Burka: Für mich ist das kein „Feministinnen-Zoff“

In der Schweiz wird bald über ein Burka-Verbot abgestimmt, eine Initiative, die von rechts kommt. In den letzten Tagen und Wochen gab es in den Sozialen Medien – wieder mal – Debatten zum Thema „Islam-Kritik“. Ich habe mich zu einem spezifischen Punkt geäussert, und wurde heute ungefragt von 20Minuten unter „Feministinnen-Zoff“ zitiert. Hier sind einige Gedanken dazu. Kann geteilt werden. Vielleicht hilft es. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist es wiederum nur kontra-produktiv. Ich weiss es gerade nicht.

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Es ist mir tatsächlich peinlich, dass ich heute schon wieder ausführlich im 20Minuten zitiert werde. Und in der NZZ. Als ob ich dauernd meine Meinung überall herumbrünzeln würde. Was auf Facebook ja teilweise auch so ist, aber bisher war es nicht so, dass das dann quasi automatisch in die Medien gerät. Jetzt weiss ich es und werde das im Kopf haben. Es befremdet mich aber ehrlich gesagt, wie Social Media-Auseinandersetzungen von einigen Medien aufgegriffen und eigenmächtig und ohne Rücksprache kontextualisiert und geframed werden. Vielleicht bin ich aber einfach altmodisch?

Was es von meiner Seite zu sagen gibt: Ich bin definitiv keine „Islam“-Expertin und meine Äusserungen zu El Ghazzalis Interview bezogen sich auf einen einzigen Aspekt. Nämlich auf seine Aussage, dass das Tragen eines Hijab nie ein liberaler Entscheid einer Fraue sein könnte. Ich habe hier aus einer bestimmten feministischen Perspektive argumentiert, nämlich dass das Handeln von Frauen nicht an abstrakten Konzepten (Liberalismus) gemessen werden sollte, sondern konkret bezogen auf die Situation, in der Frauen handeln.

Jetzt werde ich mit diesen Aussagen zu einem angeblichen „Feministinnen-Zoff“ (20Minuten) zitiert, konstruiert wird eine Gegnerschaft – auch zu El Ghazzali – die in dieser Absolutheit nicht stimmt, da ich viele Aussagen von El Ghazzali gar nicht per se falsch finde. Auch der angebliche „Feministinnen-Zoff“ ist eine Konstruktion, denn von einer wirklichen inhaltlichen Beschäftigung und Auseinandersetzung unter den von 20Minuten zitierten Akteurinnen kann keine Rede sein.

Zudem werden hier Leute (unter anderem ich) in diese Debatte gezerrt, die wirklich keine ausgewiesenen Expertinnen auf diesem ganzen komplexen Gebiet sind. Sondern schnelle Meinungen raushauen (ich selber habe mich wie gesagt nur zu einem Teilaspekt geäussert). Dass solche ’schnellen‘ Aussagen dann in Medien zugespitzt und aufgekocht werden, ist überhaupt nicht in meinem Sinn.

Ich habe jüngst mit einer feministischen Mit-Streiterin darüber ausgetauscht, inwiefern nun plötzlich alle Feministinnen unfreiwillig dazu gezwungen sind, „Islam“-Expertinnen zu sein. Feministinnen wird immer öfter jegliche Legitimität abgesprochen, wenn sie nicht auch ganz genau wissen und zu formulieren im Stande sind, was die muslimischen Schwestern brauchen. ‚Nur’ sexistische Werbung oder sexuelle Belästigung oder Lohnungleichheit zu kritisieren, gilt zunehmend als nicht feministisch genug, ja geradezu als ein Verrat am Feminismus, weil andere Frauen schliesslich gesteinigt werden.

Selbstverständlich bin ich für feministische Perspektiven, die transnational und intersektional sind. Ich habe aber den Eindruck, dass sich über dieses Einfordern von Islam-Expertise – unter anderem – eine Art neuer Antifeminismus formiert, eine Art antifeministische Erpressung: ‚Wenn Ihr nicht schwerpunktmässig den Islamismus bekämpft, ist Euer Kampf für die Frauen nicht ernst zu nehmen’. Genau in diese Ecke treibt uns auch die Burka-Abstimmung. Man kann Feministinnen nun immerzu vorwerfen, das ‚eigentliche Ziel’ zu verfehlen.

Ich werde mir gut überlegen, und viele müssen das wohl, wie und ob ich in den kommenden Monaten zu dieser ganzen „Burka“-Sache öffentlich etwas sage. Im Moment weiss ich nicht, wie das weiter gehen soll. Und hoffe vor allem, dass sich hier Menschen mit weitsichtiger Expertise, mit Ausgewogenheit und angemessener Komplexität zu Wort melden – und zu Wort kommen.

Das Problem ist meines Erachtens, dass die kommende Burka-Abstimmung eine Schein-Abstimmung ist, bei der es nicht um die Frage geht, was Frauen brauchen, um ein möglichst emanzipiertes oder freies Leben zu führen. Es geht – hintergründig – um „den Islam“ insgesamt. Darum, „den Islam“ (wie schon bei der Minarett-Initiative), doof oder gut zu finden. Ein unsäglich vulgärer und zerstörerischer Move in einer interkulturellen Gesellschaft. Damit wird die durchaus relevante Frage, wie muslimische Frauen in der Schweiz ein emanzipiertes Leben leben können, überhaupt nicht gestellt. Beziehungsweise sie wird jedes Mal vor die Folie Islam = böse oder Islam = gut gezerrt. Debatten-Teilnehmerinnen werden folglich darauf reduziert – das heisst meine Aussagen können vor diesem Hintergrund nur gelesen werden als: Ich verteidige „den Islam“ oder schlimmer: Islamismus. Und bin gar FÜR die Unterdrückung der Frauen „durch den Islam“.

Solange wir also vor dieser Folie befragt, zitiert, gemessen werden, kann es meines Erachtens gar keinen „Feministinnen-Streit“ geben. Weil alles, was dazu gesagt wird, sofort in diese Pro- oder Anti-Islam-Frage einsortiert wird. Dieses Framing ist aber nicht MEIN Framing, ich sehe mich nicht als TEIL eines solchen „Zoffs“.

Und ja, ich hatte meine Kritik an El Ghazzalis Aussage in einem Blog publiziert. Dies war allerdings NICHT im Rahmen eines „Feministinnen-Zoffs“ und schon gar nicht als Beitrag zum Burka-Verbot oder ‚zum Islam‘. Auch wenn anhand meiner Überlegungen durchaus diskutiert werden kann, inwiefern feministische Perspektiven in dieser Frage auseinander gehen, so finde ich es gleichwohl befremdlich, von einem nicht-feministischen Blatt ungefragt unter „Feministinnen-Zoff“ geführt zu werden. Auch deshalb, weil meine Überlegungen – wenn auch nicht falsch – so doch verkürzt wieder gegeben werden. Nämlich, dass meine Haltung scheinbar da endet, einen „Schleier“ (es wird in der Darstellung auch nicht zwischen Burka und Hijab differenziert) als allgemein selbstbestimmte Sache zu sehen.

Entgegen dieser verkürzten Darstellung verstehe ich aber Verschleierung sehr wohl als ein patriarchales Symbol, oder anders ausgedrückt: ohne patriarchale Geschichte gäbe es den Schleier nicht (das ist jedenfalls meine Einschätzung – wie gesagt bin ich keine Expertin). Ich sehe Verschleierung also durchaus kritisch. Was aber nicht ausschliesst, dass Frauen sich auch selbstbestimmt verschleiern. Oder gute Gründe haben, dies zu tun (auch wenn ich diese vielleicht selber nicht immer nachvollziehen kann).

 

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Wer von Männlichkeit nicht reden will, soll auch zum Faschismus schweigen

Die Ereignissen am Wochenende in Charlottesville machen erneut klar: Wir müssen endlich über toxische Männlichkeit sprechen. Und über die Mittäterschaft der Frauen*.

Männer*[1] fahren gerade die Welt an die Wand. Jedenfalls scheint das so, wenn man die Nachrichten einschaltet. Und auch einige Zahlen bezeugen das: Die allermeiste Gewalt geht von Männern* aus, sei es durch Kriege, sei es im Privaten, in Schlägereien. Sei es an der Spitze von Regierungen, ausbeuterischen Wirtschaftsweisen und Konzernen. Sei es als Anführer fundamentalistisch-religiöser Bewegungen oder durch Faschismus und Terror, wie in den letzten Tagen wieder deutlich wurde.

Wer nicht spätestens seit den Ausschreitungen in Charlottesville bereit ist, über den Faktor Männlichkeit nachzudenken, macht sich nicht nur lächerlich, sondern mitschuldig. Die hyper-maskulinen Aufmärsche zeigen mehr als deutlich, dass Männlichkeitsphantasmen eine treibende Kraft für ‚White Nationalism’, Faschismus, Populismus und Gewalt sind. Machen wir uns nichts vor: Es ist zwar möglich, aber kaum wahrscheinlich, dass eine Frau* mit ihrem Auto absichtlich in eine Menschenmenge rast.

Natürlich sind nicht alle Männer* gewalttätig oder sitzen in machtvollen Positionen mit zerstörerischen Effekten. Viele Männer* leben in Armut, haben diverse Probleme. Und natürlich gibt es auch gewalttätige und faschistoide Frauen*, wie die derzeitigen Anführerinnen der europäischen Rechten deutlich machen. All das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass wir es mit einem gravierenden Männlichkeitsproblem zu tun haben. Selbst wenn Geschlechternormen sich zweifelsohne gelockert haben, und der traditionelle Patriarch in der postfordistischen Gesellschaft keine vorherrschende Figur mehr ist: Omnipotenz scheint ein unhinterfragter Traum vieler Männer*. Viele sind vollgepumpt mit Allmachtphantasmen – gerade dann, wenn sie real keine oder wenig Macht haben. Und sie hinterlassen eine tödliche Spur, wenn sie das Ideal nicht erreichen. Das untergehende Patriarchat ist womöglich gefährlicher als das Patriarchat selbst. So, wie auch das angeschossene Tier besonders gefährlich ist.

Wir müssen endlich Ernst nehmen, welche Rolle Männlichkeit, der Beweis von Männlichkeit und der Beweis ihrer Überlegenheit – sei es gegenüber Frauen* oder anderen Männern* –  in vielen Handlungen und Verhaltensweisen von Männern*, in Entwicklungen der Weltpolitik, der Wirtschaft oder in Ideen spielen. Es wird sich sonst nichts ändern. Nie. Das bedeutet zu allererst, dass Männer* über ihre Geschlechtlichkeit nachdenken müssen. Das ist anspruchsvoll und paradox. Denn Geschlecht kommt im männlichen Subjektverständnis, in der männlichen Selbsterfahrung gerade nicht vor. Anders gesagt: Männlichkeit ist darüber definiert, nicht über Männlichkeit nachzudenken.

Mann* könnte das aber, ja muss es lernen. Männer* müssen für diese Fragen Verantwortung übernehmen. Bisher tun sie das nicht. Oder kaum. Lieber behaupten sie, wir bräuchten keinen Feminismus. Oder: Geschlecht spiele in der Welt keine Rolle. Sie weigern sich, über Männlichkeit nachzudenken, weil sie sich selbst nicht als geschlechtlich wahrnehmen. Männer* sehen sich als „Menschen“. Ein Geschlecht, das haben nur Frauen*. Frauen* stehen für das Besondere, während Männer* es gewohnt sind, das Allgemeine zu repräsentieren. Auch eine Hautfarbe haben nur andere. Kurzum: Vor allem weisse Männer* begreifen sich in der Regel als unmarkiert. Partikular sind immer nur Menschen of Color, Frauen* oder andere (deshalb heisst es ja „Frauenfussball“). Mit der Folge, dass Männer* ihre Vorstellungen vom Leben, von Politik, Karriere, Macht, Nation usw. nicht für spezifisch, nicht für vergeschlechtlicht halten. Sondern für universell gültig.

Viele Männer* weigern sich, sich mit der spezifischen Sozialisation, die sie als Männer* erfahren, auseinanderzusetzen. Je nach Schicht, Hintergrund, Herkunft ist diese natürlich unterschiedlich. Im Grossen und Ganzen ist Männlichkeit jedoch fast überall auf der Welt mit „Überlegenheit und Macht“ konnotiert. Welche zerstörerischen Folgen dies hat, für sie selbst und für die Welt, wird weiterhin systematisch ausgeblendet.

Wie viele Tote muss es noch geben?

Auch Frauen* sollten sich das fragen. Denn sie sind nicht selten Stabilisatorinnen der toxischen Männlichkeit. Frauen* sowie überhaupt alle Geschlechter können patriarchalisch handeln oder sich an entsprechenden Logiken orientieren. Phallozentrismus ist gewiss keine rein männliche Sache. Vor kurzem habe ich das Buch von Christina Thürmer-Rohr „Vagabundinnen“ wieder hervorgeholt, und war überrascht, wie brandaktuell es ist. Vieles von dem, was Thürmer-Rohr schreibt, wurde vergessen, weil feministisches Wissen strukturell immer wieder vergessen, ja ausgelöscht wird. Jede Generation Frauen* beginnt wieder von vorne. Zum Beispiel damit, über die eigene „Mittäterschaft“, den eigenen Anteil an patriarchalen Logiken nachzudenken.

Frauen* haben, wie Thürmer-Rohr schreibt, die patriarchale Zurichtung der Erde nicht aufhalten können. Oft haben sie sie nicht mal bemerkt, sie freundlich-gläubig gebilligt, oder gar erfindungsreich unterstützt. Frauen* sind zu Mittäterinnen geworden. Indem sie – besonders im Zuge des Gleichheitsangebots – häufig so handelten und dachten, wie es den patriarchalen, kapitalistischen, kolonialen und ausgrenzenden Mechanismen entspricht. Anders ausgedrückt: Viele Frauen* haben sich den Status Quo männlicher Errungenschaften mitangeeignet, und sie haben dabei teilweise Freiräume und Privilegien geerntet – nicht selten auf den Schultern von Schwächeren. Sie haben sich in der mörderischen Normalität eingerichtet, wurden zu deren Stütze, haben destruktive Macht ermöglicht und sie auch immer wieder selbst ausgeübt.

Der Preis, den Frauen* dafür bezahlen, ist hoch: sie haben auf ihre eigene Entwicklung verzichtet, haben auf die Entwicklung einer Gegenbewegung verzichtet. Oft haben sie die historische Aufgabe, die das Patriarchat für sie vorgesehen hat, widerstandlos erledigt: Nämlich „Sicherheiten und Täuschungen aufrechtzuerhalten“ (Thürmer-Rohr). Frauen* haben die „Kulturlügen“ aufrechterhalten und für „gute Hoffnung“ gesorgt, sie haben beständig und diszipliniert durchgehalten und damit vorbildlich und kontinuierlich bewiesen, dass dieses Leben sinnvoll und in Ordnung ist.

In weiblichen Handlungsweisen hat sich ein Fokus für die Harmonie durchgesetzt. Sicher ist das nicht nur schlecht, es hat womöglich verhindert, dass es noch mehr Tote gab (und gibt). Allemal war und ist das aber auch System-stützend. Frauen* haben sich mit der Harmonie beauftragen lassen, obwohl sie im Grunde wissen: Die Bombe wird fallen. Dieses Wissen haben Frauen* geopfert, wie Thürmer-Rohr schreibt, und sich stattdessen mit „Glaube, Liebe, Hoffnung“ beauftragen lassen, mit der Liebe zum starken Mann, mit der Hoffnung auf den Sieg, mit dem Glauben an Götter, Illusionen, Hirngespinste und Träume. Eifrig haben sie den Glauben an Sinn gepflegt, an das Jenseits und an die Zukunft. Oder einfach die Hoffnung, „dass alles irgendwie weitergehen und halb so schlimm“ sein würde.

Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann schilderte in ihren Büchern Frauen*, die Opfer von Männern* sind und keine Chance haben. Die aber gleichzeitig unentwegt versuchen, ihre verzweifelte Lage vor den Männern* und vor der Welt zu verbergen. Um diese zu schonen. Frauen* schützen sich selbst ebenso wie Männer* vor der unguten Wirklichkeit. Vor diesem Hintergrund konnten sich Männer* „ihren Ritt ins Desaster, ihre moralische Pleite und Verrottung leisten. Denn Frauen hielten die Fiktion aufrecht, dass alles seinen Sinn habe“ (Thürmer-Rohr).

Folgt man Thürmer-Rohr, ist es an der Zeit, dass Frauen* aufhören, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie haben lange genug die Wahrheit nicht gesagt. Auch wenn es schmerzhaft ist: Frauen* sollten gegen ihre Mittäterschaft revoltieren und die patriarchalen Verhältnisse als Determinanten ihres Verhaltens aufkündigen. Das bedeutet, dass Frauen* sich demoralisierend und enttäuschend verhalten. Dass sie zu Spielverderberinnen werden, und sich weigern, den tödlichen Dreck wegzuräumen, sich weigern, die ewigen Trümmerfrauen* des Patriarchats zu sein.

Das bedeutet, wie Thürmer-Rohr schreibt, stolz, aber hoffnungs-los zu leben. Denn das hier können Frauen* nicht wieder gut machen. Sie müssen den Auftrag der Harmonisierung ausschlagen. Ja mehr noch: Sie müssen das patriarchale Erbe und die Hoffnung auf Beteiligung ausschlagen. Es kann keine Perspektive sein, auf dieser Erde endlich gleich „wie Männer*“ zu sein.

Wir müssen heimatlos bleiben, im ‚Vaterland‘.

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[1] Ich schreibe Frauen* und Männer* mit Sternchen, weil es sich um gesellschaftliche Konstruktionen handelt. Das heisst aber nicht, dass diese nicht ‚real’ wären, und ‚reale’ Wirkungsweisen hätten.

In Verteidigung der Gegenwart

 

„Ach meine Liebe / du glaubst zu viel / Kannst du nur leben / Wenn du was glaubst? / Ich glaube gar nichts / Und lebe immer noch. / Ich lebe immer noch / Ich lebe immer lieber / Ich liebe immer wieder / Ich liebe immer lieber / Ich glaube gar nichts.“ (Christina Thürmer-Rohr)

 

Liberale und Linke – falls solche Kategorien noch taugen – sind derzeit erschrocken, ja überrascht darüber, dass der Faschismus auch im 21. Jahrhundert noch möglich scheint. Hilflos schauen wir zu, wie sich neue rechtspopulistische Hegemonien bilden, wie autoritäre Weltanschauungen wieder Zulauf erhalten. Kommentatoren verkünden „das Ende des liberalen Zeitalters“ (Constantin Seibt). Oder reden von einem „Backlash“ – als wäre all das lediglich ein Rückschritt oder Misstritt auf dem ansonsten richtigen Pfad in die Zukunft. Als wäre ein solches „liberales Zeitalter“ für eine Mehrheit der Menschen jemals real, geschweige denn realistisch gewesen. Seit Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten jedenfalls herrscht Verwunderung über die Endlichkeit scheinbarer Selbstverständlichkeiten.

Es ist wichtig, erschrocken zu sein. Aber wir müssen auch darüber nachdenken, was dieses Erschrecken bedeutet: Was hatten wir gehofft? Was erwartet? Worin hatten wir uns gesonnt? Mit dem jüdisch-deutschen Philosophen Walter Benjamin liesse sich sagen, dass wir vielleicht erschrocken sind, weil die derzeitigen Entwicklungen ein bestimmtes, bis heute verbreitetes Geschichtsverständnis erschüttern, nämliche die Vorstellung, die Geschichte der Menschheit sei ein kontinuierlicher Fortschrittsprozess. Und in der Zukunft warte die Erlösung. Hatten wir insgeheim – und trotz besseren Wissens – gehofft, alles würde immer besser, oder habe gar einen „Endzweck“ (Hegel)? Falls dem so ist, wird diese Hoffnung derzeit schwer erschüttert. Und es stellt sich die Frage, wie oft wir eigentlich noch bösen erwachen wollen.

Benjamin betrachtete Fortschrittsgläubigkeit als grosses Hindernis für eine schonungslose Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Die in den Köpfen vieler Menschen verbreitete „progressive Doktrin“ richte sich vor allem auf die Zukunft, auf das „erst noch Kommende“. In der Fortschrittserzählung habe die „Jetztzeit“, also die Gegenwart den Status einer Vorstufe, des ‚Noch nicht’, sie erscheine deshalb als unwichtig und könne immer wieder aufs Neue vertagt werden. Anders ausgedrückt: Wenn der Massstab der Entwicklung das Paradies in der Zukunft ist, ist die Gegenwart unweigerlich ungenügend, ja ein Betrug an diesem Paradies. Eben eine Enttäuschung. Und mithin unwichtig.

Zwar sind, seit Benjamin seine Gedanken formulierte, Jahrzehnte vergangen. Die Begrenztheit der Fortschrittsideologie und ihr Zerstörungspotential haben sich seither immer wieder deutlich gezeigt. Trotzdem hat sich die Fortschrittserzählung hartnäckig gehalten. Vermutlich deshalb, weil die Hoffnung auf eine Befreiung in der Zukunft eine bürgerliche Haltung ist. Oder wie Benjamin es formuliert: Die Fortschrittserzählung ist das Geschichtsverständnis der Herrschenden. Mit ihr lässt sich nicht nur die Gegenwart vertagen, sondern auch die Vergangenheit leugnen. Geleugnet werden kann zum Beispiel, dass der Reichtum und die kulturelle Dominanz der einen ein Erbe sind, das auf der Unterwerfung von anderen beruht.

Oder anders gesagt: Eine Fortschrittserzählung kann keine ‚Altlasten’ mitnehmen, sie muss die Toten der Vergangenheit hinter sich lassen. Fortschrittsgläubigkeit ist geschichtsvergessen, sie hegt den Wunsch, die Vergangenheit möge ein für allemal überwindbar sein und weigert sich, mit dem Erbe der Vergangenheit umzugehen. Die bürgerliche Fortschrittserzählung ist deshalb auch eurozentrisch und patriarchal. Nicht nur, weil allein ‚der Westen’ und Männer als treibende Kraft von Entwicklung und Fortschritt, überhaupt von Geschichte imaginiert werden, während aussereuropäische Gesellschaften und Frauen im „Warteraum der Geschichte“ (Dipesh Chakrabarty) verweilen, ja im Prinzip gar keine Geschichte haben. Sondern auch deshalb, weil die dem westlichen Fortschrittsprojekt inhärente koloniale Expansion, Gewalt und patriarchale Unterdrückung verdrängt werden. Mit dem Ergebnis, dass Unterdrückung und Ausbeutung auch in der Gegenwart fortgesetzt werden können. Die Gewaltökonomien der Gegenwart werden in der „progressiven Doktrin“ nicht als ein Kontinuum historisch gewachsener Asymmetrien und Herrschaftsverhältnisse verstanden, sondern sie erscheinen lediglich als geschichtslose Reste oder Ausrutscher.

Die feministische Theoretikerin Christina Thürmer-Rohr schätzt die Lage viele Jahre später in ihrem Essay „Abscheu vor dem Paradies“ (1989) ähnlich ein und plädiert für eine Verabschiedung vom „Prinzip Hoffnung“ (Ernst Bloch). Denn Hoffnung, das sei lediglich die Rechtfertigung der Barbarei, eine Flucht vor dem Monströsen der Gegenwart. Das Gegenwärtige verkomme – wie auch der Politologe Alex Demirović (2016) jüngst schrieb – zu einer Art Übergangsphase, die nie ganz so ernst, nie ganz so wichtig sei. Nichts, das hier und jetzt und sofort verändert werden müsste.

So berufen sich auch aktuelle Politiken häufig auf Versprechungen und Aussichten für die Zukunft – kaum ein Politiker, der nicht die „zukünftigen Generationen“ adressiert, „die Zukunft unseres Landes“ oder „unseres Volkes“. Es gibt aber, folgt man Demirovic, keine ‚Erlösung’ für zukünftige Generationen. Weil es keine Erlösung von der Geschichte gibt. Alles, was jemals geschah, bleibt gegenwärtig. „Die Geschichte ist die Zeit der Gegenwart“, wie Demirovic schreibt. Das bedeutet nicht, dass sich nichts verändert.  Schon gar nicht handelt es sich um einen Aufruf zum Pessimismus, oder gar um eine Abkehr von Utopien. Vielmehr geht es um ein radikales Plädoyer für die Gegenwart.

Dazu müssen wir uns der Vergangenheit zuwenden, dem „Antlitz der Besiegten“ (Benjamin). Denn die Kraft der emanzipatorischen Praxis speist sich nicht aus der Erlösung künftiger Generationen, sondern aus der Wut über die Knechtung der Vorfahren. Die Fortschrittserzählung schneidet genau diese Kraft ab. Sie verbannt die Toten und trennt Unterdrückung, Verletzung und Leid von ihrer Geschichte, so dass diese in der Gegenwart nur noch als individuelles Scheitern und Versagen wahrgenommen werden. Daraus erwächst kein widerständiges Denken und Handeln, Vorstellungen von der Freiheit verkümmern oder gehen über in die Produktion von Reichtum, Change-Management, Work-Life-Balance-Optimierung oder Positive Psychologie.

Benjamin war der Überzeugung, man müsse den Wind der Weltgeschichte ohne Erlösungspathos in die Segel lassen. Das heisst Utopien entwerfen, die nicht erlösen, sondern „Sprünge ermöglichen“ – in den „Rissen und Brüchen der Gegenwart“, und mit den Splittern der Vergangenheit. Er plädierte dafür, die Gegenwart zu dem Ort zu machen, an dem wir handeln, das System kritisieren, Utopien umsetzen. Denn die „Jetztzeit“ ist die wichtigste und wertvollste Zeit, die wir haben. Wir brauchen Utopien, die Fortschrittssehnsüchte, Prophetismus, Glück und Souveränität-Phantasmen dekonstruieren, weil diese die Emanzipation von innen heraus pervertieren. Und Emanzipation immerzu vertagen. Es gilt deshalb, die Gegenwart in Augenblicke emanzipatorischer Praxis zu verwandeln, in denen ‚Erlösung’ nicht in eine ferne Zukunft verlegt wird, sondern in jedem Augenblick stattfinden kann.

Auch feministische Denkerinnen haben viel zu sagen zum Thema Utopien, die „Sprünge in der Gegenwart“ ermöglichen. Heidrun Erhardt (1995) kritisiert an klassischen Utopien, diese würden zwar „Menschen in Bewegung bringen”, diese aber „auf einen Endzustand hin orientieren”, auf eine Gesellschaft, „die fertig, perfekt, nicht mehr veränderbar ist, in der sich nichts mehr bewegt”. Sie richtet sich gegen den Endpunkt,  gegen die Idee eines Ziels. Vielmehr begreift sie feministische Ungeduld, das Nicht-Erwarten-Können einer postpatriarchalen, gewaltfreien Gesellschaft, die Sehnsucht selbst als eine wesentliche Dynamik des Utopischen: „Unser Bestreben ist es, die Bewegung hin zur Utopie in die Utopie selbst aufzunehmen”, die Utopie „in unserem heutigen Leben bereits aufzuspüren”, sie „beweglich” zu halten, schreibt Erhardt. Kurzum: Frauen*projekte, Aktivismus, Ent-Unterwerfung, die Entscheidung, sich auf andere Frauen* zu beziehen – all das findet hier und jetzt bereits statt.

Auch Thürmer-Rohr verteidigt die Gegenwart als den Ort, an dem wir tatsächlich ankommen, leben und Widerstand leisten müssen. Das geht nur, wenn wir radikal unversöhnlich bleiben: „Der verlässlichste Widerstand stammt aus der Fähigkeit zu leben – unversöhnt mit den Zurichtungen an uns und unversöhnbar mit unserer Mittäterschaft.“ Ein Widerstand, der nicht Erlösung verspricht, sondern die eigenen blinden Flecken aufspürt. Der nicht unbedingt positive Bilder produziert, sondern eine Bresche für die Gegenwart schlägt. Utopien haben Kraft, wenn sie die Toten nicht verdrängen und in sich selbst unbehaglich bleiben.

 

(Der Titel dieses Blog-Post ist dem Text „Der Tigersprung. Überlegungen zur Verteidigung der Gegenwart“ von Alex Demirovic in der Prokla (2016) entliehen, der mich zu diesem Blogpost inspiriert hat)

Who Cares?

Kein Mensch überlebt ohne Fürsorge. Und dennoch wird Sorgetätigkeit als Voraussetzung von Markt und Gesellschaft stets unsichtbar gemacht und abgewertet. Die Konsequenzen sind jedoch fatal, nicht nur für die Realität der GratisarbeiterInnen.

Auf „Geschichte der Gegenwart“ ist ein Text von mir zum Thema Sorge (Care) und Verletzlichkeit erschienen:

„Care ist kein ‚Frauenthema‘, es betrifft das Ganze. Unter den bestehenden ökonomischen und ideologischen Prämissen werden nicht nur Care-Arbeit und die Menschen, die sie verrichten, abgewertet. Die existentiellen Bedürfnisse der Menschen werden überhaupt abgewertet. Fetischisiert wird ein autonomes (männliches) Subjekt, ein Homo Oeconomicus, der nichts und niemanden braucht und aus sich selbst heraus produktiv ist.“

Hier gehts zum Text.

 

 

#WeAreHere

da_vinci

Jetzt. Ab sofort für eine Woche: #WeAreHere

Politik, Literaturbetriebe, Wissenschaft, Musikszene, Zeitungen, TV … sind auf Männer* und ihre Handlungen fixiert. Beiträge von Frauen* werden oft totgeschwiegen. Männer* beziehen sich selten auf Frauen*, verweisen nicht auf deren Beiträge.

Deshalb:

Eine Woche lang reagiere ich ausschliesslich auf Beiträge, Aussagen, Kommentare, Tweets, FB-Einträge, Interviews usw. von Frauen*.

#WeAreHere wurde initiiert von der Drehbuchautorin und Regisseurin Güzin Kar. „Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen!“ Das heisst: nur Artikel posten, in denen es massgeblich um Frauen* geht oder die von Frauen* geschrieben wurden, ausdrücklich auch mit einem Fokus auf Beiträge von Schwarzen Frauen*, migrantisierten und/oder nicht-hetero Frauen* und andren minorisierten Frauen*. Zudem: Güzin Kar lädt dazu ein, ihr von den eigenen Erfahrungen mit der Aktion zu berichten: info@guzin.ch

(Sollte Euer Nicht-Eingehen auf männliche* Voten euch privat oder beruflich in Schwierigkeiten bringen, brecht die Regel einfach kurz. Niemand soll sich selber schaden. Es gibt keine starren Regeln).

PS: solidarische Männer* können sich gern beteiligen! Zu überlegen wäre, ob sie den Hashtag umwandeln in #TheyAreHere oder #SheIsHere. Seid kreativ!)

 

Beim nächsten Mal trinken wir Menstruationsblut

Juso1Viel ist bereits über die BH-Verbrennungs-Aktion der JUSO-Frauen* geschrieben und gesagt worden. Warum es also nochmal aufgreifen? Wie so oft lässt sich vieles erst im Nachhinein begreifen.

Als ich das Bild der fünf Aktivist_innen zum ersten Mal sah, glaubte ich nicht an seine Wirkung. Der Anblick halbnackter Frauen* – who cares? Wen provoziert das heute noch? Weit gefehlt. Innert kürzester Zeit krochen die Hater und Nörgler aus ihren Löchern, spuckten Gift und Galle, drohten gar mit Vergewaltigung. Und nicht zuletzt gab es zahlreiche rassistische und trans*feindliche Angriffe.

Im Nachhinein erscheint es wie eine perfekt durchdachte Aktion, denn einige Monate zuvor war – von anderen Aktivistinnen – der Verein Netzcourage gegründet worden, ein Verein, der Hatespeech im Internet strafrechtlich ahndet. Netzgourage machte sich denn auch sofort daran, die Hater anzuzeigen. Und am nächsten Tag war „Women’s March“ in Zürich. Viele Aktivist_innen begegneten sich hier erstmals life. Die Ereignisse im Netz verschalteten sich mit diesem herzerwärmenden und empowernden Gefühl, dass sich in der Schweiz feministisch endlich wieder etwas tut.

Vom Marsch aus beobachteten wir die Hass-Eskapaden im Netz. Und wir kamen aus dem Staunen nicht heraus: Wie Lemminge stürzte man sich auf die Provokateur_innen, und machte Sexismus auf eine Weise sichtbar, wie wir Feministinnen es in der Regel nicht vermögen, egal wie lange wir uns den Mund fusselig reden.

Schlagartig wurde die Kraft dieser Performance-Aktion klar: Frau* muss, um auf den fortbestehenden Sexismus hinzuweisen, einfach ihre alltäglichen Körper ablichten lassen. Und zack führt sich der Sexismus in seiner direktesten Weise gleich selbst vor. Denn sämtliche Reaktionen machten unmissverständlich deutlich: Der weibliche* Körper darf nur dann gezeigt werden, wenn er das Script der Vermarktung und den männlichen Blick bedient. Wenn er nicht gefällig ist und sogar politisch etwas will, dann ist fertig. Ende.

Die Hater zeigten unbeabsichtigt, wie nötig Feminismus ist: So lange sich eine Öffentlichkeit durch nicht-Norm-konforme Körper derart provoziert fühlt, dass sie mit Vergewaltigungs-Drohungen und Rassismus reagiert, kann es gar nicht genug Frauen* geben, die mit ihren nicht perfekten Körpern in den Hochglanz-versauten öffentlichen Raum treten.

Nach den Hatern kamen – auch das so sicher wie der Sonnenuntergang – die Mansplainer, die erläuterten, das wäre keine richtige feministische Politik, nicht der richtige Weg, um auf feministische Anliegen aufmerksam zu machen. Die Frauen* hätten sich diskreditiert, frau könne doch nicht Gleichstellung einfordern, indem sie sich nackt auszieht. Überhaupt wäre es viel wichtiger, real-politische Ziele wie Lohngleichheit umzusetzen. Diese würden mit solchen Aktionen nicht erreicht, sondern man vergraule wichtige politische Akteur_innen.

Man weiss nicht, wo man ansetzen soll bei so viel (schweizerischem?) Unverständnis für Ironie, für performatives Spiel und Aktionskunst. Schliesslich sind solche Aktionen ein uraltes und vielfältig benutztes Mittel, um gesellschaftliche Normen herauszufordern und zu unterwandern: Indem Frauen* ihre Körper zum Einsatz bringen und bewusst mit Klischees spielen, verschieben sie die Klischees nicht nur, sondern führen auch das Normkorsett vor. Im Sinne von: Ihr wollt uns nackt? Gut, dann bittesehr. Aber so, WIE WIR ES WOLLEN. UND NICHT, WIE IHR EUCH DAS VORSTELLT! Die Botschaft: Wir zeigen Euch das ganze Spektrum von Weiblichkeiten. Wir sind Schwarz, Trans, dick, dünn. Und politisch. Deal with it.

Es ist im Prinzip das Schlingensief-Konzept – (wenn es Männer machen, dann ist es offensichtlich cool): Schlingensief fragte: Ihr wollte keine Ausländer? Also baue ich einen Container mitten in der Stadt, sperre dort Asylbewerber_innen ein, über deren Ausschaffung ihr abstimmen könnt. Und führe Euch Euren eigenen Rassismus vor. Ähnliche Vorgehensweisen kennen wir von Pussy Riot, von den Femen oder den Hexen-Aktionen der 1970er Jahre (Walpurgisnacht), bei denen Frauen sich als monströse Hexen mit geheimen Kräften inszenierten. Und wir kennen es von Schwarzen Feministinnen, die, wie Porha O., das Klischee der „Angry Black Woman“ auf die Spitze treiben.

Deutlich wurde in den Kritiken an der JUSO-Aktion auch, was für einen engen Begriff des Politischen viele haben. Für manche gibt es offenbar gerade mal eine oder maximal zwei Formen politischen Handelns. Das Aufrütteln der symbolischen Ordnung zählt in diesem Verständnis nicht dazu. Vergessen wird, dass das permanente Aufzeigen von Sexismus eines der Kerngeschäfte feministischen Handelns ist. Ob wir wollen oder nicht. Denn die üblichen Bildungsinstitutionen machen das nicht, feministisches Wissen gehört bis heute nicht zum Bildungs-Kanon und wird immer wieder ausgelöscht. So dass jede Generation Frauen* wieder von vorne beginnt.

Konkrete Ziele können aber überhaupt erst umgesetzt werden, wenn ein gesellschaftspolitisches Klima herrscht, in dem Frauen*anliegen diskutiert werden, sichtbar und hörbar sind. Und genau das leistet eine solche Aktion. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch der Vernetzungs-Effekt: Ach, da gibt’s Frauen*, die etwas formulieren, das mir schon lange auf dem Herze liegt…Frauen* müssen füreinander erst wieder sichtbar werden (das heisst weder, dass alle sich ausziehen, noch dass alle der gleichen Meinung sein müssen. Wie gesagt, das Spektrum politischen Handelns ist gross). Solche Aktionen schaffen einen Resonanzverstärkungs-Raum, wie es auch der SchweizerAufschrei oder der Women’s March waren. Es wird für viele sichtbar, dass sie nicht alleine sind, dass ihr diffuses Gefühl, etwas stimme nicht, zutrifft. Das Politische beginnt eben nicht erst dort, wo bereits ein Gesetz verabschiedet wird, eine konkrete Forderung in Erfüllung geht.

Die grösste Bankrotterklärung kam übrigens nicht von Frauenhassern, sondern von Leuten, die sich selber hinter die „eigentlich doch wichtigen Ziele“ der Gleichberechtigung stellten, aber Dinge schrieben wie die „Blick“-Journalistin Cinzia Venafro: Frauen sollten doch besser ihre Weiblichkeit feiern, anstatt mit „gekrümmten Rücken“ posieren. Sie sollten, wenn, dann wie die Femen aussehen, also einen makellosen, barbusigen Körper präsentieren. Denn das sei das wahre weibliche Kapital.

Wie bitte?!

Es ist erschreckend, wie viele ernsthaft der Meinung sind, Frauen* dürften sich nur dann zeigen, wenn sie der Norm-Schönheit entsprechen. „Ich finde ja Feminismus gut, aber bitte nur mit Top-Körpern“. Als gäbe es nur eine Form von Weiblichkeit, nämlich die, die irgendwie den männlichen Vorstellungen entspricht, nicht wahr?!

Dass feministische Anliegen nur dann gehört werden, wenn sie möglichst so formuliert sind, dass niemand sich provoziert oder auf den Schlips getreten fühlt, ist historisch widerlegt. Das Ziel von emanzipatorischen Bewegungen ist auch heute nicht, von Leuten, die mehr Macht und Privilegien haben als man selbst, akzeptiert oder geliebt zu werden. Denn dann ändert sich nie etwas.

In diesem Sinne: Die BH-Verbrennung war erst der Anfang. Beim nächsten Mal trinken wir Menstruationsblut.

Wir können es uns nicht leisten, pessimistisch zu sein

franziskaDer folgende Text ist eine so genannte „Winterrede“, ich habe sie am 19. Januar in Zürich in der Reihe „Winterreden“ beim „Karl der Grosse“ gehalten. Man steht da in einem Erkefenster direkt beim Münster – ein wenig päpstlich – und spricht zu den Leuten auf der Strasse. Danach gibt es Glühwein, Suppe und Diskussionen im sehr gemütlichen Restaurant.

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Ich freue mich sehr, dass ihr zu meiner „Winterrede“ gekommen seid! Das ist hier vom Erkerfenster aus irgendwie pastoral. Ich hoffe, mein Beitrag wird nicht ganz so pastoral.

Mich hat in der letzten Zeit die Frage beschäftigt, wie wir aus einer progressiven, im weitesten Sinne linken Position heraus die aktuellen reaktionären Entwicklungen ‚ertragen’ können, wie wir nicht nur politisch, sondern auch emotional damit umgehen. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich frustriert werde, verhärtet. Manchmal verzweifelt. Oder dauer-empört. Und dass mir dadurch viel Energie verlorengeht. Auch Freude.

Es ist ja nicht so, wie manche meinen, dass sich das so genannte „liberale Zeitalter“ gerade jetzt dem Ende zuneigt. Eine solche Untergangs-Stimmung können sich vermutlich nur ‚Verwöhnte’ leisten, also diejenigen, die es in den letzten Jahren gewohnt waren, eine Stimme, Rechte, Zugang, Anerkennung, auch Geld, Arbeit usw. zu haben. Für viele hat das ‚liberale Zeitalter’ aber nie wirklich begonnen, oder nur begrenzt. Für Frauen aus der Arbeiterschicht, für People of Color, Geflüchtete, für nicht-heterosexuelle Menschen – und viele andere. Für sie gibt es nicht erst jetzt etwas zu beklagen, zu betrauern. Nicht erst, seit Trump gewählt wurde.

Die Untergangsstimmung, die ich seit kurzem bei so genannten progressiven Menschen beobachte, ist also recht bürgerlich. Es ist ein Luxus, dass viele von uns sich erst jetzt mit dem ganzen menschenfeindlichen „Müll“ konfrontiert wähnen. Ich habe vor kurzem Etty Hillesums Tagebücher gelesen, weiter habe ich Sebastian Haffners „Tagebuch eines Deutschen“ gelesen. Beide Bücher handeln aus unterschiedlicher Perspektive von der Frage, was es bedeutet, mit reaktionären Kräften konfrontiert zu sein, und sich ihnen zu widersetzen. Beide haben ihre Gedanken aufgeschrieben in der Zeit vor und während der Machtergreifung der Nazis in Deutschland. Was tun, wenn die Nazis an die Macht kommen? Wir können nicht die damalige Situation eins zu eins vergleichen. Wir haben nicht 1933. Aber ich glaube, dass es Parallelen gibt und wir etwas lernen können von diesen Menschen.

Etty Hillesum war eine niederländische Jüdin, sie wurde im Alter von 29 Jahren in Auschwitz ermordet. Sie war Lehrerin, in den Jahren vor ihrem Tod studierte sie und schrieb. Ihr Tagebuch, „Das denkende Herz der Baracke“, wurde postum veröffentlicht und ein Welterfolg. Es handelt davon, wie ein Mensch unter den widrigsten Umständen nicht aufgibt – nicht sich und nicht die anderen. Es handelt von der Möglichkeit eines inneren Widerstandes, einer inneren Unabhängigkeit und Integrität, bis zuletzt. Dieser Widerstand bedeutet zuallererst, wie Hillesum schreibt, nicht zu hassen – auch nicht die Unterdrücker. Denn sich dem Hass hinzugeben bedeute, sich mit ihnen, sich mit dem ‚Bösen’ gleichzumachen.

Ein Jahr vor ihrer Ermordung schreibt sie: „Und sollte es nur noch einen einzigen anständigen Deutschen geben, dann wäre dieser es wert, in Schutz genommen zu werden gegen die ganze barbarische Horde, und um diesen einen anständigen Deutschen willen dürfte man seinen Hass nicht über ein ganzes Volk ausgiessen. Das heisst nicht, dass man gegenüber gewissen Strömungen gleichgültig ist, man nimmt Stellung, entrüstet sich zu gegebener Zeit über gewisse Dinge, man versucht Einsicht zu gewinnen, aber das schlimmste von allem ist der undifferenzierte Hass. Er ist eine Krankheit der Seele. Sollte ich in dieser Zeit dahin gelangen, dass ich wirklich zu hassen anfange, dann wäre ich in meiner Seele verwundet und müsste danach streben, so rasch wie möglich Genesung zu finden. Der Hass gegen die Deutschen vergiftet unser eigenes Gemüt. Das ist deren wahrer Sieg“.

Während Hillesum aus der Perspektive der Verfolgten schreibt, zeigen Sebastian Haffners Tagebücher die Sicht eines nicht-jüdischen jungen Deutschen, ein Jurastudent aus dem liberal-bürgerlichen Milieu in Berlin, kurz vor der Machtergreifung der Nazis. Haffner beschreibt ein genaues Psychogramm seines Umfeldes: Wie reagieren die Leute? Wer kollabiert, wer verzweifelt? Interessant finde ich vor allem seine Beschreibung einer sich ausbreitenden Untergangsstimmung in liberalen und linken Kreisen. Genau das kommt mir bekannt vor, ich erlebe eine ähnliche Stimmung seit kurzem in meinem eigenen Umfeld, oder an mir selber. Beim Jahreswechsel twitterten viele, 2016 sei ein Horror-Jahr gewesen, und es werde wohl immer schlimmer. Es herrschte Pessimismus. Natürlich stimmt es: 2016 war schlimm. Wieder sind Geflüchtete ertrunken, Trump, Syrien, Erdogan, das Erstarken von AfD, SVP, Front National usw. Es gibt allen Grund zu Sorge. Und es ist wichtig, die Gefahren zu sehen.

Aber können wir es uns leisten, pessimistisch zu sein? Lesen wir Haffner: Er redet nichts schön, kritisiert die Naiven und Schönredner, die Ahnungslosen oder jene, die sich ins Private zurückziehen. Gleichwohl kritisiert er aber auch den „schrankenlosen Pessimismus“ vieler Zeitgenossen in jener Vor-Phase des Nationalsozialismus. Haffner schätzt die Verbitterung als eine typisch bürgerliche Versuchung ein: „Wie völlig hilflos wir geistig waren, mit all unserer bürgerlichen Bildung, vor diesem Vorgang, der in allem, was wir gelernt hatten, einfach nicht vorkam!“

Aufzugeben erschien deshalb als eine verlockende Option, die sich bei vielen in Form eines schrankenlosen Pessimismus zeigte. Man begegnete sich und der Welt mit einer „erschlafften Gleichgültigkeit“, einer masochistischen Breitwilligkeit, sich dem Teufel einfach zu überlassen. Haffner nennt es einen „trotzigen Selbstmord“, der sehr heroisch aussieht – denn „man weist jeden Trost von sich“. Gleichzeitig übersehen diese Leute, so Haffner, dass gerade in dieser Haltung der giftigste, gefährlichste und lasterhafteste Trost liegt.

Folgt man Haffner, strotzte das Bürgertum vor dieser perversen „Wollust der Selbstaufgabe“, einer „wagnerianischen Todes- und Untergangsgeilheit“, denn diese bot eine Tröstung. Diese Leute gingen herum und „greuelten“, Haffner weiter: „Das Entsetzliche ist die unentbehrliche Grundlage ihres Geistes geworden; das einzige, düstere Vergnügen, das ihnen geblieben ist, ist die schwelgerische Ausmalung der Furchtbarkeiten. Vielen von ihnen würde etwas fehlen, wenn sie dies nicht mehr hätten, und bei manchen hat sich die pessimistische Verzweiflung geradezu in eine Art Behaglichkeit umgesetzt“.

Ein schmaler Seitenweg von dieser melancholischen Behaglichkeit führt gemäss Haffner auch zum Nazitum: Wenn doch schon alles egal, alles verloren, alles des Teufels ist, warum dann nicht selber sich zu den Teufeln schlagen? Haffner vermutet im Pessimismus letztlich Kollaboration. Wenn alles schlimm ist, oder – wie heute manche Linke meinen – Obama oder Clinton gleich schlimm sind wie Putin oder Trump – dann ist es egal, wie man sich politisch noch verhält. Diese Haltung aber ist, folgt man Haffner, nicht besser als Kollaboration.

Eng mit der Untergangsgeilheit verknüpft ist auch – wie ich Haffner mit Beobachtungen aus der heutigen Situation ergänzen möchte – die Besserwisserei. Ich beobachte bei linken Kräften oft eine Arroganz der Besserwisserei, und zwar im folgenden Sinne: ‚Wenn die doofe Welt nicht so toll und richtig links, grün, revolutionär, feministisch usw. ist, wie ich mir das vorstelle, dann geht sie mich nichts mehr an. Dann ziehe ich mich zurück auf die Wahrheit, die ich für die Welt vorsehe. Und wähle zum Beispiel nicht mehr, oder tue auch sonst nichts.’

Die Welt, die Gesellschaft, Menschen verdienen aus dieser Sicht meine Aufmerksamkeit und mein Engagement nur dann, wenn sie genauso funktionieren, genau so ticken, wie ich es vorsehe. Aus einer solchen Sicht kann alles als konformistisch, reformistisch, nicht links genug abgetan werden. Aber es ist auch eine bequeme Position, alles nicht radikal genug zu finden, nicht „richtig revolutionär“.

Was Rechtspopulist_innen und autoritäre Verhältnisse aufhalten kann, ist ein Parlament, das demokratische Prozesse gewährleistet. Natürlich sind die vorhandenen demokratischen Institutionen und Prozesse längst nicht perfekt, sie müssen inklusiver werden, freier von wirtschaftlichen Interessen auch. Wir leben mitnichten in einer demokratischen Welt, die es einfach zu verteidigen gälte. System-Kritik, radikales Denken und Utopien sind nach wie vor notwendig. Angela Merkel zum Beispiel ist gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, Barack Obama hat Drohnenkriege geführt. Aber gleichwohl ist da ein Unterschied zwischen Bernd Höcke von der AfD und Angela Merkel, zwischen Hilary Clinton und Donald Trump.

Ich denke es ist, wie Judith Butler vor Trumps Wahlsieg sagte: Es ist eher möglich, im Rahmen von grundsätzlich demokratischen Strukturen gegen eine Politik à la Clinton zu mobilisieren, als widerständige Politik zu organisieren, wenn erst einmal autoritäre Strukturen vorherrschen. Es gibt zahlreiche Berichte aus Russland, dass es dort kaum noch eine kritische Zivilgesellschaft gibt. In der Türkei werden täglich Journalist_innen und Intellektuelle verhaftet. So weit sollten wir es nicht kommen lassen, nicht aus Trotz, nicht aus Untergangsgeilheit oder Besserwisserei. Auch in den USA sind Grundrechte nun massiv bedroht, weshalb – wie Butler nach der Wahl konstatierte – von nun auch ziviler Ungehorsam nötig sei, wie zum Beispiel die Nichtumsetzung von Gesetzen.

In der Schweiz, Deutschland oder anderen europäischen Ländern gibt es vorerst noch demokratischen Spielraum, deshalb: wählen wir Sozialdemokraten, Grüne, FDP, CVP. Oder stimmen ab. Oder spenden an Parteien, werben für sie. Eine sozialdemokratische oder liberal-konservative Mehrheit im Parlament ist das, was rechte Politik institutionell aufhalten kann. Man kann die SP, die Grünen suspekt findet, zu wenig radikal, zu wenig feministisch, antikapitalistisch, oder umgekehrt: zu radikal, zu rot. Aber gefährden wir nicht demokratische Grundstrukturen, weil wir besser wissen, wie es sein müsste.

Rechtspopulisten greifen strukturell die Demokratie an, wie die Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp schreibt: „Sie konterkarieren das politische Prinzip der Pluralität, sie setzen Verleumdungen anstelle von Argumenten, vertreten das Recht des Stärkeren, sind nationalistisch, unsozial, gefährlich“. Deshalb kommt Nichtwählen, nicht abstimmen nicht mehr in Frage. Es muss gewählt und abgestimmt werden, um den Machtanteil und Einfluss reaktionärer Kräfte so gering wie möglich zu halten.

Radikale Ablehnung reicht nicht, es braucht auch einen kleinsten gemeinsamen Nenner, Demokratie erhalten und ausbauen zu wollen. Demokratie war bisher – trotz Unzulänglichkeiten, trotz dilemmatischer Voraussetzungen zum Beispiel für Frauen oder nicht-weisse Menschen – die politische Form, die es am meisten Menschen ermöglicht hat, teilzuhaben. Auch in der Opposition, in zivilgesellschaftlicher und ausserparlamentarischer Selbstorganisierung, in künstlerischem Schaffen oder im Philosophieren. Dass diese Dinge möglich sind, ist ja ebenfalls Teil von Demokratie.

Neben dem gemeinsamen demokratischen Nenner können wir autoritären Kräften gleichzeitig nur mit Durchlässigkeit begegnen. Es gibt nicht die ein für allemal richtige Formel für ein gerechtes und gutes Leben für alle. Demokratie ist ein kontinuierlicher Prozess der Aushandlung und Veränderung. Man kann nie sicher auf der richtigen Seite stehen, es gibt nicht die eine Vision von der besseren Welt, der Revolution oder vom Fortschritt. Man kann dem Autoritären nicht mit Autoritarismus begegnen. Und wir wissen, welche blinden Flecken oder gar diktatorische Systeme Utopien entfalten können.

Auch wer es gut meint, ist nicht selten Teil von Machtmechanismen, reproduziert diese mit. Altruismus oder Humanitarismus können Strategien sein, sich selbst aus allem herauszunehmen, eine Art Position der Unschuld oder gar Überlegenheit zu reklamieren. Dabei verliert man den kritischen Blick auf das eigene Ich, verliert den Blick für die eigene Begrenztheit, Verletzbarkeit und Angreifbarkeit (Butler). Gemäss Butler ist die Erkenntnis der eigenen Verunsicherung die Voraussetzung dafür, nicht selbst in gewaltvolle oder autoritäre Positionen zu verfallen.

Es ist deshalb wichtig zu realisieren – und das steht weder im Widerspruch zur parlamentarischen Politik noch zu Massenaufständen auf der Strasse – dass das Politische überall ist, auch in der persönlichen Haltung. Es ist politisch, sich der pessimistischen Verzweiflung hinzugeben, Besserwisserei ist politisch. Politisch ist aber auch die Entscheidung einer einzelnen Frau (Hillesum), innerlich nicht zu verhärten, sich nicht auf die Logik des ‚Feindes’ einzulassen.

Wenn wir den Bereich des Politischen erweitern, wird es vielleicht eher gelingen, nicht zu verzweifeln, sich nicht dem Untergang, dem Schrecklichen hinzugeben, sondern auch vom Standpunkt der eigenen Freiheit und Möglichkeiten ausgehen zu können. Und zum Beispiel, wie Hillesum, an einer inneren Integrität zu arbeiten. Diese ‚innere’ Arbeit ist eine wichtige Voraussetzung, um auch ‚äusserlich’ handeln zu können und den Kampf gegen äussere Zwänge, gegen Diskriminierung, Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung aufzunehmen. Die italienischen Diotima-Philosophinnen plädieren dafür, nicht nur die Unterdrückung zu bekämpfen oder abzulehnen, sondern auch vom Standpunkt einer bereits möglichen Freiheit auszugehen. Also von der Frage: Selbst wenn vieles schlecht läuft und es Zwänge gibt, wo ist der Punkt, an dem ich bereits hier und jetzt Freiheit umsetzen kann? Ich will nichts schön reden und bin mir meiner eigenen Privilegien bewusst. Gleichwohl denke ich: ausschliesslich darauf zu fokussieren, was alles schief läuft, bedeutet, sich selbst nicht als handelndes Subjekt zu sehen. Man ‚entmachtet’ sich selbst.

Oder anders ausgedrückt: Mit der Kritik an Herrschaft ist zwar die Bedeutung und die Wucht der Herrschaft benannt, aber es bleibt unsichtbar, was sonst noch geschieht. Reproduziert wird die Vorstellung, es gebe kein Anderswo der Geschichte, kein Anderswo des Politischen, kein Anderswo der Existenz. Wer nur das Falsche ablehnt, lässt sich auf die Logik dessen ein, was er_sie ablehnt. Man richtet sich im Feld des Kritisierten ein und akzeptiert, selbst wenn man es bekämpft, die Dimension, die Richtung und den Raum des Kritisierten. Es entsteht eine „rebellische Abhängigkeit“ (Wanda Tommasi), die ständig sich auf das beziehen muss, was sie ablehnt.

Die Philosophin Simone Weil argumentierte in ihrer Arbeit zu Hegels Herr-Knecht-Überlegungen, dass sich die Macht der Herrschenden ohne das innere Einverständnis der Beherrschten nicht halten könne. Der ‚Knecht’ – um beim Hegel-Bild zu bleiben – sei zwar objektiven Zwängen unterworfen. Er könne sich aber auch fragen, inwieweit er innerlich dem Wertemassstab derer zustimmt, die ihn beherrschen. Weiter kann er überlegen, wie er diesen verschieben kann. Folgt man Tommasi und Weil, ist die wichtigste Arbeit der Unterworfenen, ihre Zustimmung zur Unterwerfung innerlich aufzukündigen – damit die äusseren Zwänge äussere bleiben, und nicht das Innere auffressen.

Wie soll das gehen? Tommasi schreibt, eine solche Aufkündigung sei möglich, indem man die eigene Unterschiedlichkeit gegenüber dem ‚Herrn’ betone und versuche, diese Unterschiedlichkeit in gesellschaftlichen Umlauf zu bringen. Für sie ist klar, dass wir einer anderen Welt nur näher kommen, wenn wir deutlich machen, dass diese ein Stück weit schon da ist.

Ich habe vor kurzem mit einer Frau aus Ghana gesprochen, sie lebt seit 20 Jahren in der Schweiz. Sie hat viele Erfahrungen mit Rassismus gemacht und macht sie noch immer. Aktuell hilft sie einer Frau aus Pakistan, deren Mann gestorben ist und die keinen legalen Aufenthaltsstatus hat. Während ihrer gesamten Ferien war die Frau aus Ghana mit der Frau aus Pakistan auf Ämtern, bei der Sozialhilfe. Die Frau aus Ghana sagte mir: Ich überlege nicht, ob ich Zeit habe, wenn jemand Hilfe braucht. Ich tue einfach das Notwendige. Und ich helfe damit nicht nur der anderen Frau, sondern auch mir selbst. Denn das Notwendige zu tun, steht der Logik unserer Welt entgegen. Es ist gut zu spüren, dass ich es anders mache.

Eine andere Welt ist also schon da. Wenn wir sie zu sehen bereit sind.