AIDS in der Schweiz. Über ein mutloses Buch und eine ebensolche Buchvernissage

Das soeben erschienene Buch Positiv. HIV und die mutigste Kampagne der Schweiz beschreibt eine Erfolgsgeschichte. Teilweise zurecht. Teilweise geht dabei Wichtiges vergessen.

Gastbeitrag von Michèle Claudine Meyer[1]

Vorausschicken möchte ich: Ich wurde für das Buch interviewt, ich habe es gelesen und ich war im Publikum bei der Buchvernissage im Kosmos (Zürich). Grundsätzlich bin ich einverstanden mit dem Tenor im Buch und an der Vernissage: die Stop-Aids-Kampagnen waren grössten Teils ein Coup. Ein Wurf. Und es brauchte Mut und Macher*innen. Ihnen gebührt Ehre. Oder wie Roger Staub sagte «es ist schön zu Lebzeiten ein Denkmal zu erhalten».

Was aber fehlt, fehlt schmerzlich: In erster Linie ein kritischer Blick. Augenfällig ist das Fehlen des HIV-positiven Blickes auf die Kampagnen und deren Geschichte. Diese Replik ist ein Versuch, einen solchen, meinen persönlichen, Blick in Worte zu fassen.

Herausgeber des Buches ist der bekannte Schweizer Journalist und Republik-Mit-Gründer Constantin Seibt. Auf dem Podium betonte er, wie spannend es war, für dieses Buch zu recherchieren. Umso mehr erstaunt, wie mangelhaft die Recherche tatsächlich ist. Bereits die Sprache im Vorwort verrät das: «Es (das Buch) erzählt von reisenden Ärzten, schwulen Aktivisten, kühnen Beamten und trickreichen Werbern». Frauen spielen offenbar keine Rolle. Weiter sucht man vergeblich nach einer kritischen Perspektive auf die Kampagnen. Und wenn, dann fällt die Kritik wenig profund aus.[2]

Mir ist bewusst, dass das Buch den Fokus auf die Kampagne «Stop Aids» beziehungsweise «Love Life» legt. Ein solcher Fokus rechtfertigt jedoch meines Erachtens nicht, dass das Mitwirken von Menschen mit HIV – von HIVpositiven Aktivist*innen also – an der HIV-Politik der Schweiz insgesamt weggelassen wird (mit Ausnahme von André Ratti). Das ist nicht nur verfälschend, sondern respektlos.

Im Vorwort zum Beispiel schreibt Constantin Seibt: «Slogans wie «im Minimum ä Gummi drum» oder «Ohne Dings kein Bums» gehören zu den Jugenderinnerungen einer ganzen Generation. Wenn auch nicht zu den schönsten. Kaum jemand, der nicht einen Aidstest machte. Und dann eine Woche auf das Resultat wartete. Eine Woche einsamer Angst, in der man alle fünf Minuten seine Vergangenheit und sein Lymphknoten überprüfte. Doch auch ohne Albträume prägten die «Stop-Aids»- Kampagne das Leben fast aller».

Die Perspektive ist hier ausschliesslich HIV-negativ. Das heisst die Rede ist von jenen, die sich trotz allem nicht mit HIV ansteckten. Ausgespart sind Menschen, die heute noch mit HIV leben (Langzeitüberlebende), ausgespart sind auch jene, die damals an den Folgen von AIDS starben. Diese HIV-negative Perspektive zieht sich, mit wenigen Ausnahmen, durch das ganze Buch.

Wo sind die Menschen mit HIV?

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Wenig überraschend ist deshalb auch, dass im Buch kein Wort zu lesen ist über die nationalen (und regionalen) Organisationen von Menschen mit HIV/Aids, wie die P.W-A- Schweiz ~1991-1998, oder LHIVE 2007 – 2010. Beide Organisationen wurden übrigens von Frauen gegründet und geführt. Weiter frage ich mich, weshalb im Text von Barbara Reye «Positiv leben», den sie uns Interviewten als Endversion zuschickte, die Stellen über unser Leben massiv gekürzt sind und dadurch wichtige Dinge wegfallen. In meinem Fall fehlen drei entscheidende Aspekte: zwei gesunde Kinder, 24 Jahre Aktivismus und die mangelnde finanzielle Absicherung im Alter. Zu der im Buch publizierten Form des Textes hätte ich meine Einwilligung nicht gegeben. Ich empfinde dies als eine Instrumentalisierung meiner Biographie, mit der eine einseitig Narration nahe gelegte wird, nämlich das angeblich dramatische Scheitern im Leben mit HIV.

Sprachgebrauch

Das Buch ist immer wieder sprachlich unsensibel. Das Wort „Seuche“ zum Beispiel findet sich auf 105 Seiten ganze neunmal (ich habe dieses Wort in Zusammenhang mit HIV seit Ewigkeiten nicht mehr gehört oder gelesen, respektive nur dann, wenn Menschen fern ab des Themas sich dazu äusserten). Und übrigens: es heisst HIV-Test, nicht Aids-Test, eigentlich sogar HIV-Antikörper-Test.

Im Vorwort wird, erfreulicherweise, das sogenannte «Swiss Statement» zur Nichtinfektiosität erwähnt: «Sie (die Schweiz) war auch das erste Land, das HIV-Patienten unter erfolgreicher Therapie für nicht mehr ansteckend erklärte. Das Papier[3] ging 2008 um die Welt» Was allerdings fehlt ist eine Betonung der wissenschaftlichen Evidenz. Denn wer genau recherchiert wird feststellen, dass die Nichtinfektiosität noch heute angezweifelt wird und die Wissenschaftlichkeit deshalb immer wieder unterstrichen werden muss.

Reichlich undifferenziert ist in diesem Zusammenhang auch, dass nur Sex mit Kondom als „Safer Sex“ bezeichnet wird.[4] Bei Schutz durch Therapie[5] wird von der Schutzwirkung zwar gesprochen, aber der Sex trotzdem als „ungeschützt“ bezeichnet. Anders gesagt geht dadurch das wichtige Detail unter, dass HIV-positive Menschen durch die heutigen Medikationsmöglichkeiten nicht mehr ansteckend sind, und eben auch ohne Kondom Safer Sex haben. Eine solche Information oder eben ein sorgfältigerer Sprachgebrauch wären für die Ent-Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen grundlegend. Stattdessen lobt Seibt, dass das Bundesamt für Gesundheit bis heute nicht müde werde und viel riskiere, um die Botschaft „Kondome!“ immer neu unter die Leute zu bringen. Aber: Irgendwo zwischen «ohne Dings kein Bums», dem Beweis der Nichtinfektiosität und der Entwicklung von Prep[6] müssen Welten von medizinischem Fortschritt liegen, nicht wahr? Die Botschaft bleibt aber: Safer Sex geht nur mit Kondom.

Fehlende Kampagnen-Kritik

„Dieses Buch handelt vom Schlimmsten: einer rätselhaften Seuche, die den sicheren Tod brachte“, heisst es im Vorwort (allein im Vorwort steht dreimal „Seuche“ – eine Art unreflektiertes Operieren mit dem Gruseln?). Abgesehen davon, dass durch die Todesrhetorik erneut Langzeitüberlebende ausgeblendet werden, wird zumindest der Ausschluss erwähnt, den die Krankheit bis heute mit sich bringt. Allerdings fehlt die Reflexion darüber, was denn verpasst wurde, dass Diskriminierung und Stigmatisierung heute noch alltäglich sind. Dass Menschen mit HIV ausgeschlossen werden, dass trotz Nichtinfektiosität die Vorurteile unverändert sind.

Im Vorwort werden die HIV-Kampagnen ausnahmslos positiv bewertet. Die Schattenseiten oder zumindest Fragezeichen zu Kondomisierung und Medikalisierung werden nicht einmal gestreift. Auch Olivia Kühni wiederholt das Lob des Kondoms in ihrem Beitrag «Eine kurze Gesichte des Lasters», sie schreibt: « Die Stop Aids-Kampagne tut genau dies: Sie schwätzt und lamentiert nicht. Sondern gibt eine einfache Regel ohne Spielraum: Bei Sex ein Kondom. Erstaunlich in einem Text, der sich ansonsten dem ‚Wilden und Triebhaften‘ widmet. Gegen Ende geht Kühni auf die Versuche der „Zähmung der Sexualität“ ein, doch leider nur ganz kurz. Es wäre eine gute Möglichkeit gewesen, hier kritische Gedanken zu Prävention einfliessen zu lassen. Und zum Beispiel auf den Slogan von HIV Aktivist*innen «Keine Rechenschaft für Leidenschaft»[7] und das oft formulierte Anliegen, sich trotz allem sexuell nicht fremdbestimmen zu lassen, einzugehen.

Das Lob der Kampagne ist grössten Teils berechtigt, aber greift trotzdem zu kurz. Vor allem dann, wenn dadurch die Schweiz in ein fragwürdig positives Licht gerückt wird. Dominik Imseng schreibt, «die gesellschaftliche Akzeptanz der Stop Aids-Kampagnen sei erstaunlich hoch gewesen» und meint weiter, «die radikale Offenheit Rattis, der im Oktober 1986 an Aids starb, trug massgeblich dazu bei, dass in der Schweiz die Diskriminierung der Infizierten weniger stark ausfiel als in anderen Ländern». Mir scheint das eine gewagte These, die schwer überprüfbar ist. Mit welchen Ländern wird was genau verglichen? Und um welche Art Diskriminierung geht es? Im nahen privaten Umfeld, bei der Arbeit, im Personalwesen, im medizinischen Bereich, im Bereich Altersvorsorge, Lebensversicherung, in der Gesetzgebung und der Strafverfolgung? Weiter lobt Imseng, die Schweiz habe einen «„anderen Weg“ gewählt und sich für „positive Motivation, den Apell an die Eigenverantwortung und die soziale Integration von Infizierten und Kranken“» entschieden.

Aus meiner Sicht wurden Solidarität und Integration in den Kampagnen gerade vernachlässigt. Ich habe als Frau, die selbst seit 24 Jahren mit HIV in der Schweiz lebt, die in beiden nationalen Organisationen engagiert war, eine ganz andere Wahrnehmung. Nämlich, dass Solidarität, Integration und Anti-Diskriminierung zwar kurz thematisiert wurden, aber keineswegs lebensnah oder fassbar anhand von Beispielen im Alltag. Ein einziges Mal kamen Menschen mit HIV aufs Bild und zu Wort, nämlich im Rahmen der Kampagne von 1991 (im Buch fehlen diese Beispiele. So vermisse ich schmerzlich das Plakat mit Iris Reuteler, der Präsidentin der P.W.A. Schweiz).

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Copyright BAG; in Erinnerung an Iris Reuteler, Präsidentin P.W.A-Schweiz

Auch fehlte in den viel gelobten Kampagnen die besagte Nichtinfektiosität – ein wichtiger Aspekt spätestens seit 2008, der für eine Ent-Stigmatisierung entscheidend gewesen wäre. Darauf geht Imseng in seinem Lob der Anti-Diskriminierung nicht ein. Auch nicht darauf, dass 2008 die in meinen Augen absurdeste Kampagne startete, auch Seibt erwähnt sie: «2008 folgte dann eine Serie mit kopulierenden Astronauten, Tauchern, Höhlenforschern. (Das Thema Geschäftsreise)» Nach der Veröffentlichung des Swiss-Statement zur Nichtinfektiosität hätte es ganz andere Möglichkeiten gegeben, nämlich einerseits sachlich und klar darauf hinzuweisen, dass Kondome weiterhin die einfachste und praktikabelste Schutzmassnahme, insbesondere für Ungetesteten, sind. Zugleich wäre ein öffentliche Kampagne zum Thema «Schutz durch Therapie» resp. Nichtübertragbarkeit von HIV bei erfolgreich therapierten HIV-Positiven hilfreich gewesen, um Diskriminierung und Ausgrenzung zu mindern.
Übrigens tut dies, die #undectable-Kampagne[8] vom Dr. Gay Team seit 2016. Erstaunlich, dass diese, wie auch alle anderen Zielgruppenspezifischen Kampagnen nicht einmal am Rande eine Erwähnung finden.

Hinzu kamen ab 2010 dann die sexuell übertragbaren Infektionen, oder wie Seibt schreibt: «Ab 2010 bekam Aids in der Kampagne erstmals Kollegen: die anderen Geschlechtskrankheiten- Widerlinge vom Tripper bis zur Syphilis» Die Frage sei erlaubt: Warum erscheinen die «Kollegen» erst 2010? Nachdem HIV/Aids als Infektion aufkam, wurden zum Beispiel Syphilis-Fälle längere Zeit vernachlässigt, zumindest wurden sie nicht mehr registriert. Auch wurde nach der Veröffentlichung zur Nichtinfektiosität, spätestens aber ab 2010, die Verbreitung von anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) gerne Menschen mit HIV angelastet. Es wäre dringend notwendig gewesen, die Kampagnen hätten nun auf Dialog gesetzt. Zum Beispiel nach dem Motto: „Ich sag Dir was ich habe. Ich habe HIV (und schütze Dich). Was hast DU? (Schütz Du mich vor Tripper/Syphilis und Co.)“ (der Verlauf und die Behandlung einer sexuell übertragbaren Infektionen ist für Menschen mit HIV schwieriger). Spätestens an dieser Stelle im Buch hätte ich mir überhaupt einen kritischen Blick auf die insgesamt eher «dialoglose» Kampagne gewünscht. Warum war zum Beispiel über alle die Jahre nur schneller und möglichst unbesprochener Sex Vorbild für Verhaltensempfehlungen, sprich: Präventionsbotschaften?

Seit 2014 ist der Slogan «Love Life» ergänzt mit «- bereue nichts». Die Idee war damit einen Schritt weiter: Man konnte das Kondom als die Lizenz auf wilden Sex verkaufen. Alles tun – ohne Reue» «… unterlegt von Edith Piafs Chanson Non je ne regrette rien.» Meine ausführliche Kritik an dieser Kampagne, kurz nach deren Veröffentlichung, findet sich hier: https://www.woz.ch/-50cf. Darum hier nur so viel: wie Ursula von Arx berichtet, so war auch ich auf Beerdigungen, bei denen Edith Piafs «non je ne regrette rien» gespielt wurde. Ich empfinde es als extrem unpassend, dass dieses Lied dann in der Prävention benutzt wurde. Ein Leben mit HIV, das nicht durch Reue geprägt ist, scheint ausserhalb der Vorstellungskraft der Kampagnenverantwortlichen zu liegen.

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Das Buch verpasst es nicht zuletzt auch zu fragen, inwiefern es einen Zusammenhang zwischen dem Subtext der Kampagnenjahre und der anhaltenden Diskriminierung geben könnte. Carlos Hanimann kritisiert zwar zurecht die einseitige und homophobe Orientierung der Fachwelt ganz zu Beginn der Pandemie auf homosexuelle Männer. «Die Fokussierung auf homosexuelle Männer sollte sich schon bald als falsch herausstellen, aber die Spur war gelegt. Die Folge war eine Stigmatisierung, die über Jahre anhalten würde.» Aus den Jahren der Diskriminierung sind aber unterdessen Jahrzehnte geworden. Hanimann fragt nicht, inwiefern eine Primär Prävention, die sich bis heute fast ausschliesslich auf individuelles Verhalten und Zielgruppen konzentriert, die gesellschaftlichen Verhältnisse aber aussen vor lässt, die Solidaritäts-, bzw. Antidiskriminierungs-Arbeit nicht konterkariert.

Eine kritischere Auseinandersetzung mit der HIV-Politik, die im BAG viele Jahre durch Roger Staub geprägt wurde, müsste zumindest ein Dilemma aufzeigen, wenn nicht gar einen Widerspruch: Wenn zum Beispiel jahrelang um den 1. Dezember, dem Weltaidstag, dem Tag der Solidarität und des Erinnerns, Ansteckungszahlen in den Medien herumgereicht werden, angerichtet mit süffigen Kommentaren zur Sorglosigkeit und ähnlichem von Homosexuellen und MSM, hinterlässt das Spuren.

Der Markenwechsel von «Stop Aids» zu «Love Life» wird im Buch als absolut gelungen dargestellt. Mir erschliesst sich nicht ganz, wie man zu dieser Einschätzung kommen kann. Womöglich hat es damit zu tun, was auch in Constantin Seibs Text unfreiwillig zutage tritt: «Es gab viele Stakeholder. Das Amt, die Politik, die Leute von der Aidshilfe.» Ein Stakeholder, das zeigt dieses Zitat, fehlt: Menschen mit HIV. Aktivist*innen. Sicher hätte es dem beschriebenen Markenwechsel von „Stop Aids“ zu „Love Life“ gut getan, Menschen mit HIV einzubeziehen.

Fakten und Zahlen

Nadine Jügensen schreibt in «Stand der Dinge»: «Angesichts der hohen Kosten, welche von den Krankenkassen und damit von der Allgemeinheit getragen werden, ist die Vermeidung von Ansteckungen das wichtigste Ziel der Prävention». Die Kosten der Erkrankung sind der Antrieb für die Prävention? Ich komme nicht um die Frage herum, ob dies ein politischer Werbetext ist um das Präventions Budget gegen die Sparpolitiker zu verteidigen. «Im Vergleich zu den Kosten eines einzigen HIV-Patienten von 25’000 Franken pro Jahr oder von ungefähr einer Million bis zum Lebensende, sind die Kosten von gut 2 Millionen Franken für die Kampagne vernüftig investiertes Geld- vorausgesetzt, sie verhindert mindestens zwei neue Ansteckungen». Mir ist bewusst, dass dieses Argument schlüssig und zielführend ist. Es liest sich trotzdem nicht schön. Und die Frage sei erlaubt: Bei welchen Krankheiten wird das sonst so gemacht, ausserhalb der Budgetdebatten in politischen Gremien? Welchen Patient*innen werden ihre lebenslangen Kosten derart vorgerechnet?

Über die Veröffentlichung der Erkenntnisse zur Nichtinfektiosität und Nichtübertragbarkeit von HIV schreibt Jürgensen: «… Stattdessen plädierten sie (Anmerkung :Vernazza u. Co) dafür, Betroffenen ausführlich über die Vermutung einer fehlenden Ansteckungsgefahr zu informieren.« Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Nichtinfektiosität keine Vermutung, sondern wissenschaftlich evident, das heisst gestützt auf eine breite Datenlage. Unterdessen ist diese Erkenntnis weltweit weitgehend anerkannt und wesentlicher Teil der UN-aids-Stategie. «das Ziel der UNO ist, das bis 2020 weltweit 90 Prozent der Infizierten bekannt sind (Anmerkung: bekannt meint getestet) Davon sollen 90 Prozent mit antiretroviralen Medikamenten behandelt sein. Und zwar so, dass sich bei 90 Prozent kein Virus mehr im Blut nachweisen lässt (Anmerkung: so dass sie sexuell nicht mehr ansteckend sind!)«.

Jürgensen geht jedoch nicht darauf ein, welchen zentralen Bedingungen verbessert werden müssten, damit die Ziele umgesetzt werden können. Politische und finanzielle Hindernisse werden zwar erwähnt, es fehlen trotzdem klare Worte über ungleiche Ressourcenverteilung, Patente und Profit, über (internationale) politische und moralische Verantwortung. Es wird nicht gesagt, dass gerade die ungleiche Ressourcenverteilung und die andauernde Diskriminierung erwiesenermassen Gründe sind, weshalb Aids «trotz wirksamer Therapie eine gefährliche Pandemie bleibt.»

Seichte Unterhaltung für HIV- Negative?

Last but not least zum Podium an der Buchvernissage: Die eingestreuten Anekdoten im Buch haben mich mehr als seltsam berührt. Eine der Anekdoten handelt von zwei Brüdern, den Seibt Brüdern, die einen HIV-Test machten und wie sie nach einer Woche Ungewissheit ziemlich verwirrt und gestresst, das Testergebnis abholten. Seibt erzählte sie auch auf dem Podium. Die Pointe ist bemerkenswert: « Die Dramatik der gespenstischen Nächte war vorüber. Nun würde alles weitergehen wie vorher. Der jüngere Bruder musste sich darum kümmern, die nächste Rolle zu bekommen. Und der ältere Bruder würde jetzt die Abschlussprüfung an der Universität machen müssen. Eben noch hatte das Leben kurz ausgesehen. Nun würde ihnen nichts erspart bleiben: ein Beruf, vielleicht eine Ehe, die Verantwortung, das Leben» Für mich klingt das wie seichte Unterhaltung für HIV- Negative.

Die auch auf dem Podium vorgetragene Erzählung stellt die von HIV Verschonten ins Zentrum, sie spricht vom Glück, verschont worden zu sein. Das scheint mir angesichts der Menschen, die an den Folgen von AIDS gestorben sind, ihren Hinterbliebenen und nicht zuletzt für Menschen, die heute mit HIV leben und das Pech haben, ihr Leben umkrempeln zu müssen, geschmacklos. Mir jedenfalls tat es weh, und ich hätte gerne laut gerufen: Möchte wer tauschen? Mit den Toten oder mit den HIV-positiven Überlebenden?

Zur Auswahl der Podiums Teilnehmer*innen: Da sassen drei Männer und eine Frau. Ein Herausgeber und Journalist, ein Infektologe und ein ehemaliger BAG-Beamter, eine junge Frau mit der Bezeichnung «Betroffene». Drei HIV-Negative (bzw. Unspezifische/Unbenannte) und eine HIV-positiv Geoutete und Benannte. Oder: Drei Macher und eine Erlebende. Und eine Moderatorin, die dem Gestus der unkritischen Selbstbeweihräucherung leider nichts entgegensetzte.

Roger Staub wurde vor allem als Aktivist gefeiert. Tatsächlich aber war Staub über viele Kampagnen-Jahre im Bundesamt für Gesundheit tätig. Zuerst als Mandatsträger, später als Beamter und Funktionär. Ein bewegter und bewegender Beamter, dem vieles in der HIV-Politik anzurechnen ist, einer der seine Beamtenlaufbahn als Aktivist angefangen hat. Aber – so schmerzlich solch ein Rollenwechsel und Spagat ist – als Abteilungsleiter im BAG war Staub Funktionär. Und das haben gerade Aktivist*innen zu spüren bekommen.

Am meisten berührte mich der Umstand, dass weder Roger Staub noch Pietro Vernazza – bei allem berechtigten Lob ihrer Arbeit – erwähnten, dass Menschen mit HIV mitbeteiligt waren an dem sogenannten Swiss Statement. Als hätte es uns nicht gegeben.

Mit Jennifer Annen war eine junge Frau auf dem Podium, die seit Geburt HIV-positiv ist, eine ‚Unschuldige‘, ein ‚Opfer‘, eine, die nie die Chance hatte, sich vor HIV zu schützen, eine, bei der Keine*r über ihr sexuelles Vorleben spekuliert. Eine Person auch, die qua ihres Alters keine Zeitzeugin der Kampagnenzeit sein kann. Vielleicht ist es nicht augenfällig, aber es ist ein Statement. Eines, das auch dazu passt, dass es keine Möglichkeit gab, Fragen zu stellen oder mitzudiskutieren im Publikum, wir blieben Zuschauende und Beifallklatschende.

Gefeiert wurden die Männer in der Runde, die Negativen, ihnen wurde ein Denkmal gesetzt.

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Aktion „Fliegende Kondome“

***

[1] Michèle Claudine Meyer ist seit 24 Jahren HIV Aktivistin

[2] Immerhin findet im Zusammenhang mit der Kritik am Slogan: « Love Life- do not regret.» der Schweizer Positiv Rat eine Erwähnung. Auch wenn diese Kritik, zwischen den Zeilen, diminuiert wird.

[3] Swisstatement: http://www.aids.ch/de/downloads/pdfs/EKAF-Statment_2008-05-089.pdf

[4] Etabliert wurde der Begriff safer sex so: eindringender Vaginal-und Analsex mit Kondom, beim Oralsex kein Sperma oder Blut in den Mund.

[5] Schutz durch Therapie: https://www.aidshilfe.de/schutz-therapie

[6] HIV-Prä-Expositionsprophylaxe PreP: http://www.mycheckpoint.ch/de/generic/node/405#PrEP

[7] Im September 1990 trafen sich in Frankfurt 250 HIV-Positive unter dem Motto „Keine Rechenschaft für Leidenschaft“ zur ersten „Bundes-Positiven-Versammlung“. Der Grundgedanke dabei war, so unterschiedlich wir sind, wir lassen uns nicht auseinanderdividieren noch fremdbestimmen: Es ist unser Leben, und unsere Sexualität(en).

[8] #undetectable von Dr. Gay: https://www.drgay.ch/de/hiv-positiv/leben-mit-hiv/undetectable

 

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Keine Sternstunde

Das Schweizer Fernsehen (SRF) ist mit einer Themenreihe zu Transgender gestartet. Das ist erfreulich und wichtig. Allerdings verlief der Auftakt in der Sendung „Sternstunde Religion“ nicht nur wenig kompetent, sondern reproduzierte Vorurteile und transfeindliche Positionen.

Von Hannes Rudolph (Autor) und Franziska Schutzbach (Co-Autorin)

Die Trans-Community hat sich vorsichtig gefreut, dass das SRF ab Ende Januar etliche Sendungen der Trans-Thematik widmet. Eine zweiteilige Dokumentation wurde eigens produziert, eine Doku über Transkinder importiert, eine Diskussion in der „Sternstunde Philosophie“ mit zwei Expert*innen aus der Trans-Community geplant (mit Hannes Rudolph und Myshelle Baeriswyl).

Eine weitere „Sternstunde“, nämlich die „Sternstunde Religion“, enthielt zwar keinen Hinweis auf das Thema Trans – kündigte aber ein verwandtes Thema an: „Kampfbegriff Gender“. Eingeladen waren Wilf Gasser, ein Psychiater, der Homosexualität für heilbar hält und Präsident der Schweizerischen Evangelischen Allianz ist (ein Zusammenschluss evangelikaler Christ*innen) und die Feministin und Theologin Ina Praetorius, deren wichtigste Arbeiten dem Differenzfeminismus zuzuordnen sind.

Sehr viel Interessantes hätte diskutiert werden können: Zum Beispiel, welche verschiedenen Begriffe und Konzepte von ‚Gender‘ es gibt, und auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen sie beruhen (Judith Butlers Konzepte sind ja nur einige unter vielen). Man hätte entfalten können, inwiefern das Gender-Konzept zunächst einfach bedeutet, dass Geschlecht nicht nur eine biologische Angelegenheit ist, sondern auch sozial, kulturell und historisch geprägt ist. Dass also zum Beispiel ‚Frausein‘ im Mittelalter etwas ziemlich anderes bedeutete, als heute. Weiter hätte man besprechen können, wie Gender-Konzepte in den 1990er Jahren von der Gleichstellungspolitik aufgenommen wurden und Eingang in internationale (UNO) und nationale demokratische Institutionen fand (Gendermainstreaming). Und welche kontroversen Auseinandersetzungen es hier auch unter verschiedenen feministischen, wissenschaftlichen und politischen Strömungen gab.

Ferner hätte man diskutieren können, wie erzkonservative Katholiken aus dem Begriff ‚Gender‘ im letzten Jahrzehnt den negativen Begriff „Genderismus“ machten. Und zwar deshalb, um wichtige Forschungsergebnisse über fortbestehende Diskriminierungen von Frauen, Homosexuellen, Inter- und Transmenschen als Ideologie abzutun und folglich Gleichstellungsanstrengungen zu verhindern. Diskutiert werden können hätten auch die konkreten Ängste, die eine Dekonstruktion oder auch Pluralisierung von Gender und Geschlechterrollen offenbar mit sich bringen. Sowie die Instrumentalisierung dieser Ängste durch die neue Rechte, die Themen wie Sexualaufklärung, Masturbation, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt aber auch Frauenemanzipation, Feminismus und nicht zuletzt die Gender Studies unter dem Begriff „Genderismus“ in einen Topf wirft, und für einen angeblichen gesellschaftlichen Zerfall verantwortlich macht. Und nicht zuletzt hätte besproche werden können, welche Positionen die Kirche(n) in diesen Diskussionen vertreten.

Transgender als die absurde ‚Blüte‘ von Gender?  

Nichts davon geschah. Stattdessen nahm die Diskussion einen Verlauf, der offenbarte, dass die beiden Diskutierenden nicht sonderlich viel darüber wussten, warum Gender zu einem Kampfbegriff geworden ist, und welche Vorwürfe von Freikirchen und rechten Katholiken gegen das Konzept ‚Gender‘ und Gendermainstreaming oder die Gender Studies gemacht werden. Und die mangels dieses Wissens beim Thema Trans* landeten, als ob Genderfragen auf Trans reduziert werden könnten oder umgekehrt. So wurde aus dieser „Sternstunde“ eine Trans-Diskussion, wo eigentlich eine Gender-Diskussion angekündigt war, und das eigentliche Problem: Es wurde eine Trans-Diskussion unter Leuten, die zu Trans gar keine ausgewiesenen Expertisen haben. Und zu Gender auch nicht, wie sich herausstellte.

Ina Praetorius eröffnete, indem sie Judith Butlers These, dass auch biologisches Geschlecht in gewisser Weise konstruiert und performt wird, durch eine flapsige Zusammenfassung als absurd hinstellte. Eine Position, der Wilf Gasser dankbar zustimmte. Hier fiel bereits das erste Mal das Wort „Transgender“, womit das Thema Gender und „Transgender“ mehr oder weniger gleichgesetzt wurden.

Praetorius und Gasser waren sich schnell einig – ohne Gender-Konzepte wirklich ausgefächert oder geklärt zu haben – dass die Natur zwei Geschlechter vorsehe und „das biologische Geschlecht“ festschreibe, ob jemand Mann oder Frau sei, und Biologie nicht dekonstruiert und in Frage gestellt werden könne. Und dass „Transgender“ ein Beispiel für Menschen sei, die das dennoch (also widernatürlich) tun. Damit waren bereits nach wenigen Minuten mehrere sachlich falsche Vorannahmen gesetzt, auf denen dann die gesamte Sendung aufbaute. Inklusive die Prämisse, Transgender sei die absurde ‚Blüte’ von Gender.

Zwei Menschen, die über keinerlei Expertise im Bereich „Transgender“ verfügen, diskutierten eine halbe Stunde auf SRF 1 über Trans. Zwei Menschen, die nicht akzeptieren, dass die Geschlechtswahrnehmung von trans Menschen valide ist, die Intergeschlechtlichkeit und Trans kaum auseinanderhalten konnten, geschweige denn Forschung zu diesen Bereichen kannten, oder, zumal es ja zentral um „das biologische Geschlecht“ ging, zu Bereichen wie Gendervarianz, Epigenetik und Hirnplastizität. Die Funktion des Themas „Transgender“ lag in der Diskussion darin zu zeigen, dass „Genderismus“ eine Ideologie ist, deren schlimmste Auswirkung die Leugnung von „biologischem Geschlecht“ ist. Mindestens vier Mal sagten die Diskutierenden sinngemäss: „Wir haben im Grunde kein Problem mit Vielfalt und neuen Rollenbildern – aber biologisches Geschlecht zu dekonstruieren ist absurd“. Als einziges Beispiel für diese Absurdität wurde das Thema „Transgender“ genannt. Ohne auch nur zu erwähnen, dass die Idee, dass Biologie kein Schicksal sein muss (Butler, Beauvoir und viele andere!) ein absolut zentraler Gedanke in der Geschichte des Feminismus und der Gendertheorien ist – auch völlig jenseits von der Transthematik.

In dieser merkwürdigen Fixierung der Diskussion auf Trans wurden des weiteren Positionen formuliert, die nicht anders als als trans-feindlich bezeichnet werden können. So durfte Wilf Gasser unwidersprochen die Körperwahrnehmung von trans Personen mit der verzerrten Körperwahrnehmung von Menschen mit Anorexie vergleichen. Er stellte die Identität von trans Menschen als etwas Vages und Unsicheres dar und sagte, dass er seinen Auftrag darin sähe, Leute von ihrer Wahrnehmung zu befreien. Wiederholt äusserte er, dass er nicht „daran glaube“, dass die „neue Identität“ (er meint das Leben entsprechend der eigenen Identität) eine sinnvolle Lösung für trans Menschen ist.

Pathologisierungen und Vorurteile

Wilf Gasser ist im Beruf Psychiater. Als Psychiater könnte er wissen, dass Trans im DSM V und in der ICD 11 nicht mehr im Bereich psychische Störung zu finden ist – weil es keine ist, insbesondere keine Identitätsstörung. Er könnte wissen, dass zahlreiche Studien belegen, dass die Geschlechtsidentität von trans Menschen nicht unsicherer ist als die von cis Personen, dass trans Menschen weder schlechter noch besser als cis Menschen wissen, wie sich „eine Frau fühlt“ oder zu fühlen hat (als gäbe es hier eine einheitliche Definition). Dass Transmenschen aber gleichwohl – wie cis Menschen – wissen, welches Geschlecht sie haben, dass jedoch das ihnen bei der Geburt zugeordnete Geschlecht nicht passt. Woher diese Gewissheit kommt, ist nicht bekannt. Bekannt ist jedoch, dass Versuche, diese innere Gewissheit weg zu therapieren ähnlich erfolglos sind wie Versuche, homo- oder bisexuelle Menschen heterosexuell zu machen. Gasser müsste nicht zuletzt wissen, dass reparative Therapien (Therapien, die eine „Heilung“ von Transidentität zum Ziel haben) als unethisch gelten und gegen die Menschenrechte verstossen.

Stattdessen erklärte Gasser nach einem Einspieler, in dem Hannes Rudolph – Autor dieser Zeilen – ausführt, was Geschlechtsidentität ist, tief seufzend („das nervt mich tierisch“) sein Problem mit trans Menschen: Er fände es absurd, dass jemand, der als Mann auf die Welt gekommen ist, behauptet, er fühle sich wie eine Frau. Erneut wurde Gassers Unkenntnis über trans deutlich, denn trans Menschen „behaupten“ wie gesagt keineswegs, sie „fühlten“ sich wie das andere Geschlecht. Sie wissen vielmehr, dass sie es sind.

Auch andere Halbwahrheiten, sachliche Fehler und Vorurteile wurden zum Besten gegeben: Ina Praetorius kritisierte trans Frauen dafür, dass sie ein Kleid und Schminke weiblich finden – ihr kam nicht in den Sinn, dass auch die meisten cis Frauen Kleid und Schminke als „weibliches Styling“ wahrnehmen. Und sie wusste offenkundig nicht, dass es trans Frauen gibt, die sich niemals schminken würden – und die deswegen jahrzehntelang von der Psychiatrie als nicht glaubwürdig trans wahrgenommen wurden. Wilf Gasser bezeichnete medizinische Behandlungen an Minderjährigen als illegal – ohne den Forschungsstand oder die Rechtslage zu kennen, und bezeichnete trans Personensogar als „körperlich vermurkst“. Auch kannte er die Studien nicht, die deutlich belegen, dass es trans Personen besser geht, wenn sie die medizinischen Massnahmen bekommen, die sie brauchen. Ferner verbreitete er den Mythos, trans Menschen seien nach erfolgter Geschlechtsangleichung meist suizidal.

Trotz aller Liebe zur geschlechtlichen Vielfalt, die Ina Praetorius etwas überzeugender vertrat als Wilf Gasser, war die Zweigeschlechtlichkeit ein zweiter Punkt, den beide Gäste nicht in Frage gestellt sehen wollten. Wenigstens bei dem Versuch, die Zahl intergeschlechtlicher Menschen kleinzureden (Praetorius: „eine ganz kleine Anzahl von Menschen“ – Gasser: „Ganz klein“. Gasser später: „Wirklich ganz wenige Fälle“), hat Moderator Norbert Bischofberger mit Zahlen gekontert. Auch sonst war Bischofberger anzumerken, dass er die Positionen seiner Gäste nicht teilte. Dennoch war die Hauptthese der Sendung: Trans Menschen leugnen ‚das biologische Geschlecht‘. Das biologische Geschlecht zu leugnen ist absurd und folglich „ganz klar ideologisch“ (Gasser). Folgerichtig sprach Gasser auch von „Transgenderismus“.

Sternstunde Stammtisch?

Wie konnte es passieren, dass in einer Sendung wie der „Sternstunde Religion“, die inhaltlich und intellektuell ein hohes Niveau anstrebt, unwidersprochen solche Positionen geäussert werden? Positionen, die trans Menschen psychopathologisieren, ihnen ihr Geschlecht absprechen, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte leugnen und zur „Ideologie“ umdeuten? Sowohl Gasser als auch Praetorius erklärten bereitwillig, dass sie keine fachlichen Kenntnisse zum Thema Trans haben. Dennoch diskutierten sie darüber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit dem Gestus der Expert*in.

Und sie taten es – pardon – wie am Stammtisch. Über trans Menschen wurde gesprochen, als versuchten sie etwas zu sein, was sie „biologisch“ nicht sind. Selbstverständlich wurde „Geschlechtsumwandlung“ statt „Geschlechtsangleichung“ gesagt, die Rede war von „Männern, die Frauen sein wollen“, Trans wurde als Wechsel und Identität als Gefühl oder gar als „Verunsicherung“ dargestellt, trans Frauen wurden als „Ex-Mann“ bezeichnet. So, wie eben Menschen über trans sprechen, die keine Ahnung von der Thematik haben. Es ist selbstverständlich in Ordnung, von einem Thema keine Ahnung zu haben. Unverständlich ist jedoch die Annahme, es sei in Ordnung, darüber in einer wichtigen, viel beachteten Sendung zu diskutieren.

Ein weiterer Unglücksfall war die Auswahl eines Einspielers aus der SRF-Doku „Das Geschlecht der Seele“. Gezeigt wurde ein Ausschnitt, in dem die Partnerin einer trans Frau befragt wird. Und zwar zu einem Zeitpunkt, zu dem ihr die Transition der Partnerin noch sichtlich Mühe macht. Sie misgendert ihre Frau durchgehend, in dem sie von ihr als „er“ und „ihm“ spricht und den „Verlust des Mannes“ bedauert (das ändert sich später). Dass der Moderator Norbert Bischofberger die betreffende Frau als Mann vorstellt („ein Mann, der sich als Frau fühlt“), ist leider auch nicht hilfreich. Wie viel wäre mit einem Doku-Einspieler zur erreichen gewesen, der eine trans Person zeigt, die respektiert, unterstützt und korrekt angesprochen wird!

Alles in allem war diese Sendung keine Sternstunde, sondern ein Tiefpunkt der Berichterstattung über Trans. Es ist, gerade in solchen Fällen, zentral, dass es eine Ombudsstelle gibt, bei der diese Art von Sendung beanstandet werden kann. Auf dass in Zukunft mit mehr Sensibilität vorgegangen wird und die Belange von Minderheiten besser und professioneller dargestellt werden.

Deshalb: #nonobillag

(am Sonntag wird in der „Sternstunde Philosophie“ ein 60-minütiges Gespräch mit Hannes Rudolph und Myshelle Baeriswyl ausgestrahlt, in dem einige der oben beschriebenen Punkte richtig gestellt werden. Wir möchten an dieser Stelle anmerken, dass wir die Bemühungen des SRF, ausführlich über die Transthematik zu berichten, sehr schätzen. Unsere Kritik bezieht sich auf die konkrete Sendung, nicht auf die gesamte Themenreihe).

***

Hannes Rudolph ist Psychologe und Theaterregisseur und arbeitet in der Beratung von trans Menschen. Er ist Gründungsmitglied von Transgender Network Schweiz und Geschäftsführer des LGBTQ-Vereins HAZ. Er lebt in Zürich.

Wir brauchen wieder mehr Fehlerkultur

Ich habe in den vergangenen Tagen kaum Medien konsumiert. Das hat gut getan und ich werde es noch eine Weil so halten. Auch deshalb, weil das Wenige, das ich mir zu Gemüte führe, jeweils eine andere Qualität bekommt, ich mich damit intensiver beschäftige. So zum Beispiel mit dem Radio-Interview mit der Aktivistin und Journalistin Kübra Gümüşay. Das Gespräch hat mich berührt und nachdenklich gemacht.

Gümüşay spricht unter anderem darüber, dass durch das Internet, durch die Digitalisierung eine Diskussionskultur entstanden ist, in der Menschen an einzelnen Aussagen bemessen werden: Was du vor 10 Jahren oder einem Jahr mal gepostet, geschrieben, getwittert hast, ist für ewig im Internet. Und führt dazu, dass du daran aufgehängt werden kannst für den Rest deines Lebens. Egal, ob du deine Meinung geändert hast, ob du heute anders denkst, ob dein Post im Affekt, unüberlegt oder unvorsichtig formuliert war.

Es ist, was derzeit vielen passiert, Gümüşay hat es erlebt, ich selber auch: Einzelne Aussagen, Sätze oder Tweets werden aus dem Kontext gerissen, aus ihnen wird ein ganzes Gedankengut abgeleitet, eine ganze Ideologie oder Denkrichtung unterstellt (mir unterstellte man „Demokratiefeindlichkeit“, Gümüşay „Erdogan-Apologie“). Egal, was du an anderer Stelle sagst oder schreibst, ob du dich beispielsweise wie Gümüşay für Deniz Yücel einsetzt, dich in zahlreichen Tweets gegen Erdogan aussprichst oder Erdogan-kritische Texte schreibst: Der eine Satz von vor mehreren Jahren identifiziert dich angeblich als „Erdogan-Apologetin“.

Es mangelt an Fehlerkultur

Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass solche Zuschreibungen meist erfolgen, ohne dass die betroffenen Menschen selbst gefragt würden, ohne dass man ihnen die Möglichkeit gäbe auszuführen, was sie mit ihrem Satz gemeint haben könnten. Denn es geht bei der Logik des Identifikations-Prangers meist nicht ums Diskutieren, es geht nicht darum, einzelne Aussagen oder Handlungen kritisch zu diskutieren – was selbstverständlich legitim ist und zur demokratischen Debattenkultur dazu gehört.

Vielmehr geht es darum, Menschen als Repräsentant*innen zu identifizieren und haftbar zu machen für eine vermeintlichen Gruppe oder Ideologie, zum Beispiel für ‚die Frauen mit Kopftuch‘, ‚die Politisch Korrekten‘, ‚die Genderisten‘, für eine religiöse Gruppe, für ‚die Migranten‘, oder auch ‚die Islamophoben‘ oder ‚die Antisemiten‘. Wenn du erst einmal (scheinbar) identifiziert wurdest, dann bist du fortan diese Gruppe.

Was Gümüşay kritisiert ist, dass es an einer Fehlerkultur mangelt. Es sei kaum noch möglich, denkend zu suchen oder suchend zu denken. Es ist nicht erlaubt, etwas auszuprobieren, sich (zu) weit auf die Äste zu wagen, wieder zurück zu krebsen, zu straucheln, hinzufallen, zu revidieren, es erneut zu versuchen. Es wird uns – im Zuge der Digitalisierung aber auch ganz generell – die Möglichkeit von Ambiguität und Suchbewegung im Denken genommen. Denn ein einzelner Satz kann dich gesellschaftlich erledigen, dich ein für alle Mal als Repräsentantin dieser oder jener Gruppe oder Idee identifizieren – anstatt als Mensch.

Manche Menschen dürfen noch weniger Fehler machen als andere

Gümüşay fragt: Was macht das mit uns? Als Individuen, Aktivistinnen, als Gesellschaft? Was macht das mit dem ‚freien Denken‘, dem Denken überhaupt? Sie argumentiert, dass manche Menschen dem Mechanismus der umfassenden Identifizierung, Zuschreibung und Haftbarmachung mehr ausgesetzt sind als andere. Anders gesagt sind manche Menschen – mehr als andere – markiert oder vielmehr: kategorisiert. Sie gelten, ob sie wollen oder nicht, als das ‚Besondere‘, das ‚Andere‘, das ‚Spezifische‘, ‚die Abweichung‘. Zum Beispiel Frauen, zum Beispiel Menschen of Color, MigrantInnen, Geflüchtete, zum Beispiel Frauen mit Kopftuch.

Manche Menschen können sich deshalb besonders wenig ‚Fehlerkultur’ erlauben, weil sie, mehr als andere, unter Beobachtung stehen, weil sie mehr als andere beurteilt und kategorisiert, mit Vorurteilen assoziiert werden. Manche Menschen riskieren deshalb, mehr als andere, dass ein unüberlegter Satz, eine gewagte Position sie gesellschaftlich und politisch erledigt.

Und mit ihnen die Gruppe, für die sie oft unfreiwillig stehen. Denn manche Menschen gelten quasi per se als Repräsentant*innen einer bestimmten Gruppe, ihnen wird nicht oder kaum zugestanden, als Individuen auch für allgemeine Belange und Interessen der Gesellschaft zu sprechen. Sie werden, ob sie wollen oder nicht, automatisch zu Exponent*innen einer vermeintlichen Gruppe gemacht – der Migrantinnen, Schwarzen, Muslimas usw. Sie riskieren, wenn sie sich öffentlich äussern, mehr als andere, zu „Pressesprecherinnen“ (Gümüşay) einer vermeintlichen Gruppe oder Ideologie zu werden. Sie sind, mehr als andere, der Anforderung und Erwartung ausgesetzt, nicht nur eine Gruppe zu repräsentieren, sondern diese auch zu legitimieren.

Unfreiwillige „Pressesprecherinnen“

Wehe der Frau mit Kopftuch, die etwas ‚Falsches’ sagt – ihre Aussage wird sofort auch als Beweis für die Falschheit ‚des Islam‘ gewertet. Oder anders herum: Eine Frau mit Kopftuch muss, wenn sie berechtigt sein will, öffentlich zu sprechen, erst einmal beweisen, dass ‚der Islam‘, dass überhaupt Gläubigkeit legitim ist. Frauen mit Kopftuch sind zu einem derart aufgeladenen Marker geworden, dass sie kaum mehr etwas anderes repräsentieren können als Religion. Sie sind Religion, sprich deren „Pressesprecherinnen“. Während christliche bis christlich-fundamentalistische männliche Schweizer Politiker durchaus auch zu vielen anderen ‚allgemeinen‘ Themen politisieren dürfen und gehört werden.

MigrantInnen, Menschen of Color, Frauen die Kopftuch tragen usw. sind auf eine Weise markiert und ‚verandert‘, dass ihre öffentlichen Äusserungen oft als Ausdruck ‚des Islam‘ oder einer (vermeintlich) ganzen Kultur (Afrika, Asien usw.) rezipiert werden, oder als Benchmark für eine gelungene oder misslungene ‚Integration‘ derselben. Nicht gleich, aber ähnlich erleben es Frauen mit feministischen Perspektiven, wenn sie zu Repräsentantinnen ‚des Feminismus‘ oder ‚der Gender Studies‘ gemacht werden.

Der Mechanismus ist, dass manche Menschen zu Repräsentant*innen eines unterstellten und verdächtigen Kollektivs (gemacht) werden und sich dabei plötzlich in der Rolle sehen, etwas verteidigen zu müssen, in dessen Namen sie gar nie vorhatten, zu sprechen. Sie werden zu Pressesprecher*innen ‚des Islam‘, zu Beweissprecherinnen dafür, dass ‚Menschen aus anderen Ländern‘ sich integriert haben, oder dass Regenbogenfamilien ‚ein normales Leben‘ führen.

Nicht als Individuum sprechen können

Dieser ‚Pressesprecherinnen‘-Effekt hat zur Folge, dass viele Menschen nicht als Individuen sprechen können und ihr Denk-Raum immer enger wird, immer gefährlicher, weil alles, was sie sagen oder tun, als Ausdruck einer Gruppe rezipiert wird, und somit (negativ) auf diese zurückfallen könnte, diese delegitimieren, in ein schlechtes Licht rücken könnte.

Gümüşays Punkt ist, dass unter diesen Voraussetzungen vielen Menschen das freie Nachdenken und Debattieren genommen wird, weil ihnen das Recht beziehungsweise die Möglichkeit genommen wird, Fehler zu machen, sich auszuprobieren. Und sie einen grossen Teil ihrer Energie darauf verwenden, keine Fehler zu machen. Sie stehen unter einem Legitimationsdruck, unter dem sie kaum als Individuen agieren können, sondern – als Exponentinnen einer Gruppe – andauernd den Beweis für deren Existenzberechtigung erbringen müssen.

Wer einen solchen Beweis erbringen muss, kann nur verlieren. Wer in der Situation ist, jetzt mal erklären zu müssen, wie das mit ‚dem Kopftuch‘ ist, wie das mit ‚dem Feminismus‘ oder ‚der Integration‘ ist, wird in ein Machtverhältnis gezwungen, in dem er_sie sich nur abstrampeln kann – und es doch nie (gut) genug ist, nie richtig ist. Auch deshalb, weil es gar nicht gelingen kann, für eine Gruppe zu sprechen. Weil sicher morgen jemand anderes wieder etwas anderes sagt.

Wer Existenz-Rechtfertigungen erbringen muss, kann nur verlieren. Weil er_sie im Rahmen einer solchen Anspruchshaltung nicht als ernst zu nehmendes Gegenüber akzeptiert wird, sondern als eines, das sich gefälligst zu erklären, zu rechtfertigen hat. Die Anforderung der Beweisrede impliziert, dass diejenigen, die sie einfordern, bereits eine Entscheidung getroffen haben: Nämlich, dass sie sich selber nicht anstrengen müssen, sich selber nicht in andere Denkweisen, Lebensweisen und Erfahrungen hineinversetzen müssen. Sondern im Rahmen ihres eigens abgesteckten Spektrums etwas erklärt haben wollen. Und zwar ohne, dass sie sich bewegen oder verändern müssten.

Wem stehen Fehler zu, und wem nicht? Ich habe mich selber ertappt gefühlt beim Nachdenke über Fehlerkultur. Wem spreche ich sie zu? Wem nicht? Gümüşay wirft wichtige Fragen auf. Hier kann man das Interview nachhören.

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Am 22. Januar 2018 hält Kübra Gümüsay im „Feministischen Salon“ im Kosmos Zürich einen Vortrag. Eintritt frei. Türöffnung 19.30. Nähere Infos folgen.

 

 

Wie über Feminismus berichtet wird

Am Samstag erschien im Tagi ein Text von Michèle Binswanger über feministische Akteur*innen und Bewegungen in der Schweiz.

Für mich ist einiges an dem Text diffus, ich verstehe nicht ganz, worauf er insgesamt hinauslaufen soll. Für einen tatsächlichen Überblick wurde zu wenig recherchiert (nur Fedita und Aktivistin.ch kommen vor), das Spektrum der aktuellen Bewegungen und Akteur*innen in der Schweiz wird nicht mal ansatzweise erfasst. Gemäss Lead soll es ein Text über “die Menschen hinter der Frauenbewegung“ sein. An sich keine schlechte Idee. Aber die Basis, auf der die Geschichte erzählt wird, ist sehr reduziert.

Wirklich störend finde ich aber, wie über Fedita (feministische Diskussionstage Bern) berichtet wird. Nicht, weil ich finde, man darf feministische Positionen oder Bewegungen nicht kritisieren. Natürlich soll man das. Allerdings wird eine solche Auseinandersetzung in Bezug auf Fedita kaum geleistet, Inhalte bleiben auf der Strecke, werden höchstens angeteasert, angedeutet (in der Beschreibung von Aktivistin.ch im zweiten Teil des Texts ist es etwas besser).

Vor allem der erste Teil des Texts begnügt sich mit (teils naserümpfenden) Beschreibungen von Stimmungen. Binswanger stellt sich, wie sie zum Ausdruck bringt, ein feministisches Trainingscamp anders vor. Nicht diese paar wenigen Leute, diese ‚Freaks’ (das schreibt sie so nicht, aber betont werden im Text die anwesenden „Dykes“ und „Anarchistinnen“ und „Alleinerziehenden“). Also diese irgendwie ‚merkwürdigen’ Menschen, die dort auf „Plastikstühlen“ sitzen, die aus „Plastiktellern“ essen und aus „Plastikbechern“ trinken, in einem Kirchgemeindehaus. Und zwar an einem grauen und trostlosen Novembertag, wie Binswanger weiter schreibt. Das Treffen wirke wie ein „Treffen der Anonymen Alkoholiker“, und kämpferisch sei es auch nicht.

Michèle Binswanger hat natürlich das Recht, zu beschreiben, wie sie etwas empfindet. Ich nehme mir dieses Recht aber auch: ich empfinde ihre Beschreibungen an einigen Stellen als extrem dünkelhaft.

Das, was Binswanger da erlebt oder gesehen hat, hätte man auch anders einordnen können. Zum Beispiel hätte man sagen können, dass hier etwas deutlich wird, was meistens untergeht, wenn wieder mal eine Hollywood-Ikone mit perfektem Teint und viel Medienaufmerksamkeit Sexismus kritisiert, nämlich: der feministische Alltag ist meist prekäre, harte Arbeit und ziemlich un-glamourös. Die Vorarbeiten, die nötig waren, damit heute zum Beispiel so etwas wie MeToo überhaupt möglich ist, sehen genau so aus: Billigen Saft aus Plastikbechern trinken, anstrengende und Kräfte zehrende Sitzungen oder Veranstaltungen mit viel zu wenig Leuten durchhalten, Kampagnen gegen sexualisierte Gewalt starten, immer wieder von Neuem, auch dann, wenn Jahrzehntelang praktisch niemand zuhört.

Weiter hätte man über Fedita sagen können, dass hier gerade sichtbar wird, was Feminist*innen so dezidiert kritisieren, nämlich strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, mithin auch ökonomische Ungleichheit, weibliche* Armut und/oder Prekarität. All das zeigt sich nämlich auch in der Realität von vielen Feminist*innen: Frauen* haben weniger Geld, weniger gute Positionen und Jobs, sie sind oft alleine zuständig für Carearbeit, Transmenschen haben auch in der Schweiz ein zigfaches Risiko, arbeitslos zu sein, und Menschen, deren Körper oder Genderperformanz nicht in die bürgerlichen und/oder ästhetischen Normen passen, sind nicht selten an Leib und Leben bedroht. Und und und…

Aktivismus bedeutet für viele, sich ihre Würde als Menschen, als politische Subjekte zu wahren und immer wieder zu erkämpfen. Und ja, dafür nimmt frau* ungemütliche Plastikstühle in Kauf, leistet zigfache Überstunden an Demonstrationen im Nebel. Und manchmal, manchmal wird frau* belohnt mit schillernden Ereignissen wie dem Women’s March oder medialer Aufmerksamkeit.

Insgesamt aber ist es, wie Zita Küng es formulierte: Die Frauenbewegung ist eine „Armeleutebewegung“. Das sage ich nicht im Jammerton, sondern das entspricht dem empirisch nachgewiesenen ökonomischen Umstand, in dem viele Frauen* sich in unserer Gesellschaft befinden, und in dem sich folglich auch viele Feminist*innen befinden (privilegierte, wohlhabende Frauen setzen sich nun mal seltener ein, weil sie die Unterdrückungs- und Marginalisierungsverhältnisse einfach etwas weniger zu spüren bekommen).

Feministische Bewegungen sind also manchmal laut und glitzernd, aber in der alltäglichen Arbeit meist prekär. Die kämpferischen Momente (die Binswanger bei Fedita vermisst) beziehen sich auf seltene Möglichkeiten und sind immer auch abhängig von vielen Zufällen und gesellschaftlichen Begebenheiten.

Natürlich gibt es heute auch die prominenten Erfolgsfeministinnen, Hollywoodfeministinnen, Unternehmerinnen, die coole Sachen in Kameras sagen. Oder stylische Transgender-Models. Oder manchmal auch eine erfolgreiche Lesbe (Carolin Emcke). Und manche schaffen es, wie jüngst, sogar auf das Titelblatt des Time Magazines, und werden zur „Person oft the year“. Das ist fantastisch.

Ich selbst darf, und fühle mich privilegiert, mit Anelis Kaiser und Apoyi Amolo im Kosmos, einem kulturellen Hotspot in Zürich, einen feministischen Salon veranstalten. Aber merke: Das ist eine Ausnahme (1), denn: In wie vielen feuchten Kellern und improvisierten Lokalen habe ich gesessen, und sitze ich auch heute noch (mit Stolz und Würde übrigens), wenn es um feministische Aktionspläne und Veranstaltungen geht?

In der Regel ist das, was Feminismus will, nicht sexy. Und genau das ist es, so hätte man das auch einordnen können, wofür Fedita steht: Für einen Feminismus, der einhergeht mit Forderungen nach Umverteilung. Mit (aus medialer Sicht) ‚langweiligen‘ und langwierigen strukturellen Veränderungen, ein Feminismus, der sich mit Antirassismus verbindet, intersektional ist, Klassenfragen mit einbezieht, Armut usw.

Das alles sind schwer zu vermittelnde, komplexe Themen und Forderungen. Weshalb es ja auch so schwer ist, gute Aktionen zu lancieren und auszuhecken. Deshalb kann eine Veranstaltung zu der Frage der ‚Action’ erstmal kaum wie ein sprühendes Feuerwerk verlaufen – wie Binswanger sich das vielleicht vorgestellt hätte.

Auch haben viele Feminist*innen in der jüngsten Zeit erfahren: Wann immer sie den Mund aufmachen, setzt die Zeitung garantiert einen Titel, der vieles verdreht, falsche Dinge unterstellt, individualisiert, in ein peinliches und lächerliches Licht stellt, Gesamtzusammenhänge unterschlägt.

Komplexe feministische Auseinandersetzungen bleiben schwer vermittelbar in Zeiten von Klick-Logiken. Ab und zu landet Feminismus dann plötzlich prominent und anhaltend in den Medien, oft dann, wenn es mit der medialen Logik kompatibel ist und sich Skandale draus machen lassen (aus MeToo zum Beispiel). Um dann hinterher „den Feministinnen“ wiederum vorzuhalten, sie würden ein Täter-Opfer-Schema bedienen, eine „Hexenjagd“ betreiben usw. Das ist das eine.

Das andere ist: Feministische Forderungen bleiben provokant, sie sind ein Stachel im Fleisch der vorherrschenden Ordnung. Denn es geht um eine echte und tiefgreifende Umverteilung von Macht und Ressourcen. Diese Forderungen lassen sich nicht aufhübschen – abgesehen von denjenigen Anliegen, die sich leicht mit Konsumforderungen verbinden lassen. Alle anderen Forderungen und Analysen aber bekommen nur selten einen Platz in der ersten Reihe, sondern maximal irgendwo hinten, auf einem Plastikstuhl.

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(1) in manchen Kreisen ist das Kosmos als Veranstaltungsort auch nicht unumstritten.

Sofortiger parlamentarischer Ungehorsam reloaded

Mein Blogeintrag vom Mai 2016 mit dem Titel „Sofortiger parlamentarischer Ungehorsam“ wird derzeit in der Schweiz von SVP-nahen Medien und der SVP Basel zum Anlass genommen, mich als Feindin der Demokratie und verfassungswidrige Akteurin darzustellen, die Meinungsfreiheit verbieten will. Die SVP fordert auf dieser Grundlage meine Entlassung von der Universität Basel und meinen Ausschluss aus der Gleichstellungskommission Basel-Stadt. Ich habe den besagten Blogtext nun selbst nochmal gelesen und kommentiert. Fazit: Meine Ideen sind zwar nicht besonders höflich, aber nicht demokratiefeindlich (siehe den kommentierten Text weiter unten).

Meine bisherige Devise war, dieser ‚Debatte‘ keinen weiteren Aufwind zu geben, sie zu ignorieren. Da sie aber ohnehin weiter getrieben und (leider) auch von anderen Medien weiterhin aufgegriffen wird, schreibe ich nun doch nochmal etwas. Hier auf meinem Blog, zu meinen eigenen Bedingungen. Und auf die Gefahr hin, inkonsequent zu wirken. Das soll mir in der aktuell verstörenden Situation gegönnt sein. Was ich merke: dass, wenn diese Sache nun ohnehin weiter geht, ich meine Stimme behalten möchte. Ob das geht, ohne wiederum in die Falle zu tappen, die Hetze zu befeuern, am Laufen zu halten, sie wichtiger und grösser zu machen, weiss ich nicht. I’ll find out.

Nun denn: Selbstverständlich halte ich Demokratie, Meinungsfreiheit und Rechtsstaat für das Wichtigste, das wir haben, für die wir – über alle ideellen Grenzen hinweg – einstehen müssen. Wäre ich die Staatsfeindin, als die ich dargestellt werde, müsste dies auch in meinen zahlreichen anderen Texten, Interviews, Auftritten usw. ersichtlich werden. Wird es aber nicht, weshalb seit Tagen auf einem einzigen (alten) Blogtext herumgeritten wird. Ein Text, der in der Tat Spielraum für Interpretationen lässt. Aber gleichwohl keinerlei Aufruf enthält, Meinungen zu verbieten, Demokratie oder Grundgesetze auszuhebeln.

Insgesamt geht es in den Anschuldigungen wohl nicht so sehr um meine Überlegungen oder meine Person, sondern  um eine Kampagne, deren Ziel es vor allem ist, demokratische Institutionen wie die Universität oder die Gleichstellungskommission unter Druck zu setzen. Und diese konformer zu machen mit den Vorstellungen der SVP. Direkt und indirekt. Direkt geht es um die Legitimität und damit letztlich um die Finanzierung von (kritischer) Forschung und Gleichstellungsanliegen. Indirekt geht es darum, dass Institutionen sich unter dem Druck der SVP überlegen müssen, welche Personen oder Inhalte ‚tragbar‘ sind. Es geht darum, eine Art selbst zensurierende Dynamik zu entfalten, gemäss der Institutionen in Zukunft von sich aus Personen und Inhalte meiden, die Gefahr laufen, Kritik durch die SVP zu ‚provozieren‘.

Mehr dazu aber zu einem späteren Zeitpunkt. Hier möchte ich nochmal auf meinen Blogtext von damals zurückkommen. Der Text ist im Mai 2016 unter dem Eindruck der erstarkenden Rechten und RechtspopulistInnen im gesamten europäischen Raum entstanden, aber auch schon mit besorgtem Blick in die USA. Er ist ein Beitrag ‚avant la lettre‘ zu der mittlerweile viel diskutierten Frage: „Wie und ob mit Rechten reden?“ Darüber haben in der Zwischenzeit und auch schon davor viele Menschen weitaus präziser und besser geschrieben, als ich es in meinem Beitrag tue.

Meine Gedanken von damals waren noch unausgegoren – wie Blogs eben manchmal sind, auch gewollt so sind, sie sind ja eine Spielwiese. Und sie sind ein Diskussionsbeitrag, ein „Gedankenexperiment“, wie ich klar schreibe. Keine abgeschlossene ‚Theorie‘ oder gar Handlungsanweisung. Bis heute ist meine Meinung zu den Fragen, die ich in besagtem Blog verhandle, nicht abgeschlossen. Die Frage, wie viel Macht und Bedeutung man rechtspopulistischen AkteurInnen gibt, wenn man sie permanent befragt, einlädt, und jede Provokation ernst nimmt, finde ich nach wie vor wichtig. Darüber müssen wir so oder so nachdenken. Denn ich beobachte teilweise einen pawlowschen Reflex, sich zwanghaft auf Gegner zu beziehen. Dadurch bleibt man reaktiv statt aktiv. Und verpasst es, eigene Utopien und Ideen zu entwickeln und in die Welt zu bringen.

Ich habe meinen Text von damals nochmal gelesen und kommentiert. In Schwarz jeweils mein ursprünglicher Blog-Text. In Rot meine Kommentare von heute.

Sofortiger parlamentarischer Ungehorsam

Ich fürchte, es wird nicht funktionieren, die rechtsnationalen Kräfte in Europa auf formal-demokratischem Weg zurückzudrängen.

Politik findet nicht nur formal-demokratisch statt, sondern auch zivilgesellschaftlich, ausserparlamentarisch und durch individuelles Handeln. Der formal-demokratische Weg ist in der Schweiz nicht nur inklusiv, wie oft behauptet wird. Viele Menschen dürfen nicht abstimmen, obwohl sie hier leben, arbeiten, Steuern zahlen. Weiter gibt es ein grosses Ungleichgewicht hinsichtlich der finanziellen Möglichkeiten, politische Anliegen und Abstimmungen zu promoten. Die SVP hat durch ihre Finanzstärke ein grosses Gewicht, das sehr schwer zu kontern ist. Deshalb die Frage: Wie gehen wir damit um? (Es ist wie beim Frauenstimmrecht: Unter den damaligen formal-demokratischen Bedingungen KONNTE das Frauenstimmrecht gar nicht durchkommen). Es geht um den Versuch, andere Handlungsoptionen als die klassischen demokratischen Prozesse auszuloten.

Aber was wäre, wenn die einzelnen Parlamentarier_innen sich als Individuen ab sofort dazu entscheiden, diesen reaktionären Kräften sämtliche Legitimität abzusprechen, im Sinne eines Aktes zivilen Ungehorsams?

Es geht um die Frage, was Individuen tun können. Sie können zum Beispiel anderen die gesellschaftspolitische Bedeutung absprechen, oder die inhaltliche Relevanz. Indem Diskussionen verweigert werden. Und bestimmten Positionen dadurch gesellschaftliche Legitimität entzogen wird. Das ist zwar nicht besonders höflich, aber nicht verfassungsfeindlich. Man lässt ja alle reden, hört aber nicht zu.

Jetzt mal als utopisches Gedankenspiel: Müssten nicht spätestens jetzt Nicht-reaktionäre Parlamentarier_innen, Präsident_innen, Gemeinderätinnen, Bundesämter, Kanzler_innen, aber auch Richter_innen, Sekretär_innen, das ganze Polit-Personal, auch Uni-Leitungen, Schulleitungen, alle öffentlichen Institutionen usw. in der EU und den einzelnen europäischen Ländern ihren rechtsextremen ‚Kolleg_innen‘ die juridische und ideologische Autorität aberkennen? Die Dialogbereitschaft einstellen und deren Positionen weder im Parlament, noch im Gemeinderat noch sonst wo noch akzeptieren?

Ich bin immer noch auf der Ebene der Individuen. Was könnten Individuen tun? Ich fordere keine Gesetzesänderung, keine staatlichen Gesamtstrategien, keine Verbote. Sondern: Individuen sollen sich fragen, ab wann sie eigentlich noch bereit sind, gewisse Dinge mitzumachen, mitzutragen. Und ab wann sie – als INDIVIDUEN – sich widersetzen, vielleicht auch entgegen den Vorschriften handeln. Es gibt zahlreiche Beispiele in der Geschichte, in denen Individuen in dieser Hinsicht Mut bewiesen haben und auch entgegen selbstverständlicher Abläufe gehandelt haben. Wann und ob das sinnvoll ist, ist eine spannende Frage, und nicht zuletzt muss jede*r sie selbst beantworten.

Denn wissen wir nicht längst, dass wir es mit demokratiefeindlichen Weltanschauungen, mit Feinden der Demokratie zu tun haben, denen die Legitimität schon längst hätte aberkannt werden müssen, als unvereinbar mit demokratischen Prämissen und verfassungswidrig?

Dieser Abschnitt ist zu pauschal formuliert. Zu unpräzis. Hier würde ich heute differenzieren: Welche genauen Positionen, konkret? Was ist rechtsextrem, was rechtskonservativ? Was ist ‚unvereinbar mit Demokratie‘?

Die britische Philsophin Rebecca Roache schlug jüngst in ihrem kontrovers diskutierten Text If you are a Conservative, I’m not your friend vor, sämtliche Dialogbemühungen zwischen Konservativen und Liberalen vorläufig abzubrechen. Dialogfeinden sei ab sofort kein Dialog mehr anzubieten, so ihr Argument. Das ist natürlich eine steile Ansage. Ich habe keine Antwort, ob das wirklich der richtige Weg wäre.

Es gibt seit einiger Zeit, spätestens seit Donald Trumps Wahl, eine kontroverse Debatte, wie und ob mit Rechten zu reden ist. Sie wurde in der Schweiz bspw. auch schon in Bezug auf die Gessnerallee geführt. So spektakulär sind meine Überlegungen nicht. Sie wurden schon von vielen anderen besser und präziser formuliert. Im Prinzip war mein Blog ein noch etwas ungenauer, überspitzter und womöglich naiver Beitrag ‚avant la lettre‘ zu der Frage, inwiefern man Akteuren, die gar keinen wirklichen Dialog wollen, sondern extreme Positionen salonfähig machen, erst recht zum Erfolg verhilft, wenn man dauernd mit ihnen diskutiert. Diese Frage ist jetzt auch in Bezug auf die AfD gestellt worden: Ist die AfD – unter anderem – so erfolgreich, weil sie von vielen Medien kontinuierlich und unnötigerweise, weil es Klicks und Erregung bringt, eingeladen, hör- und sichtbar gemacht wurde?

Aber ich stelle mir vor: Wie wäre es, wenn Nationalratssitzungen verlassen werden, in der ein extremer Rechter den Mund aufmacht, rechte Abstimmungsvorlagen für ungültig erklärt werden? (Simonetta Sommaruga tat genau das Richtige, als sie Roger Köppel den Rücken zuwandte, Martin Schulz hat es jüngst vorgemacht, als er einen rassistischen Abgeordneten kurzerhand aus dem Saal warf). Der Bundesrat, die Parlamente, sie alle sollten menschenrechts-feindliche Vorstösse (wie bspw. die Masseneinwanderungsinitiative) nicht verhandeln, liegen lassen. Was will die SVP schon machen, wenn niemand mit ihren Ideen in Brüssel überhaupt erst anreist?

Auch hier: Es geht immer noch um die Möglichkeit des individuellen zivilen Ungehorsams, des beherzten Handelns, das den gewohnten Abläufen auch mal widerspricht. Die beschriebenen Beispiele sollen das veranschaulichen (möglicherweise sind aber die Beispiele unglücklich gewählt). Die einzelnen, die so handeln, müssen selbstverständlich die Konsequenzen und Risiken, die ein solches Handeln haben kann, eigenverantwortlich tragen.

Und wer hindert Sekretär_innen oder Bundesämter dran, menschenrechtsfeindliche Dossiers oder Auflagen einfach liegen zu lassen, verschwinden zu lassen oder das Putzpersonal, Norbert Hofers Büros nicht mehr zu putzen?

Dito. Individueller Ungehorsam, nicht Aufruf, anderen die Meinung zu verbieten. Es geht um die Frage: Wie weit machen Menschen unkritisch in einem System mit? Wie können wir das eigene Mitläufertum hinterfragen? Das ist nicht demokratiefeindlich. Sondern es geht darum, unsere individuelle Freiheiten – die wir derzeit zum Glück noch haben! – etwas mutiger zum Einsatz zu bringen. Wie weit die einzelnen hier gehen (können), ist natürlich allen selber überlassen.

Daneben gibt es natürlich auch Möglichkeiten des wirtschaftlichen Ungehorsams: Keine Anzeigen mehr in der Weltwoche, Taxiunternehmen und Fluggesellschaften sollten keine Rechtsnationalen mehr transportieren, Veranstaltungsorte und Hotels keine SVP-Parteizusammenkünfte mehr in ihren Räumlichkeiten zulassen. Mikrophone können auch einfach ausgeschaltet werden. Fernsehsender müssen keine rechten Talkgäste einladen. Zeitungen nicht mehr über sie berichten.

Das sind teilweise ironisch überspitzte Beispiele. Und ebenfalls klar an individuelle UnternehmerInnen gerichtet. Es ist keineswegs verfassungswidrig, wenn sich Unternehmen entscheiden, keine Inserate in der Weltwoche zu schalten. Insgesamt sind auch Boykott-Aufrufe normale und verbreitete politische Strategien und nicht per se gesetzeswidrig. Es wurde ja auch schon dazu aufgerufen, keine Barilla-Teigwaren zu kaufen, weil der CEO homosexuellenfeindliche Aussagen gemacht hat. Wenn ein Hotel entscheidet, seine Tagungsräume nicht an Christfundamentalisten oder nicht an Pelzhändler zu vermieten, ist das deren gutes Recht. Ich bin keine Juristin, und sicher handelt es sich um Graubereiche, die je nach Fall zu beurteilen sind. Ein Hotel, das erklärtermassen keine Homosexuellen oder Schwarzen Menschen bedient, verstösst wohl gegen das Gesetz.

Es ist auch nicht verfassungswidrig, wenn Medien sich genauer überlegen, welche Stimmen sie zu Wort kommen lassen (oft sind es ja die immergleichen). Migrant*innen zum Beispiel kommen zu wichtigen Themen, die sie betreffen, meistens nicht vor. Das zu ändern und die Aufmerksamkeit in andere Richtungen zu verschieben, und sie Menschen zu geben, die sonst selten vorkommen, ist gerade im Sinne der freien Meinungsäusserung, in der tatsächlich alle zu Wort kommen. Und nicht wenige.

Es gibt keine wirklich triftigen äusseren Zwänge, die schwer genug wiegen oder es rechtfertigen, unsere Gefolgschaft oder Einverständnisse und Bindungen nicht aufzulösen. Die Achillessehne der Macht besteht darin – das hat schon Hegel in seiner Herr-Knecht-Dialektik beschrieben – dass sie sich nur über die Zustimmung anderer erhalten kann.

Hier wird es nochmal deutlich: es geht mir nicht um eine Änderung der Verfassung, um Einschränkung der Meinungsfreiheit oder gar „Verbote“, wie mir vorgeworfen wird, sondern um Diskursverschiebungen, um die Verschiebung von Aufmerksamkeit. Und dabei um die Frage, wie viel Gehör man wem geben soll. Im Sinne von: Alle dürfen weiterhin sagen, was sie wollen, aber muss man auch zuhören?

Wir können nicht ewig kooperieren und wir können nicht jeden verdammten Fehler der Geschichte mehrmals machen. Es braucht eine kompromisslose Entscheidung der einzelnen, solche Politiker_innen, Parteien und deren Vorschläge nicht mehr zu akzeptieren, nicht mehr umzusetzen. Auch dann nicht, wenn diese gewählt wurden.

Auch hier bin immer noch auf der individuellen Ebene, ich schreibe von der „kompromisslosen Entscheidung der einzelnen“. Es geht um Zivilcourage. Oder anders formuliert: Initiativen, die demokratische Mehrheiten bekommen, müssen natürlich auf dem normalen demokratischen Weg umgesetzt werden. Dennoch kann man diesen, gerade wenn sie die Demokratie oder den Rechtsstaat gefährden, als Individuum etwas entgegenhalten.

Und würde heute sicher einiges – auch angesichts der zahlreichen Ereignisse und Debatten seither – anders formulieren, weiterdenken. Ich bin wie gesagt nicht am Ende mit meinen Überlegungen. Sondern eher am Anfang. Und natürlich streite ich auch gern, und lasse mich von anderen Perspektiven überzeugen und weiterbringen.

 

Ist Schutzbach noch tragbar?

Gestern erschien in der SVP-nahen Basler Zeitung ein hetzerischer Text gegen mich. Am Ende konnten die Leser*innen per Klick abstimmen, ob ich als Dozentin an der Universität Basel noch tragbar sei. Unnötig zu erwähnen, dass der Artikel voller falscher Behauptungen und Unterstellungen war.

Wie es scheint, bin ich, als Frau, Feministin, Genderforscherin – und nicht zuletzt als Kritikerin von rechten Positionen – eine Art wahrgewordener Albtraum der Schweiz. Oder zumindest eine Provokation. Kommt hinzu, dass ich in meinen Texten oft satirische Stilmittel verwende. Auch das kommt nicht gut an (oder wird von vielen Schweizern nicht verstanden?), werden doch meine Vorschläge, dass Taxifahrer rechte Politiker nicht mehr mitnehmen sollen, in der Schweizer Presse nun todernst (wirklich todernst!) diskutiert.

Nicht nur der BaZ-Text, sondern auch das Vorgehen der Zeitung ist ein Lehrstück für Kampagnen-Journalismus und unsaubere journalistische Abreit: Die Baz hat mich am Dienstag angeschrieben, mit ungefähr zehn Fragen. Ich habe sie alle beantwortet. Am nächsten Tag erschien aber nur der hetzerische Text, ohne meine Antworten und Klarstellungen. Nur mit einem einzigen Satz von mir. Den ich nicht mal abgenickt habe, sondern zurückzog. Denn ich war nicht einverstanden, dass nur ein Satz erscheint, nachdem ich mir ausführlich Zeit genommen hatte. Der Journalist schrieb, ich könne ja dann eine Replik verfassen. Dem stimmte ich nicht zu.

Heute brachte nun die BaZ, im Anschluss an den Hetzartikel, scheinheilig, nachdem sie mich geköpft hatte (achtung Zuspitzung, Ironie, Satire…), meine Antworten vom Dienstag. Verpackt als Replik von mir. Auch dieser Veröffentlichung habe ich nie zugestimmt und ich verlinke hier deshalb auch nicht auf die Baz (es wird über dieses unsaubere journalistische Vorgehen noch ausführlich berichtet, es gibt ja zum Glück auch ein paar Nicht-SVP-Zeitungen im Land).

Im folgenden sind die Fragen der Baz und meine Antworten, die nie in den Text Eingang fanden, für den sie eigenlich gedacht waren, für den sie mir gestellt wurden. Es wird deutlich, dass die Baz, wenn sie meine Antworten in ihren Text hätte einbauen wollen, nicht hätte schreiben können, was sie schreiben wollte. Und es wird damit deutlich, dass es nie um einen Diskurs ging, sondern von Anfang an darum, mich öffentlich an den Pranger zu stellen und mir als Person, als Forscherin und Dozentin zu schaden.

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Die Fragen der BaZ:

– In Ihrem Essay «Sofortiger parlamentarischer Ungehorsam» fordern Sie, dass man die politischen Aktivitäten von sogenannten Rechtsnationalen nicht mehr bearbeiten solle. Des Weiteren schlagen Sie vor, dass man «rechte» Politiker nicht mehr öffentlich auftreten lassen solle, und fordern einen Boykott von Transportunternehmen gegenüber Politikern einer bestimmten Couleur. Wie begründen Sie diese Aussagen?

– Ist es korrekt, dass Sie bestimmten Politikern den Mund verbieten möchten?

– Dieser Aufruf kann als Aufruf zur Diskriminierung von Personen mit einer bestimmten politischen Einstellung verstanden werden. Wie sehen Sie das?

– Politikern und anderen Personen die Möglichkeit nehmen zu wollen, sich frei und öffentlich zu Themen zu äussern, kann als Verstoss gegen Art. 16 «Meinungs- und Informationsfreiheit» der Bundesverfassung gedeutet werden. Würden Sie einen solchen Verstoss tatsächlich begrüssen?

– Ist es Ihnen noch möglich, gemäss dem Auftrag der Universität Basel, wissenschaftlich und politisch neutral zu forschen und zu dozieren?

– In mehreren Beiträgen nennen Sie die Neue Zürcher Zeitung in einem Atemzug mit der Rechtsaussenpartei AfD. Wie kommen Sie dazu?

Meine Antworten:

Es ist WissenschaftlerInnen und MitarbeiterInnen der Universität Basel nicht untersagt, ihre politische Meinung öffentlich zu äussern und das Zeitgeschehen zu kommentieren. Da ich ein politischer Mensch bin, beteilige ich mich an öffentlichen Debatten. Die von Ihnen erwähnten Blogs und Artikel sind völlig unabhängige Projekte, die keinerlei Finanzierung oder Förderung durch die Universität erhalten. Sie sind Privatsache.

Weiter: Es gibt einen Unterschied zwischen Meinungen, politischen Beiträgen zur öffentlichen Debatte und Wissenschaft. Diesen Unterschied lehre ich auch den Studierenden an der Universität Basel. Gleichzeitig geschieht Wissenschaft nicht im luftleeren Raum, sondern ist in ihren Methoden, Fragen und Zugängen immer auch vom Zeitgeschehen beeinflusst, von vorherrschenden Interessen und so weiter. Es ist mittlerweile eine erkenntnistheoretische Binsenweisheit, dass Wissenschaft natürlich immer gefärbt ist von Zeitfragen und nicht zuletzt von den Subjekten, die Wissenschaft betreiben.

Im Unterschied zur «Meinung» wird wissenschaftliches Wissen jedoch methoden- und theoriegeleitet hergestellt, damit wird eine Überprüfbarkeit gewährleistet und eine Einreihung in bereits vorhandene Erkenntnisstände, an die Wissenschaft anzuknüpfen in der Lage sein muss. Selbstverständlich wird auch an der Universität politisch diskutiert (es ist ja kein Raum jenseits der Welt), aber das wissenschaftliche Arbeiten und Wissensproduktion selbst stützt sich in den Gender Studies, wie in jedem anderen Fach auch, auf methodische und theoretische Prämissen und Traditionen.

Kein Maulkorb

Natürlich kann Wissenschaft selbst auch gesellschaftskritisch sein, in den Geisteswissenschaften sind kritische Forschungsansätze verbreitet, aber auch diese folgen klaren Methoden und Theorietraditionen, der Prozess der Erkenntnisgewinnung wird immer offengelegt. Und ist folglich auch streitbar oder widerlegbar. All das macht eine florierende und freie Wissenschaftskultur gerade aus.

Im Unterschied dazu schreibe ich Blogs nicht methodengeleitet. Oft handelt es sich um persönliche, subjektive Haltungen und Gedanken zum Zeitgeschehen, nicht selten auch biografisch (über das Muttersein zum Beispiel), die ich oft auch satirisch unterfüttere, zuspitze oder übertreibe. Natürlich fliesst in meine Blogs auch wissenschaftliches Wissen und Analyse ein, aber der generelle Anspruch meiner Blogs oder Artikel sind «Kommentare» zum Zeitgeschehen und haben nicht einen im strengen Sinne wissenschaftlichen Anspruch.

Nein, ich möchte niemandem den Mund verbieten, ich fordere keinesfalls staatliche beziehungsweise gesetzliche Massnahmen, die Artikel 16 der Bundesverfassung widersprechen oder diesen gefährden. Der konkrete Blogeintrag von mir ist ein Aufruf an Individuen, nach ihrem ethischen Gewissen zu handeln und menschenrechtsfeindliche, menschenfeindliche, rassistische Akteure oder Handlungen zu boykottieren, im Sinne von «stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin».

Es geht nicht um Diskriminierung, sondern um die Frage, wie sich Individuen verhalten könnten, wenn sich zunehmend menschenfeindliche Politik durchsetzt – und ja, auch Unternehmer, Chefs von Fluggesellschaften zum Beispiel, können sich das fragen: Ab wann geht es darum, aus ethischen Gründen etwas nicht mehr mitzumachen, Zivilcourage zu zeigen? Zum Beispiel eben keine Werbung mehr in bestimmten Zeitungen zu schalten? Das mit den Transportunternehmen war natürlich eine Zuspitzung, es ist ein satirisches Mittel, mit dem ich oft arbeite (siehe auch meinen Text: «Beim nächsten Mal trinken wir Menstruationsblut», oder der Text im Internet, in dem ich schreibe, Lesben würden demnächst zum Glück die Macht ergreifen, man müsste Männern die Weltherrschaft wegnehmen). Ich hoffe, Sie wissen dies zu unterscheiden.

Was ist rechts? Was ist links?

Aber gerne auch noch mal ernst: Wenn ein Transportunternehmen, ein Taxifahrer, sich weigert, einen Diktator zu transportieren, ist das dann Diskriminierung? Wie gesagt, es geht um individuellen Ungehorsam, nicht darum, dass der Staat so etwas einführen soll. Und gerne kann man über meine Gedanken streiten, ich beanspruche nicht, recht zu haben, es geht um Diskussionsbeiträge. Und diese stelle ich zur Debatte.

Die Definition, ab wann eine Politik menschenfeindlich oder rechtspopulistisch ist, wer und was links oder linksradikal, ist selbstverständlich eine Frage, die nicht so leicht objektiv beantwortet werden kann, sondern aufgrund von politischen Standpunkten und Perspektiven. So tue ich dies auch in meinen Blogbeiträgen. Ich schätze vermutlich bestimmte Akteure anders ein als Sie, weil wir unterschiedlicher politischer Ansicht sind (wobei es zu der Frage, wie extrem die SVP ist, auch wissenschaftlich fundierte Untersuchungen gibt, auf die ich mich, jedenfalls indirekt, beziehe, so zum Beispiel auf die Arbeiten von Professor Skenderovic (Universität Fribourg), gemäss denen die Politik der SVP klar attraktiv ist für rechtsextreme Akteure.

Wie rechtspopulistisch ist die SVP?

Weiter ist gemäss Skenderovic unbestritten, dass die SVP eine ausgrenzende und fremdenfeindliche Politik betreibt. Ein Vergleich mit der AfD oder anderen europäischen rechtspopulistischen Parteien ist – zumindest in Teilen – nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Nicht zuletzt sind einige Plakatkampagnen der SVP vom Bundesgericht als rassistisch eingestuft worden. Und SVP-Kader Martin Baltisser wurde jüngst wegen Rassendiskriminierung verurteilt.

Ich denke, dass wir eine Tendenz erleben, die in Richtung reaktionäre, rechtspopulistische Politik geht, von Donald Trump bis Polen, AfD, Erdogan, Putin und so weiter – und ja, dazu gehört für mich teilweise auch die SVP mit ihren Anliegen, Menschenrechtskonventionen aufzukünden, Burkas und Minarette zu verbieten oder Inserate zu schalten, die ganze Menschengruppen (zum Beispiel Kosovaren) rassistisch attackieren.

Auch gibt es zahlreiche Ähnlichkeiten in der Rhetorik von SVP und SVP-nahen Medien mit AfD-PolitikerInnen und Positionen bezüglich Gender, Feminismus, Gleichstellung, Political-Correctness-Bashing, Migration, Islam et cetera. Auch das NZZ-Feuilleton hat sich in den letzten Monaten zunehmend in diese Rhetorik eingereiht. Diese Diskursähnlichkeiten lassen sich wissenschaftlich aufzeigen.

Das Kopftuch und die NZZ. Eine Replik auf Kacem El Ghazzali

Von Mariann Halasy-Nagy Liratni und Franziska Schutzbach

In einem Text in der NZZ vom 12.10.2017 schreibt der in der Schweiz lebende, marokkanische Schriftsteller und Aktivist Kacem El Ghazzali, das islamische Kopftuch sei ein Symbol des Patriarchats. Er kritisiert, „westliche Feministinnen“ würden das Kopftuch auf naive Weise als Symbol der Freiheit promoten. Es gebe, wie er schreibt, viele (sic!) Organisationen und Politikerinnen in Europa, die sich für Diversität einsetzen und angeblich behaupten, das Kopftuch repräsentiere die Identität muslimischer Frauen, es stehe für Frauenrechte, Freiheit und Selbstbestimmung. Dadurch würden, so El Ghazzali weiter, Frauen in arabischen Ländern verraten, die für das Recht kämpfen, keinen Schleier tragen zu müssen.

Wir möchten darlegen, weshalb El Ghazzali in seiner Argumentation problematisch vorgeht und teilweise falsche Behauptungen aufstellt:

Erstens: El Ghazzali wirft – einer klassisch antifeministischen Logik folgend – „westliche Feministinnen“ in einen Topf. Dabei legt er ihnen vermeintliche Absichten und Ziele in den Mund, die so nirgends formuliert werden und jeglicher Empirie entbehren: Uns ist in der Schweiz keine Organisation, Politikerin oder Feministin bekannt, die behauptet, das Kopftuch würde die muslimischen Frauen und deren Rechte repräsentieren. Es gibt durchaus junge Musliminnen, die u.a. auf Youtube Botschaften in diese Richtung äussern. Daraus lässt sich aber nicht schliessen, ‚viele‘ täten dies oder es sei gar Mainstream in Organisationen. Die einzige konkrete Organisation, die El Ghazzali in seinem Text erwähnt, ist JASS (Just a Simple Scarf, eine Organisation, die sich für Diversität einsetzt). Allerdings besteht diese Organisation weder einfach aus ‚westlichen Feministinnen‘ noch formuliert sie bei genauer Recherche irgendwo, dass der Schleier als Symbol für Freiheit und Frauenrechte zu werten sei. JASS hat mit El Ghazzali schon mehrfach das Gespräch gesucht, um sich darüber auszutauschen, was ihre Anliegen sind. Er ist nicht darauf eingegangen und schlägt den Austausch bis heute aus. Als weiteren Beleg für seine These verweist El Ghazzali auf den Women’s March in Washington, der auf einem Transparent eine Frau mit Kopftuch abbildete. Auch hier unterstellt El Ghazzali die Absicht, den Schleier zum Freiheits-Symbol erheben zu wollen. Verfolgt man die amerikanische Auseinandersetzung zu diesem Transparent, wird aber klar, dass die Intention des Women’s March eine andere war, nämlich Vielfalt abzubilden und zu zeigen, dass auch muslimische Frauen mit Kopftuch zu US-Amerika, zu feministischen Kämpfen gehören. Die falsche Unterstellung, man wolle das Kopftuch zum Symbol der Freiheit machen, ist leider nicht neu. In ihrer Zuspitzung wird sie oft fälschlicherweise dahingehend ausgeweitet, Feministinnen würden den Islamismus feiern.

Zweitens: Es ist problematisch und höchst unpräzis, ‚westliche Feministinnen‘ und Frauen mit Kopftuch bzw. Musliminnen einander so gegenüber zu stellen, wie es El Ghazzalis Text nahe legt. Wir leben in einer Einwanderer*gesellschaft, die realen Menschen und Biographien lassen sich auf diese Weise nicht einfach unterscheiden, Frauen mit Kopftuch können durchaus ‚westliche Feministinnen‘ sein oder umgekehrt. Vor allem aber ist es eine stark paternalistische Geste, für alle Frauen mit Kopftuch zu sprechen und zu wissen, wofür ein Schleier bei jeder Frau steht (nicht für Gleichheit, nicht für Liberalismus, wie El Ghazzali schreibt). Das macht es El Ghazzali möglich, Frauen mit Kopftuch ingesamt als eine Kampfansage an die liberalen Werte der westlichen Gesellschaften erscheinen zu lassen. Oder noch konkreter: Das Kopftuch torpediert einen von El Ghazzali definierten Liberalismus. Wer ein Kopftuch trägt, entspricht nicht den Massstäben, Vorstellungen und Konzepten von El Ghazzali (und angeblich des gesamten Westens). In solchen Aussagen kommt eine stark bevormundende, wenn nicht androzentrische Haltung zum Ausdruck (‚ich erklär den Mädels, was ihr Verhalten und ihre Klamotten wirklich bedeuten, und dass sie nicht dem Ideal des Liberalismus entsprechen). Wer so argumentiert, lässt nur eine bestimmte Variante von Liberalismus, Gleichheit, Freiheit usw. gelten. Und unterschlägt, dass gerade die (männliche) Verteidigung des Liberalismus nicht selten mit dem Ausschluss der Frauen und weiblicher Lebenswelten einherging und einhergeht.

Drittens: In Wahrheit lässt sich also nicht allgemein definieren, welche Bedeutung der Schleier für einzelne Frauen hat. Wer sie fragt, erhält extrem unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Antworten. Die gilt es zu berücksichtigen und Ernst zu nehmen, denn sie spiegeln die enorme Vielfalt der realen Lebenswelten.

Uns sind zudem kaum Feministinnen bekannt, die das Kopftuch nicht auch als Ausdruck einer patriarchalen Geschichte bewerten. Aber welche Aspekte im Leben von Frauen sind das nicht? Denken wir zum Beispiel an gesellschaftliche Erwartungen an Frauen, sexuell verfügbar sein zu müssen oder eine perfekte Hausfrau oder gute Mutter. Religiöse und kulturelle Symbole und Traditionen, in denen Frauen sich bewegen, haben zum grössten Teil patriarchale Hintergründe. Das bedeutet aber nicht, dass alle Frauen, die solche Symbole verwenden oder auf bestimmte Weise leben, tatsächlich unterdrückt sind. Viele Feministinnen sprechen also davon, dass Kopftuch tragen per se nicht Unterdrückung bedeuten muss und einer freien Entscheidung zugrunde liegen kann (wie es El Ghazzali ja sogar selbst explizit formuliert). Es geht also nicht um Werbung für das Kopftuch, sondern um die Feststellung, dass viele Frauen mit Kopftuch ein selbstbestimmtes Leben führen oder gar feministische Arbeit machen.

Diese Feststellung heisst im Umkehrschluss nicht, auch dies ist eine falsche Behauptung, dass man das Kopftuch nicht für patriarchal hält oder die Kämpfe gegen erzwungene Verschleierung nicht unterstützt oder diese für unwichtig hält. Und schon gar nicht heisst es, dass der Schleier als Symbol für Freiheit gefeiert wird. Das Kopftuch wird fraglos viel zu oft aufgezwungen, aber ein Kopftuch zu tragen bedeutet noch lange nicht, gegen Freiheit zu sein. Und für manche Frauen ist es ein selbstbestimmter, gar emanzipatorischer Akt (ob uns das passt oder nicht).

Viertens: El Ghazzali unterscheidet nicht zwischen dem Tragen eines Schleiers in islamistischen Zwangssystemen wie dem Iran und dem Tragen eines Schleiers unter freiwilligen und rechtsstaatlichen Bedingungen wie in der Schweiz. Die Kämpfe von Frauen in islamistischen Regimes sind andere als hier. Der Entscheid von Frauen, hier den Hijab zu tragen, muss anders eingeschätzt werden als in autokratisch geführten Ländern, wo der Hijab obligatorisch ist. Es gibt kaum ‚westliche Feministinnen‘, die nicht Kämpfe von Frauen in arabischen Ländern unterstützten, keinen Hijab tragen zu müssen. Diese Freiheit haben wir in der Schweiz bereits; wo es trotzdem zu Zwang kommt, müssen die bestehenden Gesetze umgesetzt werden. Um es nochmal klar zu sagen: Es geht keiner Feministin darum, Systeme zu stützen, die Frauen dazu zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Sondern darum, Wahlfreiheit zu gewährleisten und zu erweitern. Dazu gehört selbstverständlich, ein Kopftuch nicht tragen zu müssen. Zur Wahlfreiheit gehört in der Schweiz aber auch, nicht gezwungen zu werden, Kleidungsstücke auszuziehen, um als ‚selbstbestimmt’ akzeptiert zu sein. Und dazu gehört das Recht, mit Kopftuch einer Erwerbsarbeit nachgehen zu dürfen, zum Beispiel, damit Frauen nicht abhängig sind von Männern. Auch El Ghazzali ist für das Recht, ein Kopftuch tragen zu dürfen. Soweit, so einig. Das Problem ist, dass die Aussage, das Kopftuch sei keinesfalls ein Symbol der Selbstbestimmung, kaum funktioniert, ohne Frauen mit Kopftuch pauschal etwas abzusprechen.

Fünftens: Es ist es eine Strategie des Kulturkampfes und der Spaltung, ‚westlichen Feministinnen’ vorzuwerfen, sie machten alles falsch in Bezug auf das Kopftuch, in Bezug auf arabische/muslimische Frauen, und würden diese verraten. Emanzipatorische Interessen und Gruppen werden dabei als gegensätzlich konstruiert und gegeneinander ausgespielt. Diese Strategie funktioniert ähnlich wie die meist von rechts vorgetragene Anschuldigung, Linke würden sich nicht um (weisse) Arbeiter kümmern, sondern ’nur‘ um Frauen, Homosexuelle oder MigrantInnen (als ob Frauen nicht auch Arbeiterinnen wären, ArbeiterInnen nicht auch homosexuell oder migrantisch).

Auch in der NZZ war schon mehrfach zu lesen, westlicher Feminismus/Genderpolitik sei nur noch mit Gender-Identität befasst, mit übertriebener Sexismus-Kritik, Sprach-Debatten oder Queerness. Das Argument, andere hätten es schlimmer, ist ein willkommenes antifeministisches Einfallstor, das dazu dienen kann, Feminismus zu delegitimieren beziehungsweise nur eine einzige Art des Feminismus als akzeptabel zu definieren. Im Vergleich zu Zwangsheirat, Genitalverstümmelung und Steinigungen ginge es ‚uns’, so das Argument, schliesslich gut. Im Vergleich zu IS-Frauen-Entführungen, das heisst im Vergleich zu Frauen mit echten Problemen sei hier doch alles erreicht. Sicher, wir haben Vieles erreicht, und selbstverständlich geht es vielen Frauen in der Schweiz besser als anderswo. Es gibt immer einen Ort, wo es Menschen noch schlechter geht. Das Problem ist, dass das Argument, es gehe anderen schlechter, erstens sich herausnimmt Frauen zu sagen, wofür sie einstehen sollen (Güzin Kar) und zweitens lassen sich damit viele Anliegen einfach abschmettern ­– warum Lohngleichheit? Verhindert erstmal Zwangsheirat! Wir können also den nächsten SVP-Politiker abwarten, der Gleichstellungsinstitutionen in der Schweiz abschaffen und stattdessen Musliminnen entschleiern will, weil wir angeblich das eigentliche Übel bekämpfen müssen: Den Islam.

Sechtens: Wir haben in den vergangenen Jahren erlebt, dass viele gerne und schnell auf Kulturkampf-Argumente aufspringen und die Politik der Spaltung übernehmen. Diese Spaltung hat fatale Folgen, weil sie die Meinung verstärkt, MuslimInnen gehörten nicht zu Europa und seien ein ‚Problem’ (entgegen der Tatsache, dass die Mehrheit der Muslime in der Schweiz friedlich lebt und fleissig arbeitet). Der Diskurs über das Kopftuch, wie er von El Ghazzali geführt wird, schürt diese Vorstellung weiterhin. Und er verhindert nicht zuletzt, offen darüber nachzudenken, welche Massnahmen denn nun wirklich vernünftig und geeignet sind, um gegen Islamismus anzugehen. Zum Beispiel darüber, Schweizer Banken daran zu hindern, islamistische Regime zu finanzieren und mithin die strategischen Zentren des Terrors und der Radikalisierung (wie Bernhard Schär formuliert). Oder darüber, wie Anliegen von Frauen aus Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung besser gehört und berücksichtig werden können und verschiedene Feministinnen zusammenarbeiten können. Darüber, eine kontrollierte und zertifizierte Ausbildung von Imamen zu ermöglichen, oder dafür zu sorgen, dass muslimische Frauen in der Schweiz gut informiert werden über ihre Rechte, und natürlich auch Pflichten. Und nicht zuletzt braucht es Forschung und die Unterstützung von Forschung: Es muss mit Forscherinnen und Forschern zusammengearbeitet werden, die zum Beispiel in muslimischen Ländern und Gesellschaften ihren Kampf führen, die Reformansätze und feministische Koran-Auslegungen voranbringen. Die natürlich auch Geschlechterbilder und Sexualität zum Gegenstand haben.

Diese Stimmen müssen gehört werden, auch hier in der Schweiz brauchen wir sie. Es gilt, Islamische Theologie, Islamwissenschaften, islambezogenes Wissen in der universitären Lehre und Forschung, aber auch als Weiterbildung für alle zu etablieren. Damit diese wichtigen Fragen eben nicht Extremisten oder Hinterhöfen überlassen bleiben, sondern mitten in der demokratischen Gesellschaft ihren berechtigten Ort bekommen. All das kostet natürlich. Und es ist einfacher, Feindbilder aufzubauen und den ‚westlichen Feministinnen‘ Absichten zu unterstellen, die sie nicht haben. Und weiterhin die pauschale islamfeindliche Stimmung anzuheizen, in der bald niemand mehr vernünftig miteinander reden kann, und auch die wichtigen interkulturellen Dialoge immer schwieriger werden (wer lässt schon mit sich reden, wenn er_sie pauschal als Feind der Freiheit abgestempelt wird?).

Siebtens: Wir kritisieren die Kulturkampf-Rhetorik, mit der El Ghazzali sich derzeit – vor allem im konkreten Text – Gehör verschafft. Denn diese wird, ob er will oder nicht, vor allem von AkteurInnen instrumentalisiert werden, die mit Sicherheit keine emanzipatorische Agenda haben. Wir haben das in den vergangenen Jahren beobachten können: solche Kulturkampf-Diskurse spielen Leuten in die Hand, die nicht Liberalismus oder Emanzipation im Sinn haben, wie El Ghazzali sich das vorstellt. Zum Beispiel Männern wie Roger Köppel, der die „Existenzberechtigung der Frauen“ darin sieht, von Männern begehrt zu werden. Oder Thomas Aeschi, der bald SVP-Fraktionschef werden könnte, ein Mann, der kein Problem damit hat, sich öffentlich über sexualisierte Gewalt an Frauen lustig zu machen. Politikern also, die zutiefst patriarchale und misogyne Ansichten haben und sich ganz sicher noch nie für die Anliegen von Frauen, für Gleichstellung eingesetzt haben.

Nein, es sind nicht ‚die westlichen Feministinnen’, die am Ende die Freiheit der Frauen verhindern. Es werden die Leute sein, die, zugespitzt formuliert, mit dem Argument der ‚unterdrückten muslimischen Frau’ an die Macht kommen, aber am Liebsten heute statt morgen Menschenrechtskonventionen aufkündigen und Gleichstellungs-Institutionen abschaffen würden. Leute, die scheinheilig ‚Frauenanliegen’ vertreten, wenn es sich für ihre politische Agenda instrumentalisieren lässt. Für harte Migrationsregime zum Beispiel, oder wenn sich damit die eigene Frauen verachtende Politik verdecken lässt. Diesen Leuten kommt es sehr gelegen, wenn El Ghazzali anhand falscher Behauptungen ‚westliche Feministinnen’ als die eigentlichen Verräterinnen der Freiheit, als das eigentliche Problem aufbaut.

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Mariann Halasy-Nagy Liratni engagiert sich seit vielen Jahren im interreligiösen Dialog und ist als Vertreterin der Migrationsgemeincshaften im Regionalvorstand Deutschschweiz der SRG tätig.

Franziska Schutzbach ist Soziologin und Geschlechterforscherin an der Universität Basel, feministische Aktivistin, im Vorstand von Terre des Femmes Schweiz, Mitglied der Gleichstellungskommission Basel-Stadt und Mit-Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.