Wer selbst der Massstab ist, betrachtet nur andere als anders

In der Sendung „Sternstunde der Philosophie“ waren vor einigen Jahren zwei jüdische Historiker (Simon Erlanger und Aram Mattioli) eingeladen und es ging – in einem Nebenplot – um einen Punkt, der mich seither immer wieder beschäftigt hat: Die beiden formulierten die Sorge, dass nun, nach der Pensionierung der so genannten 1968er, eine neue Generation die entscheidenden Positionen in Chefredaktionen, politischen Ämtern, Unternehmen oder Schulen einnehmen werde. Eine Generation, für die der Zweite Weltkrieg und der Faschismus nur noch ein schwaches Rauschen, eine längst vergangene Episode sei.

Die Befürchtung der Historiker: Dass das unmittelbare Trauma des Faschismus, das nun gut 70 Jahre lang eine Art ‚Reflex gegen rechts’ hervorgerufen hat, gerade seine Wirkung verliere. Zwar habe es in der Schweiz ohnehin keine tiefschürfende anti-faschistische Auseinandersetzung gegeben,[1] dennoch sei in der gesellschaftlichen Mitte dieser Reflex gegen rechts lange Zeit sicher gewesen.

Ist es damit nun vorbei? Sind wir eine Generation ohne anti-faschistischen Reflex? Und ist das schlecht, gefährlich – oder vielleicht sogar gut? Was bedeutet es, wenn diese neue Generation nachrückt und Diskurs bestimmend wird? Eine Generation, die den Nationalsozialismus höchstens aus durchgeschlafenen Gymnasialschulstunden kennt.

In den vergangenen Tagen veröffentlichte die NZZ mehrere Artikel, die sich gegen die so genannte Political Correctness richteten und eine tiefe Abwehr gegen die Anliegen von Minderheiten formulierten. Mit Begriffen wie „Opferautoritarismus“ (R. Scheu) oder „Minderheiten-Narzissmus“ (C. Wirz) wurde die Vorstellung konstruiert, Minderheiten würden ihre Forderungen auf autoritäre oder gar totalitäre Weise durchsetzen (ich habe darüber geschrieben).

Meldet sich hier jene Generation zu Wort, vor denen sich die beiden Historiker fürchten? Ich glaube ja. Ich glaube aber, dass diese Generation den Antifaschismus sehr wohl verinnerlicht hat. Wer ist schon für Nazis?

Natürlich ist man das nicht, in den gesitteten Etagen der Chefredaktionen oder Unternehmen. Das Problem zeigt sich in einer anderen Form: im antikommunistischen Reflex. Artikel wie jene in der NZZ zeigen eine historische Kontinuität, eine, die nicht an den Antifaschismus anschliesst, sondern an die Vorstellung, Visionen menschlicher Gleichheit, politischer Freiheit und idealer Staatsgestaltung würden im Gulag enden.

Im Verlauf des Kalten Krieges wurde im Zuge eines beispiellosen Feindbildkampfes (McCarthy-Ära) die Utopie der Gleichheit bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt (Gleichheit sei Gleichmacherei) und unter Totalitarismusverdacht gestellt. Natürlich stimmt es: politische Utopien sind immer auch zur Rechtfertigung schwerer Verfehlungen benutzt worden, wie die Französische, die Russische, aber auch andere Revolutionen zeigen.

Der real gescheiterte Staatssozialismus und die Terrorherrschaft der Jakobiner haben aber dazu geführt, dass nicht die Akteure, nicht die Diktatoren und Mörder, sondern die Ideen der Gleichheit selbst in Misskredit geraten sind. Gleichheit ist – so die heute verbreitete Meinung – ein Menetekel des Jakobinismus.

Konservative haben diesen Zusammenhang erfolgreich benutzt, um ungleiche Machtverteilung zu legitimieren. Sie haben es geschafft, vor angeblich zu hohen Risiken sozialer und politischer Veränderung gehörig Angst zu machen, überhaupt Veränderung als Schreckensgespenst darzustellen.

Die heute führende Generation richtet sich deshalb leidenschaftlich gegen Transgender-Klos und twittert, Pardon: wittert, bei einer Sprachänderung schon den Gulag. Jeder noch so vage Ansatz von Utopie, jede Affinität zu alternativen Lebensweisen steht unter Totalitarismusverdacht. Gepflegt wird ein zwanghafter Argwohn gegenüber noch so bescheidenen Reform-Vorstössen, die irgendwas verändern wollen, gepaart mit Anti-Etatismus (zum Beispiel in der Rede von der „staatlich verordneten Gleichmacherei“). Hochgehalten wird die Vorstellung, Reformen seien ein ‚ungehöriger’ Eingriff in die Natur, den Markt, in die vorherrschenden gesellschaftlichen Arrangements, oder in den Plan Gottes.

Letztlich kennzeichnet diese Generation ein geradezu „manisches Anhaltenwollen von Geschichte durch Fixierung auf den Status quo“ (Kreisky), ein Festhalten an einer Ideal-Ordnung, die unter allen Umständen vor Veränderungen bewahrt werden soll.

Das Verstörende an den heute 40- bis 50-Jährigen ist meines Erachtens ihr Mangel an Utopien und ihr Ressentiments gegenüber Visionen der Gleichheit – gepaart mit einer Ignoranz gegenüber ungleicher Macht-und Ressourcen-Verteilung und einer fehlenden Fähigkeit, eigene Positionen und Privilegien kritisch zu reflektieren.

Ein kleines Beispiel: In der Zeitschrift „Schweizer Monat“ schreiben fast nur (weisse) Männer. Auch die Artikel und Interviews handeln fast nur von männlichen Protagonisten (auf den letzten sechs Titeln war gerade mal eine Frau) und der Verwaltungsrat besteht ausschliesslich aus (weissen) Männern. Dennoch heisst das Blatt nicht „Der Schweizer Männer-Monat“, vielmehr gibt sich das Blatt den Anschein einer allgemeinen Sicht. Wäre das Geschlechter-Verhältnis umgekehrt, wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Frauen-Zeitschrift, eben der „Der Frauen-Monat“.

Das Beispiel zeigt, wie Diskurs-Macht funktioniert: Es sind diejenigen tonangebend, die es schaffen, sich selbst den Anschein der Neutralität zu geben, diejenigen, deren Äusserungen folglich nicht als Ausdruck einer spezifischen Sicht oder Erfahrung wahrgenommen werden – sondern die für das Allgemeine stehen. Diejenigen, die ihre Position auch selbst nicht als eine bestimmte Perspektive wahrnehmen, sondern als un-bestimmt, als nicht-verortet. Und die nicht realisieren, dass auch sie ein Geschlecht, eine Hautfarbe, eine soziale Herkunft, eine Biographie haben.

Hätten sie ein Verständnis für ihre Partikularität, müsste ihnen ja etwas auffallen beim Durchblättern ihres Hefts. Es müsste ihnen auffallen, dass die Zusammensetzung der Schreiber und Themen und folglich der Sichtweisen einseitig ist. Aus ihrer Perspektive ist das aber nicht einseitig. Aus ihrer Perspektive können sie tatsächlich alles abdecken, stehen sie für eine allgemeine Sicht der Dinge. Und so heisst es eben im Editorial nicht: ‚Liebe Leserschaft, heute lesen Sie die News aus einer weissen, männlichen Perspektive’. Sondern: ‚Wir stellen uns die Frage, was Freiheit ist…’. Also ganz allgemein.

Ein Teil unserer Generation – vor allem die in einflussreichen Positionen – ist es gewohnt, dass sie und ihre Sicht der Dinge als unspezifisch, wertneutral, objektiv wahrgenommen werden. Dass sie jenseits von Hautfarbe oder Geschlecht stehen, denn eine Farbe haben aus ihrer Sicht nur nicht-weisse Menschen, nur sie sind Angehörige einer Ethnie und somit einer spezifischen Erfahrung. Sowie auch ein Geschlecht nur die Frauen haben. Kurz: Wer selbst der Massstab ist, betrachtet nur andere als anders.

Diese Selbst-Wahrnehmung ist in meiner Generation weit verbreitet. Und das macht indifferent gegenüber Ideen der Gleichheit, oder schlimmer: Sie führt zu Ressentiments gegen jene, die um Gleichheit kämpfen.

Meiner Generation fehlt nicht der Antifaschismus. Ihr fehlt die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen für Machtverhältnisse, Verantwortung zu übernehmen für die eigene Ver-Ortung und somit für die Begrenztheit der eigenen Sicht und Erfahrung.

Ich bin überzeugt: Solange keine kritische Selbst-Reflexion stattfindet, werden wir Visionen der Gleichheit kaum neu beleben können – und damit meine ich selbstverständlich nicht Gleichschaltung, sondern Pluralismus, das heisst „Gleichheit in der Differenz“ (Maihofer). Ich halte es für entscheidend, dass Menschen sich als „situiert“ (Haraway) begreifen. Durch eine Offenlegung der eigenen Grenzen macht man sich nicht nur angreifbar und die eigene Position verhandelbar, sondern man geht auch das Wagnis ein, diese zu überschreiten, zu verändern.

Das Eingeständnis der eigenen Begrenztheit ist der Ausgangspunkt für die Freiheit aller.

***

[1] Die Schweizer_innen berufen sich zwar (nicht zu Unrecht) auf eine anti-faschistische Tradition, gerade auch rechte und konservative Kreise: Man ist stolz auf die Abwehr der NS-Bedrohung und die geleistete ‚geistige Landesverteidigung‘. Dieser Landesverteidigung lag aber zum einen ein reduzierter Faschismus-Begriff zugrunde (anti-nazistisch), zum anderen war sie stark anti-kommunistisch und enthielt – der Intention nach zwar anti-faschistisch – gleichwohl auch gewisse Merkmale des Faschismus (‚Volk‘, Autoritarismus usw.). Mehr dazu hier. Danke an Bernhard C. Schär für diese Ergänzung!

Vitruvian_man_last
Vitruvianischer Mensch: Der Mann ist das Mass aller Dinge
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4 Gedanken zu “Wer selbst der Massstab ist, betrachtet nur andere als anders

  1. Ein faszinierender und nachvollziehbarer Beitrag über die heutige Situation der menschlichen Gesellschaft in unserer Welt. Auch die Überzeugung am Ende des Artikels formuliert die Ursachen ziemlich treffend.
    Wie kann es aber möglich werden, dass die gesamte Menschheit begreift, dass nur mit der Beherzigung des Schlusssatzes ein menschenwürdiges Dasein für alle Menschen möglich sein kann.
    Diesen Ausgangspunkt müssen doch Alle wollen. Ist das überhaupt denkbar?
    Und realisierbar? Für mich einfach unvorstellbar. Schade!

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