Die Rhetorik der Rechten

Ende November/Anfang Dezember 2018 erscheint mein Buch „Die Rhetorik der Rechten. Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick“ (Xanthippe Verlag).

Die Buchvernissage (plus Podium mit Floris Bikamp und Damir Skenderovic) ist am 11. Dezember im KOSMOS Zürich.

Am 18. Dezember lese ich in Basel, im unternehmen mitte, Beginn 20 Uhr, Eintritt frei, Kollekte.

Zum Buch:

Schutzbach_Cover

Rechtspopulistische Rhetorik ist darauf angelegt, extreme Positionen zu verschleiern. Pausenlos betonen RechtspopulistInnen die Vereinbarkeit ihrer Ideen mit jenen der liberalen Mitte und machen sich Werte wie die Meinungsvielfalt zunutze. Auch das Schüren von Ängsten und Kulturkonflikten sind zentrale Strategien ihrer Rhetorik. Nicht zuletzt werden demokratische Errungenschaften wie Antidiskriminierung, Gleichstellung oder sogar Menschenrechte gezielt abgewertet und als angeblicher Minderheitenterror verteufelt.

Franziska Schutzbach zeigt, wie RechtspopulistInnen rhetorisch vorgehen, welche stilistischen und inhaltlichen Mittel sie anwenden und dass rechtspopulistische Rhetorik nicht mehr nur von Rechten benutzt wird. Basierend auf aktueller Forschung gibt sie einen differenzierten und verständlichen Einblick in rechtspopulistische Diskursstrategien und liefert
mögliche Gegenstrategien.

Das Buch kann hier bestellt werden.

 

 

 

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Die Aversion gegen Frauen ist in der Schweiz hausgemacht

Kurze Notiz zu Aversionen gegen Frauen, Tamara Funinciello, 50 Jahre Frauenstimmrecht, Schweizer Stil

In der Schweiz sitzen Aversionen gegenüber Frauen historisch tiefer als anderswo. Deutlich wird das zum Beispiel an der Geschichte des Frauenstimmrechts: Bis heute wurde nicht wirklich anerkannt, dass die im Vergleich zu anderen Ländern extrem späte Einführung dieses Rechts ein historisches Unrecht ist. Und dass diese späte Einführung mit ein Grund ist, dass wir gleichstellungspolitisch in der Schweiz bis heute deutlich hinterher hinken. Bisher gab es keine offizielle Entschuldigung der Schweiz dafür, dass man Frauen so lange die Mitbestimmung verweigerte, dafür, dass die Schweiz bis 1971 keine wirkliche Demokratie war, da sie der Hälfte der Menschen untersagte, mitzureden (auch heute wird vielen Menschen  mit so genanntem Migrationshintergrund dieses Recht noch verweigert).

Bis heute gesteht man in der Schweiz nicht ein, dass das viel zu späte Frauenstimmrecht, diese zutiefst erschütternde Geschichte, dieser unfassbare Affront ein zentraler Grund ist, weshalb wir Frauenpolitisch hinter dem Mond sind und es bis heute starke Verzögerungen in gleichstellungspolitischen Themen gibt. Denn: Frauen konnten im Vergleich zu anderen Ländern erst viel später überhaupt an der offiziellen Politik teilnehmen, mit enormer Verzögerung konnten sie ihre Belange einbringen und politische Stossrichtungen beeinflussen.

Die Verzögerungen, die durch das späte Frauenstimmrecht entstanden sind, wurden bis heute weder wirklich eingestanden noch aufgeholt. Quoten wären das Mindeste, was die Schweiz ‚ihren’ Frauen schuldet. Und eine offizielle Entschuldigung. Und Karosserien und rote Teppiche.

Stattdessen werden, wie die letzten Wochen am Beispiel von Tamara Funinciello deutlich wurde, Frauen mit Hass übersäht. Und nein, das waren nicht vor allem ‚Nordafrikaner’. Die Aversion gegen Frauen in diesem Land ist kein Ausländerproblem, sondern historisch, hausgemacht, immanent. Meistens, wenn Frauen etwas wollten, hat es in der Schweiz Jahrzehnte gedauert, war die Schweiz – im europäischen Vergleich – extrem langsam. Die Schweiz hört kaum auf ‚ihre’ Frauen, nimmt sie nicht ernst. Sie ist ein durch und durch männerbündlerisches Land. Das gilt oft gerade so für linke/progressive Kreise. Als Hausmütterchen und nette Kindergärtnerinnen sind Frauen geduldet. Wehe, sie wollen mehr. Wehe, sie sind frech. Kein Land für aufmüpfige Frauen. Wir wissen das von Iris von Roten, Christiane Brunner, Jolanda Spiess-Hegglin bis hin zu den Frauenstimmrechtskämpferinnen, die um Leib und Leben, Freundschaften und Jobs fürchten mussten (bis in die 1970er Jahre!).

Die Schweiz ist stolz auf ihre Konsensorientiertheit, auf ihre Politik der Kompromisse – ‚hier bei uns geht man hinterher mit dem Gegner ein Bier trinken’, so heisst es. Wie toll!

Aber das funktioniert nur für die Männer. Frauen müssen, um gehört zu werden, den Vorschlaghammer hervornehmen. Mit Nettigkeiten und Kompromissbereitschaft haben sie selten etwas erreicht. Und das Bier hinterher, dafür reicht die Zeit nicht, weil sie zu den Kindern müssen. Es ist ein Dilemma: Frauen müssen, um überhaupt gehört werden zu können, den ‚Schweizer Stil’ brechen. Um dann genau dafür wiederum gejagt zu werden.

Liebesbrief an die Fasnacht – für ein ‚Wir‘, das nicht nach unten tritt

Gastbeitrag von Michèle Meyer

Liebe Frau Fasnacht,

Ich wollte Dir schon immer mal schreiben. Einen Liebesbrief natürlich. Nur irgendwie fand ich die Worte und den richtigen Zeitpunkt nie. Nun findet der Zeitpunkt mich, und um die Worte werde ich ringen müssen. Sei‘s drum.

Du bist meine grosse Liebe, «z Basel», Frau Fasnacht. Seit es mich gibt und ich hoffte auch solange es mich gibt. Ich verdrücke mir gerade zwei drei Tränen über dieses Zweifeln und erinnere mich an das eine mal in 54 Lebensjahre. Dieses eine mal als ich Dich verpasste. 12 Jahre war ich alt, erwachte Montags um 4h weinend in einer Ferienwohnung im Engadin.

Nie wieder. Es war fürchterlich. Die Erinnerung lässt mich ahnen wie es wäre ein Leben, eine Welt, ohne Dich. Und diese Ahnung verbindet mich nur kurz mit den Menschen, die vorvorgestern Freitag durch die Stadt marschierten. In Panik, unreflektiert, hochemotional und angeblich verbündet gegen den eingebildeten Feind.

Ich kann es fühlen, auch in mir, dieses verbissen Festhaltenwollen oder gar – müssen. Die Welt könnte untergehen. Meine Farbenwelt im Grauen, das Miteinander im Gegeneinander könnte verloren sein. Für immer. Niemals. Hergeben. Nichts preisgeben. Bloss nicht.

Festhalten am Zeitlosen in der Schnelle. Das sich-um-den-Bauchnabel-drehen und es als Welt verstehen: nicht loslassen.

Ja.

Ich liebe es; dieses mich verlieren und verlieben in den Moment, die Stadt und die Menschen. Und nun wollt‘ ich, ich könnte Dir in den Rocksaum weinen, Frau Fasnacht. Meine Trauer in deinem «Ridicule» verstecken und mir nichts anmerken lassen.

Dabei bin ich vorvorgestern aus dem Wir gefallen. Ausgespuckt. Kühl. Trocken. Dumpf. Blopp. Einfach so. Ja, eigentlich ist alles einfach und gar nicht so komplex und kompliziert, wie es scheint.

Privileg ist uns heilig. Von wegen wir sind anders. Angst vor Identitätsverlust treibt seltsame Blüten auch in Basel. Eindeutig rassistisch konotierte Symbole geben angeblich Halt und werden zu überlebenswichtig en «Acessoirs».

Dieses unausgesprochene Wir- durch alle Schichten, politische Haltungen, durch «aller Gattig» wie meine Oma sagen würde – endet also hier.

Entlarvt. Enttäuscht. Entzaubert

Liebste Frau Fasnacht, ich liebe es einmal im Jahr kollektiv «aus der Zeit zu fallen» 72 Stunden lang. So tun als könnte uns die Zeit nichts anhaben. Obwohl die Zeit und die Menschen in der jeweiligen Zeit immer schon die Fasnacht bestimmten und wandelten. Während Anarchie und Poesie die Stadt und uns beherrschen… Jahr für Jahr.

Was sonst im Spagat nicht möglich wäre, findet zusammen, ergänzt sich. Auch darum sind mir dir ungeschriebenen Gesetze, die uns beschützen und uns gemeinsam einigermassen heil durch die Narrentage kommen lassen, heilig. Ich fürchte oft, dass sie verloren gehen und damit die Vielfalt und das gemeinsame Hochschaukeln zerfällt. Und nur noch Ellbogen und triviale Unterhalten zählen. Dass Subversion nur noch Ventilfunktion bekommt. Basel als einzig grosser Stammtisch.

Ja, vorvorgestern Freitag schien der Stammtisch greifbar. Marschierte durch die Stadt. Mir ist als wäre Fasnachtsdonnerstag und mein Blues das Einzige was bleibt.

Als hättest sogar Du, Frau Fasnacht mich zurückgelassen, wie ein verlorener «Zoggeli» im «Strossegräbli»

Mein LarvenRausch, der durch Enge, Blickwinkel und Lackierung mich immer betört, schmerzt nun in der blossen Vorstellung, als Metapher. Abgrundtief.
Ich liebe es mich im Takt der Märsche zu wiegen, ich Taktlose, im Wir, mit Arschlöchern, Langweilern und Freundinnen von links wie rechts. Und nun?

Ich weine um den Verlust. Ich bin nicht Teil eines Wir, das nicht zuhören will. Ich bin nicht Teil eines Wir, das wild um sich schlägt, weil jemand sagt: «Tschuldigung, ihr machet mir weh. Könnte mer rede?». Kein Wir für mich, wenn Wir meint, unsere Identität hänge an einem rassistischen Logo. Am Namen einer oder zwei «Gugge». (usgrächnet!)

Liebe Frau Fasnacht, was mach ich nur? Wie kleingeistig sind wir geworden und warum trifft es mich so überraschend – wie kam ich auf die Idee Basel sei anders?

Vielleicht auch, weil ich Dich nicht hergeben will. Nicht einmal jetzt.

Alles tut weh und ich bin himmeltraurig aber noch immer «agfrässe».
Und gerade darum war ich am Freitag als Vortrab unterwegs. Alleine. Ausgespuckt vom Wir. Bezug nehmend auf das, was nicht reflektiert werden darf.

Und subversiv. Die Zuschauende am Strassenrand haben mich dafür mit Hohn und Gewaltfantasien eingedeckt. Sei’s drum.

Ich war dort für Dich geliebte Frau Fasnacht. Für alles, was mir heilig ist, und für ein Wir, das mit der Zeit geht, wächst und den Namen verdient.

Ein Wir, das nicht von oben nach unten tritt. Ein Wir, das nicht demonstrativ für etwas einsteht, das andere verletzt. Für ein Wir, das sich selbst hinterfragen kann. Und vor allem für ein Wir, das Faschos aktiv ächtet, statt mit ihnen zu marschieren oder «Beggeschmütz aka Mohrenköpfe» zu verspeisen.

Und jetzt weine ich weiter und freue mich auf Dich.
In Liebe

Deine Michèle

***

Anmerkung: In den letzten Tagen gab es in Basel – darauf nimmt der Beitrag oben Bezug – eine Debatte um die Fasnacht und um dort verwendete Symbole und Begriffe, die einen kolonial-rassistischen Hintergrund haben. Mehr Infos im Interview mit Naim Mbundu.

Weitere Infos zum ‚Marsch‘, an dem sich hunderte menschen dafür stark machten, weiterhin rassistische Symbolik verwenden zu dürfen. Und ein Kommentar von Carlos Hanimann.

Am 22. August findet in Basel aufgrund der Auseinandersetzungen ein Podium statt.

 

Michèle

Michèle Meyer mit einer provokanten Aktionam am genannten „Solidaritätsmarsch“. An diesem Marsch machten sich am 16. August hunderte Menschen in Basel dafür stark, weiterhin rassistische Symboliken und Begriffe verwenden zu dürfen (auch Rechtsextreme marschierten mit).

Foto: Jonas Hirt

 

Speech an der Zürich Pride 2018

Speech, gehalten an der Zürich Pride. 16. Juni 2018 von Franziska Schutzbach (ungekürzte Version)

Liebe Menschen,

ich fühle mich geehrt, dass ich heute hier sprechen darf. Und dass Ihr mir zuhört. Es ist nicht selbstverständlich, eine Stimme zu haben, sie erheben zu können und gehört zu werden. Gerade die Stimmen von Frauen*, insbesondere von lesbischen oder Frauen of Color wurden historisch immer wieder ausgelöscht. Marginalisiert.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer ist, dass sie eine tiefschürfende Herausforderung für bestehende Verhältnisse sind. Ja, sie sind explosiv, weil sie Veränderung bedeuten. Würden diese Stimmen weitläufig gehört und akzeptiert, wäre die Gesellschaft eine grundlegend andere. Sie werden also nicht marginalisiert, weil sie schwach sind, sondern weil sie so stark sind. Weil sie ein grosses Sprengpotential haben.

Wir müssen uns klar sein: Sollten lesbische, schwule und queere, transgeschlechtliche, non-binäre usw. Lebensweisen dereinst wirklich als gleichwertig gelten, wenn es also kein Stigma mehr gibt, werden noch viel mehr Menschen als jetzt ihre queeren Seiten entdecken. Noch viel mehr Menschen als jetzt werden dann den Mut haben, verschiedene Sexualitäten auszuprobieren, zuzulassen. Die Gesellschaft wird ‚homosexualisiert’, genau! Das konservative Schreckgespenst, nämlich die Homosexualisierung, trifft zu: Selbstverständlich werden mehr Menschen ihre queere Seite entdecken, wenn all das total erlaubt und normal ist! Die heterosexuelle Norm bleibt im Falle einer tatsächlichen Gleichberechtigung und Ent-Stigmatisierung von Queerness nicht einfach bestehen. Sie erodiert. Sie verliert den Status der Norm.

Meine Lieblingsthese in Bezug auf den aktuellen reaktionären Backlash ist, an guten Tagen, dass er unter anderem eine Reaktion auf progressive Entwicklungen ist: Weil minorisierte Menschen lauter geworden sind, sich zeigen, mitreden, Dinge fordern, gibt es so heftige Reaktionen. Der Ruf nach Re-Traditionalisierung, der Antifeminismus, die aufkeimenden rassistischen sowie LGBTIQ-feindlichen Ressentiments und Attacken, die Forderung nach starken nationalen Grenzen oder das Beharren auf Leitkultur sind ein Zeichen dafür, dass alte Gewissheiten tatsächlich ins Wanken geraten sind.

Das ‚weisse Hetero-Patriarchat‘ liegt in den letzten Zügen. Das ist nicht ungefährlich. Mit dem Heteropatriarchat ist es wie mit einem angeschossenen Tier: Es ist im angekratzten Zustand besonders gefährlich. Wie das alles ausgeht ist, angesichts des Erfolges autokratischer Politikstile nicht ausgemacht. Eine Strategie dieser Politikstile ist es, die Forderungen von Minorisierten lächerlich zu machen oder als antidemokratisch und autoritär zu brandmarken. Behauptet wird, Dinge seien nicht mehr sagbar, freie Meinung würde verhindert – nur, um im gleichen Atemzug genau diese Dinge zu sagen. Frauenfeindlichkeit, rassistische, homo- oder transfeindliche Aussagen – sie sind keine Tabus, sondern täglich zu hören, zu lesen, zu spüren.

Gefahr droht nicht von Transgender-Toiletten

Es wird so getan, als wäre es der Untergang des Abendlandes, eine Gefahr für die Freiheit, wenn es transgender-Toiletten gibt oder eine gendergerechte Sprache. Verzerrt wird damit, dass solche Neuerungen zwar die Gesellschaft verändern, dass aber die Gefahr, also das Potential für ‚Untergang‘ und Freiheitsbeschneidung aus einer anderen Ecke kommt. Nicht vom „Sternchen-i“ (ein AfD-Politiker warnte jüngst vor dem „Sternchen-i“ (sic!)), nicht von einer Handvoll Feministinnen. Die Gefahr kommt vielmehr von kulturellen (und biologischen) Reinheitsphantasmen und Leitkulturideologien, von der Vorstellung, Heterosexualität sei die einzige Gott gewollte Lebensweise. Gefahr droht von Akteuren, die Sexualkunde-Unterricht verhindern wollen und nicht nur verhindern, dass Kinder einen offenen und selbstbewussten Umgang mit Sexualität lernen, sondern Kindern damit auch wichtige Informationen vorenthalten – zum Beispiel, wie sie sich vor Gewalt schützen.

Gefahren drohen von jenen, die nationale Grenzen dicht machen und Flüchtlingskonventionen ausser Kraft setzen, die soziale Absicherungen und Wohlfahrtsstaatlichkeit abschaffen und torpedieren, von jenen, die Gleichstellungsbüros oder Menschenrechtskonventionen abschaffen wollen, die demokratische Institutionen angreifen und unterwandern, Universitäten kaputt sparen und kritische Wissenschaften verhindern. Nicht zuletzt von Leuten, die Kunstförderung und alles wegsparen, was jenseits reiner Nutzenkalkulationen steht.

Eine freie und demokratische Gesellschaft ist unter anderem darüber definiert, dass sie in Dinge investiert, die nicht an Zweck und Nutzen ausgerichtet sind, in Dinge, die eine freie Entfaltung von Denken und künstlerischem Schaffen ermöglichen. Eine freie Gesellschaft ist darüber definiert, dass sie nicht bloss auf Technokratie und Marktlogik, sondern auch auf Experimentierfreudigkeit und auf Fehlertoleranz beruht. Eine Gesellschaft, in der die Poesie abgeschafft wird, ist in Gefahr.

Es ist nicht totalitär, Chancengleichheit herzustellen

Unsere Verfassung sieht vor, die Gleichstellung von minorisierten Menschen nicht nur auf dem Papier festzuhalten, sondern auch umzusetzen, das heisst Ressourcen dafür bereitzustellen. Die Demokratie hat sich dazu verpflichtet, nicht nur Rechte auf dem Papier zu formulieren, sondern Chancengleichheit herzustellen. Das ist nicht totalitär, vielmehr ist es ur-demokratisch dafür zu sorgen, dass Menschen ihre Rechte auch nutzen können.

Die anti-etatistische Propaganda hat die vollkommen verquere Meinung salonfähig gemacht, demokratische Grundgedanken und eine inklusive Gesellschaft seien totalitär. Die Folge dieser epistemischen Offensive ist, dass Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit – auch wenn sie noch so bescheiden sind – zunehmend als ungehörige Eingriffe in die Natur, in den Markt, in die Vorlieben des so genannten „Volkes“ oder in den Plan Gottes empfunden werden. Veränderung wird mit Gefahr, mit Diktatur und Verbot gleichgesetzt. Angst geschürt wir vor den angeblich zu hohen Risiken sozialer und politischer Veränderung. Dieser Argwohn gegenüber den Möglichkeiten menschlichen Handelns oder Eingreifens schafft letztlich die Voraussetzung, um asymmetrische Herrschafts-Ordnungen zu stabilisieren und legitimieren.

Die Rhetorik der Denkverbote, der Tabus und politischen Korrektheit ist dabei zentral. Sie legt nahe, dass es eine ‚Befreiung’ brauche, ein ‚Schweigen, das gebrochen’, ein ‚Denken, das befreit’, ‚Verbote, die aufgehoben werden’ müssten. Das Feindbild der Political Correctness ist ein Einfallstor, mi dem bestimmte Kräfte sich als Befreier stilisieren und dabei Ressentiments und Vorurteile sagbar machen. Unter dem Motto ‚Kampf der politischen Korrektheit’ ist sagbar geworden, dass Minderheitenschutz überflüssig, dass Ungleichheit legitim sei.

Was wir dem reaktionären Backlash entgegensetzen können

Aber ich wollte ja ermutigen. Wichtig scheint mir: Machen wir weiter, weiter, weiter. Lassen wir uns unsere Visionen nicht wegnehmen. Es geht nicht darum, alles richtig zu machen. Wir können auf der falschen, aber nie sicher auf der richtigen Seite stehen. Es gibt nicht die eine Gesamtlösung, die richtige Revolution oder Strategie. Dennoch gibt es vieles, was wir dem reaktionären Backlash entgegensetzen können. Zum Beispiel können wir aufzeigen, dass es Alternativen gibt – nicht perfekte. Aber es gibt welche. Wir sollten sie noch mehr in Umlauf bringen. Nicht, um diejenigen zu überzeugen, die bereits von Ressentiments getrieben sind und in Abwehr stehen. Vermutlich ist das vergebliche Liebesmüh. Vielmehr geht es darum, für diejenigen sichtbar und hörbar zu sein, die offen, noch unentschlossen sind, die sich gerade erst politisieren. Sie müssen sehen, hören und spüren, dass es andere Möglichkeiten gibt als auf den Zug der Menschenfeindlichkeit aufzuspringen.

Die italienischen Diotima-Philosophinnen plädieren dafür, nicht nur den Standpunkt der Unterdrückung stark zu machen, sondern auch den Standpunkt der Freiheit zu betonen, das heisst von der Frage auszugehen: Selbst wenn vieles zu unseren Ungunsten läuft – wo ist der Punkt, an dem wir Freiheit leben und umsetzen? Wenn wir darauf achten, was das Anders-Sein, was also Minorisierung auch an Möglichkeiten bietet, tut sich neben Leid und Verletzung auch ein Horizont auf. Wer anders ist als das, was als Massstab für Normalität gesetzt wurde, hat die Möglichkeit, mehr zu wissen und die Welt anders wahrzunehmen.

Wir sollten zeigen, dass eine andere Welt ein Stück weit längst da ist und ein Reichtum an alternativen Existenzweisen bereits besteht. Wir sollten diesen Reichtum zeigen und multiplizieren, ihn in Umlauf bringen. Benachteiligung glaubhaft zu vermitteln zwingt einen oft, vor allem Diskriminierungen aufzuspüren und über die positiven Seiten einer Situation zu schweigen. Verloren geht der Blick auf die Alternativen, die längst da sind.

Die feministische Forschung hat gezeigt: Frauen kommen zwar nicht in den offiziellen Geschichtsbüchern vor, aber das heisst nicht, dass sie nichts beigetragen, nichts getan hätten. Frauen haben einen Beitrag zur Geschichte geleistet. Vielleicht waren sie dabei nicht in den so genannten Zentren der Macht. Aber es gibt ein Anderswo der Geschichte, ein reichhaltiges Anderswo des Politischen und der Existenz – das gilt es, in Umlauf zu bringen und es den Feinden der offenen Gesellschaft entgegenzusetzen.

Wider die Vulgärpluralisierung

Es geht mir nicht um das unkritische Abfeiern von Differenz und Pluralismus. Wir sind alle immer verstrickt in Machtverhältnisse, mal auf der Seite der Diskriminierten, mal auf der Seite der Privilegierten. Das Betonen von Unterschiedlichkeit kann nichts Starres sein. Wir können nicht die gleichen Fehler machen wie die Normen, die wir bekämpfen. Die Position der Andersheit muss durchlässig bleiben, immer im Prozess der Veränderung. Es ist wichtig, eine Idee von Differenz zu entwickeln, die nicht auf einer starren Identität beruht. Sondern eine, die die eigene Positionierung immer wieder abgleicht und hinterfragt. Die Ambiguitäten nicht auslöscht.

Auch muss uns klar sein: Diversity ist zu einem neoliberalen Modewort geworden. Differenz lässt sich zu Zwecken der Wirtschaft anwenden und vermarkten. Widerständige Positionen werden heute locker vom Markt abgeschöpft und integriert. Klar, lasst uns heute feiern – ich liebe feiern! – und nicht alles was Markt ist oder im Mainstream ankommt, ist schlecht. Gleichwohl denke ich, dass wir unsere Vorstellungen von Vielfalt gegen die Vereinnahmung durch eine neoliberale Vulgärdiversity verteidigen müssen.

Wir sollten einer oberflächlichen Pluralisierung entgegenhalten, die letztlich vertuscht, dass Menschen derzeit in Europa und weltweit mit dem Abbau von Sozialsystemen massenweise sich selbst überlassen werden. Wir können nicht ja sagen zu einer Diversity, von der nur bestimmte Menschen profitieren, nämlich jene, die ohnehin privilegiert sind. Wir können nicht zulassen, dass die Prämisse der Vielfalt missbraucht wird, um die Prekarisierung am Arbeitsmarkt, die Entsicherung von Menschen zu tarnen.

Das Betonen von Unterschiedlichkeit und Pluralismus kann nicht darüber hinweg täuschen, dass wir es mit einem Marktliberalismus zu tun haben, der sich Homosexualität oder Feminismus als Markenbotschaft problemlos einverleiben kann, und Menschen gleichzeitig in der Armut versinken lässt. „Be different“ wurde als neoliberaler Slogan annektiert. Er lautet: Sei anders, individuell – aber Armut und Chancenungleichheit, das musst du schon selber hinkriegen. Sei ein flexibler Mensch, mit multiplen Identitäten! Immer schön geschmeidig und immer schön fluid – ungeachtet dessen, dass kaum je ein Arbeiterkind Schichtgrenzen wirklich durchquert und zum Beispiel Professorin wird.

Neoliberale Konzepte der Differenz sind sozialdarwinistisch

Die marktliberale Diversity-Logik lautet: Sei flexibel und geschmeidig, die harten Grenzen und gläsernen Decken, die sollst du mit einem Glitzer-T-Shirt überwinden. Das glitzernde Erfolgssubjekt schafft alles allein (beziehungsweise mit der Erbschaft vom Papi, wenn wir ehrlich sind). Der Markt säuselt uns ins Ohr: Du kannst alles schaffen. Alles!!! Der Punkt ist: Wenn es nicht klappt, bist du selber schuld.

Neoliberale Konzepte der Differenz sind sozialdarwinistisch. Das Dogma der konkurrenzgebundenen Freiheit der Märkte ist: Nur einige packen es, die Gewinner*innen eben, meistens diejenigen, die ohnehin gute Voraussetzungen haben. In einer Konkurrenzbasierten Differenzgesellschaft gibt es Gewinner und Verlierer – und dieser Umstand wird als Naturgesetz idealisiert. Der Markt will nicht wirklich für Diversität aufkommen, er will die Voraussetzungen, unter denen Menschen different sein können, nicht gerecht verteilen. Aufrecht erhalten wird das Märchen, man könnte alles allein mit Fleiss schaffen, Erfolg wird als individuelle Leistung idealisiert, um behaupten zu können: Es braucht keine soziale Absicherung, es braucht keine Investition in Chancengerechtigkeit, in kollektive Gesundheitsversorgung, Care oder Kinderbetreuung. Der Mensch wird zum Übermenschen stilisiert, der nichts braucht und alles allein schafft.

Neoliberale Diversity ist kompatibel mit einer völkischen Vorstellung von Differenz

Kurzum: die neoliberal überformte Diversity soll individualisierte Superheld*innen erzeugen und letztlich das Spreu vom Weizen trennen. Das kapitalistische Pluralismus-Märchen produziert eine zutiefst hierarchische Differenzierung, in der manche Subjekte es schaffen, sich von anderen abzuheben. Letztlich ist das neoliberale Subjekt des Erfolgs auch mit rechtspopulistischen Ideen von Differenz kompatibel (siehe Jule Govrin und Andreas Gerlach): Neoliberale Diversity ist kompatibel mit einer völkischen Vorstellung von Differenz, die eine hierarchische Anordnung, eine natürliche Ordnung der Ungleichheit nahe legt. Eine Vorstellung, der zufolge manche sich durchsetzen, in der manche ein angeblich natürliches Vorrecht auf Dominanz und Herrschaft haben. In der es Unter- und Übermenschen gibt.

Das sollten wir vor Augen haben, wenn wir Differenz feiern. Wir müssen uns den Differenzbegriff und unsere Ideen von Pluralismus immer wieder neu erarbeiten. Wir sollten ihn verteidigen gegen neoliberale und reaktionäre Vereinnahmungen, die Diversity missbrauchen, um eine hierarchische Abstufung von Menschen zum Programm zu machen.

Bringen wir also das Anders-Sein in Umlauf. Eines, das wirklich inkludierend ist.

 

 

 

 

 

 

 

Frauen*tag 2018

Statt uns permanent über den reaktionären Backlash aufzuregen, sollten wir unsere Kraft  darauf verwenden, Multiplikator*innen des Minorisierten, Lautsprecher derjenigen zu sein, die in unserer Gesellschaft versuchen, emanzipatorisch zu handeln und ebensolche Projekte umzusetzen.

Mehrere Millionen Frauen* haben am 8. März in Spanien gestreikt. In unzähligen Ländern wurde demonstriert, in der Türkei waren tausende Frauen* – trotz massiver Repressionen – auf der Strasse. Auch in der Schweiz wurde an mehreren Orten demonstriert und es ist überwältigend, wie überfüllt derzeit sämtliche Veranstaltungen sind, an denen es um feministische Politik und Diskussionen geht. In der Schweiz gibt es derzeit mehrere Gründe, wütend zu sein: die Umsetzung der Lohngleichheit ist jüngst im Parlament zurück gewiesen worden, und im Aargau wird, trotz vielzähliger Proteste, die Fachstelle für Gleichstellung abgeschafft.

Diese Anti-Gleichstellungs-Politik greift strukturell die Demokratie an: Sie konterkariert das politische Prinzip der Pluralität, sie pfeift auf das völkerrechtlich verankerte Verbot der Diskriminierung, auf den in der Verfassung verankerten Auftrag, Gleichstellung nicht nur gesetzlich festzuhalten, sondern auch umzusetzen, und sie ignoriert die von der Schweiz unterzeichneten internationalen Abkommen (zum Beispiel CEDAW). Wir sind Zeug*innen einer Politik, die zunehmend auf das Recht des Stärkeren setzt, Grundrechte gefährdet und damit gesellschaftliche Spaltung in Kauf nimmt. Eine Anti-Gleichstellungspolitik ist eine gefährliche Politik, die eine solidarische Gesellschaft ablehnt.

Im Zuge des so genannten Rechtsrutsches – der weit in die bürgerliche Mitte reicht – erleben wir insgesamt einen antifeministischen Backlash, eine Politik, die sich aktiv gegen Gleichstellung wendet und Erreichtes infrage stellt. Antifeminismus ist zu einem zentralen gemeinsamen Nenner neu-rechter Bewegungen geworden, nicht selten ist er gar deren Antrieb. Das ist die schlechte Nachricht. Die Gute ist: Die reaktionären Kräfte scheinen zu realisieren, dass ihr Durchmarsch nicht so sicher ist, wie sie gerne hätten. Und dass ihnen zum Beispiel die derzeitigen Frauen*bewegungen im Weg stehen.

Wie Antje Schrupp schreibt: „Es sind überall auf der Welt feministische Initiativen, unter deren Banner sich heute der Protest und der Widerstand gegen Rechtsruck und Nationalismus formieren. Von den Czarny-Protesten in Polen zu den Women’s Marches in den USA, von den Massendemonstrationen in Istanbul über die Pussy Riots in Moskau bis zu den aktuellen Protesten in Iran: Die Frauenbewegung ist die einzige international vernetzte politische Bewegung, der man zurzeit die Kraft zutrauen kann, dass sie eine Alternative zu bieten hat. Nicht nur zu den Rechten, sondern auch zum „Weiter-so“ des bürgerlich-kapitalistischen Durchwurschtelns“.

Es ist, wie es scheint, der feministische Aufstand, der aktuell am lautesten und am globalsten für eine pluralistische und gerechte Gesellschaft einsteht. Rechtsnationalisten und Konservative haben vollkommen recht: Wenn nur ein kleiner Teil dessen, was Frauen und ihre Verbündeten derzeit wollen und fordern, erreicht wird, ändert sich die Welt grundlegend. Und das ist, wovor ihnen graut. Nehmen wir zum Beispiel die Forderungen nach einer Welt der Fürsorge, Empathie, Intersubjektivität und Vulnerabilität (Judith Butler), das heisst das Ziel eines Paradigmenwechsels, bei dem Fürsorge (auch für unseren Planeten) zum Ausgangspunkt politischen und ökonomischen Handelns wird. Die ‚Gefahr’ eines solchen Paradigmenwechsels wurde genau erkannt: Er stellt die vorherrschende Marktlogik fundamental infrage. Und ganz nebenbei würden Männer bei einem solchen Paradigmenwechsel – gütiger Gott! – ‚feminisiert’.

Oder nehmen wir – auch dies ist Bestandteil feministischer Forderungen – die Gleichberechtigung von LGBTIQ. Wenn lesbische, schwule und queere Lebensweisen dereinst wirklich als gleichwertig gelten, werden noch viel mehr Menschen ihre queere Seite entdecken. und den Mut haben, verschiedene Sexualitäten auszuprobieren. Wenn Queerness eine gleichwertige Lebensweise ist, wird die Gesellschaft – gütiger Gott! – ‚homosexualisiert’. Anders gesagt: die heterosexuelle Norm bleibt im Falle einer echten Gleichberechtigung und Ent-Stigmatisierung von Homosexualität nicht einfach bestehen. Natürlich erodiert dann die bisherige Norm selbst.

Es geht also um mehr als um die Verteidigung von Grundrechten und Verfassungsaufträgen, es geht um mehr als darum, gleich sein zu dürfen mit der Norm. Um mehr als darum, auch ein wenig mitmachen zu dürfen im vorherrschenden System. Vielmehr geht es um die Transformation der vorherrschenden Normen selbst, um eine Veränderung des Systems. Es geht um eine grundlegende Umverteilung von Deutungshoheit, Einfluss und Ressourcen.

Tatsächlich verändert sich die Welt grundlegend, wenn all diese so genannten ‚anderen’ – Frauen, MigrantInnen, Homosexuelle und trans Menschen, Menschen mit Behinderung und und und…– plötzlich mitreden, wenn ihre Lebensweisen und Perspektiven nicht mehr die Ausnahmen, wenn sie nicht mehr die ‚Freaks’ an den Rändern der Gesellschaft, sondern Normalität sind. Feministische Bewegungen – es sind tatsächlich viele, und es wollen längst nicht alle das Gleiche – stehen für eine plurale Gesellschaft, sie wenden sich gegen starre Geschlechternormen genauso wie gegen Leitkultur-Phantasmen und nationalistische Abschottung, gegen kapitalistische und ökologische Ausbeutung, sexualisierte Gewalt oder Rassismus. Mehr noch: Feministische Bewegungen zeigen, dass eine plurale Gesellschaft bereits da ist. Auch in ihrer ganzen, manchmal schwer auszuhaltenden Widersprüchlichkeit.

Womöglich also sind Hass und Backlash-Tendenzen sogar der Effekt eines Erfolgs: Weil Frauen und andere minorisierte Menschen laut sind und immer lauter werden, weil sich ein Wandel vollzieht, der nicht aufzuhalten ist, ist die Gegenreaktion so aggressiv.

Ich glaube, eine entscheidende Strategie gegen den Backlash ist deshalb, noch exzessiver, noch penetranter und lauter diese wimmelnden und pluralen Lebensweisen, diese emanzipatorischen Projekte sichtbar zu machen. Eine Strategie gegen Rechts ist zu zeigen, dass es bereits ein leidenschaftliches „Anderswo der Geschichte“ (Wanda Tommasi) gibt, Lebensversuche (Versuche!) jenseits von Reinheits,- Leitkultur- und Nationalismus-Phantasmen, jenseits von Ausbeutungs- und Leistungswahnsinn, jenseits der bürgerlicher Familiennorm und traditionellen Geschlechterentwürf.

Ob es gelingt, einen weiteren Rechtsruck aufzuhalten hängt meines Erachtens massgeblich davon ab, dass wir diesen anderen Stimmen und Projekten mehr Bühnen, Mikrophone, Redezeit, Kommentarspalten, TV-Auftritte und Podien verschaffen. Denn dadurch wird, als ein Nebeneffekt, den anti-emanzipatorischen Stimmen automatisch Aufmerksamkeit und Bedeutung entzogen. Stattessen richtet sich die Aufmerksamkeit auf das, was ‚wir anderen’ wollen. Im besten Fall wird dieses ‚andere‘ dadurch multipliziert und auch in seiner Differenz und Widersprüchlichkeit sichtbar.

Die italienische Philosophin Wanda Tommasi schreibt, eine wichtige Strategie gegen starre Ordnungssysteme sei es, die eigene Unterschiedlichkeit zu betonen und zu versuchen, diese Unterschiedlichkeit in gesellschaftlichen Umlauf zu bringen. Anders gesagt: Wir kommen einer anderen, einer pluralen und gerechteren Welt nur näher, wenn wir deutlich machen, dass diese ein Stück weit schon da ist

Statt uns also permanent über den reaktionären Backlash aufzuregen, sollten wir unsere Kraft auch darauf verwenden, Multiplikator*innen der pluralen Gesellschaft, Lautsprecher des Minorisierten und derjenigen zu sein, die in unserer Gesellschaft emanzipatorisch zu handeln versuchen und ebensolche Projekte umsetzen.

Kurzum: haben Sie Ihren Freund*innen heute schon von dem Buch „Terra Incognita“ (Limmat Verlag) berichtet, das die Geschichte Schwarzer Frauen in Zürich aufarbeitet? Haben Sie Ihren lokalen Radiosender über SAO informiert, ein Projekt, bei dem Frauen* in der Schweiz geflüchteten Frauen* helfen? Haben Sie heute schon auf Facebook oder Twitter die jüngste Transgender-Aktion geteilt? Haben Sie am Arbeitsplatz schon von der Ärztin Natalie Urwyler erzählt, die im Berner Inselspital gerade die erste Anti-Diskriminierungsklage gewonnen hat? Und haben Sie schon Ihren Nichten und Neffen erzählt, dass manche Kinder zwei Mütter haben? Und wie grossartig es ist, wenn Menschen immer freier wählen können, welche Art Familie sie leben wollen? Und wissen Sie von der WG im St. Johann in Basel, die einmal Pro Woche einen Mittagstisch für alle Menschen von der Strasse anbietet?

Es ist Zeit dafür zu sorgen, dass all das die reaktionäre Stimmungsmache übertönt.

 

 

AIDS in der Schweiz. Über ein mutloses Buch und eine ebensolche Buchvernissage

Das soeben erschienene Buch Positiv. HIV und die mutigste Kampagne der Schweiz beschreibt eine Erfolgsgeschichte. Teilweise zurecht. Teilweise geht dabei Wichtiges vergessen.

Gastbeitrag von Michèle Claudine Meyer[1]

Vorausschicken möchte ich: Ich wurde für das Buch interviewt, ich habe es gelesen und ich war im Publikum bei der Buchvernissage im Kosmos (Zürich). Grundsätzlich bin ich einverstanden mit dem Tenor im Buch und an der Vernissage: die Stop-Aids-Kampagnen waren grössten Teils ein Coup. Ein Wurf. Und es brauchte Mut und Macher*innen. Ihnen gebührt Ehre. Oder wie Roger Staub sagte «es ist schön zu Lebzeiten ein Denkmal zu erhalten».

Was aber fehlt, fehlt schmerzlich: In erster Linie ein kritischer Blick. Augenfällig ist das Fehlen des HIV-positiven Blickes auf die Kampagnen und deren Geschichte. Diese Replik ist ein Versuch, einen solchen, meinen persönlichen, Blick in Worte zu fassen.

Herausgeber des Buches ist der bekannte Schweizer Journalist und Republik-Mit-Gründer Constantin Seibt. Auf dem Podium betonte er, wie spannend es war, für dieses Buch zu recherchieren. Umso mehr erstaunt, wie mangelhaft die Recherche tatsächlich ist. Bereits die Sprache im Vorwort verrät das: «Es (das Buch) erzählt von reisenden Ärzten, schwulen Aktivisten, kühnen Beamten und trickreichen Werbern». Frauen spielen offenbar keine Rolle. Weiter sucht man vergeblich nach einer kritischen Perspektive auf die Kampagnen. Und wenn, dann fällt die Kritik wenig profund aus.[2]

Mir ist bewusst, dass das Buch den Fokus auf die Kampagne «Stop Aids» beziehungsweise «Love Life» legt. Ein solcher Fokus rechtfertigt jedoch meines Erachtens nicht, dass das Mitwirken von Menschen mit HIV – von HIVpositiven Aktivist*innen also – an der HIV-Politik der Schweiz insgesamt weggelassen wird (mit Ausnahme von André Ratti). Das ist nicht nur verfälschend, sondern respektlos.

Im Vorwort zum Beispiel schreibt Constantin Seibt: «Slogans wie «im Minimum ä Gummi drum» oder «Ohne Dings kein Bums» gehören zu den Jugenderinnerungen einer ganzen Generation. Wenn auch nicht zu den schönsten. Kaum jemand, der nicht einen Aidstest machte. Und dann eine Woche auf das Resultat wartete. Eine Woche einsamer Angst, in der man alle fünf Minuten seine Vergangenheit und sein Lymphknoten überprüfte. Doch auch ohne Albträume prägten die «Stop-Aids»- Kampagne das Leben fast aller».

Die Perspektive ist hier ausschliesslich HIV-negativ. Das heisst die Rede ist von jenen, die sich trotz allem nicht mit HIV ansteckten. Ausgespart sind Menschen, die heute noch mit HIV leben (Langzeitüberlebende), ausgespart sind auch jene, die damals an den Folgen von AIDS starben. Diese HIV-negative Perspektive zieht sich, mit wenigen Ausnahmen, durch das ganze Buch.

Wo sind die Menschen mit HIV?

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Wenig überraschend ist deshalb auch, dass im Buch kein Wort zu lesen ist über die nationalen (und regionalen) Organisationen von Menschen mit HIV/Aids, wie die P.W-A- Schweiz ~1991-1998, oder LHIVE 2007 – 2010. Beide Organisationen wurden übrigens von Frauen gegründet und geführt. Weiter frage ich mich, weshalb im Text von Barbara Reye «Positiv leben», den sie uns Interviewten als Endversion zuschickte, die Stellen über unser Leben massiv gekürzt sind und dadurch wichtige Dinge wegfallen. In meinem Fall fehlen drei entscheidende Aspekte: zwei gesunde Kinder, 24 Jahre Aktivismus und die mangelnde finanzielle Absicherung im Alter. Zu der im Buch publizierten Form des Textes hätte ich meine Einwilligung nicht gegeben. Ich empfinde dies als eine Instrumentalisierung meiner Biographie, mit der eine einseitig Narration nahe gelegte wird, nämlich das angeblich dramatische Scheitern im Leben mit HIV.

Sprachgebrauch

Das Buch ist immer wieder sprachlich unsensibel. Das Wort „Seuche“ zum Beispiel findet sich auf 105 Seiten ganze neunmal (ich habe dieses Wort in Zusammenhang mit HIV seit Ewigkeiten nicht mehr gehört oder gelesen, respektive nur dann, wenn Menschen fern ab des Themas sich dazu äusserten). Und übrigens: es heisst HIV-Test, nicht Aids-Test, eigentlich sogar HIV-Antikörper-Test.

Im Vorwort wird, erfreulicherweise, das sogenannte «Swiss Statement» zur Nichtinfektiosität erwähnt: «Sie (die Schweiz) war auch das erste Land, das HIV-Patienten unter erfolgreicher Therapie für nicht mehr ansteckend erklärte. Das Papier[3] ging 2008 um die Welt» Was allerdings fehlt ist eine Betonung der wissenschaftlichen Evidenz. Denn wer genau recherchiert wird feststellen, dass die Nichtinfektiosität noch heute angezweifelt wird und die Wissenschaftlichkeit deshalb immer wieder unterstrichen werden muss.

Reichlich undifferenziert ist in diesem Zusammenhang auch, dass nur Sex mit Kondom als „Safer Sex“ bezeichnet wird.[4] Bei Schutz durch Therapie[5] wird von der Schutzwirkung zwar gesprochen, aber der Sex trotzdem als „ungeschützt“ bezeichnet. Anders gesagt geht dadurch das wichtige Detail unter, dass HIV-positive Menschen durch die heutigen Medikationsmöglichkeiten nicht mehr ansteckend sind, und eben auch ohne Kondom Safer Sex haben. Eine solche Information oder eben ein sorgfältigerer Sprachgebrauch wären für die Ent-Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen grundlegend. Stattdessen lobt Seibt, dass das Bundesamt für Gesundheit bis heute nicht müde werde und viel riskiere, um die Botschaft „Kondome!“ immer neu unter die Leute zu bringen. Aber: Irgendwo zwischen «ohne Dings kein Bums», dem Beweis der Nichtinfektiosität und der Entwicklung von Prep[6] müssen Welten von medizinischem Fortschritt liegen, nicht wahr? Die Botschaft bleibt aber: Safer Sex geht nur mit Kondom.

Fehlende Kampagnen-Kritik

„Dieses Buch handelt vom Schlimmsten: einer rätselhaften Seuche, die den sicheren Tod brachte“, heisst es im Vorwort (allein im Vorwort steht dreimal „Seuche“ – eine Art unreflektiertes Operieren mit dem Gruseln?). Abgesehen davon, dass durch die Todesrhetorik erneut Langzeitüberlebende ausgeblendet werden, wird zumindest der Ausschluss erwähnt, den die Krankheit bis heute mit sich bringt. Allerdings fehlt die Reflexion darüber, was denn verpasst wurde, dass Diskriminierung und Stigmatisierung heute noch alltäglich sind. Dass Menschen mit HIV ausgeschlossen werden, dass trotz Nichtinfektiosität die Vorurteile unverändert sind.

Im Vorwort werden die HIV-Kampagnen ausnahmslos positiv bewertet. Die Schattenseiten oder zumindest Fragezeichen zu Kondomisierung und Medikalisierung werden nicht einmal gestreift. Auch Olivia Kühni wiederholt das Lob des Kondoms in ihrem Beitrag «Eine kurze Gesichte des Lasters», sie schreibt: « Die Stop Aids-Kampagne tut genau dies: Sie schwätzt und lamentiert nicht. Sondern gibt eine einfache Regel ohne Spielraum: Bei Sex ein Kondom. Erstaunlich in einem Text, der sich ansonsten dem ‚Wilden und Triebhaften‘ widmet. Gegen Ende geht Kühni auf die Versuche der „Zähmung der Sexualität“ ein, doch leider nur ganz kurz. Es wäre eine gute Möglichkeit gewesen, hier kritische Gedanken zu Prävention einfliessen zu lassen. Und zum Beispiel auf den Slogan von HIV Aktivist*innen «Keine Rechenschaft für Leidenschaft»[7] und das oft formulierte Anliegen, sich trotz allem sexuell nicht fremdbestimmen zu lassen, einzugehen.

Das Lob der Kampagne ist grössten Teils berechtigt, aber greift trotzdem zu kurz. Vor allem dann, wenn dadurch die Schweiz in ein fragwürdig positives Licht gerückt wird. Dominik Imseng schreibt, «die gesellschaftliche Akzeptanz der Stop Aids-Kampagnen sei erstaunlich hoch gewesen» und meint weiter, «die radikale Offenheit Rattis, der im Oktober 1986 an Aids starb, trug massgeblich dazu bei, dass in der Schweiz die Diskriminierung der Infizierten weniger stark ausfiel als in anderen Ländern». Mir scheint das eine gewagte These, die schwer überprüfbar ist. Mit welchen Ländern wird was genau verglichen? Und um welche Art Diskriminierung geht es? Im nahen privaten Umfeld, bei der Arbeit, im Personalwesen, im medizinischen Bereich, im Bereich Altersvorsorge, Lebensversicherung, in der Gesetzgebung und der Strafverfolgung? Weiter lobt Imseng, die Schweiz habe einen «„anderen Weg“ gewählt und sich für „positive Motivation, den Apell an die Eigenverantwortung und die soziale Integration von Infizierten und Kranken“» entschieden.

Aus meiner Sicht wurden Solidarität und Integration in den Kampagnen gerade vernachlässigt. Ich habe als Frau, die selbst seit 24 Jahren mit HIV in der Schweiz lebt, die in beiden nationalen Organisationen engagiert war, eine ganz andere Wahrnehmung. Nämlich, dass Solidarität, Integration und Anti-Diskriminierung zwar kurz thematisiert wurden, aber keineswegs lebensnah oder fassbar anhand von Beispielen im Alltag. Ein einziges Mal kamen Menschen mit HIV aufs Bild und zu Wort, nämlich im Rahmen der Kampagne von 1991 (im Buch fehlen diese Beispiele. So vermisse ich schmerzlich das Plakat mit Iris Reuteler, der Präsidentin der P.W.A. Schweiz).

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Copyright BAG; in Erinnerung an Iris Reuteler, Präsidentin P.W.A-Schweiz

Auch fehlte in den viel gelobten Kampagnen die besagte Nichtinfektiosität – ein wichtiger Aspekt spätestens seit 2008, der für eine Ent-Stigmatisierung entscheidend gewesen wäre. Darauf geht Imseng in seinem Lob der Anti-Diskriminierung nicht ein. Auch nicht darauf, dass 2008 die in meinen Augen absurdeste Kampagne startete, auch Seibt erwähnt sie: «2008 folgte dann eine Serie mit kopulierenden Astronauten, Tauchern, Höhlenforschern. (Das Thema Geschäftsreise)» Nach der Veröffentlichung des Swiss-Statement zur Nichtinfektiosität hätte es ganz andere Möglichkeiten gegeben, nämlich einerseits sachlich und klar darauf hinzuweisen, dass Kondome weiterhin die einfachste und praktikabelste Schutzmassnahme, insbesondere für Ungetesteten, sind. Zugleich wäre ein öffentliche Kampagne zum Thema «Schutz durch Therapie» resp. Nichtübertragbarkeit von HIV bei erfolgreich therapierten HIV-Positiven hilfreich gewesen, um Diskriminierung und Ausgrenzung zu mindern.
Übrigens tut dies, die #undectable-Kampagne[8] vom Dr. Gay Team seit 2016. Erstaunlich, dass diese, wie auch alle anderen Zielgruppenspezifischen Kampagnen nicht einmal am Rande eine Erwähnung finden.

Hinzu kamen ab 2010 dann die sexuell übertragbaren Infektionen, oder wie Seibt schreibt: «Ab 2010 bekam Aids in der Kampagne erstmals Kollegen: die anderen Geschlechtskrankheiten- Widerlinge vom Tripper bis zur Syphilis» Die Frage sei erlaubt: Warum erscheinen die «Kollegen» erst 2010? Nachdem HIV/Aids als Infektion aufkam, wurden zum Beispiel Syphilis-Fälle längere Zeit vernachlässigt, zumindest wurden sie nicht mehr registriert. Auch wurde nach der Veröffentlichung zur Nichtinfektiosität, spätestens aber ab 2010, die Verbreitung von anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) gerne Menschen mit HIV angelastet. Es wäre dringend notwendig gewesen, die Kampagnen hätten nun auf Dialog gesetzt. Zum Beispiel nach dem Motto: „Ich sag Dir was ich habe. Ich habe HIV (und schütze Dich). Was hast DU? (Schütz Du mich vor Tripper/Syphilis und Co.)“ (der Verlauf und die Behandlung einer sexuell übertragbaren Infektionen ist für Menschen mit HIV schwieriger). Spätestens an dieser Stelle im Buch hätte ich mir überhaupt einen kritischen Blick auf die insgesamt eher «dialoglose» Kampagne gewünscht. Warum war zum Beispiel über alle die Jahre nur schneller und möglichst unbesprochener Sex Vorbild für Verhaltensempfehlungen, sprich: Präventionsbotschaften?

Seit 2014 ist der Slogan «Love Life» ergänzt mit «- bereue nichts». Die Idee war damit einen Schritt weiter: Man konnte das Kondom als die Lizenz auf wilden Sex verkaufen. Alles tun – ohne Reue» «… unterlegt von Edith Piafs Chanson Non je ne regrette rien.» Meine ausführliche Kritik an dieser Kampagne, kurz nach deren Veröffentlichung, findet sich hier: https://www.woz.ch/-50cf. Darum hier nur so viel: wie Ursula von Arx berichtet, so war auch ich auf Beerdigungen, bei denen Edith Piafs «non je ne regrette rien» gespielt wurde. Ich empfinde es als extrem unpassend, dass dieses Lied dann in der Prävention benutzt wurde. Ein Leben mit HIV, das nicht durch Reue geprägt ist, scheint ausserhalb der Vorstellungskraft der Kampagnenverantwortlichen zu liegen.

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Das Buch verpasst es nicht zuletzt auch zu fragen, inwiefern es einen Zusammenhang zwischen dem Subtext der Kampagnenjahre und der anhaltenden Diskriminierung geben könnte. Carlos Hanimann kritisiert zwar zurecht die einseitige und homophobe Orientierung der Fachwelt ganz zu Beginn der Pandemie auf homosexuelle Männer. «Die Fokussierung auf homosexuelle Männer sollte sich schon bald als falsch herausstellen, aber die Spur war gelegt. Die Folge war eine Stigmatisierung, die über Jahre anhalten würde.» Aus den Jahren der Diskriminierung sind aber unterdessen Jahrzehnte geworden. Hanimann fragt nicht, inwiefern eine Primär Prävention, die sich bis heute fast ausschliesslich auf individuelles Verhalten und Zielgruppen konzentriert, die gesellschaftlichen Verhältnisse aber aussen vor lässt, die Solidaritäts-, bzw. Antidiskriminierungs-Arbeit nicht konterkariert.

Eine kritischere Auseinandersetzung mit der HIV-Politik, die im BAG viele Jahre durch Roger Staub geprägt wurde, müsste zumindest ein Dilemma aufzeigen, wenn nicht gar einen Widerspruch: Wenn zum Beispiel jahrelang um den 1. Dezember, dem Weltaidstag, dem Tag der Solidarität und des Erinnerns, Ansteckungszahlen in den Medien herumgereicht werden, angerichtet mit süffigen Kommentaren zur Sorglosigkeit und ähnlichem von Homosexuellen und MSM, hinterlässt das Spuren.

Der Markenwechsel von «Stop Aids» zu «Love Life» wird im Buch als absolut gelungen dargestellt. Mir erschliesst sich nicht ganz, wie man zu dieser Einschätzung kommen kann. Womöglich hat es damit zu tun, was auch in Constantin Seibs Text unfreiwillig zutage tritt: «Es gab viele Stakeholder. Das Amt, die Politik, die Leute von der Aidshilfe.» Ein Stakeholder, das zeigt dieses Zitat, fehlt: Menschen mit HIV. Aktivist*innen. Sicher hätte es dem beschriebenen Markenwechsel von „Stop Aids“ zu „Love Life“ gut getan, Menschen mit HIV einzubeziehen.

Fakten und Zahlen

Nadine Jügensen schreibt in «Stand der Dinge»: «Angesichts der hohen Kosten, welche von den Krankenkassen und damit von der Allgemeinheit getragen werden, ist die Vermeidung von Ansteckungen das wichtigste Ziel der Prävention». Die Kosten der Erkrankung sind der Antrieb für die Prävention? Ich komme nicht um die Frage herum, ob dies ein politischer Werbetext ist um das Präventions Budget gegen die Sparpolitiker zu verteidigen. «Im Vergleich zu den Kosten eines einzigen HIV-Patienten von 25’000 Franken pro Jahr oder von ungefähr einer Million bis zum Lebensende, sind die Kosten von gut 2 Millionen Franken für die Kampagne vernüftig investiertes Geld- vorausgesetzt, sie verhindert mindestens zwei neue Ansteckungen». Mir ist bewusst, dass dieses Argument schlüssig und zielführend ist. Es liest sich trotzdem nicht schön. Und die Frage sei erlaubt: Bei welchen Krankheiten wird das sonst so gemacht, ausserhalb der Budgetdebatten in politischen Gremien? Welchen Patient*innen werden ihre lebenslangen Kosten derart vorgerechnet?

Über die Veröffentlichung der Erkenntnisse zur Nichtinfektiosität und Nichtübertragbarkeit von HIV schreibt Jürgensen: «… Stattdessen plädierten sie (Anmerkung :Vernazza u. Co) dafür, Betroffenen ausführlich über die Vermutung einer fehlenden Ansteckungsgefahr zu informieren.« Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Nichtinfektiosität keine Vermutung, sondern wissenschaftlich evident, das heisst gestützt auf eine breite Datenlage. Unterdessen ist diese Erkenntnis weltweit weitgehend anerkannt und wesentlicher Teil der UN-aids-Stategie. «das Ziel der UNO ist, das bis 2020 weltweit 90 Prozent der Infizierten bekannt sind (Anmerkung: bekannt meint getestet) Davon sollen 90 Prozent mit antiretroviralen Medikamenten behandelt sein. Und zwar so, dass sich bei 90 Prozent kein Virus mehr im Blut nachweisen lässt (Anmerkung: so dass sie sexuell nicht mehr ansteckend sind!)«.

Jürgensen geht jedoch nicht darauf ein, welchen zentralen Bedingungen verbessert werden müssten, damit die Ziele umgesetzt werden können. Politische und finanzielle Hindernisse werden zwar erwähnt, es fehlen trotzdem klare Worte über ungleiche Ressourcenverteilung, Patente und Profit, über (internationale) politische und moralische Verantwortung. Es wird nicht gesagt, dass gerade die ungleiche Ressourcenverteilung und die andauernde Diskriminierung erwiesenermassen Gründe sind, weshalb Aids «trotz wirksamer Therapie eine gefährliche Pandemie bleibt.»

Seichte Unterhaltung für HIV- Negative?

Last but not least zum Podium an der Buchvernissage: Die eingestreuten Anekdoten im Buch haben mich mehr als seltsam berührt. Eine der Anekdoten handelt von zwei Brüdern, den Seibt Brüdern, die einen HIV-Test machten und wie sie nach einer Woche Ungewissheit ziemlich verwirrt und gestresst, das Testergebnis abholten. Seibt erzählte sie auch auf dem Podium. Die Pointe ist bemerkenswert: « Die Dramatik der gespenstischen Nächte war vorüber. Nun würde alles weitergehen wie vorher. Der jüngere Bruder musste sich darum kümmern, die nächste Rolle zu bekommen. Und der ältere Bruder würde jetzt die Abschlussprüfung an der Universität machen müssen. Eben noch hatte das Leben kurz ausgesehen. Nun würde ihnen nichts erspart bleiben: ein Beruf, vielleicht eine Ehe, die Verantwortung, das Leben» Für mich klingt das wie seichte Unterhaltung für HIV- Negative.

Die auch auf dem Podium vorgetragene Erzählung stellt die von HIV Verschonten ins Zentrum, sie spricht vom Glück, verschont worden zu sein. Das scheint mir angesichts der Menschen, die an den Folgen von AIDS gestorben sind, ihren Hinterbliebenen und nicht zuletzt für Menschen, die heute mit HIV leben und das Pech haben, ihr Leben umkrempeln zu müssen, geschmacklos. Mir jedenfalls tat es weh, und ich hätte gerne laut gerufen: Möchte wer tauschen? Mit den Toten oder mit den HIV-positiven Überlebenden?

Zur Auswahl der Podiums Teilnehmer*innen: Da sassen drei Männer und eine Frau. Ein Herausgeber und Journalist, ein Infektologe und ein ehemaliger BAG-Beamter, eine junge Frau mit der Bezeichnung «Betroffene». Drei HIV-Negative (bzw. Unspezifische/Unbenannte) und eine HIV-positiv Geoutete und Benannte. Oder: Drei Macher und eine Erlebende. Und eine Moderatorin, die dem Gestus der unkritischen Selbstbeweihräucherung leider nichts entgegensetzte.

Roger Staub wurde vor allem als Aktivist gefeiert. Tatsächlich aber war Staub über viele Kampagnen-Jahre im Bundesamt für Gesundheit tätig. Zuerst als Mandatsträger, später als Beamter und Funktionär. Ein bewegter und bewegender Beamter, dem vieles in der HIV-Politik anzurechnen ist, einer der seine Beamtenlaufbahn als Aktivist angefangen hat. Aber – so schmerzlich solch ein Rollenwechsel und Spagat ist – als Abteilungsleiter im BAG war Staub Funktionär. Und das haben gerade Aktivist*innen zu spüren bekommen.

Am meisten berührte mich der Umstand, dass weder Roger Staub noch Pietro Vernazza – bei allem berechtigten Lob ihrer Arbeit – erwähnten, dass Menschen mit HIV mitbeteiligt waren an dem sogenannten Swiss Statement. Als hätte es uns nicht gegeben.

Mit Jennifer Annen war eine junge Frau auf dem Podium, die seit Geburt HIV-positiv ist, eine ‚Unschuldige‘, ein ‚Opfer‘, eine, die nie die Chance hatte, sich vor HIV zu schützen, eine, bei der Keine*r über ihr sexuelles Vorleben spekuliert. Eine Person auch, die qua ihres Alters keine Zeitzeugin der Kampagnenzeit sein kann. Vielleicht ist es nicht augenfällig, aber es ist ein Statement. Eines, das auch dazu passt, dass es keine Möglichkeit gab, Fragen zu stellen oder mitzudiskutieren im Publikum, wir blieben Zuschauende und Beifallklatschende.

Gefeiert wurden die Männer in der Runde, die Negativen, ihnen wurde ein Denkmal gesetzt.

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Aktion „Fliegende Kondome“

***

[1] Michèle Claudine Meyer ist seit 24 Jahren HIV Aktivistin

[2] Immerhin findet im Zusammenhang mit der Kritik am Slogan: « Love Life- do not regret.» der Schweizer Positiv Rat eine Erwähnung. Auch wenn diese Kritik, zwischen den Zeilen, diminuiert wird.

[3] Swisstatement: http://www.aids.ch/de/downloads/pdfs/EKAF-Statment_2008-05-089.pdf

[4] Etabliert wurde der Begriff safer sex so: eindringender Vaginal-und Analsex mit Kondom, beim Oralsex kein Sperma oder Blut in den Mund.

[5] Schutz durch Therapie: https://www.aidshilfe.de/schutz-therapie

[6] HIV-Prä-Expositionsprophylaxe PreP: http://www.mycheckpoint.ch/de/generic/node/405#PrEP

[7] Im September 1990 trafen sich in Frankfurt 250 HIV-Positive unter dem Motto „Keine Rechenschaft für Leidenschaft“ zur ersten „Bundes-Positiven-Versammlung“. Der Grundgedanke dabei war, so unterschiedlich wir sind, wir lassen uns nicht auseinanderdividieren noch fremdbestimmen: Es ist unser Leben, und unsere Sexualität(en).

[8] #undetectable von Dr. Gay: https://www.drgay.ch/de/hiv-positiv/leben-mit-hiv/undetectable

 

Keine Sternstunde

Das Schweizer Fernsehen (SRF) ist mit einer Themenreihe zu Transgender gestartet. Das ist erfreulich und wichtig. Allerdings verlief der Auftakt in der Sendung „Sternstunde Religion“ nicht nur wenig kompetent, sondern reproduzierte Vorurteile und transfeindliche Positionen.

Von Hannes Rudolph (Autor) und Franziska Schutzbach (Co-Autorin)

Die Trans-Community hat sich vorsichtig gefreut, dass das SRF ab Ende Januar etliche Sendungen der Trans-Thematik widmet. Eine zweiteilige Dokumentation wurde eigens produziert, eine Doku über Transkinder importiert, eine Diskussion in der „Sternstunde Philosophie“ mit zwei Expert*innen aus der Trans-Community geplant (mit Hannes Rudolph und Myshelle Baeriswyl).

Eine weitere „Sternstunde“, nämlich die „Sternstunde Religion“, enthielt zwar keinen Hinweis auf das Thema Trans – kündigte aber ein verwandtes Thema an: „Kampfbegriff Gender“. Eingeladen waren Wilf Gasser, ein Psychiater, der Homosexualität für heilbar hält und Präsident der Schweizerischen Evangelischen Allianz ist (ein Zusammenschluss evangelikaler Christ*innen) und die Feministin und Theologin Ina Praetorius, deren wichtigste Arbeiten dem Differenzfeminismus zuzuordnen sind.

Sehr viel Interessantes hätte diskutiert werden können: Zum Beispiel, welche verschiedenen Begriffe und Konzepte von ‚Gender‘ es gibt, und auf welchen wissenschaftlichen Erkenntnissen sie beruhen (Judith Butlers Konzepte sind ja nur einige unter vielen). Man hätte entfalten können, inwiefern das Gender-Konzept zunächst einfach bedeutet, dass Geschlecht nicht nur eine biologische Angelegenheit ist, sondern auch sozial, kulturell und historisch geprägt ist. Dass also zum Beispiel ‚Frausein‘ im Mittelalter etwas ziemlich anderes bedeutete, als heute. Weiter hätte man besprechen können, wie Gender-Konzepte in den 1990er Jahren von der Gleichstellungspolitik aufgenommen wurden und Eingang in internationale (UNO) und nationale demokratische Institutionen fand (Gendermainstreaming). Und welche kontroversen Auseinandersetzungen es hier auch unter verschiedenen feministischen, wissenschaftlichen und politischen Strömungen gab.

Ferner hätte man diskutieren können, wie erzkonservative Katholiken aus dem Begriff ‚Gender‘ im letzten Jahrzehnt den negativen Begriff „Genderismus“ machten. Und zwar deshalb, um wichtige Forschungsergebnisse über fortbestehende Diskriminierungen von Frauen, Homosexuellen, Inter- und Transmenschen als Ideologie abzutun und folglich Gleichstellungsanstrengungen zu verhindern. Diskutiert werden können hätten auch die konkreten Ängste, die eine Dekonstruktion oder auch Pluralisierung von Gender und Geschlechterrollen offenbar mit sich bringen. Sowie die Instrumentalisierung dieser Ängste durch die neue Rechte, die Themen wie Sexualaufklärung, Masturbation, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt aber auch Frauenemanzipation, Feminismus und nicht zuletzt die Gender Studies unter dem Begriff „Genderismus“ in einen Topf wirft, und für einen angeblichen gesellschaftlichen Zerfall verantwortlich macht. Und nicht zuletzt hätte besproche werden können, welche Positionen die Kirche(n) in diesen Diskussionen vertreten.

Transgender als die absurde ‚Blüte‘ von Gender?  

Nichts davon geschah. Stattdessen nahm die Diskussion einen Verlauf, der offenbarte, dass die beiden Diskutierenden nicht sonderlich viel darüber wussten, warum Gender zu einem Kampfbegriff geworden ist, und welche Vorwürfe von Freikirchen und rechten Katholiken gegen das Konzept ‚Gender‘ und Gendermainstreaming oder die Gender Studies gemacht werden. Und die mangels dieses Wissens beim Thema Trans* landeten, als ob Genderfragen auf Trans reduziert werden könnten oder umgekehrt. So wurde aus dieser „Sternstunde“ eine Trans-Diskussion, wo eigentlich eine Gender-Diskussion angekündigt war, und das eigentliche Problem: Es wurde eine Trans-Diskussion unter Leuten, die zu Trans gar keine ausgewiesenen Expertisen haben. Und zu Gender auch nicht, wie sich herausstellte.

Ina Praetorius eröffnete, indem sie Judith Butlers These, dass auch biologisches Geschlecht in gewisser Weise konstruiert und performt wird, durch eine flapsige Zusammenfassung als absurd hinstellte. Eine Position, der Wilf Gasser dankbar zustimmte. Hier fiel bereits das erste Mal das Wort „Transgender“, womit das Thema Gender und „Transgender“ mehr oder weniger gleichgesetzt wurden.

Praetorius und Gasser waren sich schnell einig – ohne Gender-Konzepte wirklich ausgefächert oder geklärt zu haben – dass die Natur zwei Geschlechter vorsehe und „das biologische Geschlecht“ festschreibe, ob jemand Mann oder Frau sei, und Biologie nicht dekonstruiert und in Frage gestellt werden könne. Und dass „Transgender“ ein Beispiel für Menschen sei, die das dennoch (also widernatürlich) tun. Damit waren bereits nach wenigen Minuten mehrere sachlich falsche Vorannahmen gesetzt, auf denen dann die gesamte Sendung aufbaute. Inklusive die Prämisse, Transgender sei die absurde ‚Blüte’ von Gender.

Zwei Menschen, die über keinerlei Expertise im Bereich „Transgender“ verfügen, diskutierten eine halbe Stunde auf SRF 1 über Trans. Zwei Menschen, die nicht akzeptieren, dass die Geschlechtswahrnehmung von trans Menschen valide ist, die Intergeschlechtlichkeit und Trans kaum auseinanderhalten konnten, geschweige denn Forschung zu diesen Bereichen kannten, oder, zumal es ja zentral um „das biologische Geschlecht“ ging, zu Bereichen wie Gendervarianz, Epigenetik und Hirnplastizität. Die Funktion des Themas „Transgender“ lag in der Diskussion darin zu zeigen, dass „Genderismus“ eine Ideologie ist, deren schlimmste Auswirkung die Leugnung von „biologischem Geschlecht“ ist. Mindestens vier Mal sagten die Diskutierenden sinngemäss: „Wir haben im Grunde kein Problem mit Vielfalt und neuen Rollenbildern – aber biologisches Geschlecht zu dekonstruieren ist absurd“. Als einziges Beispiel für diese Absurdität wurde das Thema „Transgender“ genannt. Ohne auch nur zu erwähnen, dass die Idee, dass Biologie kein Schicksal sein muss (Butler, Beauvoir und viele andere!) ein absolut zentraler Gedanke in der Geschichte des Feminismus und der Gendertheorien ist – auch völlig jenseits von der Transthematik.

In dieser merkwürdigen Fixierung der Diskussion auf Trans wurden des weiteren Positionen formuliert, die nicht anders als als trans-feindlich bezeichnet werden können. So durfte Wilf Gasser unwidersprochen die Körperwahrnehmung von trans Personen mit der verzerrten Körperwahrnehmung von Menschen mit Anorexie vergleichen. Er stellte die Identität von trans Menschen als etwas Vages und Unsicheres dar und sagte, dass er seinen Auftrag darin sähe, Leute von ihrer Wahrnehmung zu befreien. Wiederholt äusserte er, dass er nicht „daran glaube“, dass die „neue Identität“ (er meint das Leben entsprechend der eigenen Identität) eine sinnvolle Lösung für trans Menschen ist.

Pathologisierungen und Vorurteile

Wilf Gasser ist im Beruf Psychiater. Als Psychiater könnte er wissen, dass Trans im DSM V und in der ICD 11 nicht mehr im Bereich psychische Störung zu finden ist – weil es keine ist, insbesondere keine Identitätsstörung. Er könnte wissen, dass zahlreiche Studien belegen, dass die Geschlechtsidentität von trans Menschen nicht unsicherer ist als die von cis Personen, dass trans Menschen weder schlechter noch besser als cis Menschen wissen, wie sich „eine Frau fühlt“ oder zu fühlen hat (als gäbe es hier eine einheitliche Definition). Dass Transmenschen aber gleichwohl – wie cis Menschen – wissen, welches Geschlecht sie haben, dass jedoch das ihnen bei der Geburt zugeordnete Geschlecht nicht passt. Woher diese Gewissheit kommt, ist nicht bekannt. Bekannt ist jedoch, dass Versuche, diese innere Gewissheit weg zu therapieren ähnlich erfolglos sind wie Versuche, homo- oder bisexuelle Menschen heterosexuell zu machen. Gasser müsste nicht zuletzt wissen, dass reparative Therapien (Therapien, die eine „Heilung“ von Transidentität zum Ziel haben) als unethisch gelten und gegen die Menschenrechte verstossen.

Stattdessen erklärte Gasser nach einem Einspieler, in dem Hannes Rudolph – Autor dieser Zeilen – ausführt, was Geschlechtsidentität ist, tief seufzend („das nervt mich tierisch“) sein Problem mit trans Menschen: Er fände es absurd, dass jemand, der als Mann auf die Welt gekommen ist, behauptet, er fühle sich wie eine Frau. Erneut wurde Gassers Unkenntnis über trans deutlich, denn trans Menschen „behaupten“ wie gesagt keineswegs, sie „fühlten“ sich wie das andere Geschlecht. Sie wissen vielmehr, dass sie es sind.

Auch andere Halbwahrheiten, sachliche Fehler und Vorurteile wurden zum Besten gegeben: Ina Praetorius kritisierte trans Frauen dafür, dass sie ein Kleid und Schminke weiblich finden – ihr kam nicht in den Sinn, dass auch die meisten cis Frauen Kleid und Schminke als „weibliches Styling“ wahrnehmen. Und sie wusste offenkundig nicht, dass es trans Frauen gibt, die sich niemals schminken würden – und die deswegen jahrzehntelang von der Psychiatrie als nicht glaubwürdig trans wahrgenommen wurden. Wilf Gasser bezeichnete medizinische Behandlungen an Minderjährigen als illegal – ohne den Forschungsstand oder die Rechtslage zu kennen, und bezeichnete trans Personensogar als „körperlich vermurkst“. Auch kannte er die Studien nicht, die deutlich belegen, dass es trans Personen besser geht, wenn sie die medizinischen Massnahmen bekommen, die sie brauchen. Ferner verbreitete er den Mythos, trans Menschen seien nach erfolgter Geschlechtsangleichung meist suizidal.

Trotz aller Liebe zur geschlechtlichen Vielfalt, die Ina Praetorius etwas überzeugender vertrat als Wilf Gasser, war die Zweigeschlechtlichkeit ein zweiter Punkt, den beide Gäste nicht in Frage gestellt sehen wollten. Wenigstens bei dem Versuch, die Zahl intergeschlechtlicher Menschen kleinzureden (Praetorius: „eine ganz kleine Anzahl von Menschen“ – Gasser: „Ganz klein“. Gasser später: „Wirklich ganz wenige Fälle“), hat Moderator Norbert Bischofberger mit Zahlen gekontert. Auch sonst war Bischofberger anzumerken, dass er die Positionen seiner Gäste nicht teilte. Dennoch war die Hauptthese der Sendung: Trans Menschen leugnen ‚das biologische Geschlecht‘. Das biologische Geschlecht zu leugnen ist absurd und folglich „ganz klar ideologisch“ (Gasser). Folgerichtig sprach Gasser auch von „Transgenderismus“.

Sternstunde Stammtisch?

Wie konnte es passieren, dass in einer Sendung wie der „Sternstunde Religion“, die inhaltlich und intellektuell ein hohes Niveau anstrebt, unwidersprochen solche Positionen geäussert werden? Positionen, die trans Menschen psychopathologisieren, ihnen ihr Geschlecht absprechen, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte leugnen und zur „Ideologie“ umdeuten? Sowohl Gasser als auch Praetorius erklärten bereitwillig, dass sie keine fachlichen Kenntnisse zum Thema Trans haben. Dennoch diskutierten sie darüber im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit dem Gestus der Expert*in.

Und sie taten es – pardon – wie am Stammtisch. Über trans Menschen wurde gesprochen, als versuchten sie etwas zu sein, was sie „biologisch“ nicht sind. Selbstverständlich wurde „Geschlechtsumwandlung“ statt „Geschlechtsangleichung“ gesagt, die Rede war von „Männern, die Frauen sein wollen“, Trans wurde als Wechsel und Identität als Gefühl oder gar als „Verunsicherung“ dargestellt, trans Frauen wurden als „Ex-Mann“ bezeichnet. So, wie eben Menschen über trans sprechen, die keine Ahnung von der Thematik haben. Es ist selbstverständlich in Ordnung, von einem Thema keine Ahnung zu haben. Unverständlich ist jedoch die Annahme, es sei in Ordnung, darüber in einer wichtigen, viel beachteten Sendung zu diskutieren.

Ein weiterer Unglücksfall war die Auswahl eines Einspielers aus der SRF-Doku „Das Geschlecht der Seele“. Gezeigt wurde ein Ausschnitt, in dem die Partnerin einer trans Frau befragt wird. Und zwar zu einem Zeitpunkt, zu dem ihr die Transition der Partnerin noch sichtlich Mühe macht. Sie misgendert ihre Frau durchgehend, in dem sie von ihr als „er“ und „ihm“ spricht und den „Verlust des Mannes“ bedauert (das ändert sich später). Dass der Moderator Norbert Bischofberger die betreffende Frau als Mann vorstellt („ein Mann, der sich als Frau fühlt“), ist leider auch nicht hilfreich. Wie viel wäre mit einem Doku-Einspieler zur erreichen gewesen, der eine trans Person zeigt, die respektiert, unterstützt und korrekt angesprochen wird!

Alles in allem war diese Sendung keine Sternstunde, sondern ein Tiefpunkt der Berichterstattung über Trans. Es ist, gerade in solchen Fällen, zentral, dass es eine Ombudsstelle gibt, bei der diese Art von Sendung beanstandet werden kann. Auf dass in Zukunft mit mehr Sensibilität vorgegangen wird und die Belange von Minderheiten besser und professioneller dargestellt werden.

Deshalb: #nonobillag

(am Sonntag wird in der „Sternstunde Philosophie“ ein 60-minütiges Gespräch mit Hannes Rudolph und Myshelle Baeriswyl ausgestrahlt, in dem einige der oben beschriebenen Punkte richtig gestellt werden. Wir möchten an dieser Stelle anmerken, dass wir die Bemühungen des SRF, ausführlich über die Transthematik zu berichten, sehr schätzen. Unsere Kritik bezieht sich auf die konkrete Sendung, nicht auf die gesamte Themenreihe).

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Hannes Rudolph ist Psychologe und Theaterregisseur und arbeitet in der Beratung von trans Menschen. Er ist Gründungsmitglied von Transgender Network Schweiz und Geschäftsführer des LGBTQ-Vereins HAZ. Er lebt in Zürich.