Männliche Selbstkritik ist möglich

Im Film „Captain Fantastic“ (Matt Ross) geht es um einen erstaunlichen Anti-Helden und die Vision, dass radikale Selbst-Kritik einen nicht zerstören muss. 

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Ben Cash (gespielt von Viggo Mortensen) ist ein Aussteiger, er lebt mit seinen sechs Kindern (sie sind zwischen 6 und 18 Jahren) seit vielen Jahren abseits der Zivilisation im Wald. Dort haben sie eine Art Jurte-Dorf gebaut. Ben möchte die Kinder zu freien, selbständig denkenden, starken Menschen erziehen, die verbunden sind mit der Natur und mit sich selbst. Er ist ein strenger und idealistischer Lehrer, neben dem täglichen Körpertraining und der Jagd lesen die Kinder Klassiker der Weltliteratur, Theorie (Marx, Chomsky usw.), büffeln Menschenrechte, musizieren und führen Gespräche über konsensuelle Sexualität.

Ich fand vor allem die Entwicklung der Vater-Figur interessant, und eng damit zusammen hängend die Narration über Männlichkeit. In „Captain Fantastic“ geht es um die Hinterfragung ‚männlicher‘ Handlungsmacht. Zum Beispiel den Anspruch, absolut sicher zu wissen, was für andere oder die Welt gut sei.

Ben ist im Film durchaus sympathisch, gleichzeitig stellt sich die Frage: Instrumentalisiert er die Kinder für seine eigenen Vorstellungen? Ist das, was er für richtig hält, auch für die Kinder gut? Die Kinder machen mit, es regt sich jedoch auch Widerborstigkeit. Ben integriert die Widerstände gekonnt, fordert die Kids auf, zu debattieren, ihre Stimmen sind wichtig. Es geht ihm um Gleichberechtigung und Individualität. Fest steht aber auch: Dass es ein Abhängigkeitsverhältnis, ein Machtgefälle gibt. Es sind eben Kinder, und er der Vater.

Die Kinder lernen, ihren Standpunkt zu vertreten, eigene Perspektiven zu entwickeln, sie wissen alles über klassische Musik, über soziale Gerechtigkeit, das Überleben im Wald und gegenseitige Rücksichtnahme. Nur wissen sie nichts über die so genannte richtige Welt („du hast mich zu einem Freak gemacht!“, wirft der älteste Sohn dem Vater später vor).

In den ersten Filmminuten wird klar, dass es auch eine abwesende Mutter, Leslie, gibt (Trin Miller). Diese ist seit drei Monaten in einer psychiatrischen Klinik. Sie leidet an biopolarer Störung. Hier wird deutlich, dass es um Männlichkeit geht, denn die Besetzung könnte nicht umgekehrt sein, es geht um Bens Rolle als Mann: Er ist der Starke, so etwas wie ein Clan-Anführer, während seine Frau die Position der Schwachen, der Kranken hat. Diese zunächst klischierte Rollenverteilung macht es möglich, eine Geschichte männlicher Dekonstruktion und Selbst-Kritik zu erzählen.

Zurück zum Plot: Ben und Leslie sind damals – vor vielen Jahren – auch deshalb in den Wald gegangen, weil beide hofften, es würde Leslie dort besser gehen. Mit der Zeit wird klar, dass diese Idee gescheitert ist. Leslie ging es nicht besser. Was im ersten Teil des Filmes dazu führt, dass sie sich in der Klink das Leben nimmt. Für Vater und Kinder beginnt ein Trauerprozess. Sie machen sich auf zur Beerdigung, was auch auf eine Konfrontation mit der so genannten „real World“ hinausläuft. Im Verlauf der Reise entsteht der Vorwurf (formuliert durch Verwandte und eines der Kinder), Ben habe seine Frau ‚umgebracht‘, weil er an einer fixen Ideen festgehalten habe. Die Einsamkeit im Wald habe Leslie geschadet.

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Bei Ben setzt nun eine Art Katharsis ein. Zwar scheint er zunächst überzeugt von seiner Mission, aber bald kommen Zweifel. Vor allem in dem Augenblick, in dem eine seiner Töchter sich schwer verletzt und beinahe stirbt, weil Ben sie in Gefahr gebracht hat. Ben konfrontiert sich nun mit dem Gedanken, dass er vielleicht falsch gehandelt hat. Dass das Leben, das er mit den Kindern und seiner Frau lebte, vielleicht nicht für alle gut war und ist. Bald gesteht er sogar vor den Kindern, dass er es eigentlich wusste: während er an seiner Idee festhielt, wusste er gleichzeitig, dass es nicht funktioniert, dass es seiner Frau dadurch nicht besser ging. Er war – trotz besseren Wissens – besessen von der Idee, es müsste gut sein.

Ben ist damit konfrontiert, die Kontrolle zu verlieren, seine Handlungsmächtigkeit und Selbstsicherheit. Überrascht hat mich die Darstellung schonungsloser männlicher Selbstkritik, die Bereitschaft, die eigenen Fehler und Irrtümer zu sehen und einzugestehen.Ich habe das so noch nie gesehen im Film (und in der ‚Wirklichkeit‘ auch nicht). Normalerweise werden männliche Selbstzweifel, Schwäche oder Kontrollverlust – wenn überhaupt – auf eine Weise gezeigt, die die betreffenden Männer letztlich wieder zu Helden stilisiert. Oder aber sie bleiben gescheiterte, einsam-neurotische Figuren, die mit ihren Problemen irgendwie durchs Lebens segeln, oder mit irgendwelchen Ersatz-Souveränitäten durchkommen.

Ben wird anders gezeichnet. Er sieht sein Scheitern und möchte es wieder gut machen, indem er – auch das ist überraschend – Hilfe von Verwandten annimmt. Und zwar ausgerechnet die Hilfe von seinen Schwiegereltern, mit denen er zuvor in tiefem ideologischem Streit stand, die ihn auch ablehnen. Ben springt über seinen Schatten, über sein (männliches) Ego und seinen Stolz, er nimmt die Hilfe – natürlich nicht konfliktfrei – an. Er reagiert auf sein Scheitern nicht mit Verhärtung, nicht mit der trotziger Abwehr des gescheiterten Helden, vielmehr akzeptiert er den Souveränitätsverlust und geht den Bezug zur Welt der ‚anderen‘ ein.

Es ist aber auch die tiefe Beziehung zu den Kindern, die seine Selbst-Dekonstruktion nicht ins Bodenlose fallen lässt. Und die ihm zeigt: Er hat nicht alles falsch gemacht. Er muss ein anderer werden, aber nicht ein vollkommen anderer. Es sind die Kinder, die ihn am Ende dazu auffordern, sich ein Stück weit treu zu bleiben. Auch das ist eine ungewöhnliche Narration über eine männliche Entwicklung: Es ist die tiefe Verstrickung mit anderen, die das Selbst infrage stellt, und es zugleich auffängt. Es ist paradoxerweise das Leben durch die anderen, das es Ben ermöglicht, auch er selber zu bleiben.

Am Ende lebt die Familie in einem kleinen Haus, zurück in der Zivilisation. Die Kinder besuchen öffentliche Schulen, der älteste Sohn geht an die Uni. Ben lebt mit seiner ‚Schuld‘, mit den Fehlern, es geht ein Bruch durch ihn hindurch, die Dinge lassen sich nicht zurechtbiegen. Er versucht, ohne Selbsttäuschungen weiterzuleben. Das ist unbequem, anstrengend und schmerzhaft. Man bekommt dafür keine Medaillen. Gleichzeitig zerstört es ihn auch nicht. Ben ist am Ende weder ein Held noch gescheitert, sondern ein Mensch, der versucht, Verantwortung zu übernehmen. Und dafür etwas Wichtiges bekommt: Echte und tiefe Beziehungen zu Menschen.

Für mich zeichnet der Film eine Art utopisch-hoffnungsvolle Vision, in dem die kritische Reflexion von Männlichkeitskonzepten möglich ist. Und Männer keine Angst haben müssen, dadurch zerstört zu werden.

Burka: „Verteidigung der Republik“ oder Kulturrelativismus?

Die Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter fordert die Verteidigung der „Republik“ gegen alles angeblich Fremde, weil sonst der Kulturrelativismus drohe. Diese Alternative ist falsch: es geht um die Verringerung von Leid – und um die Kritik an Verhältnissen, die Leiden befördern.

(Der folgende Beitrag erschien zuerst auf  „Geschichte der Gegenwart“, eine kultur- und geisteswissenschaftliche Plattform mit Beiträgen zur öffentlichen Debatte. Ich bin dort seit kurzem Mit-Herausgeberin. Wer die vielfältigen und spannenden Beiträge regelmässig mitverfolgen möchte, kann die Seite unten rechts im gelben Feld per Mail abonnieren).

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Wenn ich die Werte der Republik verteidige, darf man mich ruhig als muslim­feindlich beschimpfen.“ Diese Aussage stammt von der bekannten franzö­si­schen Feministin und Philo­sophin Elisabeth Badinter, sie sagte dies kürzlich in einem breit rezipierten Interview zur Burka. Die Aussage hat mich seither beschäftigt. Und andere auch. Auf der Wall eines Facebook-Kollegen wurde disku­tiert, welche Art der Republik bzw. des Univer­sa­lismus es denn eigentlich zu vertei­digen gälte – den franzö­si­schen, den briti­schen? Ich fand diese Diskussion befremdlich, weil hier auch von linker (und männlicher) Seite deutlich wurde, dass es offenbar um die Vertei­digung von politi­schen Ideen, nicht aber um konkrete Frauen geht. Es ist wohl das, was geschieht, wenn man Badinters Diskussions-Ebene akzep­tiert: Dass nicht die Inter­essen von Frauen im Zentrum stehen, sondern Frauen zur Munition in einer Ausein­an­der­setzung, zu politi­schen Symbolen einer Polemik werden.

Badinter ist sicher keine Rechts­na­tionale, gerade deshalb ist ihre Position gut angekommen. Selbst jene, die die Burka nicht verbieten wollen, sehen sich offenbar durch Badinter bestätigt, dass es irgend­etwas zu vertei­digen gilt. Sie sehen sich in ihrer diffusen Wahrnehmung bestärkt, dass es aktuell darum geht, klar Position zu beziehen, darum, einen Massstab zu finden dafür, was geht und was nicht.

Eine schiefe Debatte

Im Kern zeigt sich hier eine alte Ausein­an­der­setzung, nämlich die Frage, inwiefern zur Aufrecht­erhaltung bestimmter menschen­recht­licher Prämissen bestimmte kultu­relle Praktiken einge­schränkt werden sollen. Die streng univer­sa­lis­tische Position – die auch Badinter einnimmt – bedeutet, dass allgemein gültige Werte festgelegt werden müssen: ein menschen­recht­licher Massstab, an dem alle Menschen und Kulturen einer Gesell­schaft sich ausrichten müssen, an dem deren Handeln beurteilt und ggf. einge­schränkt wird. Dem gegenüber plädiert der so genannte Kultur­re­la­ti­vismus dafür, kultu­relle Eigen­heiten nicht an einem allge­meinen Massstab zu messen, sondern vielmehr situativ, das heisst basierend auf dem Werte­system der jewei­ligen Kultur selbst zu beurteilen.

Es ist irritierend, wie in den letzten Wochen im Zuge einer vorschnellen und unsorg­fäl­tigen Meinungs­bildung die Vorstellung vertieft wurde, univer­selle Menschen­rechte seien mit Kultur­re­la­ti­vismus unver­einbar. Mit der Folge, dass auch progressive Wortmel­dungen sich gross­spurig auf der Ebene der Ideen-Verteidigung bewegten, anstatt zu fragen, was die Frauen, um die es geht, konkret wollen oder brauchen.

Ich glaube, für das trans­kul­tu­relle Debat­tieren und Zusam­men­leben ist es enorm wichtig zu verstehen, dass Univer­sa­lismus und die Orien­tierung am Parti­ku­laren sich nicht unbedingt ausschliessen. Die Polito­login und Ethno­login Janne Mende hat dazu ein kluges Buch geschrieben. Sie fragt, auf welche Weise und aus welchen Gründen die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung/Genitalbescheidung abgelehnt werden kann und muss – ohne dabei ‚kultur­im­pe­ria­lis­tisch‘ zu sein. Man kann diese Frage auch auf die Burka übertragen.

Univer­sa­lismus vs. Kultur­re­la­ti­vismus?

Mende schlägt vor, Univer­sa­lismus und Kultur­re­la­ti­vismus nicht gegen­ein­ander, sondern mitein­ander zu denken. Natürlich haben auch andere solche Ansätze entwi­ckelt. Mende besticht aber durch ihren Anspruch, reflexiv vorzu­gehen, das heisst, ihre eigene Situiertheit kritisch zu reflek­tieren und damit auch die Begrenztheit ihrer Überle­gungen. Weiter fällt sie kein abstraktes Urteil, sondern geht kontext­sen­sibel vor, das heisst sie verhandelt Genital­ver­stüm­melung (Exzision) so nahe wie möglich an der empiri­schen Lebenswelt betrof­fener Frauen. Ich werde hier nicht die Frage der Exzision disku­tieren, sondern versuchen, einige von Mendes konzep­tio­nellen Überle­gungen zusam­men­zu­tragen. Meine Hoffnung ist, damit etwas zu grund­sätz­lichen Fragen des trans­kul­tu­rellen Zusam­men­lebens beizu­steuern.

Zunächst arbeitet Mende heraus, warum die Kritik an so genannten „anderen“ Kulturen nicht per se kultur­im­pe­ria­lis­tisch ist. Und zwar deshalb, weil es diese angeblich „Anderen“ so gar nicht gibt. Die Unter­scheidung zwischen dem „Eigenen“ und den „Anderen“, das „wir“ und „sie“, ist eine Konstruktion. Die Vorstellung einer Grenze zwischen Westlichem und Nicht-Westlichem, überhaupt die Vorstellung homogener, stati­scher, abgeschlos­sener, vonein­ander unter­schie­dener ‚Kultur­kreise’ oder kultu­reller Identi­täten ist falsch. Vielmehr sind die Menschen und Kulturen auf dieser Welt geschichtlich inein­ander verwoben, unauf­lösbar verzahnt. Trans­kul­tu­ra­lität ist Realität. Und deshalb ist auch trans­kul­tu­relle Kritik möglich.

Trotzdem sind Eurozen­trismus oder Kultur­im­pe­ria­lismus eine Gefahr. Vor allem dann, wenn univer­sa­lis­tische Haltungen nicht kritisch reflek­tiert, wenn im Namen von höheren Werten bestimmte Ideen und Normen prokla­miert oder zwangs­ver­ordnet werden. Einem solchen Univer­sa­lismus geht es letztlich um die Vorherr­schaft (mögli­cher­weise ‚nur‘ einer Idee) und nicht um die Vermin­derung von konkretem Leid. Aber auch verkürzte kultur­re­la­ti­vis­tische Argumen­ta­tionen bergen Probleme, etwa dann, wenn der Massstab, mit dem eine bestimmte Praxis beurteilt wird, nicht über den konkreten kultu­rellen Zusam­menhang eben dieser Praxis hinausgeht. Und zum Beispiel argumen­tiert wird, Exzision diene der notwen­digen Identi­täts­findung. Dadurch erhalten Sitten und Bräuche eine Art dogma­ti­schen Status der Unver­än­der­barkeit; das Problem ist, dass auf diese Weise auch repressive Praktiken legiti­mierbar werden.

Mende kommt zum Schluss, dass einer­seits kein allge­meiner Massstab für Emanzi­pation oder Freiheit gesetzt werden kann. Man kann niemandem eine bestimmte Vorstellung von Freiheit aufzwingen. Freiheit kann nicht abstrakt, sondern immer nur in Bezug zu konkreten Lebens­welten, das heisst in Bezug auf ökono­mische, politische, soziale usw. Bedingt­heiten und Handlungen disku­tiert werden. Gleich­zeitig reicht es aber nicht, wenn der Massstab für die Beurteilung einer bestimmten Praxis im empirisch Gegebenen verhaftet bleibt. Ein Massstab, der sich nur affir­mativ am Gegebenen orien­tiert, vermag nicht über dieses hinaus­zu­gehen, hin zu etwas, das besser sein könnte. Ihm fehlt die Kraft zur emanzi­pa­to­ri­schen Verän­derung. Und die Kraft, Leid auch dann nicht auszu­blenden, wenn eine Praxis freiwillig geschieht.

Verrin­gerung von Leid

Mende plädiert dafür, die Stärken sowohl des Univer­sa­lismus als auch des Kultur­re­la­ti­vismus zu nutzen, das heisst sie möchte sowohl das Anliegen, etwas normativ und allgemein zu definieren, als auch die Orien­tierung am Konkreten, am Parti­ku­laren zum Ausgangs­punkt machen. Eine Stärke der univer­sellen Menschen­rechte ist Mende zufolge, dass sie das Ziel formu­lieren, Leid zu verringern. Sie schlägt vor, dieses Ziel zum Ausgangs­punkt für univer­sa­lis­tische Massstäbe zu machen. Die Verrin­gerung von Leid hält sie für den sinnvol­leren Massstab als beispiels­weise ein allge­meiner Massstab für Freiheit.

Es stellt sich natürlich die Frage, inwiefern „Leid“ allgemein definiert werden kann. Auch Leid ist ein voraus­set­zungs­reicher Paramter, dessen Voran­nahmen hinter­fragt werden müssen. Mende zufolge kommen wir aber grund­sätzlich nicht darum herum, Parameter zu definieren. Auch deshalb, weil eine Gesell­schaft ohnehin nie frei von Werten und Massstäben ist. Besser also, wir gehen damit offensiv um. Das Ziel muss sein, reflek­tierte Massstäbe zu entwi­ckeln, solche, die sich ihrer Begrenztheit bewusst sind.

Wenn wir uns also daran orien­tieren, Leid zu verringern – und das ist doch das Ziel der Menschen­rechte –, folgt daraus, so Mende weiter, dass wir Vorstel­lungen von Emanzi­pation entwi­ckeln müssen, und seien sie noch so vage. Anders gesagt: Zur Verrin­gerung von Leid braucht es normative Vorstel­lungen darüber, wie es anders, wie es besser sein könnte. Für die Ablehnung oder Abschaffung einer bestimmten Praxis bedeutet das aller­dings, dass Ideen nicht ohne die Berück­sich­tigung der konkreten Lebens­welten formu­liert werden können. Die vielfäl­tigen Begrün­dungen einer bestimmten Praxis müssen erforscht werden, die Funktion für konkrete Menschen muss bekannt sein.

Erst die kultur­re­la­ti­vis­tische Erfor­schung der Lebens­rea­li­täten von Frauen, ihren Bedürf­nissen, Handlungs­weisen und spezi­fi­schen Kontexten bietet eine Grundlage dafür, erfolg­reiche, nicht-repressive Strategien zu entwi­ckeln. Strategien, die nicht bloss über die „Vertei­digung der Republik“ sinnieren, sondern betroffene Frauen und ihre Lebens­welten berück­sich­tigen und dabei gleichwohl eine unhin­ter­gehbare Vermin­derung von Leiden gewähr­leisten.

Sowohl Univer­sa­lismus als auch Kultur­re­la­ti­vismus sind für sich genommen also ungenügend. Es ist vielmehr so, dass das eine durch das andere überhaupt erst Sinn und Kraft bekommt. Mende scheut nicht davor zurück, einen Massstab einzu­fordern, das heisst normative Bezugs­punkte zu definieren und damit eine Art ‚emanzi­pa­to­ri­schen Mehrwert‘. Sie geht hier über andere Mittelweg-Vorschläge hinaus, die oft einseitig fordern, Menschen­rechte primär kontext- und praxis­be­zogen auszu­for­mu­lieren. Das Problem solcher Mittelwege ist, dass sie mangels univer­seller Massstäbe im Konfliktfall schwammig sind und kaum konkrete Regelungen erzielen können.

Der gänzliche Verzicht auf einen Masstab funktio­niert also nicht. Gleichwohl muss klar sein, dass es sich niemals um statische, abgeschlossene Formeln handeln kann. Eine Regelung kann jeweils für einen spezi­fi­schen Moment allge­meine Wahrheit und Gültigkeit beanspruchen. Denn zwischen dem norma­tiven Anspruch auf etwas Besseres und dem empirisch Gegebenen besteht eine Spannung. Wir können uns nicht mit dem einmal Erreichten begnügen und müssen die Gefahr reflek­tieren, dass eine Regelung selbst zur repres­siven Strategie werden kann.

Nicht zuletzt: selbst wenn sich die gesetz­liche Abschaffung einer bestimmten Praxis als sinnvoll erweist, ist eine ausschliess­liche Sanktio­nierung in jedem Fall unzurei­chend. Kultu­relle Praktiken – auch die repres­sivsten – lassen sich nicht einfach aus sozialen und politi­schen Zusam­men­hängen heraus­lösen. Bei einem reinen Verbot würden repressive Mecha­nismen und (Geschlechter-)Ungleichheiten bestehen bleiben. Es braucht so oder so zusätzlich Strategien, die betrof­fenen Frauen Möglich­keiten in die Hand geben, sich selbst gegen repressive Struk­turen einzu­setzen.

 

 

 

Verschleiert oder verblendet?

GASTBEITRAG

Die bekannte französische Feministin und Soziologin Elisabeth Badinter hat sich in einem Interview zur Burka-Frage geäussert. Das Gespräch wurde in der Schweiz breit rezipiert.

Eine Replik von Charlotte Heer Grau

Am Wochenende erschien in verschiedenen Zeitungen das Interview der Journalistin Martina Meister mit der französischen Soziologin Elisabeth Badinter, unter Titeln wie „Burkini am Nizza-Strand ist Gipfel der Unhöflichkeit“ in der „Welt“, „Die Burka geht derzeit nicht“ im „Tages-Anzeiger“, „Es zeigt, wir sind am Ende“ auf dem Online Portal vom „Tages-Anzeiger“ oder „Die Burka geht im Moment einfach nicht“ im „Bund“. Der Tages-Anzeiger teaserte das Interview auf der Frontseite mit „Feministin Badinter fordert Burkaverbot“.

Badinter ist eine prominente intellektuelle Stimme in Frankreich und hat sich – ähnlich wie Alice Schwarzer in Deutschland – in der Vergangenheit immer wieder gegen den Islamismus und zur Frage der Verschleierung geäussert. Badinter steht für Laizismus, Menschenrechte und ist klar für eine gesetzliche Kleiderregelung. Ihre Positionen zur aktuellen Debatte haben am Wochenende auch in der Schweiz erheblich Aufmerksamkeit erhalten. Im Interview spricht die Feministin über die Angst, die in Frankreich seit den verschiedenen Anschlägen vorherrschend ist und plädiert dezidiert dafür „die Werte der Republik zu verteidigen“.

Natürlich ist die Angst in Frankreich nachvollziehbar. Dennoch möchte ich im Folgenden einige Äusserungen von Badinter diskutieren, die – gerade aus dem Mund einer Wissenschaftlerin – doch recht spekulativ und problematisch anmuten.

Schon mit ihrer ersten Antwort irritiert die Soziologin, wenn sie – ohne empirische Quellen – behauptet: „Denn diese Frauen tragen den Burkini, nicht weil sie unsichtbar sein, sondern weil sie auffallen wollen.“ Die Journalistin fragt nicht nach und man darf mit gutem Grund daran zweifeln, dass es diesbezüglich Untersuchungen gibt. So bleibt die Frage: „Who the hell is she, to know, what other people think?“

Badinters Behauptung ist interessant, weil Musliminnen eine Art Boshaftigkeit zugeschrieben wird. Während verschleierte Frauen sonst oft als handlungsunfähig und unterdrückt dargestellt werden, zeigt sich hier eine Verschiebung: Diese Frauen tun das mit Absicht! Eine Sichtweise, die vermutlich deshalb besticht, weil muslimische Frauen auf diese Weise nicht als unterdrückt gelten müssen, um entschleiert zu werden. Sie erhalten den Status politischer – in Badinters Worten: „unhöflicher“ – Akteurinnen, die sich mit ihrer Kleidung gezielt gegen die Werte der Republik wenden. Ein Burka-Verbot ist somit nicht primär zum Wohl der ‚armen’ Frauen, sondern notwendig für die Republik, für die Verteidigung von etwas Grösserem.

Extrem widersprüchlich wird Badinter, wenn sie über die Emanzipation muslimischer Frauen sagt: „Die Wende muss von innen kommen. Alles, was von aussen kommt, wird die Spaltung der Gesellschaft nur verstärken.“ Sie sagt also selbst: Was von aussen aufgesetzt wird, bringt nicht viel. Warum die Forderung nach Kleidergesetzen dann Sinn machen soll, fragt die Journalistin nicht und wird nicht weiter vertieft. Der grösste Brocken aber ist meines Erachtens jene Redewendung, die wir von Rechtsaussen kennen: „Wir wollen keine Parallelgesellschaften“. Badinter müsste wissen, dass dieses Bild eine leere, breit instrumentalisierbare Hülse ist, denn: Sind die Banlieus in französischen Grossstädten etwa entstanden, weil Zuwanderer_innen unbedingt in diese schmutzigen, verlotterten Vororte ziehen wollten? Oder hat das nicht vielleicht doch mehr mit politischen, gesellschaftlichen und städtebaulichen Prämissen zu tun? Oder mit dem französischen Bildungssystem? Und was ist mit der französischen Elite? Ist das etwa keine Parallelgesellschaft? Kann es sein, dass Soziologinnen ab einer bestimmten Einkommensklasse einfach nicht mehr klar sehen?

Die Journalistin spricht auch die Debatte in der Schweiz an. Unterschlägt aber den wichtigen Unterschied, dass es in der Schweiz kaum Frauen gibt, die sich vollverschleiern. Badinter gibt prompt eine höchst unwissenschaftliche Antwort: „Man braucht doch wirklich nur einen Funken gesunden Menschenverstand, um einzusehen, dass die Burka im Augenblick nicht geht.“ Ich kann mit dieser Antwort so gut wie nichts anfangen. Möchte sie mit dem Bezug auf den gesunden Menschenverstand etwa ernsthaft behaupten, alle Menschen an allen Orten dieser Welt könnten zu dieser Frage aktuell zum selben Schluss kommen? Und wer, wenn nicht eine Soziologin müsste wissen, dass es beinahe nichts gibt, was so sehr abhängig ist von Zeit und Umständen wie der „gesunde Menschenverstand“? Wer, wenn nicht eine Soziologin sollte wissen, dass das, was in einer Gesellschaft spontan von allen ‚gewusst wird’, also der Common Sense, sicher nicht auch zwangsläufig das Beste ist?

Ich habe 1995, 2001 und 2010 im Iran Interviews mit vielen Frauen zu diesem Thema geführt. Mit Frauen, die sich das Kopftuch sofort vom Kopf reissen würden, wenn sie nur könnten. Mit Frauen, die ihren Kopf und alles, was irgendwie an Frau erinnern könnte, bedeckt haben wollen, weil sie das so wollen. Eine dieser Frauen sagte mir, das Verbot, ohne Bedeckung in die Öffentlichkeit zu gehen, sei grundsätzlich falsch und nicht religiös bedingt. Wenn Frauen die Haare verstecken würden, nur weil das ein Gesetz sei, sei dies wie eine Maskerade, das Verbot müsse abgeschafft werden. Aber: Unisono bekam ich auch die Antwort, wir sollten doch bitte endlich aufhören mit dieser Kopftuchfrage. Die Iranerinnen hätten andere Probleme, dieses sei das kleinste. – Heute gibt es viele junge Frauen, vorab in den Grossstädten, die mit diesem Gesetz „spielen“, es bewusst ausreizen und die Sittenpolizei provozieren (siehe auch Parsua Bashi, Briefe aus Teheran, Kein&Aber).

Tatsache ist: 1936 verbot Reza Schah Pahlavi, der Vater des letzten Schahs, den Perserinnen das Tragen des Kopftuchs oder Tschadors – von einem Tag auf den andern. Für viele Frauen war das eine elementare Befreiung. Für tief religiöse Frauen aber kam dieses Verbot einem Hausarrest gleich. Sie wollten oder durften nicht mehr aus dem Haus.  – Nach dem Sturz des Vaters, hob Sohn Mohammad Reza 1941 dieses Verbot auf. Die Frauen konnten herumlaufen, wie sie wollten. Eine Frau sagte mir dazu: „Immer sind es die Männer, die uns vorschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben.“

1979 – die Geschichte kennen wir – befiehlt Chomeini die Kopfbedeckung im öffentlichen Raum und den Tschador für Frauen im öffentlichen Dienst. Heute haben sich die Regeln etwas gelockert. Das unsägliche Verbot ist immer noch da, aber wer den Iran bereist, sieht, wie in den Grossstädten Frauen sich mit sehr viel Kreativität um Verbote foutieren und die Sittenpolizei gerne provozieren. Wer weiter in die Berge reist, wird auf Stämme treffen, wo einem Frauen stolz entgegentreten, mit ihren dunklen, langen, offen Haaren. Stämme, wie die Kashgai, die sich all die Jahre einen Deut um die Verbote der Regierung in Teheran kümmern.

Das heisst nicht, dass alles gut ist, mitnichten. Die menschenrechtliche Situation ist zuweilen prekär. Aber es zeigt: die Menschen und insbesondere die Frauen aus dem Mittleren Osten sind nicht nur arme, dumme, unterdrückte Wesen. Viele kämpfen an allen möglichen Fronten für ihre Rechte und für die Menschenrechte.

Dies führt mich zurück zur Situation und Debatte in der Schweiz. Das Interview mit Badinter trägt nicht zur Aufhellung ungeklärter Fragen bei, alles wurde schon genau so zum wiederholten Mal gesagt. Auch der hundertste Versuch, das Thema aus der rechten Ecke zu holen, lässt die entscheidende Frage ausser Acht: Kann es der richtige Weg sein, Frauen vorzuschreiben, was sie tragen oder nicht tragen sollen? Ich bin der Meinung: Nein. Frauen sollen selber entscheiden, was sie wollen. Niemand hat ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Ihre Ehemänner nicht. Und schon gar nicht die PolitikerInnen. Kleidervorschriften für Frauen zu erlassen, ist mehr als ein Ritzen an Grundrechten. Ein Verbot wäre ein enormer Rückschritt.

Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang auch die Haltung der Organisation humanrights.ch. Sie schrieb Mitte August: „Doch die Pointe ist, dass es bei dieser Volksinitiative gar nicht um die Sache geht, sondern um die Inszenierung einer emotional aufgeladenen politischen Auseinandersetzung im öffentlichen Raum. Deshalb ist das wichtigste Argument gegen die Volksinitiative zum Verhüllungsverbot nicht sachlicher, sondern politischer Natur: Weil zu dieser an sich unwichtigen Frage im Rahmen des Abstimmungskampfes eine grosse öffentliche Debatte laufen wird, ist das politische Drehbuch klar: Jene politischen Kräfte, die ihre Popularität teilweise der Angstmacherei vor „dem Fremden“ verdanken, werden sich diese Chance nicht entgehen lassen, um die muslimfeindliche Stimmung im Lande weiter anzuheizen. Die Vorlage wird dann als Symbol für eine Haltung dienen, die das Land weiter entzweit.“

Die Entzweiung ist leider in vollem Gang. Aber jede und jeder, die_der das immer gleiche Argument hochhält, sie_er möchte dem Gegenüber ins Gesicht schauen können, empfehle ich, wieder einmal Tram oder Bus zu fahren, durch die Strassen zu laufen und zu schauen, wieviele Menschen einem ins Gesicht schauen.

Die einen mögen einen Schleier aus Stoff tragen, der ihnen die klare Sicht trübt, die anderen tragen aber offenbar einen Schleier der Verblendung. Hört also auf mit diesem Klamauk. Und wenn – dies habe ich von einem Facebook-Kollegen gestohlen: „Und wenn ihr über ein Stück Stoff streiten wollt, dann nicht über Frauen in Burkas, sondern über Men in Suits!“

Charlotte Heer Grau, (Jg. 1954) ist Publizistin in Zürich.

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Wer selbst der Massstab ist, betrachtet nur andere als anders

In der Sendung „Sternstunde der Philosophie“ waren vor einigen Jahren zwei jüdische Historiker (Simon Erlanger und Aram Mattioli) eingeladen und es ging – in einem Nebenplot – um einen Punkt, der mich seither immer wieder beschäftigt hat: Die beiden formulierten die Sorge, dass nun, nach der Pensionierung der so genannten 1968er, eine neue Generation die entscheidenden Positionen in Chefredaktionen, politischen Ämtern, Unternehmen oder Schulen einnehmen werde. Eine Generation, für die der Zweite Weltkrieg und der Faschismus nur noch ein schwaches Rauschen, eine längst vergangene Episode sei.

Die Befürchtung der Historiker: Dass das unmittelbare Trauma des Faschismus, das nun gut 70 Jahre lang eine Art ‚Reflex gegen rechts’ hervorgerufen hat, gerade seine Wirkung verliere. Zwar habe es in der Schweiz ohnehin keine tiefschürfende anti-faschistische Auseinandersetzung gegeben,[1] dennoch sei in der gesellschaftlichen Mitte dieser Reflex gegen rechts lange Zeit sicher gewesen.

Ist es damit nun vorbei? Sind wir eine Generation ohne anti-faschistischen Reflex? Und ist das schlecht, gefährlich – oder vielleicht sogar gut? Was bedeutet es, wenn diese neue Generation nachrückt und Diskurs bestimmend wird? Eine Generation, die den Nationalsozialismus höchstens aus durchgeschlafenen Gymnasialschulstunden kennt.

In den vergangenen Tagen veröffentlichte die NZZ mehrere Artikel, die sich gegen die so genannte Political Correctness richteten und eine tiefe Abwehr gegen die Anliegen von Minderheiten formulierten. Mit Begriffen wie „Opferautoritarismus“ (R. Scheu) oder „Minderheiten-Narzissmus“ (C. Wirz) wurde die Vorstellung konstruiert, Minderheiten würden ihre Forderungen auf autoritäre oder gar totalitäre Weise durchsetzen (ich habe darüber geschrieben).

Meldet sich hier jene Generation zu Wort, vor denen sich die beiden Historiker fürchten? Ich glaube ja. Ich glaube aber, dass diese Generation den Antifaschismus sehr wohl verinnerlicht hat. Wer ist schon für Nazis?

Natürlich ist man das nicht, in den gesitteten Etagen der Chefredaktionen oder Unternehmen. Das Problem zeigt sich in einer anderen Form: im antikommunistischen Reflex. Artikel wie jene in der NZZ zeigen eine historische Kontinuität, eine, die nicht an den Antifaschismus anschliesst, sondern an die Vorstellung, Visionen menschlicher Gleichheit, politischer Freiheit und idealer Staatsgestaltung würden im Gulag enden.

Im Verlauf des Kalten Krieges wurde im Zuge eines beispiellosen Feindbildkampfes (McCarthy-Ära) die Utopie der Gleichheit bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt (Gleichheit sei Gleichmacherei) und unter Totalitarismusverdacht gestellt. Natürlich stimmt es: politische Utopien sind immer auch zur Rechtfertigung schwerer Verfehlungen benutzt worden, wie die Französische, die Russische, aber auch andere Revolutionen zeigen.

Der real gescheiterte Staatssozialismus und die Terrorherrschaft der Jakobiner haben aber dazu geführt, dass nicht die Akteure, nicht die Diktatoren und Mörder, sondern die Ideen der Gleichheit selbst in Misskredit geraten sind. Gleichheit ist – so die heute verbreitete Meinung – ein Menetekel des Jakobinismus.

Konservative haben diesen Zusammenhang erfolgreich benutzt, um ungleiche Machtverteilung zu legitimieren. Sie haben es geschafft, vor angeblich zu hohen Risiken sozialer und politischer Veränderung gehörig Angst zu machen, überhaupt Veränderung als Schreckensgespenst darzustellen.

Die heute führende Generation richtet sich deshalb leidenschaftlich gegen Transgender-Klos und twittert, Pardon: wittert, bei einer Sprachänderung schon den Gulag. Jeder noch so vage Ansatz von Utopie, jede Affinität zu alternativen Lebensweisen steht unter Totalitarismusverdacht. Gepflegt wird ein zwanghafter Argwohn gegenüber noch so bescheidenen Reform-Vorstössen, die irgendwas verändern wollen, gepaart mit Anti-Etatismus (zum Beispiel in der Rede von der „staatlich verordneten Gleichmacherei“). Hochgehalten wird die Vorstellung, Reformen seien ein ‚ungehöriger’ Eingriff in die Natur, den Markt, in die vorherrschenden gesellschaftlichen Arrangements, oder in den Plan Gottes.

Letztlich kennzeichnet diese Generation ein geradezu „manisches Anhaltenwollen von Geschichte durch Fixierung auf den Status quo“ (Kreisky), ein Festhalten an einer Ideal-Ordnung, die unter allen Umständen vor Veränderungen bewahrt werden soll.

Das Verstörende an den heute 40- bis 50-Jährigen ist meines Erachtens ihr Mangel an Utopien und ihr Ressentiments gegenüber Visionen der Gleichheit – gepaart mit einer Ignoranz gegenüber ungleicher Macht-und Ressourcen-Verteilung und einer fehlenden Fähigkeit, eigene Positionen und Privilegien kritisch zu reflektieren.

Ein kleines Beispiel: In der Zeitschrift „Schweizer Monat“ schreiben fast nur (weisse) Männer. Auch die Artikel und Interviews handeln fast nur von männlichen Protagonisten (auf den letzten sechs Titeln war gerade mal eine Frau) und der Verwaltungsrat besteht ausschliesslich aus (weissen) Männern. Dennoch heisst das Blatt nicht „Der Schweizer Männer-Monat“, vielmehr gibt sich das Blatt den Anschein einer allgemeinen Sicht. Wäre das Geschlechter-Verhältnis umgekehrt, wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Frauen-Zeitschrift, eben der „Der Frauen-Monat“.

Das Beispiel zeigt, wie Diskurs-Macht funktioniert: Es sind diejenigen tonangebend, die es schaffen, sich selbst den Anschein der Neutralität zu geben, diejenigen, deren Äusserungen folglich nicht als Ausdruck einer spezifischen Sicht oder Erfahrung wahrgenommen werden – sondern die für das Allgemeine stehen. Diejenigen, die ihre Position auch selbst nicht als eine bestimmte Perspektive wahrnehmen, sondern als un-bestimmt, als nicht-verortet. Und die nicht realisieren, dass auch sie ein Geschlecht, eine Hautfarbe, eine soziale Herkunft, eine Biographie haben.

Hätten sie ein Verständnis für ihre Partikularität, müsste ihnen ja etwas auffallen beim Durchblättern ihres Hefts. Es müsste ihnen auffallen, dass die Zusammensetzung der Schreiber und Themen und folglich der Sichtweisen einseitig ist. Aus ihrer Perspektive ist das aber nicht einseitig. Aus ihrer Perspektive können sie tatsächlich alles abdecken, stehen sie für eine allgemeine Sicht der Dinge. Und so heisst es eben im Editorial nicht: ‚Liebe Leserschaft, heute lesen Sie die News aus einer weissen, männlichen Perspektive’. Sondern: ‚Wir stellen uns die Frage, was Freiheit ist…’. Also ganz allgemein.

Ein Teil unserer Generation – vor allem die in einflussreichen Positionen – ist es gewohnt, dass sie und ihre Sicht der Dinge als unspezifisch, wertneutral, objektiv wahrgenommen werden. Dass sie jenseits von Hautfarbe oder Geschlecht stehen, denn eine Farbe haben aus ihrer Sicht nur nicht-weisse Menschen, nur sie sind Angehörige einer Ethnie und somit einer spezifischen Erfahrung. Sowie auch ein Geschlecht nur die Frauen haben. Kurz: Wer selbst der Massstab ist, betrachtet nur andere als anders.

Diese Selbst-Wahrnehmung ist in meiner Generation weit verbreitet. Und das macht indifferent gegenüber Ideen der Gleichheit, oder schlimmer: Sie führt zu Ressentiments gegen jene, die um Gleichheit kämpfen.

Meiner Generation fehlt nicht der Antifaschismus. Ihr fehlt die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen für Machtverhältnisse, Verantwortung zu übernehmen für die eigene Ver-Ortung und somit für die Begrenztheit der eigenen Sicht und Erfahrung.

Ich bin überzeugt: Solange keine kritische Selbst-Reflexion stattfindet, werden wir Visionen der Gleichheit kaum neu beleben können – und damit meine ich selbstverständlich nicht Gleichschaltung, sondern Pluralismus, das heisst „Gleichheit in der Differenz“ (Maihofer). Ich halte es für entscheidend, dass Menschen sich als „situiert“ (Haraway) begreifen. Durch eine Offenlegung der eigenen Grenzen macht man sich nicht nur angreifbar und die eigene Position verhandelbar, sondern man geht auch das Wagnis ein, diese zu überschreiten, zu verändern.

Das Eingeständnis der eigenen Begrenztheit ist der Ausgangspunkt für die Freiheit aller.

***

[1] Die Schweizer_innen berufen sich zwar (nicht zu Unrecht) auf eine anti-faschistische Tradition, gerade auch rechte und konservative Kreise: Man ist stolz auf die Abwehr der NS-Bedrohung und die geleistete ‚geistige Landesverteidigung‘. Dieser Landesverteidigung lag aber zum einen ein reduzierter Faschismus-Begriff zugrunde (anti-nazistisch), zum anderen war sie stark anti-kommunistisch und enthielt – der Intention nach zwar anti-faschistisch – gleichwohl auch gewisse Merkmale des Faschismus (‚Volk‘, Autoritarismus usw.). Mehr dazu hier. Danke an Bernhard C. Schär für diese Ergänzung!

Vitruvian_man_last
Vitruvianischer Mensch: Der Mann ist das Mass aller Dinge

Repliken

Aufgrund meines letzten Blogeintrags über die Scheu-Klappen der NZZ-Herren gab es eine Replik von Jan Flückiger. Auf diese wiederum haben Esther Brunner und ich nochmal geantwortet.

Liebe Frau Schutzbach

Ihr Beitrag ist derart reich an Unterstellungen, Mutmassungen und Fehlinterpretationen meines Artikels, dass ich gar nicht weiss, wo ich anfangen soll. Entgegen ihrer Vermutung habe ich nämlich durchaus ein Ohr für Einwände. Wenn sie denn begründet sind.

Ich kenne sie nicht und masse mir deshalb auch nicht an, ein Urteil über sie zu fällen. Ganz anders als sie, die mich nicht kennen und noch nie mit mir gesprochen haben und trotzdem zu wissen glauben, wie ich denke. Hätten sie mit mir gesprochen oder würden sie mich kennen, dann wüssten sie, dass ich weder ein Problem mit Trans-Menschen habe, noch das mich die Veränderung der Gesellschaft irgendwie verunsichert. Ich nehme das ehrlich gesagt ganz gelassen. Jede* und jeder* soll seine Sexualität und sein Geschlechterempfinden so ausleben, wie er* oder sie*will.

Auch ein angeblich ewig gestriger Heteromann der NZZ (woher wollen Sie eigentlich wissen, dass ich hetero bin?) weiss, dass Geschlechter(rollen) nicht binär sind und will sich auch selber nicht auf sein biologisches Geschlecht reduzieren lassen. Nur war das gar nicht das Thema meiner Glosse(!).

Ich erkläre Ihnen gerne den Gedankengang, der mich bewogen hat, diesen kleinen satirischen Text zu schreiben. Er hat nämlich alles andere als mit einer Geringschätzung von Trans-Menschen oder deren Anliegen zu tun. Ganz im Gegenteil.

Also: Ich stosse in einer Mitteilung der SP Frauen* auf die Wortkonstruktion „Burka tragende Frauen*“. Das meint ja, dem Stern sei Dank, automatisch „Burka tragende Trans-Frauen“ mit. Nun denken sie einen Moment lang ganz vorurteilslos und entspannt über dieses Bild nach. Mich hat es amüsiert. Sie nicht?

Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Wer den sicher nicht immer einfachen Weg auf sich nimmt, die Fesseln seines biologischen Geschlechts aufzusprengen – und dadurch wohl so manchen Kampf auszutragen hat – wird sich ganz bestimmt von niemandem zwingen lassen, sich zu verschleiern und somit neue Fesseln anzulegen. Und schon gar nicht wird sich jemand, der sich gegen das „cis-sexistische hetero-normative Patriarchat“ zur Wehr setzt, mit dem Symbol der Frauenunterdrückung schlechthin schmücken. Deshalb und nur deshalb habe ich diese Kolumne geschrieben.
Wo sie allerdings in meinem Text eine Geringschätzung gegenüber Trans-Menschen herauslesen, bleibt ihr Geheimnis. Ich würde „vermitteln, … , Transfrauen seien Männer, die Frauen spielen wollen“. Bitte sehr? Wo lesen Sie das?

Sie werfen mir in der Folge auch Verachtung, mangelnde Gelassenheit und Unverständnis für die Anliegen von Trans-Menschen vor. Ich weiss beim besten Willen nicht, woraus sie das ableiten wollen und wo in meinem Text sie darauf Hinweise finden. Das ist alles reine Interpretation, Mutmassung und Unterstellung.

Ich gebe zu, ich bin kein Fan von politisch korrekter Sprache. Oder davon, dass darin mittels Sonderzeichen auf jede Minder- oder Mehrheit Rücksicht genommen wird. Sprache wird dadurch schlicht nicht mehr lesbar. Die meisten Worte sind unpräzise. Doch wenn wir jedem unscharfen Wort noch ein Sternchen anfügen würden, wäre die Sprache schlicht nicht mehr lesbar. Vom Sprechen sprechen wir schon gar nicht. Ich bezweifle auch, dass ein * im Parteinamen der SP Frauen den Trans-Menschen auf irgendeine Weise hilft. Zumal damit – wie ich in meiner Kolumne schreibe – das biologische Geschlecht, das ursprünglich Diskriminierende, noch stärker betont wird.

Aber man kann, wie sie selber sagen, über Sinn und Unsinn solcher sprachlicher Verrenkungen streiten. Auch ein bornierter, „andersintelligenter“ (wie eine Kommentatorin ihres Blogs schreibt) NZZ-Redaktor weiss, dass Sprache unser Denken prägt, und umgekehrt. Genauso wie Vorurteile gegenüber männlichen, weissen, mutmasslich heterosexuellen Journalisten die Interpretation ihrer Texte offenbar massgeblich beeinträchtigen kann.

Meine Glosse war also, wenn überhaupt, eine Kritik an der übertriebenen Political Correctness und den Stilblüten, welche dies treiben kann. In diesem Punkt gebe ich ihnen sogar Recht. Und ihre übertriebene Reaktion – und diejenige vieler anderer – zeigt mir, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe. Nur weil ich in meinem Text offenbar nicht die politisch korrekte Transgender-Proseminar-Sprache getroffen habe, wird daraus eine Geringschätzung gegenüber Trans-Menschen abgeleitet, die jeglicher Grundlage entbehrt.

Ich frage Sie deshalb: Wer sollte hier etwas gelassener bleiben?

Herzlich
Jan Flückiger

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Lieber Jan

So geht es nicht! Ich habe deine Glosse in der NZZ (ziemlich gelassen) gleichzeitig schmunzelnd und etwas bedrückt gelesen. Ich bin Transfrau und wir kennen uns vom Studium her.

Du hast eine Pointe: Es ist in unserem Kulturkreis wirklich höchst unwahrscheinlich, dass eine Transfrau Burka tragen will. Die Formulierung der SP Frauen* schliesst diese Möglichkeit zumindest nicht aus. Diesen Umstand gibst du als übertriebene sprachliche Rücksichtnahme der Lächerlichkeit preis. Wie gesagt, ich habe selber auch geschmunzelt, trotzdem ist es nur halb lustig.

Was mich bedrückt hat: Deine Glosse und deine Replik im Blog von Frau Schutzbach sind typische Beispiele für Mansplaining und Cisplaining. Du gibst dir sicherlich Mühe, ein guter Frauen- und Transenversteher zu sein, wie sich das für einen gut gebildeten, kritischen weissen Mann, der sich seiner Privilegien bewusst ist, gehört. Demzufolge kannst du auch ganz gut beurteilen, welche Kleidervorschriften für muslimische Frauen und welche sprachlichen Formulierungen für transgeschlechtliche und nonbinäre Menschen angemessen sind. Du kannst das auch ganz gut der Öffentlichkeit via die einzige noch verbliebene seriöse Tageszeitung der Schweiz erklären. Und wenn du die scheinbaren Absurditäten der möglicherweise fragwürdigen Rücksichtnahme auf verschwindend kleine Minderheiten kombinierst, kannst du dir sicher sein, die Lacher auf deiner Seite zu haben.

Dieser Haltung, die ich zu meinem Bedauern in deinen Texten wiedererkenne, liegt ein grobes Missverständnis zu Grunde: Weder Musliminnen, noch Trans*menschen oder andere minderprivilegierte Menschen sind Opfer – und schon gar nicht wollen wir bemitleidet und als Opfer behandelt werden. Es ist aber leider so, dass viele von uns durch ganz konkrete Ausschlüsse, Diskriminierungen und Gewalt zu Opfern gemacht werden. Wir dürfen erwarten, dass die Privilegierten (zu denen ich mich auch zähle) nicht wegschauen und bereit sind, für alle Menschen Rahmenbedingungen zu gewährleisten, so dass auch die Verletzlichsten sich effektiv wehren und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Das ist in meinen Augen die liberale Antwort auf die unvermeidlichen Interessenkonflikte in einer stark heterogenen pluralistischen Gesellschaft.

Erst deine Replik auf Frau Schutzbachs Kritik hat mich dazu bewogen, mich in die Debatte einzumischen. Du bezeichnest die Burka als Fesseln und Symbol der Frauenunterdrückung. Weiter behauptest du, dass der Wildcard-Stern Trans*menschen gar nichts bringe und das biologische Geschlecht sogar noch stärker betonen würde. – Kommen diese Gewissheiten aus vertieften Gesprächen mit Musliminnen und Trans*menschen? – Wohl eher nicht, denn dann hättest du viele unterschiedliche Antworten erhalten, die deine scheinbar klare Sicht getrübt und gleichzeitig dein Verständnis geschärft hätten. Falls du zuhören magst, erkläre ich dir auch gerne bei einem Mittagessen inwiefern deine Texte trotz gegenteiliger Beteuerung eben doch etwas Geringschätzung gegenüber Transgender-Anliegen zum Ausdruck bringen.

Herzlich

Esther Brunner

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Lieber Herr Flückiger,

Natürlich sind meine Ausführungen Interpretationen, natürlich lese ich Dinge zwischen Ihren Zeilen. Ein Text besteht ja nicht nur aus der schwarz-auf-weiss Oberfläche, nicht nur aus dem tatsächlich Gesagten. Sie nennen es „Unterstellungen“, ich nenne es Interpretation. Und ja, ich bekenne es freimütig: Ich interpretiere Ihren Text mit bestimmten theoretischen bzw. politischen Paradigmen. Mein Blick ist nicht neutral, das beanspruche ich auch nicht, im Unterschied zu vielen NZZ-Schreibern, die ihre Sicht für universell, „vorurteilslos“ (wie Sie selber schreiben) und nicht für partikular halten. Ich interpretiere Ihren Text aus einer feministischen, Minderheiten-solidarischen, parteiischen Position heraus.

Aus einer solchen Perspektive heraus – und das ist nun mein Wissensstand als selbst nicht betroffene cis-Frau und auch nicht der Wahrheit letzter Schluss – ist zum Beispiel Ihr Satz: „Es gibt leider keine offizielle Statistik dazu, wie viele Männer, die lieber Frau wären oder schon zu einer geworden sind (…)“ ein Problem, weil er vermittelt, dass Transfrauen eigentlich Männer sind, die zu Frauen werden, bzw. lieber Frauen wären. Aber es sind eben keine Ex-Männer, sondern in ihrer Geschlechtsidentität schon immer oder seit langem Frauen. Nur eben im gegengeschlechtlichen Körper, bzw. in einem Körper, der falsch zugewiesen wurde. Transfrauen als ehemalige Männer zu beschreiben, ist also falsch. (Auch wenn das nicht alle Transfrauen gleichermassen stört oder beleidigt. Menschen sind ja unterschiedlich.) Aber Sie treiben Ihren Schabernack mit einem Vokabular, das bestimmte Prämissen mit sich führt, die verletzend sein können und oft genug sind: Die Vorstellung, Transfrauen seien Ex-Männer. Es sind Frauen, bzw. Transfrauen, denen aufgrund ihres Körpers eine falsche Identität zugewiesen wurde. Und die dann ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale eben ihrer Identität angleichen (nicht alle tun das, weil manche eben durchaus im männlichen Körper Frau sein wollen).

Womit wir beim Begriff „Geschlechtsumwandlung“ sind, den Sie in der Glosse verwenden. Aus dem oben gesagten wird klar, dass das kein adäquater Begriff sein kann, weil es nicht um eine „Umwandlung“ geht, (es sind ja schon Frauen! Und ja tatsächlich, es gibt Frauen mit Penissen und Männer mit Gebärmüttern), sondern vielmehr handelt es sich um eine Angleichung. Der Körper wird mit Hormonen oder Operationen der weiblichen Identität angeglichen. Die Vorstellung, Transfrauen seien umgewandelte Exmänner, macht vielen Transfrauen zu schaffen, weil ihnen damit abgesprochen wird, dass sie sich als Frau wahrnehmen, ja eine Frau sind, auch im ‚männlichen’ Körper, also schon Frauen sind, und nicht erst werden müssen.

Die von Ihnen vermittelte Vorstellung, das seien mal Männer gewesen ist unsensibel hinsichtlich dem Umstand, dass Transfrauen gerade aufgrund solcher Annahmen oft mit Ironie oder mit Misstrauen begegnet wird, da viele Menschen denken, Transfrauen würden ihnen nur ein „Theater vorspielen“, also eben „nur Frauen nachspielen“, sie täuschen oder Ähnliches. Also nochmal: Es handelt sich nicht um Männer, die Frauen werden, sondern es sind Frauen, die in einem ‚falschen‘ Körper geboren wurden, bzw. denen eine falsche Geschlechtsidentität zugewiesen wurde.

Sie fragen, ob ich Transfrauen in Burkas nicht auch eine amüsante Vorstellung fände. Nein, muss ich sagen, ich finde das nicht lustig. Zunächst mal wissen Sie wahrscheinlich nicht, dass die weltweit meisten Geschlechtsangleichungen im Iran stattfinden, hier gibt es eine interessante Doku, natürlich sind das nochmal andere Hintergründe als bei Transitionen in westlichen Ländern). Aber: Die von Ihnen nahe gelegte Unmöglichkeit (Transfrau mit Burka), ist also nicht so unwahrscheinlich. Und weiter: Transsexualität schliesst doch Religiosität nicht aus, oder umgekehrt – wie kommen Sie darauf? Gerade wenn klar ist, dass es sich nicht um eine Frage der freien Entscheidung oder Wahl handelt („ich möchte eine Frau werden“), sondern um ein erlebtes Faktum („ich bin eine Frau“).

Und so komme ich zum Schluss: Sie machen billigen Humor auf dem Buckel von Minorisierten (Frauen, Transpersonen, Muslime) und unterschlagen in Ihrer Antwort an mich, dass gerade solcher Humor einen extrem partikularen Standpunkt voraussetzt: einen, der durch das Privileg gekennzeichnet ist, sich nie mit Transgeschlechtlichkeit oder Burkas oder Diskriminierung von Frauen wirklich beschäftigt haben zu müssen. Das Privileg, sich nicht befassen zu müssen mit der ganzen intersektionalen Komplexität, in der sich queer_feministische Politik befindet angesichts pluraler Geschlechterverhältnisse und einer ‚multikulturellen’ Gesellschaft und einer globalisierten Welt, angesichts des Rechtsrutsches im gesamten europäischen Raum, angesichts der Vereinnahmung feministischer Positionen von Rechts, angesichts religiöser fundamentalistischer Kräfte jeglicher Couleur. Stattdessen erlaubt es Ihnen Ihre Position, lustige Glossen zu schreiben über Sternchen-Sprache, über SP-Frauen* oder „Trans-Konvertiten“.

Ich finde ja Trans-Konvertiten auch eine lustige Wortkonstruktion. Es ist aber halt nicht ganz unerheblich, von wem es kommt. Die Frage, wer sich über wen lustig machen kann, wer eine Seite in der NZZ füllen darf usw. – all das geschieht ja vor dem Hintergrund von ungleich verteilter (Diskurs)Macht. Es ist kein Zufall und nicht allein ein Resultat Ihrer persönlichen Leistungen, dass Sie in der NZZ Glossen schreiben dürfen – angeblich vorurteilslos, wie Sie schreiben, und an Ihrer Stelle nicht etwa ein Schwarzer, oder eine Trans*person oder eine Frau sitzt, die sich ein wenig über Cis-Jungs mokieren. Sie sind – unter anderem – in dieser Position, weil (weisse) Männer in dieser Gesellschaft strukturelle und systematische Vorteile haben. Und vor diesem Hintergrund ungleicher Machtverteilung ist die Entscheidung, über wen man Glossen schreibt, keine Unschuldige – es sei denn, man ist komplett naiv.

Sie haben also diesen NZZ-Platz, Sie haben dieses Privileg, diese Diskursmacht in der Gesellschaft. Und so nutzen Sie diese?! Selbst wenn Sie das Bild einer Burka-Transfrau ‚vorurteilslos’ erheitert, Sie könnten sich genau so gut dagegen entscheiden, das in der Öffentlichkeit satirisch zu verhandeln. Denn Hand aufs Herz: Sie wissen doch, was eine solche Glosse bedient: Ressentiments, Vorurteile eben. Sie wissen ganz genau, dass Ihre Glosse (und das meine ich mit zündeln) weder Musliminnen noch Transpersonen oder feministische Anliegen Ernst nimmt geschweige denn empowert, sondern ganz im Gegenteil noch mehr Ressentiments, noch mehr Abneigung und Geringschätzung provoziert.

Das nehmen Sie (und die NZZ als Medien-Organ) bewusst in Kauf mit dieser Art von Satire. Dass die Leute sich nach ihrer Glosse Schenkel klopfend bestätigt fühlen können: Ach diese Trans-blablabla und PC-Feministinnen.

Falls Ihnen dieser Effekt einer (verstärkenden) Geringschätzung wirklich nicht klar sein sollte, wie sie behaupten, dann….na dann weiss ich auch nicht weiter.

Und noch etwas: Nein, ich werde nicht im Geringsten gelassen bleiben. Ich werde auch weiterhin vollkommen ungelassen sein, solange solche Glossen gedruckt werden.

Beste Grüsse

Franziska Schutzbach

 

Scheu-Klappen ablegen, liebe NZZ-Herren!

Offenbar entdeckt man in der Schweiz gerade das Political-Correctness-Bashing. Oder greift es wieder auf, es kommt und geht in Wellen. In den letzten Tagen sind in der NZZ gleich zwei Texte erschienen (von René Scheu und Jan Flückiger), die die Empfindlichkeiten von Minderheiten kritisieren oder sich darüber lustig machen. Zusammenfassung: Flückiger mokiert sich in einer Glosse über das Sternchen bei den SP-Frauen* und deren Kritik am Burkaverbot. Ganz nebenbei vermittelt Flückiger dabei – ob aus Unwissenheit oder böser Absicht – die falsche Vorstellung, Transfrauen seien Männer, die Frauen spielen wollen. Scheu wiederum schreibt einen komplizierten Aufsatz mit falschen Herleitungen zum „Opferautoritarismus“. Kernthese: Die Anliegen von Minderheiten sind reine Selbst-Viktimisierungen, echte Kerle wie Clint Eastwood wissen es besser, und wenn der Staat Minderheiten hilft, dann sei das ein Triumph des „egozentrischen Selbsts mit Staatsreflex über den Individualisten“. Also der übliche abgehangene Anti-Etatismus helvetischer Prägung.

Freilich erreichen die Schweizer Schreiberlinge nicht die Eloquenz eines Harald Martensteins oder anderer deutscher Exponenten des PC-Bashings, die in den letzten Jahren den Anti-Genderismus- oder den ‚N-Wort-sagen-dürfen-Diskurs‘ erfolgreich bedient haben, und von denen die Schweizer jetzt mit vier Jahren Verspätung abschreiben. Gleichwohl ist das, was sie mit ihren Texten anrichten, fatal. Und deshalb schreibe ich nun, zugegeben etwas ermattet, eine Antwort (das haben in den vergangenen Jahren viele schon brillant gemacht; Robin Detje, Margarete Stokowski, Paula Villa und Sabine Hark, in der Schweiz Güzin Kar, Simone Meier und andere. Ich denke aber, man muss es immer wieder tun).

Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, Leute wie Scheu oder Flückiger hätten ein Ohr für Einwände. Sie stecken zu tief im Schlamassel, ihre Verachtung ist zu weit fortgeschritten. Vielmehr schreibe ich für die ’noch Erreichbaren‘, die noch Unentschiedenen, für diejenigen also, denen zwar etwas mulmig ist angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen laut und hörbar für ihre Belange einstehen (sei es für Transgender-Toiletten oder dafür, bestimmte verletzende Wörter nicht mehr zu benutzen). Die darauf aber nicht mit Beissreflex reagieren, sondern einigermassen gelassen zu akzeptieren bereit sind, dass die Gesellschaft sich verändert.

Es ist, wie Robin Detje schreibt: „Ein kleines weisses heterosexuelles männliches Journalistendorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten“. Und es wird auch nicht aufhören, man kann nur abwarten und hoffen, dass sie bald abtreten. Und man kann versuchen, ihre Wirkmacht und den Schaden zu begrenzen, den sie vorher noch anzurichten in der Lage sind. Zum Beispiel, indem man zu vermitteln versucht, dass ein Sternchen bei den SP-Frauen* keine „PC-Diktatur“ ist, sondern einfach eine Form von Sichtbarmachung von unterschiedlichen Menschen. Das Sternchen steht für Pluralismus, nicht für Vorschriften, es steht für ein politisches Paradigma, das sich bemüht, möglichst inklusiv zu sein.

Scheu und Flückiger geht es in ihren Attacken nicht um die ernsthafte Frage, ob ein Sternchen wirklich sinnvoll ist (das lässt sich durchaus diskutieren). Vielmehr wehren sie sich gegen die Einsicht (man kann es auch Anstand nennen), dass Themen, die für einen selbst irrelevant scheinen (N-Wort, Trans-Klos oder Sternchen) für andere durchaus bedeutsam sein können. Scheu und Flückiger wollen sich nicht in andere hineinversetzen, ihre eigene Erfahrung ist ihnen genug, um zu wissen, welche politischen Anliegen richtig oder falsch sind, was ‚echte‘ Diskriminierung ist und was nicht. Darüber wollen sie weiterhin entscheiden. Scheus These, es handle sich bei den Kämpfen verschiedener Gruppen um blosse Empfindlichkeiten und Opfer-Autoritarismus, zeigt eine tiefe Sorge, diese Definitionshoheit zu verlieren.

Es zeigt aber noch etwas anderes: Wären Männer wie Scheu und Flückiger in ihrer eigenen Sexualität oder Männlichkeit tatsächlich cool, würde eine kleine Sprachänderung oder Ähnliches sie wohl kaum kratzen. Um es mit Elias Canetti zu sagen: Was so sehr betont werden muss, liegt wohl in den letzten Zügen. Wäre man sich seiner eigenen heterosexuellen, binären, männlichen Identität sicher, müsste man keine seitenlange Abwehr gegen alternative Vorschläge oder Pluralisierung verfassen. Man könnte mit Vorschlägen, die Binaritäten herausfordern und erweitern, gelassen umgehen (denn man wüsste auch, dass eine Erweiterung ja nicht heisst, dass Menschen nicht mehr eindeutig weiblich oder männlich sein dürfen).

Oder wie es die Geschlechterforscherin Raewyn Connell fragt: Wäre man sich der Natürlichkeit einer binären und heterosexuellen Geschlechterordnung wirklich gewiss, bräuchte es auch keine gesetzlichen oder diskursiven Sanktionen oder Diskreditierungen anderer Lebensweisen. Denn was „natürlich“ ist, müsste sich ja eigentlich ganz von selbst halten, nicht wahr? Anders gesagt: Die Abwehr von Gleichstellung oder Veränderung macht nur Sinn, wenn man der Meinung ist, es müsste eine natürliche oder bestehende Ordnung verteidigt werden, die nicht natürlich bzw. sicher genug ist, um ohne Verteidigung auszukommen.

Die aggressiven Attacken in der NZZ machen letztlich vor allem deutlich, dass Leute wie Scheu und Flückiger spüren, dass sie mit ihren Vorstellungen zunehmend auf dünnem Eis sitzen, dass ihre Zeit abgelaufen ist, weil das, was sie für selbstverständlich hielten oder halten, inklusive ihre Privilegien, nicht ganz so selbstverständlich mehr ist. Scheus Text ist in dieser Hinsicht exemplarisch: Indem er die Anliegen verschiedener Minderheiten als Opferdiskurs diskreditiert, versucht er, diese klein zu machen, um ihnen die Bedrohung zu nehmen. Es ist ein alter Trick, politische Anliegen als Ausdruck der persönlichen Empfindlichkeit zu desavouieren, und sie dadurch auszuschalten, ihnen die Ernsthaftigkeit zu nehmen.

Ein weiterer Trick der Verkleinerung: man reduziert sie auf den Status reiner „Symbolpolitik“, im Stile Flückigers, der sinngemäss nahelegt, angesichts dessen, dass Frauen im Schleier unterdrückt werden, sei die Sternchen-Politik lächerlich. Dadurch wird der eine politische Kampf gegen den anderen ausgespielt und so getan, als wären strukturelle bzw. soziale Diskriminierung, physische Gewalt und symbolische Diskriminierung (zum Beispiel durch Sprache oder sexistische bzw. rassistische Werbung usw.) getrennte Sphären, die nichts miteinander zu tun haben. Die Trennung dieser Sphären ist aber eine Fehlanalyse gesellschaftlicher Macht-Verhältnisse, mit dem Effekt, dass bestimmte Anliegen als hysterisch, moralistisch, eben als reine „Selbst-Viktimisierung“ delegitimiert werden können.

Dabei behauptet wohl kaum eine Feministin oder Transperson, ihr Engagement für neue Sprachideen oder Transgender-Toiletten sei das Wichtigste oder alles Entscheidende oder gar die ‚ganze Politik‘. Selbstverständlich gibt es ‚wichtigere‘ oder sagen wir ‚gravierendere‘ Probleme, gleichwohl sind es aber eben kleine Teil-Aspekte, die zusammengenommen wichtig sind, wenn es darum gehen soll, eine Gesellschaft zu ermöglichen, in der sehr unterschiedliche Menschen sich wohlfühlen können.

Entscheidend für eine solche offene Gesellschaft ist längerfristig übrigens nicht das Sternchen, sondern die Frage, ob Angehörige der Mehrheitsgesellschaft sich ab und zu auch zurückhalten können in ihren Urteilen. Denn anderen zuzuhören und etwas von ihnen zu lernen ist nicht Zensur. Weiter wäre es gut, wenn akzeptiert würde, dass Forderungen von Minderheiten zuweilen nicht bequem sind, sondern manchmal auch aggressiv oder ‚kleinlich‘, unnachgiebig, vehement oder leidenschaftlich hervorgebracht werden. Wie bitte sollen sie sonst hörbar für ihre Anliegen streiten? Mit Nettigkeiten? Dass Minderheiten laut sein müssen, kann man ihnen nicht ernsthaft vorwerfen. So paradox es kling, aber Minderheitenpolitiken können es nun mal nicht denen Recht machen wollen, die mehr Macht haben.

Vehement ist aber nicht automatisch das gleiche wie „autoritär“. Das zu unterscheiden wäre Herrn Scheu durchaus zuzumuten. Stattdessen bedient er sich eines vollkommen verwischten Autoritäts-Begriffs, sein Kumpel Markus Somm oder andere verwenden in ähnlichen Texten sogar Begriffe wie „Diktatur“. Aber autoritär oder diktatorisch, das sind genau genommen Leute, die Menschenrechte aushebeln oder Verfassungen ausser Kraft setzen oder Grundrechte missachten oder Menschen ins Gefängnis stecken.

Aber ein Sternchen? Niemand der durch Scheu diskreditierten Minoritäten will die Verfassung ausser Kraft setzen, Menschen einsperren oder hinrichten. Die systematische Desavouierung solcher Prozesse als „autoritär“ verkennt, dass es sich schlicht um Demokratie-Prozesse handelt. Ein Sternchen schreibt niemandem etwas vor, niemand muss sein Geschlecht angleichen, oder die Sexualität wechseln, anders sein, als sie_er ist. Ein Sternchen ist der (diskutierbare!) Versuch, einen Beitrag zu leisten zu einem nicht abgeschlossenen demokratischen Prozess der Inklusion. Einen solchen Prozess lehnen die NZZ-Herren ganz offensichtlich ab. Sie wollen nicht diskutieren, sondern zündeln.

Um nochmal Detje zu zitieren: „Wenn man öffentlich zündelt, legt auch irgendwann jemand Feuer. Und ja, man hat sehr wohl eine Vorbildrolle in hohen journalistischen Positionen. Man hat eine Verantwortung, der man gerecht werden kann oder nicht. Man hat die Wahl, Ressentiments zu bedienen oder nicht“. Leute wie Scheu torpedieren nicht nur die aufklärerische Aufgabe der Medien, sondern auch eine offene Gesellschaft.

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Nachtrag: Jan Flückiger hat auf diesen Blogeintrag mit einer Replik reagiert, auf die wiederum Esther Brunner und ich geantwortet haben, die Diskussion kann hier nachgelesen werden.

 

 

 

 

 

 

Notizen über Bulimie

Der Versuch, weniger zu werden und auszusehen wie ein Model, hat mir einen Teil meines Lebens genommen. Über meine Erfahrungen mit Esstörungen.

(Der folgende Text erschien zuerst im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Ich stelle ihn hier in  einer leicht unterschiedlichen Fassung auf meinen Blog)

kali
Hindu-Göttin Kali, Zerstörung und Erneuerung

Es gibt diese wunderbare Szene im Film Little Miss Sunshine: Die siebenjährige, leicht pummelige Olive will zum Girls-Schönheitswettbewerb fahren. Die Familie sitzt im Restaurant und frühstückt. Olive bestellt sich Waffeln mit Eiscreme. Der Vater redet auf das Mädchen ein und will es davon abbringen. Für den Wettbewerb will es doch sicher schlank sein! Daraufhin interveniert die Mutter auf eine so kluge und liebevolle Art, dass man weinen möchte, weist ihren Mann zurecht und erklärt Olive, dass es wirklich völlig egal sei, ob man dick oder dünn ist. Am Ende isst Olive ihr Eis. Es gibt vermutlich kaum eine Frau, die sich in diesem Moment nicht wünscht, so eine Mutter zu haben. Oder die sich wünscht, in einer Gesellschaft zu leben, in der Mädchen und Frauen, so wie sie sind, okay sind.

Bei meiner Abreise nach Nepal war ich zehn Kilogramm unter meinem Normalgewicht. Ich war 19 Jahre alt und wollte mit meinem damaligen Freund ein Jahr lang durch Asien reisen. In meinem Schlankheitswahn hoffte ich, während des geplanten Treckings noch mehr abzunehmen. Mein „Traumgewicht“, wenn ich mich richtig erinnere: 48 Kilo, bei 1,73 Metern Körpergröße. Ich habe kaum Erinnerungen an den Himalaja. Alles ist schemenhaft, irreal, ich habe nichts wirklich erlebt – außer meinen Hungerwahn. Mein Tag bestand aus Menüplänen und Kalorienzählen. Ich aß so wenig, dass ich nachts von Hefegebäck und Schweinebraten träumte und tagsüber während meiner mageren „Plain-Rice“-Portion schon an die nächste dachte. Auf unserem Treck waren wir täglich acht Stunden unterwegs. Tagsüber war es sonnig, nachts schlug es um in eine Kälte weit unter null. Ich fror die Nächte durch, aß immer weniger. Und wurde immer dünner. Die Heißhungerträume kamen jede Nacht, die Fantasien von Essensbergen bestimmten nach und nach meine Existenz.

Der Hunger und der Verzicht entfachten eine derart große Gier, dass ich bald heimliche Essanfälle hatte. Aus meinem Abnehmzwang wurde im Lauf der Reise eine Bulimie – die sogenannte Ess-Brech-Sucht (das Wort Bulimie kommt von dem altgriechischen Begriff für „Ochsenhunger“). Zurück aus Asien, verschlang ich manchmal 10 000 Kalorien auf einmal. Das sind etwa acht Burger, fünf Portionen Pommes und zwei Liter Cola. Und ein Liter Vanilleeis. Als ob die ganze Welt in meinen Magen passen könnte. Oder in die Kloschüssel. Mit meiner späteren Zimmernachbarin in der Klinik für Essstörungen habe ich mal ausgerechnet, wie viele hungernde Kinder wir hätten retten können.

Seither ist viel Zeit vergangen. Ich bin heute – falls man so etwas jemals mit Sicherheit sagen kann – geheilt. Wenn ich zurückdenke, sind die Bulimie-Jahre sicher das Beschämendste, auch das Traurigste, was ich erfahren habe. Der Versuch, weniger zu werden und auszusehen wie ein Model, hat mir einen Teil meines Lebens genommen. Während der täglichen Ess-Brech-Anfälle verlor ich auf entwürdigende Weise die Kontrolle über mich selbst. Der Selbsthass, den ich deshalb aufbaute, war bodenlos. Bulimie war für mich – rückblickend – eine widersprüchliche Erfahrung von Fanatismus und Scheitern. Ich hing fanatisch einem Körperideal nach, gleichzeitig hatte ich genau darüber oft keine Hoheit.

Auf den ersten Blick war ich vollständig auf den Körper fixiert. Ich idealisierte einen schlanken bis mageren, perfekt durchtrainierten, möglichst fettfreien Körper, mein Denken drehte sich fast ausschließlich um äußere Schönheit. Wobei das Spektrum der Schönheit immer enger wurde. Ich hing in einer tyrannischen Warteschleife und wartete darauf, endlich schlank genug zu sein, damit das Leben losgehen könnte. Aber eine Frau ist niemals schlank genug, denn es gibt – wenn man sich Idealen verschreibt – nur Scheitern. Und dann ist das Leben plötzlich vorbei, bevor es losging.

Wir wissen heute, dass die psychische Lage von betroffenen Frauen – neunzig Prozent der Erkrankten sind Frauen, jede vierte Frau hat im Laufe ihres Lebens mit Essstörungen zu tun – komplexer ist als das Streben nach einem perfekten Körper. Eleanor Marx, die magersüchtige Tochter von Karl Marx, schrieb 1882: „Was weder Papa noch die Ärzte noch sonst jemand verstehen will, ist, dass ich hauptsächlich seelischen Kummer habe … Sie können und wollen nicht sehen, dass seelische Bedrängnis genauso eine Krankheit ist wie körperliche Beschwerden.“ Solche seelischen Bedrängnisse sind manchmal Realtraumata – zum Beispiel weisen viele Patientinnen eine Missbrauchsgeschichte auf. In der bulimischen Symptomatik drückt sich dann gewissermaßen die Unverdaubarkeit solcher Erfahrungen aus.

Andere Gründe für den „seelischen Kummer“ hinter Essstörungen sind die gesellschaftlichen Ansprüche an Weiblichkeit sowie die Schwierigkeit, ein selbstbestimmtes Subjekt zu werden. Frauen kämpfen in der westlichen Gesellschaft häufig mit dem Umstand, dass sie ihre Körper nicht durch sich selbst, sondern vor allem durch den Blick anderer wahrnehmen und beurteilen. Die US-Philosophin Sandra Bartky schreibt: „A woman lives her body as seen by another, by an anonymous patriarchal other.“ Weiblichkeit ist nicht etwas, was Frauen selbst definieren, sondern sie wird durch eine männerdominierte Ordnung bestimmt. In dieser Ordnung ist der Träger des Blicks männlich, und die Erträgerin dieses Blicks ist die Frau. Männer sehen, Frauen werden gesehen. Diese Reduzierung der Frauen auf ihre Körper wird durch ein ganzes System von Überzeugungen und Bildern gestützt. Zum Beispiel durch die Werbung, die Frauen immer wieder als Dekomaterial verwendet.

Frauen sind da, um zu gefallen. Sie werden in eine passive Rolle gepresst und dadurch permanent entmachtet. Feministische Ansätze plädieren dafür, diese Dimensionen von Macht zu berücksichtigen, um Essstörungen besser zu verstehen. Die Philosophin und Frauenforscherin Silvia Federici zum Beispiel untersucht die Verbindung zwischen der Objektivierung von Frauen und Kapitalismus: Frauen wird ihr Körper im Kapitalismus quasi weggenommen, er wird zum öffentlichen Objekt, weil dadurch Gebärfähigkeit und Sexualität kontrollierbar werden. Anders ausgedrückt: Frauen werden auf einen Objektstatus reduziert, damit sie nicht aufmucken und auch weiter gratis neue Arbeitskräfte, Konsumenten und Soldaten gebären, Kinder betreuen, Alte und Kranke pflegen und den Haushalt schmeißen. In einer solchen Gesellschaft sind Essstörungen vermutlich eine Bewältigungsstrategie.

Essstörungen sind nicht nur eine Reaktion auf die ambivalenten Erwartungen an Weiblichkeit, die irgendwo zwischen Heiliger und Hure pendeln, eine Reaktion also auf „ein patriarchal definiertes Frauenbild, eine sexistische Kultur und eine perfektionistische Frauenrolle“, wie die Erziehungswissenschaftlerin Ingeborg Stahr schreibt. Sondern sie sind auch eine Rebellion gegen jene (kapitalistische) Aneignung des weiblichen Körpers. Essstörungen können als eine Suche nach Identität und als Rückeroberung des Körpers verstanden werden.

Dabei ist die Explosion des Körperkultes seit den Achtzigerjahren interessant: Ironischerweise trat eine verstärkte Fokussierung auf das Äußere gerade zu einem Zeitpunkt auf, als Frauen sich in manchen Bereichen zunehmend emanzipierten, wie die Psychoanalytikerin Susie Orbach konstatiert. Seit den Achtzigern erhielten Frauen mehr Rechte und mehr Platz im öffentlichen Leben und auf dem Arbeitsmarkt, zugleich verschärfte sich die Erwartung, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen. Den Machtzuwachs in einem Bereich (Arbeit) bezahlten Frauen mit Unterwerfung in einem anderen (Schönheit). Frauen dürfen jetzt arbeiten, dafür müssen sie ihre Körper feilbieten und passfähig machen. Seit den Achtzigern ist die Zahl der Mädchen und Frauen mit Essstörungen kontinuierlich gestiegen.

Orbach vertritt in ihrem vielbeachteten Anti-Diät-Buch die Meinung, dass Frauen Essstörungen nicht bloß passiv erleiden. Handlungen, die selbstzerstörerisch zu sein scheinen, sind auch ein aktiver Versuch, mit der Welt klarzukommen. Frauen sind handelnde Subjekte und Krankheiten nicht einfach die Summe von Defiziten, sondern Bewältigungsformen. Hungern und Ess-Brech-Sucht sind also nicht einfach weiblicher Gehorsam gegenüber einer männlichen Ordnung. Sie können auch Selbstbehauptung und Überlebensstrategie sein.

So paradox es klingt: Vielleicht überleben manche Frauen, gerade weil sie Essstörungen haben. In einer Dokumentation über anorektische und bulimische Frauen erzählt eine Betroffene, sie halte ihre eigene Minderwertigkeit nur durch Hungern, Essen und Erbrechen, durch das Zufügen von Schmerzen aus. Die eigene Minderwertigkeit besteht für sie darin, dass sie bestimmte Ideale der Schlankheit, Schönheit und Leistung nicht erfüllt. Der Exzess helfe ihr, den inneren und äußeren Druck und das Gefühl des Scheiterns auszuhalten, nicht die zu sein, die sie sein sollte. Es wird klar, dass sie Hunger und Schmerz als Selbstbestrafung für die mangelnde Grandiosität praktiziert, eine Malträtur, die ihr auf tragische Weise Genugtuung, sogar Triumph ermöglicht. Wenn sie schon kein wertvolles Subjekt ist, so bestimmt sie doch wenigstens selbst, sich Schmerzen zuzufügen.

In Nepal und Indien bin ich immer wieder der Hindu-Göttin Kali begegnet. Kali mit ihrem weit aufgerissenen Mund ist eine meiner wenigen Erinnerungen, ich hatte bei ihrem Anblick immer das Gefühl, sie hätte irgendetwas mit mir zu tun. Viel später erst habe ich recherchiert: Kali ist die Göttin des Todes und der Zerstörung, aber auch der Erneuerung. Auf den meisten Darstellungen hat sie aufgerissene Augen, eine riesige gierige Zunge oder einen gigantischen Mund, der alles zu verschlingen droht. Vielleicht war sie ja die erste Bulimikerin der Menschheitsgeschichte. Kali steht für „Kala“, die Zeit. Zeit vernichtet und verschlingt, Zeit löst alles auf. In der vedischen Religion wird Kali mit Agni, dem Gott des Feuers, in Verbindung gebracht. Agni hat sieben flackernde Zungen, die Opfergaben verschlingen. Von diesen sieben Zungen verkörpert Kali die fürchterlichste. Kali – so steht es in den Veden – macht den Weg frei und löst die Welt am Ende der Zeitalter auf.

Ungefähr so fühlte ich mich nach meinen Ess-Brech- Eskapaden. Aufgelöst und am Ende, aber auch befreit. Es gab einen Aspekt der aggressiven Begierde und Erleichterung, durch die ich mich – wenn auch selbstzerstörerisch – spürte, durch die ich den Druck meiner tyrannisierten Existenz abbaute. Ich füllte mir den Bauch bis zur Schmerzgrenze, der Zucker und das Fett flossen in meinen Körper. Ich sah aus wie eine Schwangere, es war ein Akt der Ausdehnung und Selbstbehauptung. Die Sehnsucht, in Dünnheit aufzugehen, weniger zu werden, zu verschwinden wurde kontrastiert von einer, wenn auch schmerzhaften, Wahrnehmung des eigenen Körpers. Ich war da, und stopfte und gierte nach mehr. Ein maßloses Weib, zerstörerisch und kaliesk.

Obwohl die Bulimie mir viele Jahre geraubt hat, kann ich es jetzt manchmal auch so sehen: In diesem ganzen selbstzerstörerischen Scheitern konnte ich einen kleinen Rest Ich erfahren. Es gibt nicht die eine, richtige Erklärung, warum jemand bulimisch wird. Bei mir hatte es viel mit dem Phänomen zu tun, das Alice Miller das „Drama des begabten Kindes“ nennt. Die Psychoanalytikerin beschreibt in ihrem gleichnamigen Buch Eltern, die ihre geheime Selbstverachtung und ihre Angst vor Kleinheit kompensieren, indem sie das Kind als grandios stilisieren. So eine Art Vorzeigekind war ich, und ich entwickelte ein „falsches Selbst“ (Miller), eines, das die unbewussten Erwartungen des Umfeldes zu seiner eigenen Substanz machte.

In mir lebte die Vorstellung, unglaublich potent zu sein, aber ich fühlte es nicht. Die Grandiosität war mir aufgesetzt worden. Im Versuch, sie mir einzuverleiben, begann ich mir Wunderdinge über mich auszudenken, verliebte mich in ein Traumbild meiner Selbst, in eine Art Hyperpotenz. Dahinter lauerte aber der Abgrund des Nichts, die Angst vor der Minderwertigkeit. Diese Angst traf schließlich auf jene für junge Frauen über alle Kanäle verkündete Option, sie mit einem schlanken Körper wettzumachen. Im Nachhinein fällt mir auf, dass meine Suche nach Potenz auf widersprüchliche Weise mit einer Verkleinerung, mit Abmagerung einherging. Ich wollte jemand sein. Und verschwand.

Wie die US-Historikerin Gerda Lerner schreibt, gibt es ein historisches Muster, gemäß dem viele Frauen ihr Bedürfnis nach Größe und Anerkennung im selben Atemzug beschneiden, weil sich ein solches Streben für Frauen nicht ziemt. Weibliche Potenz wird oft als Eitelkeit diskreditiert. Die Essstörung war ein Mittel, mit dem ich meine Ambitionen bestrafte. Insgesamt wurde ich nie richtig mager, ich galt all die Jahre noch als schön und sah gesund aus. Vielleicht machte sich deshalb niemand wirklich Sorgen. Meine Eltern sprechen noch heute von „Bulemie“ statt von Bulimie. Sie beschäftigten sich schlicht nicht damit.

Bulimikerinnen sind oft nicht so besorgniserregend dünn, weil sie immer wieder viel essen und trotz des Erbrechens etwas drinnen bleibt. Bulimikerinnen gestehen sich im Prinzip auch nicht zu, krank und bedürftig zu sein. Sie scheinen oft stark und selbstbewusst. Man kann mit dieser Krankheit Jahrzehnte unbemerkt über die Runden kommen – natürlich kann es dennoch schwere körperliche Schäden geben. Während meiner späteren Klinikaufenthalte habe ich den Unterschied zu magersüchtigen Frauen stark erlebt. Auch wenn viele an einer Mischung aus Bulimie und Magersucht litten, habe ich doch bei den eher anorektischen Frauen jene offen zu Tage tretende Todessehnsucht, ihr fundamentales Verschwinden beobachtet. Die Bulimie hat mein Leben nachhaltig und unwiderruflich beeinflusst, aber es war kein „Selbstmord auf Raten“, wie es oft über die Anorexie heißt.

Eines der Mädchen – ihr Körper sah aus wie der einer schwerkranken Zehnjährigen – sprach es damals in der Gruppentherapie laut aus: Sie wolle sterben. Sie saß angelehnt an der Wand auf dem Boden. Die mageren Hände im Schoß gefaltet, ein Wesen aus Haut und Knochen, die Augen tief im Schädel. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Ich wollte nämlich ganz und gar nicht sterben. Daran hatte ich im Leben nicht gedacht. Yvonne – ich gebe ihr hier diesen Namen – formulierte diesen Satz so tieftraurig und ernst, dass es vollkommen still wurde in dem pastellfarbenen Therapieraum. Yvonne ließ ihren Körper verhungern. Sie entledigte sich ihres Fleisches, streifte es ab. Das ist doch keine Frau mehr, dachten wir. Und vielleicht ist das gerade der Punkt. Vielleicht wollte sie auch keine sein. Jedenfalls nicht so, wie es von ihr erwartet wurde. Sie entzog sich dem vorherrschenden Schönheitsideal radikal.

Die Kulturtheoretikerin Christina von Braun schreibt über Anorexie: „Die Anorektikerin erscheint als das Ideal der ’schlanken‘ Frau. Sie versucht, die Anforderungen zu erfüllen – und demonstriert zugleich den Untergang der Frau, das Verschwinden des Sexualwesens.“ Die Brüste verschwinden, die Kurven, die Fertilität. Eine Totalverweigerung sämtlicher Weiblichkeitsideale. Die Anorektikerin entzieht sich auf grausame Weise. Dafür bekommt sie etwas: die Überlegenheit des Geistes über den Körper, einen Sieg über dessen profane Bedürfnisse. Sie erschafft ein Ich, das sich über die Idealisierung durch andere erhebt. Sie sagt: Nein. Ich werde diesen Joghurt nicht essen. Die Anorektikerin bemächtigt sich ihres Körpers, indem sie ihn verhungern lässt. Sie lebt, indem sie stirbt. Der Körper ist nicht länger ein leeres Gefäß, in das die Welt ihre Ideale gießt, sondern sie selbst konzipiert ihn nach ihren eigenen Vorstellungen. Mara Palazzoli beschreibt Anorexie als Existenzform der „Unfleischlichkeit“ und meint damit eine Ablehnung der Existenz im Körperlichen. Das Körper-Sein ist für die Anorektikerin das, was sie nicht annehmen will, denn es fühlt sich an, wie ein Ding zu sein, ein Objekt. Die anorektische Entmaterialisierung ist eine Auflehnung gegen diese Verdinglichung, eine Sehnsucht nach Frausein als Subjekt.

Yvonne starb ein Jahr später. Ohne Körper kann niemand leben. Ich werde immer wieder gefragt, wie es zu meiner Heilung kam. So genau weiß ich das nicht. Es geschah irgendwie, im Verlauf der Jahre. Ich bin herausgewachsen. Übriggeblieben ist eine trotzige Weigerung, mich mit Essen zu beschäftigen. Mein Freundeskreis kennt das schon: Längere Gespräche über Essen, Kochen und gesunde Ernaährung nerven mich. Ich denke: Ich habe zehn Jahre zwanghaft an Essen gedacht. Ich tue das nie wieder. Es ist mir vollkommen egal, ob ein Käse hundert Jahre in der Provence weingelagert wurde. Ich genieße Essen, groß darüber reden und nachdenken will ich nicht. Denn ich will nicht noch Zeit damit verschwenden.

Ich bin heute Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Manchmal denke ich drüber nach, in was für einer Welt sie gross werden. Die Schönheitsideale sind ja allgegenwärtig, auch für Jungs. Mir ist klar, dass ich das nicht kontrollieren kann, dass ich die Kinder nicht in jeglicher Hinsicht schützen kann. Ich versuche, offen über Körpernormen zu sprechen, gerade deshalb finde ich es praktisch, Barbies zu haben. Sie sind sehr geeignet, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen über unrealistische Körpervorstellungen. Sowieso gibt es bei uns zu Hause eigentlich fast alles, ich verbiete keine Spielsachen. Aber ich sage klar meine Meinung, was mir gefällt, was nicht, und warum nicht. Dann gibt es manchmal Streit oder Enttäuschung, aber ich versuche, meine Tochter darin zu bestärken, ihre eigene Meinung zu haben – auch entgegen der meinigen. Denn ich glaube, dass vor allem ein tiefes und echtes Selbstbewusstsein sie davor bewahren wird, später wie das Barbie aussehen zu wollen. Wenn sie also auf dünne Barbies steht, anerkenne ich das. Ich sage: Ich finde es zu dünn, aber ich kann verstehen, dass es dir gefällt.

Susie Orbach, die Spezialistin für Essstörungen, meinte in einem Interview, sie würde ihre Tochter nicht anders erziehen als andere Mütter. Das einzige, worauf sie tatsächlich penibel achte sei, vor ihrer Tochter nicht schlecht über ihren eigenen Körper oder sich selbst zu spreche. Auch sämtlichen Betreuungspersonen, Babysitterinnen und Grossmüttern lege sie nahe, vor dem Mädchen nicht abwertend über ihre Körper zu sprechen.

Ich mache das auch so, ich spreche sowohl über meinen eigenen als auch den Körper meiner Kinder wertschätzend. Manchmal stehe ich mit meiner Tochter im Bad vor dem Spiegel und wir zählen auf, was wir alles an unseren Körpern mögen.

Während solcher Körperexpeditionen fällt mir dann auch auf, dass mich die Vorstellung, plötzlich stark zuzunehmen, bis heute ein wenig nervös macht. Auch meine Tochter werde ich vor solchen Ängsten wohl nicht gänzlich bewahren können.