Es gibt eine neue Frauen*bewegung

 

(Dieser Text erschien zuerst auf „beziehungsweise weiterdenken„)

Incite (Bild: Incite)

 

Die Ereignisse in Köln haben auf der Seite der Rechtsnationalen unglaubliche Kräfte freigesetzt. Eine entscheidende Rolle spielen dabei die sozialen Medien: Auf Facebook wurde nicht nur ungefiltert sichtbar, dass ein erschreckend großer Teil der Bevölkerung solche Ansichten hat. Facebook wurde auch zum Resonanzraum, in dem rechte Positionen sich nun öffentlich gegenseitig bestätigten – und bestärkten.

Nun gut. Was die Rechten können, können wir auch, oder? Nach der ersten Schockstarre sind nämlich auch in progressiven Milieus die Meinungsverstärkungs-Maschinen angeworfen worden. Besonders in feministischen Kreisen erlebe ich spätestens seit Köln ein neues ‚Gruppen-Gefühl’, überall gibt es Initiativen, Aufrufe, Vernetzungen, Aktionen und Reflexionen. Meine spontane und zugegeben spekulative Einschätzung ist sogar: Es entsteht gerade – und nicht erst seit Köln – eine neue Frauen*bewegung. Natürlich kann man sich über die Begriffe ’neu‘,[1] Frauen* oder ‚Bewegung‘ streiten und zum Beispiel von neuen Netzwerken, von feministischen Artikulationen oder Allianzen sprechen, oder von antirassistischen queerfemtransinterlesb* Bündnissen. Ich bin hier für alles offen. Mit ‚Bewegung‘ meine ich jedenfalls nicht irgendeine monolithische Sache mit Parteiprogramm oder Identitäts-Klauseln, sondern ‚Bewegung‘ wirklich im wörtlichen Sinne: von hier nach dort, und zwar in alle möglichen Richtungen. Immer in Veränderung. Mehr Rhizom als Organisation.

Dezentral, (post)migrantisch, multigeschlechtlich

Es geht mir auch nicht darum zu sagen, wir würden gerade alle zu einer schönen großen Familie. Denn diejenigen, die sich hier zusammentun, haben nicht die gleichen Ziele oder Vorstellungen. Differenzen sind vorhanden, oft grundlegende. Und das ist gut. Die Bewegung, die ich meine ist dezentral, (post)migrantisch, multigeschlechtlich, multi-überhaupt, transnational, antisexistisch, antirassistisch. Sie bildet Bündnisse je nach Aktualitäten, poppt auf, beruhigt sich, sie sickert in die Mainstreammedien, gelangt an eine breite Öffentlichkeit – oder auch nicht.

Die Frage ist: woher kommt diese gesteigerte Umtriebigkeit? Es gibt dafür mehrere Gründe, entscheidend scheint mir, dass die gesellschaftspolitischen Entwicklungen aktuell genau das zeigen, was in feministischen Zusammenhängen in den vergangenen Jahren intensiv diskutiert und analysiert wurde: Zum Beispiel die vielfältigen Verschränkungen von Sexismus und Rassismus. Die aktuelle Lage ist so voll von dem, worüber wir die letzten Dekaden gestritten und nachgedacht haben, dass wir eines mit Sicherheit wissen: Es soll uns bloß niemand mehr erzählen, wir würden abgehobene Debatten führen oder Partikular-Probleme verhandeln.

Anders gesagt: Wir waren all die Jahre nah dran, haben Transnationalität, Migration, Care, Ökonomie, Geschlecht und Sexualität untersucht, über Gleichheit und Differenz nachgedacht, Intersektionalität, Critical Whiteness und Postkoloniale Theorie beackert, neue Perspektiven von islamischen, afro-europäischen und queeren Feminismen entwickelt, an so genannte „Kopftuchdebatten“ teilgenommen, „Kulturrelativismus“ kritisiert, Kämpfe gegen Genitalverstümmelung geführt und überhaupt immer wieder die Frage gestellt: Welche feministischen Allianzen braucht es in einer Einwanderungsgesellschaft? Nicht zuletzt gab es fortlaufende Auseinandersetzung um Menschenrechte, deren Universalismus immer ein Dilemma war und ist, weil sie eurozentrisch sind – und gleichzeitig darüber hinausweisen.

Neue Formen des Aktivismus

All diese Themen werden jetzt auch von anderen entdeckt, und das zu realisieren steigert das Selbstbewusstsein. Ich bin keine Bewegungs-Forscherin, aber ich würde behaupten, dass ein gesteigertes Selbstbewusstsein auch die Wahrscheinlichkeit für neue Bewegungen erhöht. Es kommt hinzu, dass das Internet eine neue Form von Aktivismus möglich macht. Zum einen müssen wir nicht mehr auf die Straße, um Anliegen zu formulieren und dissidente Positionen zu vertreten (auch wenn der Gang auf die Straße sinnvoll sein kann). Zum anderen lassen sich schnell Allianzen bilden.

Heute sitzen Leute an einem Tisch, von denen wir das bis vor kurzem nicht gedacht hätten. Da hocken sie nun plötzlich gemeinsam – mal analog, oft digital – die posthumanistischen Cyborg-Nerd_innen, die Queertheoretiker_innen, zusammen mit den Differenzfeminist_innen, den Gleichstellungsbeauftragten oder Gender-Pädagog_innen, den (post)migrantischen Feministinnen, Leiter_innen von Frauenhäusern und Beratungsstellen, Pro-Choice-Aktivist_innen, den queeren Migrant_innen oder Netzfeministinnen, die profeministische Männerbewegung, Manager-Quoten-Verteidiger_innen oder Prostitutionsgegner_innen. Ganz zu Schweigen von Care-Revolutionär_innen, feministischen Theologinnen, Transgender-Netzwerken, Intersex-Bewegungen oder Öko-Feministinnen. Ich bin sicher, ich habe unzählige vergessen.

Ein weiterer Grund für die aufkeimende Mobilisierung sind die gemeinsamen Gegner_innen, deren Stärke uns auf unsere gemeinsamen Nenner zurückwirft. Oder voran wirft. Es gilt, das Falsche aufzuhalten. Denn das Falsche ist klar. Das Falsche ist Pegida, Afd, SVP, FPÖ. Ist Rassismus, Sexismus, ist der Graben zwischen arm und reich, die ökonomische Ausbeutung und die ökologische. Nein zum Falschen ist ein starker Nenner. Es ist aber mehr als bloß ein ‚Nein’ – wir sind ja keine wütenden Kinder. Es ist auch ein unglaublicher Reichtum an Expertisen, Ideen, Praktiken, Analysen, Entwürfen und nicht-mehrheitskonformen Blickwinkeln, der diesem ‚Nein’ Auftrieb verleiht.

Kein Komplettlösungs-Habitus

Gleichzeitig wäre es keine Frauen*bewegung, wenn sie der Auffassung wäre, ihre Fragen und Perspektiven abschließend behandelt zu haben, und jetzt einfach Rezepte liefern zu können. Feminismus definiert sich zunehmend darüber, nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die eigenen Paradigmen immer wieder zu hinterfragen. Hinter den neuen Allianzen steckt kein Komplettlösungs-Habitus, sondern ein „jetzt-ist-die-Zeit gekommen“, die Werkzeugkiste feministischer Analytik und Praxis nochmal ganz weit zu öffnen, zu teilen, einzubringen, anzubieten. Die sexistisch-rassistischen Strukturen treten gerade so offen zutage, dass vielleicht sogar der un-feministischste Mensch einen Griff in die Kiste hineinwagt.

Naja, das ist vielleicht zu optimistisch. Aber nehmen wir die Mainstreammedien: Bis vor kurzem wurde das Wort Feminismus kaum je ausgesprochen. Jetzt ist es da, dauernd. Es wird debattiert, sogar in der FAZ oder der konservativen ‚Die Welt’. Es gibt wieder laute und gehörte feministische Stimmen (in der Schweiz könnte es noch etwas lauter sein). Und ja, manchmal sind es kurze Empörungswellen, es geht ja bei allem immer auch um die Generierung von Klickzahlen. Wer heute irgendwas mit Feminismus oder Gender schreibt, zieht – vorhersehbar wie der Sonnenuntergang – Hass auf sich, und somit Klicks. Und Klicks, die brauchen Medien, machen wir uns hier nichts vor.

Gleichzeitig sind diese Stimmen aber auch in kleineren Blogs und unabhängigen Foren unterwegs. Sie schwimmen nicht nach der Logik der Mainstreammedien, sondern setzen eigene Agenden und Standpunkte, wann immer und wie sie es wollen. Und sie fungieren dabei tatsächlich als Korrektiv, sie stellen das infrage, was ‚alle wissen’. Und das bedeutet, dass sie oft die Mehrheit gegen sich haben werden. Aber das ist das Schicksal der Dissidenz. Denn wäre Feminismus tatsächlich Mainstream, bräuchte es ihn ja nicht mehr.

Wer eine neue Frauen*bewegung ausruft, muss vielleicht noch dies sagen: Wir können nie sicher auf der richtigen Seite stehen, oder mit Marcus Steinweg formuliert: „Wir können ganz klar auf der falschen Seite stehen, niemals jedoch auf der richtigen.“ Wer versucht, auf der richtigen Seite zu stehen, läuft Gefahr, dem Pathos der Moral zu verfallen, einer Position der „Unschuld“ (Donna Haraway), der es unbedingt zu widerstehen gilt. Das bedeutet zum Beispiel, nicht immer schon mit der Vision einer besseren Welt oder des großen Fortschritts in den Streit zu ziehen. Denn wir wissen heute, welche blinden Flecken Fortschrittsgläubigkeit entfalten kann: auch feministische Visionen waren und sind voll von rassistischen und/oder klassistischen Verwicklungen und Abwehrmechanismen, die tiefe Wunden hinterlassen haben. Das bedeutet: Auch wenn unser Nein jetzt deutlich ausfallen muss, so können wir den autoritären Positionen doch nur mit Durchlässigkeit begegnen. Eine Durchlässigkeit, in der das Richtige kontinuierlich ausgehandelt werden muss.

Ich bin der Überzeugung, man müsse den „Wind der Weltgeschichte“ (Walter Benjamin) ohne Erlösungspathos in die Segel lassen und die Kraft der historischen Augenblicke zu subversiven kleinen Sprüngen nutzen. Die Sprengkraft des Augenblicks kann sich aber nur entfalten, wenn Menschen sie individuell erfahren. Ich habe den Eindruck, dass wir diesem individuellen Erfahren gerade wieder etwas näher kommen. Mit dem Fühlen. Der Schrecken, der Schmerz, auch die Wut sind groß – und gleichzeitig gab es nie zuvor so viele Möglichkeiten, Schrecken, Schmerz und Wut raus aus dem privaten, therapeutischen in einen öffentlichen Raum zu tragen. Wie Sarah Ahmed schrieb: „Moving the pain into a public domain“.

Es ist das Verzwickte, aber vielleicht auch die Schönheit der Geschichte, dass niemand voraussagen kann, welche „gehörte Rede, welcher geschriebene Text, welches gesungene Lied, welche vorgetragene Dichtung, welches gedrehte Youtube-Video dazu beiträgt, dass eine weitere Person Feuer und Flamme für eine Sache wird. Wir können nicht vorhersehen, wie sich Dynamiken aufeinander auswirken. Wie sich Menschen gegenseitig inspirieren. Was für Netzwerke durch welche noch so ‚unwichtige‘ Veranstaltung entstehen. Und was für Bewegungen aus diesen Netzwerken entstehen“, schreibt Emine auf ihrem Blog ‚Diasporareflektionen‚. Und weiter schreibt sie: „Der sozialer Wandel ist nicht kalkulierbar. Revolution ist nicht kalkulierbar. Soziale Bewegungen sind nicht kalkulierbar. Widerstand ist nicht kalkulierbar.“

Aber er ist da.

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[1] Historisch gesehen ist etwas ‚Neues’ ausrufen nicht unproblematisch. Zum einen, weil sich die Frage stellt, inwiefern die Bewegungen/Aktionsformen, Protestmittel und Rhetoriken wirklich ‚neu’ sind. Und inwiefern das Label „neu“ selbst eine Politikform ist, die dem Aktivismus eine andere Art von Legitimität verleiht (wie meine Kollegin und Historikerin Leena Schmitter zu diesem Text anmerkte). Zum anderen gibt es – historisch betrachtet – auch nicht die große Veränderung, den großen (Fort)Schritt, sondern vielmehr eine „Gleichzeitigkeit von Wandel und Persistenz“ (Andrea Maihofer), also die Parallelität von Veränderungen, Fortbestehendem, Rückschritten und Krisen. Geschichte läuft nicht linear oder kausal ab. Das Neue ist voll vom Alten. Und gleichzeitig nicht einfach Wiederholung.

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Würde ich mich nochmal fürs Muttersein entscheiden?

Sherman_end Kopie
Cindy Sherman, „untitled 216“

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem erstgeborenen Kind nach der Geburt draußen stand. Ich hatte das Baby in eine Decke gewickelt und wollte mir den Himmel anschauen. Man sah tausende Sterne. Ich war sofort verliebt in dieses Kind, es fühlte sich alles selbstverständlich an.

Was mich zutiefst erschütterte war die Feststellung, dass mein Baby sterben würde, wenn ich es irgendwo liegen ließe. Fast schockartig wurde mir klar, dass es ohne mich – oder eine andere erwachsene Person – nicht überleben könnte. Es ist eigentlich keine besondere Erkenntnis, kein Baby überlebt allein. Aber die Tatsache, dass ab jetzt buchstäblich ein Leben in meiner Hand lag, erschütterte und beängstigte mich auch. In den folgenden Monaten hatte ich Alpträume, in denen ich mein Kind irgendwo vergaß, schlimme Fehler machte und es dadurch in Gefahr brachte.

Seither sind viele Jahre vergangen, es kam ein zweites Kind. Ich wurde routinierter, die Alpträume seltener. Auch wenn es nicht immer um Leben und Tod ging, so blieb die kindliche Abhängigkeit. Sie hat mein Leben verändert wie sonst kaum etwas. Ein Großteil meines Mutterseins handelte davon, in Situationen zu sein, die ich nicht unbedingt frei gewählt hatte, in denen ich mich vielmehr plötzlich wieder fand – weil es notwendig war. Das Kind musste in den unmöglichsten Momenten gewickelt und gefüttert werden, es musste festgehalten werden, während es den steilen Turm erklomm, ich musste nach Mitternacht in überfüllten Notaufnahmen sitzen oder das tobende Kind im Kinderwagen festbinden usw.

Natürlich ist das Leben auch in anderen Bereichen voller Zwänge, wir müssen vieles. Aber die unmittelbare elterliche Notwendigkeit, Dinge tun zu müssen, weil sonst ein anderer Mensch stirbt oder etwas grundlegend nicht mehr funktioniert, ist in seiner radikalen Pausenlosigkeit sehr spezifisch. Auch deshalb,  weil es in der Beziehung mit kleinen Kindern wenig Übereinkünfte gibt. Man kann mit einem Baby nicht einvernehmlich absprechen, auf welche Weise das gemeinsame Leben, Bedürfnisse nach Rückzug, Eigenständigkeit und Gemeinsamkeit gestaltet werden. Man kann sich in der Regel nicht entziehen, nicht kurz aus dem Bezug aussteigen, sich ausklinken, Dinge aufschieben.

Nicht selten fühlte es sich so an, als sei ich in einem viel zu schwierigen Job, den ich aber nicht wechseln, nicht künden konnte. Mir ist bewusst, dass dies aus der Perspektive von Menschen, die Kinder wollen, aber – aus welchen Gründen auch immer – keine haben können, als ein privilegiertes ‚Luxus-Problem‘ erscheinen mag. Umgekehrt erscheint denjenigen, die Kinder haben, ein kinderloses Leben oft als Luxus.

Vor kurzem las ich in einem Forum den Kommentar einer Mutter, der einiges von meinen eigenen Erfahrungen wiedergab: „Ich empfinde mein Mutter-Sein oft als eine Situation, in die ich geworfen bin, ob ich will oder nicht. Vieles ist nicht selbst bestimmt. Das fängt schon mit dem Gebären an: Eine Art unbestimmte Kraft macht, dass wir gebären. Ob wir wollen oder nicht. Es ist zwar kein vollkommen passiver Akt, aber dennoch gewaltig, ja beinahe gewalttätig. Frauen können eine Geburt als ähnlich verletzend und traumatisch empfinden wie nicht-konsensuellen Sex“.

Der Vergleich mit einer Vergewaltigung ist natürlich schwierig. Aber es leuchtete mir ein, dass der Prozess des Kinderkriegens und Kinderhabens von Frauen als gewaltvoll, als ent-subjektivierend und in vielen Momenten als nicht-konsensuell erfahren werden kann. Nicht selten geht es bei einer Geburt um Leben und Tod, viele berichten von einem Gefühl des Ausgeliefertseins, andere erzählen, ihr Körper sei ihnen im Zuge von Schwangerschaft, Geburt und stillen „abhanden gekommen“, und es sei schwer für sie, ihn „wieder zurück zu bekommen“, ja überhaupt sich selbst wieder zurück zu bekommen. Ähnlich beschreibt es auch die Frau in besagtem Internetforum: „Mutterschaft ist für mich etwas schmerzhaft Ambivalentes. Meine Kinder haben meinen Körper, meine Sexualität, meine Beziehung, meine Karriere mehr beeinflusst und oft genug schwer beschädigt, als jede andere Entscheidung in meinem Leben.“

Als besonders schwierig empfindet sie dabei den Umstand, dass es kaum Räume gebe, in denen sie offen darüber sprechen könne, als wie belastend sie ihre Mutterschaft häufig empfindet.[1] Und damit meine sie nicht das „normale Durchschnittsjammern von Eltern, die alles furchtbar anstrengend finden.“ Denn dass es anstrengend ist, dürfe man heute zum Glück sagen. Vielmehr gehe es ihr um die „tiefe existenzielle Situation, in der ich durch die Kinder mein Leben bedroht sehe“. Eine Diskussionsschlaufe weiter schreibt sie: „Ich beneide die, die keine Kinder haben und nie welche wollten. Weil ich gerne mein Leben als Kinderlose wieder hätte. Und nein, es ist keine Möglichkeit, meine Mutterschaft wieder rückabzuwickeln. Aus der Sicht der Kinder nicht, aus meiner nicht. Denn natürlich gibt es auch gute Momente – in welchem Leben gibt es die nicht.“

Man kann das Muttersein nicht rückgängig machen. Und will es auch nicht. Dennoch stelle ich mir manchmal die Frage: Würde ich mich vor dem Hintergrund meiner heutigen Erfahrung, meines Wissens und der Art, wie ich heute bin nochmal für die Mutterschaft entscheiden? Ich bin nicht sicher.

Vor kurzem erschien die Studie „Regretting Motherhood“ der israelischen Soziologin Orna Donath. Sie gab zu reden, weil erstmals Frauen öffentlich sagten, sie würden es bereuen, Mutter geworden zu sein. Mich hat die Ehrlichkeit dieser Mütter berührt. Die Art und Weise, wie sie erzählten war voller Brüche und Widersprüchlichkeiten, und voller Lieber für ihre Kinder. Aber trotz der Liebe kamen sie alle zu dem Schluss: Ich bereue es, Mutter geworden zu sein. Ich will eigentlich nicht Mutter sein. Dennoch liebe ich meine Kinder und kann mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen.

Interessant fand ich, dass die Dimensionen der Mutterschaft und der Mutterliebe offenbar als etwas Getrenntes wahrgenommen werden können. Sie fallen nicht zwangsläufig zusammen. Folglich muss die Ablehnung der Mutterrolle auch nicht die Ablehnung der Kinder bedeuten.

Ich selbst bereue es nicht, Mutter zu sein. Aber wenn ich darüber nachdenke, kann ich mir eine Biographie ohne Kinder sehr gut vorstellen. Nicht ohne meine Kinder, aber ohne Kinder. Ich kann mir ein erfülltes Leben als Nicht-Mutter vorstellen. Ich hätte da einige, durchaus viele Ideen, wie ein solches Leben aussehen könnte. Mich als kinderlos zu imaginieren passt – auch im Alter. Es fühlt sich angenehm und richtig an. Ich sehe mich viele Dinge tun, Interessen verfolgen, arbeiten. Es kann auch durchaus Care-Arbeit sein, für andere sorgen, aber ich müsste dabei nicht unbedingt selbst Mutter oder Großmutter sein.

Nun entsteht das Hadern mit dem Muttersein natürlich nicht nur durch das Gefühl einer schicksalhaften Unentrinnbarkeit, sondern ist auch stark beeinflusst durch all die Zuschreibungen und Normen rund um Mutterschaft und Mütterlichkeit. Diese sind „viel verletzender und belastender als alles, was ich bisher erfahren habe“ – schreibt die Frau in dem Forum weiter. Anders gesagt: Wir sind nicht im luftleeren Raum Mütter, sondern in einer komplexen gesellschaftlichen Situation. Mich zum Beispiel macht es wahnsinnig, dass wir so unglaublich nah dran sein müssen an unseren Kindern, es gibt dafür den Begriff der „Helikopter-Eltern“: Unter aktuellen Eltern ist ein ständiges Kreisen über einem ständig drohenden Kinder-Worse-Case weit verbreitet. Selbst wenn man sich dagegen wehrt und es schafft, einigermaßen locker zu bleiben, ist ja doch der vorherrschende Habitus: Eltern hocken – zumindest in bestimmten Milieus – auf ihren Kindern wie Riesen-Tintenfische, mit hundert Armen und Ängsten. Die Sorge, etwas falsch zu machen, die Kinder nicht in die ‚richtige‘ Spur zu kriegen, nicht die optimalen Lebensumstände bieten zu können, raubt einem fast den Atem. Die Vorstellung, dass alles, wirklich alles von uns Eltern abhinge, hat eine solche Dimension erreicht, dass jegliches Mini-Scheitern der Kinder sofort die eigene Identität infrage stellt.

Der Punkt ist, dass diese Hyper-Verantwortlichkeit in Konflikt steht zu jenem bis heute gültigen Menschenideal: dem autonomen Subjekt. Selbstbestimmtheit und Individualismus sind die Prämissen unserer Zeit und heute auch bei Frauen verbreitet. Gleichzeitig schaffen es gerade die Frauen qua kulturellen Zuschreibungen und fortbestehender ungleicher Arbeitsteilung selten, dieses Phantasma zu erreichen. Manche können den Konflikt einigermaßen lösen, weil sie trotz oder gerade wegen des vorherrschenden Individualismus Befriedigung daraus ziehen, gebraucht zu werden (sei es, weil sie sich mit dieser Art ‚Mutterrolle‘ identifizieren, sei es aus anderen Gründen).

Aber was, wenn das nicht funktioniert? Wenn dieser Konflikt nicht lösbar ist? Mich persönlich machen das Gebraucht-Werden, die Unausweichlichkeit der Eltern-Funktion nervös, sie bedroht oft genug meine schiere Existenz. Auch gibt mir das Bemühen um das „Richtige“ (die passende Musikförderung, die wirksamsten homöopathischen Kügelchen, die richtige Erziehungsmethode, die beste Kita) wenig Befriedigung, ich kann mit dieser Art Tätigkeiten einfach nicht viel anfangen. All dies ist übrigens – wie bei den Müttern in besagter Studie – unabhängig von der Liebe, die ich für meine Kinder empfinde. So mag ich es zum Beispiel, mit meinen Kindern ‚Hang Man‘ zu spielen, ausgiebig herum zu blödeln oder vorzulesen. Auch mag ich Endlos-Reisen im Auto. Jenseits von Alltag – nur wir, unser Gezanke oder unser Frieden, die Hitze und die Autobahnrastätten.

Ich bin dankbar, dass ich mich in den vergangenen Jahren auch gesellschaftstheoretisch mit Mutterschaft beschäftigen konnte.[2] Dadurch kam etwas Licht in den Wust der Gefühle, ich konnte eine Sprache entwickeln für das, was ich erlebe. Was mich besonders anregte, waren differenzfeministische Ansätze (z.B. Adriana Cavarero, Luce Irigaray, Antje Schrupp, Ina Praetorius und andere): Sie beschreiben – hier nun sehr vereinfacht – das Prinzip ‚Mutterschaft‘ als eine fundamentale Bedingung menschlicher Existenz.[3] Im Mütterlichen komme exemplarisch zum Ausdruck, was Menschsein ausmache: Zum einen die zwingende Notwendigkeit, für andere oder auch für ‚die Welt’ zu sorgen, und zum anderen die eigene Abhängigkeit, Fürsorge zu bekommen. Kein Mensch überlebt ohne Fürsorge.

Die Notwendigkeit, umsorgt zu werden und andere zu umsorgen steht allerdings in Widerspruch zu jenem abendländischen, männlich konnotierten Ideal-Subjekt, das autonom und souverän durch die Welt läuft – jenseits von Scheiße, Futter, gebären und sterben. Um das Ideal zu verwirklichen, muss das autonome Subjekt die Kränkung der eigenen Abhängigkeit, die tiefe Verwobenheiten der menschlichen Existenz abwehren. Diese Abwehr ist im Verlauf der Geschichte immer wieder gelungen, weil Fürsorge Frauen zugeschrieben wurde bzw. jener Gruppe Menschen, die als Frauen definiert wurden. Kurz: Das ‚Weibliche’ und die dem Weiblichen zugewiesene Mütterlichkeit wurden abgewertet und unterdrückt, damit die menschliche Fürsorge-Abhängigkeit ausgeblendet werden konnte.

Kein Mensch überlebt ohne Fürsorge. Wir sind nicht autonom. Wir können überhaupt nur frei sein, wenn für uns in vielerlei Hinsicht gesorgt ist und wir ‚in Bezug‘ zu anderen stehen. Antje Schrupp und Ina Praetorius nennen das „Freiheit in Bezogenheit“ und meinen damit, dass Bezogenheit eine fundamentale Voraussetzung der Freiheit ist. Oder anders gesagt: Wir können nur frei sein, wenn wir gleichzeitig unsere Grund-Vulnerabilität (Judith Butler) (an)erkennen. Das alles ist aber nicht nur eine Frage der individuellen Einstellung, sondern es braucht einen gesellschaftlichen sowie auch ökonomischen Wandel, bei dem ‚Sorge tragen‘ und eigene Abhängigkeiten endlich die Bedeutung bekommen, die ihnen gebührt. Zum einen, damit Menschen (z.B. Frauen, Migrant_innen) für Sorgearbeit nicht mehr ausgebeutet werden können, und zum anderen, weil es auch ökologisch dringend notwendig ist, dass unser Verhältnis zur Erde sich wandelt.

Ich weiß nicht, ob ich in einer solchen besseren Welt mit der Mutterrolle weniger hadern würde. Es zu hoffen, macht das Muttersein für mich aber auf jeden Fall etwas leichter.

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[1] Solches oder Ähnliches empfinden heute zweifellos auch viele Väter bzw. Eltern aller Geschlechter und Formen.

[2] Zum Beispiel das versöhnliche Buch „Of Women Born“ von Adrienne Rich, oder die erbarmungslos Mutter-kritischen französischen Philosophinnen Simone de Beauvoir und Elisabeth Badinter, die amerikanische Theoretikerin Shulamit Firestone, die am liebsten alles der Technologie überlassen will, verschiedene Marxistinnen wie Silvia Federici oder Roswitha Scholz, Audre Lorde und ihre Beschäftigung als Schwarze lesbische Mutter, die Psychoanalytikerin Luce Irigaray und ihre Versuche, das Mutter-Tochter-Verhältnis anders zu denken. Differenzfeministische Ansätze von Adriana Cavarero, Antje Schrupp oder Mariam Irene Tazi-Preve oder Ina Praetorius. Ebenfalls interessant die Auseinandersetzung mit dem bewussten Nicht-Muttersein in Sarah Diehls Buch „Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich“. Wichtig waren für mich aber auch queerfeministische kritische Auseinandersetzung mit dem Privileg, überhaupt Mutter sein zu können, von der Gesellschaft für diese Rolle überhaupt für ‚gut’ befunden zu werden, dafür vorgesehen zu sein. Mutterschaft ist vielen auch immer wieder systematisch abgesprochen worden. Zum Beispiel aus rassistischen, homosexuellenfeindlichen, klassistischen oder behindertenfeindlichen Motiven und Herrschaftsstrukturen. Es werden nicht alle für die so genannte Reproduktion der Gattung gleichermaßen für gut befunden.

[3] Mit dem Mütterlichen ist hier nicht eine biologistisch essentialistische Kategorie gemeint, sondern ein universelles Prinzip der Fürsorge, das weder nur in der Sorge um (eigene) Kinder zum Ausdruck kommen noch von Natur aus Frauen anhaftet oder überhaupt mit Weiblichkeit konnotiert sein muss. Mit dem Festhalten am Begriff des Mütterlichen soll aber deutlich werden, dass – im Sinne eines gesellschafts-historischen Konstruktionsprozesses – das Prinzip der Fürsorge Frauen zugeschrieben wurde bzw. jener Gruppe Menschen, die als ‚Frauen’ definiert wurden und werden.