vielmehr geht es darum, für diejenigen sichtbar und hörbar zu sein, die noch offen, noch unentschlossen sind, die sich gerade erst politisieren, aufwachen. Diejenigen, die unser Unbehagen an der Welt teilen, aber noch keine Worte dafür haben. Und am meisten geht es darum, auch hier nochmal mit Penny gesprochen: füreinander laut zu sein, „die Geplagten zu stärken“, und ja, natürlich: die Reaktionären zu plagen, und ihnen Redezeit wegzunehmen.

Denn das ist es, wovor ihnen graut. Es ist unsere Lautstärke und unsere Angstlosigkeit, die sie fürchten. Und sie haben Recht. Die Welt verändert sich grundlegend, wenn all diese „anderen“ plötzlich mitreden, wenn wir nicht mehr die Ausnahmen, die Freaks an den Rändern der Gesellschaft sind, sondern zur ‚Normalität’ werden, dazu gehören. Also lasst es uns doch gleich laut aussprechen: Es geht um mehr als um die Verteidigung von Grundrechten und von Verfassungsaufträgen, es geht um mehr als ‚gleich’ sein zu dürfen wie die bisherige ‚Norm’, es geht um mehr als darum, auch ein wenig mitmachen zu dürfen. Es geht um die Veränderung der Mehrheitsgesellschaft, der Norm selbst. Kurzum: Es geht um eine grundlegende Umverteilung von Einfluss und Ressourcen.

Sagen wir es doch laut: Wenn zum Beispiel queere Lebensweisen dereinst wirklich als gleichwertig gelten, werden womöglich viele ‚Schrankschwule’ plötzlich ihre queere Seite entdecken. Wenn Queerness eine gleichwertige Lebensweise ist, wird die Gesellschaft natürlich – oh schreck! – homosexualisiert. Sagen wir es laut: Es werden dann viel mehr Menschen den Mut haben und frei sein, verschiedene sexuelle Seiten an sich zu entdecken und auszuprobieren. Und das ist doch, was wir wollen. Auch die so genannte „Feminsierung der Männer“ ist genau, was wir wollen. Wir haben ein riesengrosses Problem mit toxischen Männlichkeits-Idealen, mit männlicher Gewalt. Es kann gar nicht genug ‚Feminisierung‘ geben, will heissen: Es kann gar nicht genug Veränderung in Richtung Empathie, Vulnerabilität, Fürsorge usw. geben. Wir können uns gar nicht weit genug entfernen von tradierten Männlichkeits- Phantasmen wie dem rücksichtslosen Streben nach Überlegenheit und Macht, die im schlimmsten Fall in schrecklicher Gewalt münden.

Das Geschrei von rechts – und oft genug auch aus der liberalen Mitte – gegen Political Correctness und vieles andere ist auch eine Reaktion auf unsere Lautstärke und auf die real vorhandene Möglichkeit, dass die Welt dereinst nicht mehr vor allem reich, weiss und männlich regiert ist. Unsere vielen lauten Stimmen und unsere vielen verschiedenen Gesichter sind der Alptraum der Herrschenden. Also zeigen wir uns! Mit dem Risiko, angegriffen zu werden. Aber wir haben mittlerweile Unterstützungsnetzwerke, um dies aufzufangen, um gegen den Hass vorzugehen (zum Beispiel Netzcourage).

Und diejenigen, die keine Kraft haben, die Self-Care brauchen, sich selbst schützen müssen oder wollen vor Anfeindungen: Auch das ist legitim, Selbstschutz ist wichtig. Viele kämpfen ja schon lange – nicht erst seit dem so genannten Rechtsrutsch. Sich zurück lehnen, ausruhen ist wichtig. Und deshalb ist es umso entscheidender, dass Allies (Verbündete) den Mund aufmachen, dass sie sich ins Zeug legen, wie Amina richtig schreibt. Meistens sind wir ja beides, betroffen von Marginalisierung und privilegiert zugleich. Als weisse Frau bin ich von Sexismus betroffen, aber nicht von Rassismus. Ich kann mich – als Verbündete – gegen Rassismus aussprechen, ohne dafür rassistische Anfeindungen zu riskieren.

Lasst uns also nicht nur von den eigenen Belangen, Problemen und Sorgen ausgehen, sondern immer auch Verbündete sein und unsere Kanäle und unseren Einfluss nutzen, um auf Frauen*, Queers, Menschen of color, Menschen mit Behinderung, Trans*menschen, Migrant*innen und deren Projekte, Anliegen und Kritiken zu verweisen. Seien wir Multiplikator*innen. Multiplikator*innen des Minorisierten. Damit all das lauter und sichtbarer wird als die SVP, AfD oder die NZZ.

Alle sind nun gefragt, die herrschenden Bezugssysteme zu verschieben und andere sichtbar zu machen. Es braucht natürlich Analysen der AfD oder SVP, deren Dekonstruktion oder gar juristisches Vorgehen. Aber nicht Bühnen. Wir sollten nicht nochmal oder nur minim die Glarners oder die Blochers oder die Weidels skandalisieren, wir sollten solchen Leuten möglichst wenig Sichtbarkeit geben. Sondern eben anderen.

Wir haben nichts anderes als diese „verrottete Gegenwart“, auf die wir unsere Sehnsucht und unsere Energie verwenden können. Also let’s go. Nehmen wir sie uns.

Worte statt Taten?

Jetzt werden Sie doch mal konkret! Überlegungen zum (feministischen) Aktivismus

 

Ich muss mich immer wieder mit dem Vorwurf auseinandersetzen, ich würde mich nicht konkret genug engagieren, oder: meine feministische Kritik und Analyse würden doch an den realen Verhältnissen nichts ändern. Oder ich werde gefragt, wie das, was ich da sage, überhaupt in der Praxis umgesetzt werden könnte. Welche konkreten Lösungen es für ein Problem gibt, auf das ich verweise. Das sind ja alte Fragen, ich bin nicht die Erste, die sich hier immer wieder gewissermassen in die Ecke gedrängt fühlt.

Ich habe ein recht breiteres Politikverständnis. Für mich passiert das ‚Politische‘ nicht erst im Moment eines parlamentarischen Beschlusses, einer Gesetzesrevision, der Eröffnung eines Frauenhauses, der Einführung von Quoten, oder einer konkreten Umverteilung von Ressourcen. Ich denke, dass all diese wichtigen, so genannt konkreten Dinge überhaupt erst geschehen, wenn eine Gesellschaft, wenn Menschen dafür auch in ihrem Denken bereit sind. Und dafür braucht es viel Vor-Arbeit am Symbolischen, an der kulturellen Ordnung. Dafür braucht es Verschiebungen in der Wahrnehmung, im Bewusstsein der Menschen. Ohne diese Verschiebungen oder Bewusstseinsveränderungen passiert in der Praxis letztlich wenig, oder es passiert nicht grundlegend genug.

Diskursive Interventionen und Auseinandersetzung – und damit verbunden Veränderungen im Denken – sind meines Erachtens entscheidend für die Herstellung von Gerechtigkeit, für gesellschaftspolitische Veränderungen. Oder anders gesagt: Veränderungen im Denken SIND bereits Teil der so genannten konkreten Veränderung. Ich wende mich entschieden dagegen, das Denken, Kritisieren oder Analysieren und das Konkrete überhaupt zu trennen. ‚Theorie‘ und ‚Praxis‘ können nicht getrennt werden. Solche Trennungen werden oft konstruiert, um das Denken, das Utopische, das Kritische abzuwürgen. Um dem ‚Konkreten‘, dem Praktischen einen Vorrang zu attestiern. Tatsächlich gibt es aber kaum Praxis ohne Theorie. Die Praxis ist immer auch Theorie bzw. Wissens geleitet oder entsteht in einem engen Wechselverhältnis mit Wissen. Genauso, wie auch aus dem Handeln wiederum neue Erkenntnisse und Gedanken enstehen. Die Ebenen sind nicht trennbar.

Ich halte diese Abwertung des Diskurses, die Ablehnung der ‚Arbeit am Bewusstsein‘, wie sie mir in der Schweiz besonders stark scheint, für kontraproduktiv. Es wird schnell gesagt: Das ist dieses elitäre Elfenbeinturmgetue. Dabei wird eben vergessen, dass (emanzipatorische) Praxis ganz entscheidend mit dem Erkennen und Benennen von Herrschaftsverhältnissen einhergeht. Vergessen geht auch, dass das Formulieren von Kritik ganz und gar nicht nur ein akademisches Projekt ist, sondern im Gegenteil, oft ‚von unten‘ kommt. Es sind ja nicht selten marginalisierte Menschen, die ihre Erfahrungen Jahrzehnte lang artikulieren, die ein kritisches Wissen aufbauen und ins Bewusstsein der Gesellschaft bringen, ein Wissen, auf das sich konkrete Gesetze oder Handlungsweisen eben dann beziehen, das diese überhaupt möglich macht.

Ich finde es teilweise wirklich beschämend, wie sehr die „Taten“ den „Worten“ hierarchisch gegenüber gestellt werden. Womöglich zeigt sich darin auch eine ‚patriarchale‘ Logik? In einer Rezension des Films „Suffragette“, der den Kampf der Suffragetten in England um das Frauen-Wahlrecht zeigt, kritisiert Antje Schrupp die Glorifizierung der revolutionären Tat: Der Film richte seinen Fokus gänzlich auf den Slogan „Taten statt Worte“. Schrupp argumentiert, dass damit nahe gelegt werde, das Stimmrecht sei durch Militanz und (tödliche) Selbstaufopferung einzelner Kämpderinnen möglich geworden. Andere Länder, in denen die Stimmrechtsbewegung nicht militant war, haben das Stimmrecht aber zur selben Zeit auch bekommen wie England, teilweise sogar früher. Schrupp fragt: Waren die ‚Taten‘ dieser Frauen (Selbstmord, Verlieren des Sohnes, gesundheitliche Schäden usw.) tatsächlich sinnvoll und notwendig für den Erfolg des Anliegens? Oder wurde hier ein (männlicher) Heldenmythos auf die Frauenbewegung übertragen?

Kurzum: Bevor das Stimmrecht erfolgreich war, gab es viele Jahre der argumentativen Auseinandersetzungen, in denen Frauen deutlich machten, dass sie keine minderwertigen Menschen sind. Dass sie ebenfalls politische Bürgerinnen sein können und wollen. Die Idealisierung der „Tat“ folgt einer Logik, die nicht berücksichtigt, wie viel vor einer ‚Revolution‘ oder einer Veränderung bereits mit Worten gekämpft wurde, wie sehr sich das Bewusstsein verändern musste, damit am Ende das Stimmrecht möglich wurde.

Ich kann mir emanzipatorische Veränderungen jedenfalls ohne die Veränderung von Bewusstsein kaum vorstellen. Eine Gesellschaft, die ein Gesetz oder ein Recht zu verabschieden bereit ist, hat bereits einen Bewusstseinsprozess durchlaufen, in dem über viele Jahre mit Worten gekämpft wurde.

 

Burka: Für mich ist das kein „Feministinnen-Zoff“

In der Schweiz wird bald über ein Burka-Verbot abgestimmt, eine Initiative, die von rechts kommt. In den letzten Tagen und Wochen gab es in den Sozialen Medien – wieder mal – Debatten zum Thema „Islam-Kritik“. Ich habe mich zu einem spezifischen Punkt geäussert, und wurde heute ungefragt von 20Minuten unter „Feministinnen-Zoff“ zitiert. Hier sind einige Gedanken dazu. Kann geteilt werden. Vielleicht hilft es. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist es wiederum nur kontra-produktiv. Ich weiss es gerade nicht.

***

Es ist mir tatsächlich peinlich, dass ich heute schon wieder ausführlich im 20Minuten zitiert werde. Und in der NZZ. Als ob ich dauernd meine Meinung überall herumbrünzeln würde. Was auf Facebook ja teilweise auch so ist, aber bisher war es nicht so, dass das dann quasi automatisch in die Medien gerät. Jetzt weiss ich es und werde das im Kopf haben. Es befremdet mich aber ehrlich gesagt, wie Social Media-Auseinandersetzungen von einigen Medien aufgegriffen und eigenmächtig und ohne Rücksprache kontextualisiert und geframed werden. Vielleicht bin ich aber einfach altmodisch?

Was es von meiner Seite zu sagen gibt: Ich bin definitiv keine „Islam“-Expertin und meine Äusserungen zu El Ghazzalis Interview bezogen sich auf einen einzigen Aspekt. Nämlich auf seine Aussage, dass das Tragen eines Hijab nie ein liberaler Entscheid einer Fraue sein könnte. Ich habe hier aus einer bestimmten feministischen Perspektive argumentiert, nämlich dass das Handeln von Frauen nicht an abstrakten Konzepten (Liberalismus) gemessen werden sollte, sondern konkret bezogen auf die Situation, in der Frauen handeln.

Jetzt werde ich mit diesen Aussagen zu einem angeblichen „Feministinnen-Zoff“ (20Minuten) zitiert, konstruiert wird eine Gegnerschaft – auch zu El Ghazzali – die in dieser Absolutheit nicht stimmt, da ich viele Aussagen von El Ghazzali gar nicht per se falsch finde. Auch der angebliche „Feministinnen-Zoff“ ist eine Konstruktion, denn von einer wirklichen inhaltlichen Beschäftigung und Auseinandersetzung unter den von 20Minuten zitierten Akteurinnen kann keine Rede sein.

Zudem werden hier Leute (unter anderem ich) in diese Debatte gezerrt, die wirklich keine ausgewiesenen Expertinnen auf diesem ganzen komplexen Gebiet sind. Sondern schnelle Meinungen raushauen (ich selber habe mich wie gesagt nur zu einem Teilaspekt geäussert). Dass solche ’schnellen‘ Aussagen dann in Medien zugespitzt und aufgekocht werden, ist überhaupt nicht in meinem Sinn.

Ich habe jüngst mit einer feministischen Mit-Streiterin darüber ausgetauscht, inwiefern nun plötzlich alle Feministinnen unfreiwillig dazu gezwungen sind, „Islam“-Expertinnen zu sein. Feministinnen wird immer öfter jegliche Legitimität abgesprochen, wenn sie nicht auch ganz genau wissen und zu formulieren im Stande sind, was die muslimischen Schwestern brauchen. ‚Nur’ sexistische Werbung oder sexuelle Belästigung oder Lohnungleichheit zu kritisieren, gilt zunehmend als nicht feministisch genug, ja geradezu als ein Verrat am Feminismus, weil andere Frauen schliesslich gesteinigt werden.

Selbstverständlich bin ich für feministische Perspektiven, die transnational und intersektional sind. Ich habe aber den Eindruck, dass sich über dieses Einfordern von Islam-Expertise – unter anderem – eine Art neuer Antifeminismus formiert, eine Art antifeministische Erpressung: ‚Wenn Ihr nicht schwerpunktmässig den Islamismus bekämpft, ist Euer Kampf für die Frauen nicht ernst zu nehmen’. Genau in diese Ecke treibt uns auch die Burka-Abstimmung. Man kann Feministinnen nun immerzu vorwerfen, das ‚eigentliche Ziel’ zu verfehlen.

Ich werde mir gut überlegen, und viele müssen das wohl, wie und ob ich in den kommenden Monaten zu dieser ganzen „Burka“-Sache öffentlich etwas sage. Im Moment weiss ich nicht, wie das weiter gehen soll. Und hoffe vor allem, dass sich hier Menschen mit weitsichtiger Expertise, mit Ausgewogenheit und angemessener Komplexität zu Wort melden – und zu Wort kommen.

Das Problem ist meines Erachtens, dass die kommende Burka-Abstimmung eine Schein-Abstimmung ist, bei der es nicht um die Frage geht, was Frauen brauchen, um ein möglichst emanzipiertes oder freies Leben zu führen. Es geht – hintergründig – um „den Islam“ insgesamt. Darum, „den Islam“ (wie schon bei der Minarett-Initiative), doof oder gut zu finden. Ein unsäglich vulgärer und zerstörerischer Move in einer interkulturellen Gesellschaft. Damit wird die durchaus relevante Frage, wie muslimische Frauen in der Schweiz ein emanzipiertes Leben leben können, überhaupt nicht gestellt. Beziehungsweise sie wird jedes Mal vor die Folie Islam = böse oder Islam = gut gezerrt. Debatten-Teilnehmerinnen werden folglich darauf reduziert – das heisst meine Aussagen können vor diesem Hintergrund nur gelesen werden als: Ich verteidige „den Islam“ oder schlimmer: Islamismus. Und bin gar FÜR die Unterdrückung der Frauen „durch den Islam“.

Solange wir also vor dieser Folie befragt, zitiert, gemessen werden, kann es meines Erachtens gar keinen „Feministinnen-Streit“ geben. Weil alles, was dazu gesagt wird, sofort in diese Pro- oder Anti-Islam-Frage einsortiert wird. Dieses Framing ist aber nicht MEIN Framing, ich sehe mich nicht als TEIL eines solchen „Zoffs“.

Und ja, ich hatte meine Kritik an El Ghazzalis Aussage in einem Blog publiziert. Dies war allerdings NICHT im Rahmen eines „Feministinnen-Zoffs“ und schon gar nicht als Beitrag zum Burka-Verbot oder ‚zum Islam‘. Auch wenn anhand meiner Überlegungen durchaus diskutiert werden kann, inwiefern feministische Perspektiven in dieser Frage auseinander gehen, so finde ich es gleichwohl befremdlich, von einem nicht-feministischen Blatt ungefragt unter „Feministinnen-Zoff“ geführt zu werden. Auch deshalb, weil meine Überlegungen – wenn auch nicht falsch – so doch verkürzt wieder gegeben werden. Nämlich, dass meine Haltung scheinbar da endet, einen „Schleier“ (es wird in der Darstellung auch nicht zwischen Burka und Hijab differenziert) als allgemein selbstbestimmte Sache zu sehen.

Entgegen dieser verkürzten Darstellung verstehe ich aber Verschleierung sehr wohl als ein patriarchales Symbol, oder anders ausgedrückt: ohne patriarchale Geschichte gäbe es den Schleier nicht (das ist jedenfalls meine Einschätzung – wie gesagt bin ich keine Expertin). Ich sehe Verschleierung also durchaus kritisch. Was aber nicht ausschliesst, dass Frauen sich auch selbstbestimmt verschleiern. Oder gute Gründe haben, dies zu tun (auch wenn ich diese vielleicht selber nicht immer nachvollziehen kann).

 

Wer von Männlichkeit nicht reden will, soll auch zum Faschismus schweigen

Die Ereignissen am Wochenende in Charlottesville machen erneut klar: Wir müssen endlich über toxische Männlichkeit sprechen. Und über die Mittäterschaft der Frauen*.

Männer*[1] fahren gerade die Welt an die Wand. Jedenfalls scheint das so, wenn man die Nachrichten einschaltet. Und auch einige Zahlen bezeugen das: Die allermeiste Gewalt geht von Männern* aus, sei es durch Kriege, sei es im Privaten, in Schlägereien. Sei es an der Spitze von Regierungen, ausbeuterischen Wirtschaftsweisen und Konzernen. Sei es als Anführer fundamentalistisch-religiöser Bewegungen oder durch Faschismus und Terror, wie in den letzten Tagen wieder deutlich wurde.

Wer nicht spätestens seit den Ausschreitungen in Charlottesville bereit ist, über den Faktor Männlichkeit nachzudenken, macht sich nicht nur lächerlich, sondern mitschuldig. Die hyper-maskulinen Aufmärsche zeigen mehr als deutlich, dass Männlichkeitsphantasmen eine treibende Kraft für ‚White Nationalism’, Faschismus, Populismus und Gewalt sind. Machen wir uns nichts vor: Es ist zwar möglich, aber kaum wahrscheinlich, dass eine Frau* mit ihrem Auto absichtlich in eine Menschenmenge rast.

Natürlich sind nicht alle Männer* gewalttätig oder sitzen in machtvollen Positionen mit zerstörerischen Effekten. Viele Männer* leben in Armut, haben diverse Probleme. Und natürlich gibt es auch gewalttätige und faschistoide Frauen*, wie die derzeitigen Anführerinnen der europäischen Rechten deutlich machen. All das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass wir es mit einem gravierenden Männlichkeitsproblem zu tun haben. Selbst wenn Geschlechternormen sich zweifelsohne gelockert haben, und der traditionelle Patriarch in der postfordistischen Gesellschaft keine vorherrschende Figur mehr ist: Omnipotenz scheint ein unhinterfragter Traum vieler Männer*. Viele sind vollgepumpt mit Allmachtphantasmen – gerade dann, wenn sie real keine oder wenig Macht haben. Und sie hinterlassen eine tödliche Spur, wenn sie das Ideal nicht erreichen. Das untergehende Patriarchat ist womöglich gefährlicher als das Patriarchat selbst. So, wie auch das angeschossene Tier besonders gefährlich ist.

Wir müssen endlich Ernst nehmen, welche Rolle Männlichkeit, der Beweis von Männlichkeit und der Beweis ihrer Überlegenheit – sei es gegenüber Frauen* oder anderen Männern* –  in vielen Handlungen und Verhaltensweisen von Männern*, in Entwicklungen der Weltpolitik, der Wirtschaft oder in Ideen spielen. Es wird sich sonst nichts ändern. Nie. Das bedeutet zu allererst, dass Männer* über ihre Geschlechtlichkeit nachdenken müssen. Das ist anspruchsvoll und paradox. Denn Geschlecht kommt im männlichen Subjektverständnis, in der männlichen Selbsterfahrung gerade nicht vor. Anders gesagt: Männlichkeit ist darüber definiert, nicht über Männlichkeit nachzudenken.

Mann* könnte das aber, ja muss es lernen. Männer* müssen für diese Fragen Verantwortung übernehmen. Bisher tun sie das nicht. Oder kaum. Lieber behaupten sie, wir bräuchten keinen Feminismus. Oder: Geschlecht spiele in der Welt keine Rolle. Sie weigern sich, über Männlichkeit nachzudenken, weil sie sich selbst nicht als geschlechtlich wahrnehmen. Männer* sehen sich als „Menschen“. Ein Geschlecht, das haben nur Frauen*. Frauen* stehen für das Besondere, während Männer* es gewohnt sind, das Allgemeine zu repräsentieren. Auch eine Hautfarbe haben nur andere. Kurzum: Vor allem weisse Männer* begreifen sich in der Regel als unmarkiert. Partikular sind immer nur Menschen of Color, Frauen* oder andere (deshalb heisst es ja „Frauenfussball“). Mit der Folge, dass Männer* ihre Vorstellungen vom Leben, von Politik, Karriere, Macht, Nation usw. nicht für spezifisch, nicht für vergeschlechtlicht halten. Sondern für universell gültig.

Viele Männer* weigern sich, sich mit der spezifischen Sozialisation, die sie als Männer* erfahren, auseinanderzusetzen. Je nach Schicht, Hintergrund, Herkunft ist diese natürlich unterschiedlich. Im Grossen und Ganzen ist Männlichkeit jedoch fast überall auf der Welt mit „Überlegenheit und Macht“ konnotiert. Welche zerstörerischen Folgen dies hat, für sie selbst und für die Welt, wird weiterhin systematisch ausgeblendet.

Wie viele Tote muss es noch geben?

Auch Frauen* sollten sich das fragen. Denn sie sind nicht selten Stabilisatorinnen der toxischen Männlichkeit. Frauen* sowie überhaupt alle Geschlechter können patriarchalisch handeln oder sich an entsprechenden Logiken orientieren. Phallozentrismus ist gewiss keine rein männliche Sache. Vor kurzem habe ich das Buch von Christina Thürmer-Rohr „Vagabundinnen“ wieder hervorgeholt, und war überrascht, wie brandaktuell es ist. Vieles von dem, was Thürmer-Rohr schreibt, wurde vergessen, weil feministisches Wissen strukturell immer wieder vergessen, ja ausgelöscht wird. Jede Generation Frauen* beginnt wieder von vorne. Zum Beispiel damit, über die eigene „Mittäterschaft“, den eigenen Anteil an patriarchalen Logiken nachzudenken.

Frauen* haben, wie Thürmer-Rohr schreibt, die patriarchale Zurichtung der Erde nicht aufhalten können. Oft haben sie sie nicht mal bemerkt, sie freundlich-gläubig gebilligt, oder gar erfindungsreich unterstützt. Frauen* sind zu Mittäterinnen geworden. Indem sie – besonders im Zuge des Gleichheitsangebots – häufig so handelten und dachten, wie es den patriarchalen, kapitalistischen, kolonialen und ausgrenzenden Mechanismen entspricht. Anders ausgedrückt: Viele Frauen* haben sich den Status Quo männlicher Errungenschaften mitangeeignet, und sie haben dabei teilweise Freiräume und Privilegien geerntet – nicht selten auf den Schultern von Schwächeren. Sie haben sich in der mörderischen Normalität eingerichtet, wurden zu deren Stütze, haben destruktive Macht ermöglicht und sie auch immer wieder selbst ausgeübt.

Der Preis, den Frauen* dafür bezahlen, ist hoch: sie haben auf ihre eigene Entwicklung verzichtet, haben auf die Entwicklung einer Gegenbewegung verzichtet. Oft haben sie die historische Aufgabe, die das Patriarchat für sie vorgesehen hat, widerstandlos erledigt: Nämlich „Sicherheiten und Täuschungen aufrechtzuerhalten“ (Thürmer-Rohr). Frauen* haben die „Kulturlügen“ aufrechterhalten und für „gute Hoffnung“ gesorgt, sie haben beständig und diszipliniert durchgehalten und damit vorbildlich und kontinuierlich bewiesen, dass dieses Leben sinnvoll und in Ordnung ist.

In weiblichen Handlungsweisen hat sich ein Fokus für die Harmonie durchgesetzt. Sicher ist das nicht nur schlecht, es hat womöglich verhindert, dass es noch mehr Tote gab (und gibt). Allemal war und ist das aber auch System-stützend. Frauen* haben sich mit der Harmonie beauftragen lassen, obwohl sie im Grunde wissen: Die Bombe wird fallen. Dieses Wissen haben Frauen* geopfert, wie Thürmer-Rohr schreibt, und sich stattdessen mit „Glaube, Liebe, Hoffnung“ beauftragen lassen, mit der Liebe zum starken Mann, mit der Hoffnung auf den Sieg, mit dem Glauben an Götter, Illusionen, Hirngespinste und Träume. Eifrig haben sie den Glauben an Sinn gepflegt, an das Jenseits und an die Zukunft. Oder einfach die Hoffnung, „dass alles irgendwie weitergehen und halb so schlimm“ sein würde.

Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann schilderte in ihren Büchern Frauen*, die Opfer von Männern* sind und keine Chance haben. Die aber gleichzeitig unentwegt versuchen, ihre verzweifelte Lage vor den Männern* und vor der Welt zu verbergen. Um diese zu schonen. Frauen* schützen sich selbst ebenso wie Männer* vor der unguten Wirklichkeit. Vor diesem Hintergrund konnten sich Männer* „ihren Ritt ins Desaster, ihre moralische Pleite und Verrottung leisten. Denn Frauen hielten die Fiktion aufrecht, dass alles seinen Sinn habe“ (Thürmer-Rohr).

Folgt man Thürmer-Rohr, ist es an der Zeit, dass Frauen* aufhören, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie haben lange genug die Wahrheit nicht gesagt. Auch wenn es schmerzhaft ist: Frauen* sollten gegen ihre Mittäterschaft revoltieren und die patriarchalen Verhältnisse als Determinanten ihres Verhaltens aufkündigen. Das bedeutet, dass Frauen* sich demoralisierend und enttäuschend verhalten. Dass sie zu Spielverderberinnen werden, und sich weigern, den tödlichen Dreck wegzuräumen, sich weigern, die ewigen Trümmerfrauen* des Patriarchats zu sein.

Das bedeutet, wie Thürmer-Rohr schreibt, stolz, aber hoffnungs-los zu leben. Denn das hier können Frauen* nicht wieder gut machen. Sie müssen den Auftrag der Harmonisierung ausschlagen. Ja mehr noch: Sie müssen das patriarchale Erbe und die Hoffnung auf Beteiligung ausschlagen. Es kann keine Perspektive sein, auf dieser Erde endlich gleich „wie Männer*“ zu sein.

Wir müssen heimatlos bleiben, im ‚Vaterland‘.

***

[1] Ich schreibe Frauen* und Männer* mit Sternchen, weil es sich um gesellschaftliche Konstruktionen handelt. Das heisst aber nicht, dass diese nicht ‚real’ wären, und ‚reale’ Wirkungsweisen hätten.

In Verteidigung der Gegenwart

 

„Ach meine Liebe / du glaubst zu viel / Kannst du nur leben / Wenn du was glaubst? / Ich glaube gar nichts / Und lebe immer noch. / Ich lebe immer noch / Ich lebe immer lieber / Ich liebe immer wieder / Ich liebe immer lieber / Ich glaube gar nichts.“ (Christina Thürmer-Rohr)

 

Liberale und Linke – falls solche Kategorien noch taugen – sind derzeit erschrocken, ja überrascht darüber, dass der Faschismus auch im 21. Jahrhundert noch möglich scheint. Hilflos schauen wir zu, wie sich neue rechtspopulistische Hegemonien bilden, wie autoritäre Weltanschauungen wieder Zulauf erhalten. Kommentatoren verkünden „das Ende des liberalen Zeitalters“ (Constantin Seibt). Oder reden von einem „Backlash“ – als wäre all das lediglich ein Rückschritt oder Misstritt auf dem ansonsten richtigen Pfad in die Zukunft. Als wäre ein solches „liberales Zeitalter“ für eine Mehrheit der Menschen jemals real, geschweige denn realistisch gewesen. Seit Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten jedenfalls herrscht Verwunderung über die Endlichkeit scheinbarer Selbstverständlichkeiten.

Es ist wichtig, erschrocken zu sein. Aber wir müssen auch darüber nachdenken, was dieses Erschrecken bedeutet: Was hatten wir gehofft? Was erwartet? Worin hatten wir uns gesonnt? Mit dem jüdisch-deutschen Philosophen Walter Benjamin liesse sich sagen, dass wir vielleicht erschrocken sind, weil die derzeitigen Entwicklungen ein bestimmtes, bis heute verbreitetes Geschichtsverständnis erschüttern, nämliche die Vorstellung, die Geschichte der Menschheit sei ein kontinuierlicher Fortschrittsprozess. Und in der Zukunft warte die Erlösung. Hatten wir insgeheim – und trotz besseren Wissens – gehofft, alles würde immer besser, oder habe gar einen „Endzweck“ (Hegel)? Falls dem so ist, wird diese Hoffnung derzeit schwer erschüttert. Und es stellt sich die Frage, wie oft wir eigentlich noch bösen erwachen wollen.

Benjamin betrachtete Fortschrittsgläubigkeit als grosses Hindernis für eine schonungslose Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Die in den Köpfen vieler Menschen verbreitete „progressive Doktrin“ richte sich vor allem auf die Zukunft, auf das „erst noch Kommende“. In der Fortschrittserzählung habe die „Jetztzeit“, also die Gegenwart den Status einer Vorstufe, des ‚Noch nicht’, sie erscheine deshalb als unwichtig und könne immer wieder aufs Neue vertagt werden. Anders ausgedrückt: Wenn der Massstab der Entwicklung das Paradies in der Zukunft ist, ist die Gegenwart unweigerlich ungenügend, ja ein Betrug an diesem Paradies. Eben eine Enttäuschung. Und mithin unwichtig.

Zwar sind, seit Benjamin seine Gedanken formulierte, Jahrzehnte vergangen. Die Begrenztheit der Fortschrittsideologie und ihr Zerstörungspotential haben sich seither immer wieder deutlich gezeigt. Trotzdem hat sich die Fortschrittserzählung hartnäckig gehalten. Vermutlich deshalb, weil die Hoffnung auf eine Befreiung in der Zukunft eine bürgerliche Haltung ist. Oder wie Benjamin es formuliert: Die Fortschrittserzählung ist das Geschichtsverständnis der Herrschenden. Mit ihr lässt sich nicht nur die Gegenwart vertagen, sondern auch die Vergangenheit leugnen. Geleugnet werden kann zum Beispiel, dass der Reichtum und die kulturelle Dominanz der einen ein Erbe sind, das auf der Unterwerfung von anderen beruht.

Oder anders gesagt: Eine Fortschrittserzählung kann keine ‚Altlasten’ mitnehmen, sie muss die Toten der Vergangenheit hinter sich lassen. Fortschrittsgläubigkeit ist geschichtsvergessen, sie hegt den Wunsch, die Vergangenheit möge ein für allemal überwindbar sein und weigert sich, mit dem Erbe der Vergangenheit umzugehen. Die bürgerliche Fortschrittserzählung ist deshalb auch eurozentrisch und patriarchal. Nicht nur, weil allein ‚der Westen’ und Männer als treibende Kraft von Entwicklung und Fortschritt, überhaupt von Geschichte imaginiert werden, während aussereuropäische Gesellschaften und Frauen im „Warteraum der Geschichte“ (Dipesh Chakrabarty) verweilen, ja im Prinzip gar keine Geschichte haben. Sondern auch deshalb, weil die dem westlichen Fortschrittsprojekt inhärente koloniale Expansion, Gewalt und patriarchale Unterdrückung verdrängt werden. Mit dem Ergebnis, dass Unterdrückung und Ausbeutung auch in der Gegenwart fortgesetzt werden können. Die Gewaltökonomien der Gegenwart werden in der „progressiven Doktrin“ nicht als ein Kontinuum historisch gewachsener Asymmetrien und Herrschaftsverhältnisse verstanden, sondern sie erscheinen lediglich als geschichtslose Reste oder Ausrutscher.

Die feministische Theoretikerin Christina Thürmer-Rohr schätzt die Lage viele Jahre später in ihrem Essay „Abscheu vor dem Paradies“ (1989) ähnlich ein und plädiert für eine Verabschiedung vom „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch). Denn Hoffnung, das sei lediglich die Rechtfertigung der Barbarei, eine Flucht vor dem Monströsen der Gegenwart. Das Gegenwärtige verkomme – wie auch der Politologe Alex Demirović (2016) jüngst schrieb – zu einer Art Übergangsphase, die nie ganz so ernst, nie ganz so wichtig sei. Nichts, das hier und jetzt und sofort verändert werden müsste.

So berufen sich auch aktuelle Politiken häufig auf Versprechungen und Aussichten für die Zukunft – kaum ein Politiker, der nicht die „zukünftigen Generationen“ adressiert, „die Zukunft unseres Landes“ oder „unseres Volkes“. Es gibt aber, folgt man Demirovic, keine ‚Erlösung’ für zukünftige Generationen. Weil es keine Erlösung von der Geschichte gibt. Alles, was jemals geschah, bleibt gegenwärtig. „Die Geschichte ist die Zeit der Gegenwart“, wie Demirovic schreibt. Das bedeutet nicht, dass sich nichts verändert.  Schon gar nicht handelt es sich um einen Aufruf zum Pessimismus, oder gar um eine Abkehr von Utopien. Vielmehr geht es um ein radikales Plädoyer für die Gegenwart.

Dazu müssen wir uns der Vergangenheit zuwenden, dem „Antlitz der Besiegten“ (Benjamin). Denn die Kraft der emanzipatorischen Praxis speist sich nicht aus der Erlösung künftiger Generationen, sondern aus der Wut über die Knechtung der Vorfahren. Die Fortschrittserzählung schneidet genau diese Kraft ab. Sie verbannt die Toten und trennt Unterdrückung, Verletzung und Leid von ihrer Geschichte, so dass diese in der Gegenwart nur noch als individuelles Scheitern und Versagen wahrgenommen werden. Daraus erwächst kein widerständiges Denken und Handeln, Vorstellungen von der Freiheit verkümmern oder gehen über in die Produktion von Reichtum, Change-Management, Work-Life-Balance-Optimierung oder Positive Psychologie.

Benjamin war der Überzeugung, man müsse den Wind der Weltgeschichte ohne Erlösungspathos in die Segel lassen. Das heisst Utopien entwerfen, die nicht erlösen, sondern „Sprünge ermöglichen“ – in den „Rissen und Brüchen der Gegenwart“, und mit den Splittern der Vergangenheit. Er plädierte dafür, die Gegenwart zu dem Ort zu machen, an dem wir handeln, das System kritisieren, Utopien umsetzen. Denn die „Jetztzeit“ ist die wichtigste und wertvollste Zeit, die wir haben. Wir brauchen Utopien, die Fortschrittssehnsüchte, Prophetismus, Glück und Souveränität-Phantasmen dekonstruieren, weil diese die Emanzipation von innen heraus pervertieren. Und Emanzipation immerzu vertagen. Es gilt deshalb, die Gegenwart in Augenblicke emanzipatorischer Praxis zu verwandeln, in denen ‚Erlösung’ nicht in eine ferne Zukunft verlegt wird, sondern in jedem Augenblick stattfinden kann.

Auch feministische Denkerinnen haben viel zu sagen zum Thema Utopien, die „Sprünge in der Gegenwart“ ermöglichen. Heidrun Erhardt (1995) kritisiert an klassischen Utopien, diese würden zwar „Menschen in Bewegung bringen”, diese aber „auf einen Endzustand hin orientieren”, auf eine Gesellschaft, „die fertig, perfekt, nicht mehr veränderbar ist, in der sich nichts mehr bewegt”. Sie richtet sich gegen den Endpunkt,  gegen die Idee eines Ziels. Vielmehr begreift sie feministische Ungeduld, das Nicht-Erwarten-Können einer postpatriarchalen, gewaltfreien Gesellschaft, die Sehnsucht selbst als eine wesentliche Dynamik des Utopischen: „Unser Bestreben ist es, die Bewegung hin zur Utopie in die Utopie selbst aufzunehmen”, die Utopie „in unserem heutigen Leben bereits aufzuspüren”, sie „beweglich” zu halten, schreibt Erhardt. Kurzum: Frauen*projekte, Aktivismus, Ent-Unterwerfung, die Entscheidung, sich auf andere Frauen* zu beziehen – all das findet hier und jetzt bereits statt.

Auch Thürmer-Rohr verteidigt die Gegenwart als den Ort, an dem wir tatsächlich ankommen, leben und Widerstand leisten müssen. Das geht nur, wenn wir radikal unversöhnlich bleiben: „Der verlässlichste Widerstand stammt aus der Fähigkeit zu leben – unversöhnt mit den Zurichtungen an uns und unversöhnbar mit unserer Mittäterschaft.“ Ein Widerstand, der nicht Erlösung verspricht, sondern die eigenen blinden Flecken aufspürt. Der nicht unbedingt positive Bilder produziert, sondern eine Bresche für die Gegenwart schlägt. Utopien haben Kraft, wenn sie die Toten nicht verdrängen und in sich selbst unbehaglich bleiben.

 

(Der Titel dieses Blog-Post ist dem Text „Der Tigersprung. Überlegungen zur Verteidigung der Gegenwart“ von Alex Demirovic in der Prokla (2016) entliehen, der mich zu diesem Blogpost inspiriert hat)

Who Cares?

Kein Mensch überlebt ohne Fürsorge. Und dennoch wird Sorgetätigkeit als Voraussetzung von Markt und Gesellschaft stets unsichtbar gemacht und abgewertet. Die Konsequenzen sind jedoch fatal, nicht nur für die Realität der GratisarbeiterInnen.

Auf „Geschichte der Gegenwart“ ist ein Text von mir zum Thema Sorge (Care) und Verletzlichkeit erschienen:

„Care ist kein ‚Frauenthema‘, es betrifft das Ganze. Unter den bestehenden ökonomischen und ideologischen Prämissen werden nicht nur Care-Arbeit und die Menschen, die sie verrichten, abgewertet. Die existentiellen Bedürfnisse der Menschen werden überhaupt abgewertet. Fetischisiert wird ein autonomes (männliches) Subjekt, ein Homo Oeconomicus, der nichts und niemanden braucht und aus sich selbst heraus produktiv ist.“

Hier gehts zum Text.