Ich denke, also spinn ich?

Ich bin verkopft. Ich kann keine Sekunde im Schaumbad liegen, ohne über das Problem der Interdependenz nachzudenken oder mir Gedanken über den Historischen Materialismus zu machen. Auch bin ich fortwährend mit Politik, Utopie, Negation oder Akzelerationismus beschäftigt, und wenn ich mit einem Kaffee an der Sonne sitze, zweifle ich am Sinn des Lebens oder an mir selbst, überlege, warum Frauen hier nur Salat essen und welche gesellschaftliche Bedeutung es hat, dass mein Glas in der Restaurantküche von Nicht-Weissen abgewaschen wird.

Ja, so sieht’s aus. Ich bin eine vertrocknete Feige, die immer alles analysieren muss. Anstatt einfach mal den Moment zu geniessen. Jedenfalls scheinen das manche Menschen über mich zu denken. Ich komme immer wieder in Situationen, in denen ich das Gefühl habe beweisen zu müssen, dass ich das Leben geniesse. Ich lache dann viel zu laut, versuche witzig zu sein und schminke meine Lippen nach. „Früher warst du so lebenslustig“, sagte jüngst ein alter Bekannter nach zwei Drinks. Dabei hatte ich noch nicht mal ansatzweise irgendwas Intellektuelles gesagt, naja, vielleicht einen winzigen Satz. Ansonsten aber hatte ich fröhlich getrunken und ein wenig herumgealbert. Ich dachte: Was bitte sollte ich denn noch tun? Mir die Kleider vom Leib reissen und Hula Hoop tanzen? Wäre das enthemmt genug?

Dass das, unter anderem, mit Geschlechterrollen zu tun hat, liegt auf der Hand und ist schnell zusammengefasst: Frauen sollen nicht denken, nicht kritisieren, nicht analysieren – sie sollen fühlen. Sie sind kulturgeschichtlich für den Gefühls-und Körperkram zuständig. Das heisst sie sollen nett aussehen, zuverlässig Kinder gebären und leidenschaftlich lieben. Und immer schön lächeln, wahlweise diesen verführerischen Model-Blick von unten herauf mit Schmollmund machen. Intellekt, Schärfe oder gar Wut gehören nicht zum ’normalen‘ weiblichen Repertoire. Solche Eigenschaften werden bei Frauen wenn schon negativ beschrieben, als boshaft oder lasterhaft (wie in den Märchen). Eine wütende, fordernde, wissende Frau (Medea, Pentesilea usw.) ist ein Monster, eine Hexe, eine Amazone und sie ist, der Klassiker, hysterisch.

Frauen verderben den Spass

Eine kritische Frau ist nicht geheuer. Die Kulturwissenschaftlerin Sara Ahmed hat das Phänomen in ihrem Buch „The Cultural Politics of Emotions“ mit dem Begriff „Killjoy“ beschrieben: Frauen, die politische Gespräche führen, Forderungen stellen, auf rassistische oder sexistische Herrschaftsverhältnisse aufmerksam machen, gelten schnell als Spielverderberinnen, eben als ‚Spasstöterinnen‘. Sie stören das vorherrschende Normalitätsverständnis (zum Beispiel, anzügliche Sprüche machen dürfen).

Ich habe erst kürzlich genauer verstanden, was sich abspielt, wenn mir – oft von Männern – Genussfähigkeit abgesprochen wird: Es geht um die Absicherung männlicher Souveränität und Überlegenheit. Wenn ich Männern begegne, werde ich gern prophylaktisch in die Verkopftheits-Schublade eingeordnet, noch bevor ich überhaupt etwas gesagt habe. Das Argument: „Sei doch nicht so verkopft“ verhindert nämlich auch jede Aussicht auf eine Diskussion, in der sie unter Umständen den Kürzeren ziehen könnten. Lieber stellen sie fest: Die ist vielleicht klug, dafür verpasst sie das echte Leben.

Entsprechend dieser Logik wird oft das Praxis-Argument bemüht: „Ich bin mehr ein Macher“ bekomme ich zu hören, wenn ich gerade versucht habe, einen komplexen Sachverhalt gedanklich auseinander zu dröseln. Baff. Dieses Praxis-versus-Theorie-Argument hat den Effekt, dass angesichts des echten ‚Machers‘ (kommt eigentlich das Wort Macher von Macker?) das Nachdenken einer Frau natürlich als weltfremder, wenn nicht sogar unnützer Zeitvertreib erscheint. Sowieso ist aus der Sicht des ‚Machers‘ Denken nicht eine Form von Handeln, sondern Denken steht dem Handeln sogar entgegen, anders gesagt: denken verhindert handeln. Praxis-Apologeten erstrahlen als diejenigen, die es auf der Welt wirklich braucht, die anpacken und die Welt verändern (offenbar sind ‚Macher‘ der Meinung, Handeln sei nicht von Denken oder von Denkgebäuden angetrieben, sondern… ja, wovon eigentlich? Aber lassen wir das).

Pop-Spiritualität

Je nach Milieu versuchen es manche Denk-Phobiker auch mit Esoterik-Tricks, nennen wir sie mal die Eckhart-Tolle-Typen. Eckhart Tolle ist ein (selbst ernannter) spiritueller Lehrer und Bestseller-Autor, er schreibt: „Es kamen Menschen zu mir und sagten: ‚Ich möchte haben, was du hast. Kannst du mir zeigen, wie man es bekommt?‘ Dann sagte ich: ‚Du hast es bereits. Du kannst es nur nicht fühlen, weil dein Verstand so viel Lärm macht.“ Ach ja, der doofe Verstand.

Tolle-Typen sind auch unter Frauen anzutreffen. Sie reklamieren, wenn man ihnen intellektuell kommt, eine Art ‚Autorität der persönlichen Erfahrung‘. Man bekommt zu hören, dass sie auch ohne gescheite Bücher schlau sind, nämlich durch Intuition und Lebenserfahrung. Die Tolle-Typen haben aus sich selbst heraus realisiert, wie das Leben geht und dadurch ein tieferes, ein ‚authentisches‘ ‚Wissen‘ entwickelt. Tolle-Typen pochen nicht nur auf ihre Erfahrungen, sie sind meist auch ‚eins mit dem Universum‘, sie sind ‚Teil von etwas Grösserem‘, zu dem nur Tolle-Typen Zugang haben. Vor einem Tolle-Typ ist man als kritische Denkerin eine arme Seele, die das Licht noch nicht gesehen hat.

Der Psychoanalytiker Carlo Strenger nennt diese Form von Anti-Intellektualismus in seinem neuen Buch „Pop-Spiritualität“. Diese Form der Spiritualität hängt eng mit Konsum-Logiken zusammen und funktioniert wie eine Art kapitalistische Regression: Alles ist da, man muss nur danach greifen. Pop-Spirituelle hängen oft der Vorstellung an, Wohlgefühl sei allein eine Frage der richtigen Einstellung (Barbara Ehrenreich hat in ihrem wunderbaren Buch „Smile or Die“ die Think-Positiv-Ideologie detailliert auseinandergenommen).

Entsprechend muss man sich auch nicht mit grossen philosophischen und komplexen Fragen abmühen, sondern nur das Denken weglassen. Das Paradigma der Pop-Spiritualität ist allgemeines Wohlfühlen, ‚einfach so sein‘, der Genuss des Lebens. Pop-Spiritualität ist eine Art Sehnsucht nach Kindergeburtstag, nach einem paradiesischen Zustand, in dem die Welt deckungsgleich ist mit dem, was ich mir wünsche. Es soll möglichst keinen Graben, keinen Riss zwischen mir und der Welt geben.

Pop-Spiritualität gründet auch darauf, dass wir uns selbst und anderen unser Leben unbedingt als Erfolgsgeschichte erzählen müssen. Das lässt sich nur umsetzen, wenn wir vieles ausblenden: das eigene Hadern und Scheitern, aber auch die Komplexität der Welt (im pop-spirituellen-Sprech heisst das ‚Akzeptanz‘, ist aber eigentlich Verdrängung, also die Weigerung, sich mit Schwierigem zu beschäftigen). Edith Piaf hat den Erfolgs-Zwang mit ihrem berühmten Chanson „Je ne regrette rien“ tragisch auf den Punkt gebracht: Nichts darf bedauert werden. Egal, was passiert, es muss irgendwie in die Narration von einem gelungenen Leben passen. Viele Menschen zwingen sich dazu, selbst allerschlimmste Schicksalsschläge und Ungerechtigkeiten als etwas zu konstruieren, das einen tieferen Sinn und deshalb seine „Richtigkeit“ hat. Das ist der Punkt, an dem ich mit Pop-Spirituellen nicht weiter komme. Während sie die Richtigkeit von allem möglichen akzeptieren, fangen bei mir die Fragen erst an.

Denken intensiviert das Vergnügen

Dabei habe ich gar nichts dagegen, das Leben zu geniessen. Auch halte ich Erfahrung für eminent wichtig, und dass Menschen Dinge unterschiedlich und manchmal nur mit Verdrängung und positivem Denken verarbeiten können, ist vollkommen okay. Das Problem ist eine subjektivistische Wohlfühl-Kultur, die Denken, Kritik oder wissenschaftliche Erkenntnis als Gegensatz von Genuss und Optimismus setzt. Als könnten wir tatsächlich ohne gedankliche Werkzeuge oder Vorannahmen ‚fühlen‘.  Vielleicht geht das teilweise. Aber letztlich beruhen selbst Meditationtechniken, bei denen an nichts gedacht wird, auf dem theoretischen Konzept, an nichts zu denken. Und weiter: würde ich nur auf der Grundlage meiner Erfahrung und meiner Intuition leben, wäre ich wohl der Meinung, Frauen oder Schwarze Menschen seien dümmer, weil sie so selten Professor_innen sind.

Fühlen schliesst denken nicht aus. Das Argument, Begeisterung, Leidenschaft und analytisches Denken passten nicht zusammen, ist einfach nicht stichhaltig. Wenn das wahr wäre, würden Kenner_innen der Kunst diese weniger geniessen können als Menschen, die keine Ahnung von Kunstgeschichte haben. Sie würden einen hohen Preis dafür zahlen, nämlich den, Bach oder Beethoven niemals mehr so intensiv erleben und geniessen zu können wie zuvor, als sie von Musik noch nicht viel Ahnung hatten. Das gilt auch für Religion: Wäre das anti-intellektuelle Argument stichhaltig, dann würde der Papst, der ja unter anderem wegen hohen intellektueller Fähigkeiten gewählt wird, weniger religiöse Inbrunst empfinden als diejenigen Gläubigen, die nur wenig über katholische Theologie wissen. Dasselbe gilt auch für Literatur, Philosophie, Psychologie, Physik oder Politik. Über Wissen zu verfügen und nicht vor schwierigen Fragen zurückzuschrecken ermöglicht ein tiefes Verständnis und führt zu einer Intensivierung des Vergnügens.

Dies ist allerdings kein Plädoyer für Expertentum. Natürlich kann man Musik auch ohne Vorwissen geniessen. Und gerade aus einer politischen Perspektive ist ‚persönliche Erfahrung‘ wichtig: Es ist entscheidend, persönliche Erfahrung gegen die Mainstream-Expertise ins Feld zu führen, diese durch Wissen und Handeln ‚von unten‘ zu erschüttern. Minorisierte Positionen fordern die vorherrschende ‚Normalität‘ seit jeher heraus. Allerdings nicht in Form von Genuss- oder Erfolgsstories, sondern weil sie sich den Erfolgsprämissen gerade entziehen, sich in in die vorherrschenden Narrationen nicht einordnen lassen.

Die Erfahrung von Armut, Depression, Flucht und Gewalt, oder dass die eigene Sexualität, das Geschlecht, die Hautfarbe nicht in den heterosexuellen binären weissen Mainstream passen ist kein Kindergeburtstag, sondern aufreibend und prekär. Dass sie auch zur Quellen für alternative, widerständige Kunst, für andere Erzählungen über die Menschen und die Welt werden können, ist harte Arbeit.

Ohne denken geht das nicht.

 

 

Oh wie schön ist Panama

 

Von Mikael Krogerus und Franziska Schutzbach

Schon ein ziemliches Ding, diese Panama-Papers. Die Erregung, mit der viele über eine „Sternstunde des Journalismus“ jubeln, stimmt aber nachdenklich. Denn worin besteht eigentlich die journalistische Leistung? Eine anonyme Email empfangen und anschliessend eine gewaltige Datenmengen mit einem internationalen Team von Spitzenjournalisten aufarbeiten und obendrauf noch ein Buchprojekt lancieren ist beeindruckend und wichtig und war sicher aufwändig. Aber: ist Informationen von Whistelblowern aufarbeiten wirklich das, was wir unter journalistischer Sternstunde verstehen?

Die Recherchen waren natürlich relevant und richtig. Aber was genau wurde hier aufgedeckt, was nicht schon bekannt war? Was verrät dieser Scoop, was wir nicht schon wussten? Dass die Eliten sich bereichern, ist bekannt. Dass viele, die können, Steuern hinterziehen, auch. Dass Kapitalismus scheisse ist, erwähnte schon Marx. Auch über (post)koloniale Ausbeutungsverhältnisse wissen wir im Prinzip Bescheid. Hat sich also auf konkrete Weise noch einmal bestätigt, was wir ohnehin wissen?

Man möge das nicht falch verstehen: Es ist wichtig, dass diese konkreten Fälle bekannt und wenn möglich geahndet werden. Aber die Frage muss erlaubt sein, ob das die Sternstunde des Journalismus ist, oder vielleicht doch nicht einfach Journalismus. Anzuprangern was die Mächtigen machen, ist wichtige Arbeit. Aber verführt auch zu reduzierten Perspektiven.

Die diebische Freude, mit der jetzt notiert wird, dass auch VIPs wie Messi, Poroschenko oder indirekt Putin dabei sind, entfesselt eine (medientypischen) Erregungslogik, die manchmal mehr verdeckt als zum Vorschein bringt. Das Enthüllen der Machenschaften der Eliten wird zum Ersatz für eine tiefere, vielleicht kompliziertere Auseinandersetzung mit den Verhältnissen, in denen wir leben und an denen wir alle beteiligt sind. Oder um es mit einem Facebook-Kommentar von Kaspar Surber zu sagen: „Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Gestus der brisanten Enthüllung und dem Nicht-Wahrhaben-Wollen, dass man tief drin steckt in den kapitalistischen Verhältnissen. Im Moment der Aufdeckung wird die eigene Involviertheit verdeckt“.

„Panama“ funktioniert wie der Occupy-Slogan „We are the 99 Percent“. Gegen die Steuersünder können wir alle uns zusammenrotten und uns in dem Gefühl suhlen, auf der richtigen Seite zu stehen und ohnmächtig zu sein angesichts der wirklich Mächtigen. Mit Panama kann nun wirklich jeder und jede das Gefühl entwickeln, zu den 99 Prozent zu gehören  – und nicht zu den Profiteuren und Privilegierten.

Unsere moraline Empörung über die gierige Finanzwelt ist eine legitime, aber auch eine denkbar einfache Position. Sie verstösst gegen nichts. Dieses Bescheidwissen über die Finanzmachenschaften von Eliten, dieses Meinungen-haben darüber, wie sie zu kontrollieren wären, das ist der kritische Staatsbürger, wie er uns im Sachkundeunterricht beigebracht wurde. Das ist die Dominanz des Positivismus über jegliches kritische, reflexive Denken, darin verbirgt sich ein Anspruch an Wahrheit, der immer schon weiss, wer die Übeltäter sind, und was zu tun ist.

Hinter der Begeisterung über Panama steht mithin auch die Erleichterung, dass es – jenseits unserer eigenen Komfortzone – Dinge gibt, die falsch laufen, dass man diese aber bennen und dann beheben kann. Oh, wie schön ist es mit Panama endlich sagen zu können: Das Problem sind die Gier, der Betrug und die Korruptheit der 1 Prozent. Und letztlich müssen wir bloss Grenzen fürs Geld und Gesetze für die Reichen installieren –  schon geht’s uns besser. Panama kann im ungünstigsten Fall den Effekt eines Krisenverschiebers haben. Moralische Entrüstung hebt politische Kategorien auf.

Um es nochmals klar zu stellen: dies ist keine Kritik an der Arbeit der Panama-Papers-Journalisten. Es ist wichtig, dass diese Fälle aufgedeckt werden. Es braucht aber auch ein Nachdenken über Medien- und Aufregerlogik. Vielleicht sollten wir uns  von dieser alles dominierenden und stark individualisierenden Breaking-News-Mechanik verabschieden. Das Breaking von heute ist das Vergessen von morgen. Vielleicht sollten wir uns fragen, durch welche Logiken Themen zu News werden.

Das hiesse zum Beispiel fragen, warum das „An-den-Pranger-Stellen“ konsumiert wird wie Popcorn im Kino, während die schwerer zu erzählenden Geschichten harzig laufen. Geschichten darüber, in welcher Weise wir Mittelständlerinnen und Faserpelz-Sportler selber Profiteure sind, inwiefern in uns selbst Doppelmoralisten, Weggucker, Rassistinnen, Antisemiten, Sexisten oder Homphobe zu finden sind.