Frauen werden auf ihre Plätze verwiesen

Ronnie Grob, Chefredaktor des Schweizer Monat, schreibt ein Pamphlet der Misogynie auf dem Medienportal Nau.ch.

Seine These: Frauen verhindern, dass wir Wohlstand haben, dass die Coronakrise gut gemanaged wird, sie verhindern generell, dass ein Land vorankommt. Weil sie von Natur aus passiv und ängstlich sind.

Man muss keine Gesetze brechen, um Hass zu schüren. Ronnie Grob macht vor, wie diskursive frauenfeindliche Gewalt funktioniert, ohne justiziable Formulierungen zu benutzen. Er wendet eine klassische rhetorische Strategie an: Im Mäntelchen von Freiheitsidealen breitet er Frauenfeindlichkeit aus.

Eine kurze Analyse:

Grob beginnt mit: Er wolle ja nicht alle Frauen und Männer in einen Topf werfen. De facto beginnt hier schon sein misogynes Pamphlet, in dem er auffächert, dass er selbst einige Frauen kennt, die total männliche Eigenschaften haben. Die „rückhaltlos mutig“ sind, die „Kampfjets steuern“, „von Klippen springen“, „Tiger bändigen“ (im Text wird später klar, dass er diese Eigenschaften mit Männlichkeit und Freiheit gleichsetzt und dass er diese Eigenschaften hierarchisch als die besseren bestimmt).

Weiter schreibt er: Er kenne auch einige Männer, die sich weiblich verhalten (all diese Eigenschaften sind im Text als die „weniger wichtigen“ abgewertet): Männer, die ängstlich sind und sogar auf kleinen Strecken einen Schutzhelm anziehen, die niemals jemandem widersprechen würden.

Danach stützt er sich auf Naturargument, die er „Aufklärungsunterricht“ nennt, die aber genau genommen völlig ohne Fakten oder Wissenschaft auskommen: Grob behauptet, dass es in der Tierwelt (dazu zählt er auch Menschen) nur zwei Geschlechter gibt. Und die folgen einem Plan, und der steht fest. Und zwar für alle: Männchen machen immer den ersten Schritt bei der Fortpflanzung, sie sind die Mutigen, sie müssen etwas wagen. Weibchen verhalten sich passiv.

Hier zeigt sich der dogmatische Zugang von Ronnie Grob, der rhetorisch als „Freiheit“ verpackt ist, in Wahrheit aber meint: Wir leben alle gemäss einem Naturplan, einem einzigen, seit immer und ewig (er hätte auch „Gott“ schreiben könne). Es gibt keine Geschichte, keine Kultur, keine Politik, keine Veränderungen. Alles lässt sich aus der Natur ableiten. Die Natur bestimmt auch darüber, wie wir sozial leben, aus der Natur geht auch hevor, was gut und was weniger gut ist (vorne weg: Männchen sind Grob zufolge besser, weil freiheitsliebend und waghalsig. Frauen verhindern das Wohl und die Freiheit der Menschen, weil sie passiv und ängstlich sind).

Es ist einer der ältesten sexistischen Tricks: Frauen werden auf ihre Plätze verwiesen, und das wird als Argument für die Freiheit verkauft.

Dann kommen viele Zeilen dazu, dass Frauen in der Coronakrise zu unrecht als gute Leaderinnen abgefeiert wurden. Frauen haben es nämlich Grob zufolge EIGENTLICH verpasst, die Krise richtig zu meistern, denn die Frauen haben nicht an die Wirtschaft gedacht! Die Frauen checken es nicht mit der Ökonomie. Selbst wenn es volksgesundheitlich passabel läuft (wie in Neuseeland), so vermasseln sie jetzt die Ökonomie mit ihrer Ängstlichkeit.

Ardern, Merkel, ja, vor allem Merkel. Die ist an allem Schuld. Als Frau, denn darum geht es ja in dem Text: Diese Politikerinnen, auch Natalie Rickli und Karin Keller-Sutter werden genannt, machen es falsch, WEIL SIE FRAUEN SIND.

Sie handeln nicht so wegen der politischen Umstände, wegen wissenschaftlichen Abwägungen, im Kontext von vielen anderen Problemen und Einflüssen, sondern sie handeln falsch, weil sie angeblich von Natur aus ängstliche, passive Frauen sind. Weil sie (wegen ihrem Geschlecht) nicht mutig sind und an Sicherheit statt an Freiheit orientiert.

Die Definition von Sexismus ist (verkürzt) „Abwertung von Personen aufgrund von Geschlecht“. Sexistischer und misogyner kann ein Text eigentlich nicht werden.

Aber wird er: Wenn Kinder etwas Gefährliches tun wollen, ein Abenteuer planen, müssen sie gemäss Grob immer den Papa fragen. Der erlaubt es eher. Ist doch klar, Mutter ist schliesslich immer so eine „Helikopter-Mutter“. Grob überbietet sich selbst an sexistischen Stereotypen, auch Männern gegenüber, die manchmal Gefahren nicht gut einschätzen, weil sie qua Natur Draufgänger sind. Auch wenn das manchmal leider in den Tod führt, aber das hindert Grob nicht daran, diese Eigenschaften zu idealisieren und klar als die wichtigeren zu bewerten. („Freiheit ist ebenso wichtig. Ich würde sagen: wichtiger“).

Die männlichen Eigenschaften stehen für Freiheit und für den Wohlstand eines Landes. Mütter und Frauen stehen für ökonomisches Scheitern, für Gefängnis und Stillstand. Ronnie Grob:

„Wer mit 8 etwas erfolgreich selbst plant und ausführt, wird mit 28 viel wahrscheinlicher eine Firma gründen und zum allgemeinen Wohlstand beitragen als jemand, der es mit 8 noch nicht draufhat, alleine die Strasse zu überqueren, weil ihn seine Helikopter-Mutter jeden Tag persönlich bei der Schule vorbeibringt.“

Anders ausgedrückt: Mütter und Frauen verhindern, dass wir Wohlstand haben, dass die Coronakrise gut gemanaged wird, sie verhindern ganz generell, dass ein Land vorankommt.

Weil sie Frauen sind.

@NAU.ch: Seid Ihr sicher, dass ihr solchen frauenfeindlichen Positionen eine Bühne geben wollt?

Noch drei nachträglich eingefügte Punkte:

Erstens:

Wenn Ronnie Grob behauptet hätte, Juden oder Schwarze Menschen wären von Natur aus so oder so und deshalb wäre unser Land in Gefahr, dann gäbe das eine Klage. Gegen Sexismus kann man, so wie er hier von Grob vorgebracht wird, nicht klagen, weil das nicht in der Strafnorm enthalten ist. Aber die geistige Grundhaltung dahinter ist eben genau die (ähnlich wie zu sagen: Juden SIND SO, oder Ausländer SIND SO, von Natur aus): Es geht darum, die Gesellschaft als hierachisiert, als von Natur aus hierarchisch gegliedert zu sehen (hier: Frauen unten, Männer oben).

Es ist wichtig zu verstehen, wie mit Hilfe von Frauenhass und Antifeminismus extrem reaktionäres Denken salonfähig gemacht wird, weil man genau das eben juristisch noch sagen darf: Dass Frauen von Natur aus so oder so ticken und deshalb weniger wert sind. Bei Rassismus darf man nicht mehr so explizit sein. Deshalb wird oft auf Misogynie und Antifeminismus rekurriert, um ganz grundlegende anti-egalitäre Geisteshaltungen in der Gesellschaft zu normalisieren und beliebt zu machen.

Zweitens:

Der Historiker Adrian Zimmermann hat vor einigen Jahren die reaktionäre Vergangenheit des Schweizer Monat recherchiert, von dem Ronnie Grob heute Chefredaktor ist (es gab Verbindungen und Zusammenarbeit mit Nationalsozialisten), hier gehts zum Text von Zimmermann:

https://www.woz.ch/-1b53

Drittens:

Exponenten des Schweizer Monat sind derzeit auch aktiv in der Schweizer Coronaverschwörungsbewegung „MASS-VOLL“. Mit direkten Kontakten zu Rechtsextremen, Christfundamentalisten („Marsch fürs Läbe“) und anderen Extremisten: Der Marketingverantwortliche und Onlineredaktor vom Schweizer Monat ist Nicolas Rimoldi, er ist im Kernteam und MIt-Initiator von „MASS-VOLL“. Er ist neben FDP auch AUNS-Mitglied, verbreitet Falschinfos zur Pandemie und warb für die Gruppe aktiv auf Verschwörungskanälen.

Ferner Joyce Küng: Sie arbeitet seit 2021 beim Schweizer Monat und gehört ebenfalls zum Kernteam der MASS-VOLL-Bewegung. Sie verbreitet u.a. Verschwörungen (Illuminaten-Theorien), trifft sich mit Rechtsextremen, und hat Nähe zu „Marsch fürs Läbe“-Akteuren.

Hier ist die Recherche von Basil Schöni: https://www.megafon.ch/aktuelles/sachliche-fassade-duenn-aufgetragen/?fbclid=IwAR1mvSnAxAPigqMdu9Lk3KkSki92QGm7vNWoxFRhXRmIiCJN3pn_uvHPrKw

6 Gedanken zu “Frauen werden auf ihre Plätze verwiesen

  1. In Australien ist der premier Minister ein Mann (Scott Morrison/liberal party). Die Australische Reaktion auf den COVID war fast ausschliesslich auf die Sicherheit der Bevoelkerung ausgerichtet. Victoria war der am strengsten regulierte Staat in Australien mit einem fast sechs Monatigen lockdown. Der Premier von Victoria ist auch ein Mann (Daniel Andrews). In Anbetracht der beruehmten Rede von Julia Guillard ‘I am offended’ und der letzten Krise (vertuschte Vergewaltigung und sexuelle Belaestigungen im Regierungsitz in Canberra) ist leicht zu erkennen wie der Sexismus in der Regierung noch immer ein grosses Problem darstellt. Jene Maenner sind keine ‘“feminizierte Maenner” (was auch immer das waere) mit Mutter-Komplexen.
    Aus diesem Blickwinkel ist Ronnie’s Argument einfach laecherlich!!!
    Unglaublich wie man solch versimplifizierte Plattitueden ueber Frau und Mann benutzen kann um die Problematik der Covid Praevention zu erklaeren… und dies dann noch veoeffentlicht wird …

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  2. Ach du meine Güte, klingt diese Argumentation von Ronnie Grob antiquiert. Man müsste meinen, solcher Schwachsinn würde sich mal auswachsen, aber weit gefehlt. Danke für die klare Analyse, Frau Schutzbach.

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  3. Danke, Franziska Schutzbach, für diesen präzisen Beitrag.

    (Klammerbemerkung: Nau finde ich schwierig zum Einordnen, habe mir letzthin den Blog von Samuel Urech, bzw. vor allem die Kommentare zu seinen Blogs zu Gemüte geführt und bin einigermassen erstaunt, dass dieser «gottlose» Stil bei Nau toleriert wird.)

    Was mich umtreibt beim Thema Frauen in Führungspositionen ist, dass m.E. beobachtbar ist, dass Frauen einen unglaublich direktiven, autoritären Stil entwickeln können und damit eine Führung an den Tag legen, der irgendwo in den 60igern des letzten Jahrhunderts bereits in Frage gestellt wurde. Meine These ist, dass Frauen in Organisationen, Verwaltungen (meine Erfahrungen beziehen sich insbesondere auf die Öffentliche Hand und Genossenschaften), die einst von der alten FDP-Garde im letzten Jahrhundert nach militärischen Grundsätzen (Linienorganisation) aufgebaut wurden, diese Kultur übernehmen, sie aber (verständlicherweise) nicht füllen können und deshalb nur über die Macht der Funktion führen. Die Frage ist, wie verhalten sich Frauen, wenn sie (wahrscheinlich unbewusst) männliches Hierarchiegehabe übernehmen, ohne dies mit einer zugeschriebenen Autorität (und teils auch Wissen) füllen zu können? Möglicherweise sind davon insbesondere Organisationen betroffen, welche sich sozialen Themen annehmen… vielleicht sind in diesem Berufsfeld aber einfach mehr Frauen im mittleren Kader anzutreffen.

    Ich habe schon recherchiert und dazu im Netz nichts gefunden. Kennst du Literatur oder Arbeiten, die sich dieser Thematik annehmen? Ich fände das ansonsten ein untersuchungswürdiges Feld im Bereich Organisationssoziologie/-psychologie… Es geht nicht darum Frauen in die Pfanne zu hauen, sondern eben darum, dass Hierarchiestrukturen unreflektiert übernommen werden und zu einem inadäquaten, inkongruenten Verhalten führen – sehr zum Schaden der Thematik «Frauen in Führungspositionen».

    Danke für eine allfällige Rückmeldung.

    Herzlicher mitkopf-Gruss – Bigi Obrist

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